Mittwoch, 4. November 2026

Und ich sah nur noch BLAU

Das bestätigte sich gestern bei den Midterms erneut: Die weißen Männer sind die zweitdümmste Wählergruppe; sie bevorzugen immer noch mehrheitlich Trump. Übertroffen werden sie nur noch von den evangelikalen Christen; der maximalidiotischen Wählergruppe.

Die Amerikaner sind besessen von „demographics“. Schließlich wollen die Parteien von jedem Haus in den US wissen, wie deren Bewohner mutmaßlich wählen, um gezielt dort Wahlkampfmittel einzusetzen und das Gerrymandering auf die Spitze zu treiben. Das Mehrheitswahlrecht und der hochgradig abstruse Zuschnitt der Wahlkreise legen schon vor der eigentlichen Abstimmung in normalen Wahljahren 95% der Ergebnisse fest, Incumbents werden fast immer wieder gewählt. Die eigentliche Entscheidung über das Kongresspersonal fällt lange vorher auf viel kleinerer Ebene bei den Vorwahlen. Die Parteiführung kann nahezu nach Belieben genehme Kandidaten in „ruby red“ oder „solid blue“ Positionen bugsieren, die sie mit 99%iger Sicherheit in den Kongress bringen.

Die Datenkraken können das Wahlverhalten nach unten durchdeklinieren und mir jetzt schon sagen, wie ein linkshändiger schwuler rothaariger Texaner mit Schuhgröße 10 und Blutgruppe A+ im Jahr 2028 wählen wird.

Die Wahlkampfanstrengungen konzentrieren sich auf nur 10% der Staaten/Wahlbezirke, die als Swing-Kandidaten gelten. Die keine klaren Mehrheiten erwarten lassen und mal auf die blaue, mal auf die rote Seiten flippen können. Sie sind hochinteressant für die Parteistrategen und werden mit Wahlwerbung geflutet.

Wenn also ein roter Präsident wie Trump während der heißesten Wahlkampfphase in tiefroten Staaten wie Kansas und Texas auftaucht, kündigt sich womöglich etwas ganz Großes an.

Wenn Elon Musk, der mit seinen Firmen extra aus dem blauen Kalifornien ins tiefrote Texas geflohen war, um auf keinen Fall demokratisch regiert zu werden, mehrere hundert Millionen Dollar für den rechtsextremen Roten spendet, kündigt sich womöglich etwas ganz Großes an.

Die Umfragen waren in den letzten Wochen überall gut für die blauen Demokraten, aber die Umfrage-Gurus selbst trauten den Zahlen nicht recht, weil auch sie in den letzten Jahrzehnen, insbesondere in der Trump-Zeit, immer wieder erlebten, wie die Republikaner am Wahltag ihre Umfragewerte deutlich „outperformten“. Am stärksten war der Effekt bei der Präsidentschaftswahl 2020, als Joe Biden ein Erdrutschsieg prognostiziert worden war, aber Trump doch noch ganz nah ran kam; es in mehreren Staaten - Arizona, Georgia – nur hauchdünnste blaue Mehrheiten gab. Mehrheiten, die der gegenwärtige US-Präsident bis heute nicht anerkennt.

CNN chief data analyst Harry Enten wies täglich darauf hin; ja, nach den aktuellen Daten könnten die Demokraten Mehrheiten in House und Senat erringen, aber wenn man die 4,1 Prozentpunkte abziehe, die Republikaner üblicherweise besser wären, reiche es nur noch für einen knappen Sieg im House, während Trumps Rote die Senatsmehrheit behielten.

Wir kennen das Phänomen aus Deutschland; auch hier schneidet die AfD besser als bei den Umfragen ab, weil ihre Wähler gegenüber Demoskopen lügen und nicht zugeben, rechtsextrem zu stimmen. In den USA gilt es als großes Problem, die MAGAs überhaupt statistisch zu erfassen, weil sie so sehr in ihren verschwurbelten Blasen leben, Medien und Wahlforschern so sehr misstrauen, daß sie sich gar nicht erst interviewen lassen.

Mit genau dem mulmigen Gefühl saß ich auch zu Beginn der gestrigen Auszählung mit quadratischen Augen vor meinem Computerbildschirm und switchte zwischen einem Dutzend offener Tabs mit Analysetools und News-streams.

Als Aaron Parnas und Brian Tyler Cohnen von den ersten überraschend guten Zahlen der Ostküstenstaaten berichteten – Florida zählt besonders schnell – blieb ich skeptisch. Zu oft hatte ich erlebt, wie man hoffnungsvoll in die Wahlnacht startet –(2016 mit Hillary Clinton, 2024 mit Kamala Harris), die ersten Ergebnisse aus den urbanen Zentren gut aussehen und am Ende doch alle zu den Republikanern kippt, weil das Wahlrecht sie bevorzugt, die „popular vote“-Prozente kaum aussagekräftig sind und schließlich die vielen, vielen ländlichen Wahlkreise den Ausschlag nach rechts geben.

Was sich dann aber entfaltete, hatte wohl niemand erwartet: Die Demokraten outperformten die ohnehin guten Umfragen!

A posteriori erweist es sich als schwerer strategischer Fehler der demokratischen Parteiführung, die progressive Angie Nixon in Florida völlig im Stich gelassen zu haben. Man dachte, jeder Dollar wäre in Trumps ruby red Heimatstaat verschwendet, weil die Demokraten dort ohnehin keine Chance hätten.

Aber die alte „Obama-Coalition“, also alle ethnischen und demographischen Minderheiten zusammen gegen den  größten Block der weißen Christen, ist zurück. Sogar ohne Unterstützung der Parteiführung kam Nixon der siegreichen Republikanerin Moody sehr nah.

In den tiefrepublikanischen Südstaaten hatten selbst die optimistischsten Demokraten keine Chancen gesehen. Was für eine Fehleinschätzung. Dort hätte sich der Wahlkampf gelohnt. Möglicherweise geschieht sogar noch das Unfassbare; Scott Colom könnte für die Demokraten das erste mal seit 1988 einen US-Senatorensitz in Mississippi holen.

Wie gewaltig der Durchmarsch war, zeigt sich exemplarisch an Texas. Gewählt wurden nur Demokraten:

US Senator Talarico mit 55%, Gouverneurin Gina Hinojosa mit 53%, Lt.Govenor Vikki Goodwin mit 52%, Generalstaatsanwalt Nathan Johnson mit 53%, Railroad Commissioner Jon Rosenthal mit 53%.

Es war ein clean sweap auf State-Ebene. Auch das Statehouse in Texas bekommt eine demokratische Mehrheit, alle neu gewählten höchsten Richter werden Demokraten. 

Die einzige verbliebenen republikanischen Texanisches Repräsentanten sind Ted Cruz und die State Senators, die nicht zur Wahl standen.

Ein durch und durch blaues Texas kann ich immer noch nicht glauben, obwohl ich nun schon länger die Zahlen vor Augen habe. Die Konsequenzen sind erheblich. Denn nun können die Republikaner-bevorzugenden abstrusen texanischen Wahlgesetze revidiert werden. Insbesondere aber wird es für einen GOPer nahezu unmöglich 2028 die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, ohne die electoral votes aus Texas zu bekommen.

Wie konnte das passieren, trotz der enormen Finanzmittel, die Trumps Milliardärsfreunde in den GOP-Wahlkampf gebuttert hatten? Es gibt viele Väter des Erfolges:

·        Trump

·        Trumps miserable Politik

·        Trumps gebrochene Versprechen

·        Ausgezeichnete demokratische Kandidaten

·        Benzinpreise

·        Trump

·        Besonders schlechte GOP-Kandidaten

·        Trumps senile Selbstvergötterung

·        Verrottende texanische Infrastruktur durch die aberwitzigen Steuergeschenke an die Superreichen

·        Totalversagen des Greg Abbott

·        Trump

·        Ken Paxton

·        Korruption der Texanischen GOP

·        Kluger demokratischer Wahlkampf

Der größte Stein, der mir heute vom Herzen fällt, ist das mutmaßlich nicht eintretende Geschrei und Geschwurbel aus der Trumpblase. Ich war fast sicher, Trump würde eine Wahlniederlage nie akzeptieren und wieder, wie am 06.01.2021, auch die unvorstellbarsten Methoden anwenden, um die Demokraten um ihren Sieg zu betrügen.

Aber nun ist der Sieg derartig deutlich, daß selbst Trump aufgeben muss, das Ergebnis anzufechten.

 
Er redet sich stattdessen wieder einmal ein, selbst vollkommen unschuldig an dem Desaster zu sein. Schuld sind alle anderen. Abbott zum Beispiel. Möglicherweise wird er bald Pete Hegseth als Sündenbock für sein Iran-Desaster feuern. 



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