Mittwoch, 2. September 2026

Russland 2026

Mir gefällt es wirklich gar nicht. Ich verabscheue das Militär. Ich bin immer für Gespräche. Ich verstehe russische Umzingelungsängste. Ich halte es für einen großen Fehler, daß sich die NATO bis an russische Grenzen ausdehnte. Ich finde es nachvollziehbar empörend, wenn das einstige UdSSR-Staatsgebiet Ukraine als Kandidat für NATO und EU gehandelt wird. Ich war entsetzt, als Obama Russland abfällig als „Mittelmacht“ abtat. Ich glaube, „der Westen“ beging seit 2000 enorme Fehler im Umgang mit Moskau und es hätte die Option gegeben, auf Augenhöhe gemeinsame transnationale demokratische Strukturen mit Russland zu entwickeln. Ich fand es richtig, daß Gerd Schröder im Vorfeld des illegalen US-Angriffs auf den Irak, welcher den ganzen Nahen Osten ins Chaos stürzte, einen engen Draht mit Putin entwickelte. Ich schätzte die außenpolitische Entente aus Chirac, Schröder und Putin. Ich will keinen Krieg. Ich meine, es darf nie vergessen werden, welche verheerenden Vernichtungen Deutschland im 20. Jahrhundert über die UdSSR brachte: 27 Millionen Sowjetbürger wurden durch Deutsche getötet. Ich liebe russische Literatur und russische Musik.

Ja, ich habe wirklich Verständnis für Russland und russische Interessen.

Aber nichts davon ist eine Rechtfertigung für den Überfall auf die Krim 2014.

Aber nichts davon ist eine Rechtfertigung für den Krieg gegen die Ukraine ab 2022.

Aber nichts davon ist eine Rechtfertigung für den brutal-autokratischen Umbau in Russland.

Aber nichts davon ist eine Rechtfertigung für Staatsterrorismus.

Aber nichts davon ist eine Rechtfertigung für Putins gegenwärtiges Verhalten.

Im Gegenteil, inzwischen blicke ich mit Entsetzen auf die Appeasement-Politik der AfD, des BSW, Alices Schwarzers und Michael Kretschmers, der heute so tief im Anus des Kreml steckt, daß er sich nicht traut, den Terrorismus in seinem eigenen Bundesland (Leipzig!) als das zu benennen, was er ist.

[…] Nachdem die Bundesregierung den Kreml für den gescheiterten Drohnenanschlag auf den Leipziger Flughafen verantwortlich gemacht hat, nimmt BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht Deutschland in die Pflicht: Die einzig richtige Strategie sei es nun, dass sich alle Deutschen hinlegen und Putin den ungeschützten Bauch zeigen, damit er von uns ablässt und sich lieber andere Opfer sucht.  "Warum greift Putin uns denn an? Natürlich, weil er denkt, dass von uns Gefahr ausgeht", so Wagenknecht auf einer BSW-Veranstaltung in Berlin. "Da ist es klar, dass er in Notwehr Deutschland attackiert. Wir müssen ihm also mit einer deutlichen Unterwerfungsgeste zeigen, dass wir so schwach sind, dass es vernünftig ist, uns zu verschonen."  […]

(Postillon, 02.09.2026)

Selbst in seiner Partei sind viele Amtsträger weiter als Kretschmer. Oder sie haben mehr Rückgrat. Jan Redmann nennt Ross und Reiter.

[….] Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) hält einen Zusammenhang zwischen den Angriffen auf Stromversorgungsanlagen bei Jänschwalde und Bergheim für wahrscheinlich. »Die Anzeichen verdichten sich, dass beide Attacken Teil eines koordinierten Angriffs auf unsere Energieversorgung sind«, sagte er laut einer Mitteilung seines Ministeriums. »Es ist folgerichtig, dass der Generalbundesanwalt prüft, die Ermittlungen an sich zu ziehen.«

Nach dem Angriff auf das Stromnetz in Südbrandenburg gehen die Ermittler davon aus, dass auch die Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln auf verfassungsfeindliche Sabotage zurückgeht. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt. Unbekannte hätten Kabel über die Oberleitung gebracht und so einen Kurzschluss verursacht, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). »Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an.«

Die Ermittler sehen Parallelen zu dem Fall in Brandenburg, wo Unbekannte am Dienstagmorgen unweit des Umspannwerks Turnow-Preilack einen Angriff auf die Stromversorgung gestartet hatten. In der Nähe beider Orte wurden nach Angaben der Behörden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden, die womöglich bereits vor längerer Zeit dort installiert worden waren.

CDU-Innenpolitiker sehen die Angriffe als gezielte Versuche der Destabilisierung. »Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist eine Serie von Angriffen auf unsere Energieversorgung«, sagte der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Henrichmann (CDU), der Nachrichtenagentur Reuters.  [….]

(SPON, 02.09.2026)

Es hilft leider alles nichts: Man muss einsehen; Putin testet Deutschland und die nordosteuropäischen Nato-Staaten. Er will wissen, wie weit er gehen kann, wie entschlossen reagiert wird. Zwischenstand: Nicht so überzeugend. Eine Strategie zum Schutz der Kritis gibt es nicht, die russische Schattenflotte zieht ihrer Wege, wir kaufen weiterhin russische Gas, weil der Fritzekanzler Windräder hässlich findet und russischen Seelachs können wir natürlich schon gar nicht sanktionieren, weil die Bundesregierung um die Fischstäbchenpreise fürchtet!

Kein Witz, die EU-Kommission plante im Juli 2026 offenbar, die Einfuhr von Alaska-Seelachs aus Russland in die EU innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte zu reduzieren. Aber dann griff die Merz-Regierung ein und stoppte das Vorhaben.

Der Kreml wird aufmerksam registrieren, wo die Schmerzgrenzen Deutschlands liegen. Offenkundig schloss der russische Langzeit-Präsident daraus, nun vom „hybriden Krieg“ in „Phase Null“ des Angriffskrieges gegen Deutschland übergehen zu können. Ihm läuft die Zeit weg, idealerweise beginnt er die heiße Phase noch bevor sein Verbündeter Donald Trump aus dem Amt scheidet.

[….] An der Schwelle zum echten Krieg [….] Dass Russland gegen den Westen einen „hybriden Krieg“ führt, gilt als sicher. Viele Experten glauben nun aber, dass mit dem versuchten Anschlag in Leipzig eine weit gefährlichere Stufe erreicht ist. [….]

Russland, da sind sich westliche Sicherheitspolitiker einig, überzieht die europäischen Unterstützer der Ukraine seit Beginn des Kriegs mit derartigen hybriden Angriffen. Das Spektrum reicht dabei von kleineren und größeren Anschlägen, etwa auf Fabriken, Bahnlinien oder Unterwasserkabel in der Ostsee, über Sabotage und angeblich unabsichtliche Luftraumverletzungen durch Drohnen oder Kampfjets bis zu Desinformationskampagnen im Internet, um beispielsweise Wahlen zu beeinflussen. Oft beauftragt der russische Geheimdienst dazu Handlanger, die billig und entbehrlich sind – Amateure, die dafür bezahlt werden, einen bestimmten Einsatz durchzuführen und dann bei einem sozialen Netzwerk ein Video davon hochzuladen.

Seit allerdings im August auf dem Leipziger Flughafen mehrere Drohnen gefunden wurden, die Sprengstoffpäckchen trugen und offenbar eine dort geparkte ukrainische Frachtmaschine sprengen sollten, gibt es in Sicherheitskreisen eine Debatte über das Adjektiv hybrid. [….] Sicherheitspolitiker in Brüssel, wo bisher stets nur von einer „hybriden Kriegführung“ durch Russland gesprochen wurde, sind sich seither nicht mehr so sicher, ob das noch angemessen ist. [….]

 Phillips O’Brien, Professor für strategische Studien an der University of St Andrews in Schottland, nannte das missglückte Attentat in Leipzig vor einigen Tagen bei X einen „bewussten kriegerischen Akt“ Russlands. „Es ist wichtig, dass Deutschland das so sagt“, fügte er hinzu. Der frühere deutsche Diplomat und heutige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, pflichtete bei: Tatsächlich sollte man nicht mehr von „hybridem Krieg“ reden, schrieb er. „Stattdessen sollten wir Begriffe wie kriegerische Akte oder Staatsterrorismus verwenden.“

In Militärkreisen gibt es zudem technokratisch klingende Begriffe wie „Phase null“ oder „Gestaltung des Schlachtfelds“, die nach Ansicht von Fachleuten zu dem passen, was Russland derzeit in Europa tut. Damit sind Maßnahmen gemeint, die vor der Eröffnung der eigentlichen Kampfhandlungen – der „Phase eins“ – stattfinden und durch die ein möglichst günstiges Umfeld für einen Angriff geschaffen werden soll. [….]

(Hubert Wetzel, 31.08.2026)

In dieser Situation – aggressives Russland, marode Bundeswehr, ökonomische Schwierigkeiten, russland-affine AfD ante portas, Putin-Fan im Weißen Haus – gibt es für die Bundesregierung nur Ganz Schlechte und Weniger Schlechte Reaktionsmöglichkeiten. Meines Erachtens ist es überfällig, die russische Bedrohung ernst zu nehmen, mit Hochdruck an Schutzmaßnahmen zu arbeiten, international Entschlossenheit zu zeigen. Es ist wichtig, zwar deeskalierend zu reden, aber gleichzeitig durch Taten Unnachgiebigkeit zu beweisen. Auf keinen Fall dürfen Kreml-Analysten zu dem Schluss kommen, daß NATO-Staatschefs nur Maulhelden sind, die martialisch ankündigen, dann aber doch nie liefern und im Ernstfall schnell einknicken.

[…] Nato-Generalsekretär Mark Rutte und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kamen beide am Mittwoch in Brüssel zusammen. Ihr Top-Thema: die Drohnenattacke am Flughafen Leipzig/Halle und die Ansage der Bundesregierung, dass russische Dienste für den Vorfall zur Verantwortung zu ziehen sind.

Beide sagten Deutschland ihre volle Solidarität zu und sprachen von einer neuen Eskalation seitens Russlands. Eine Attacke, ausgeführt von russischen Agenten mit militärischem Material, die Nato-Territorium ins Visier nahm, markiere eine weitere Stufe russischer Aggression. „Wäre der Anschlag geglückt, hätte er tödlich enden können“, sagte von der Leyen.

Von der Leyen ordnete den Vorfall in Leipzig in eine Reihe ähnlicher Ereignisse in Europa ein: etwa Drohnen, die in den Luftraum Estlands eindringen, oder Einschläge in Rumänien und Polen. Rutte erinnerte an brennende Munitionsfabriken. All das seien Sabotageakte und Angriffe auf kritische Infrastruktur in Staaten, die die Ukraine militärisch, politisch und humanitär unterstützen. [….]

(Taz, 02.09.2026)

Fast unnötig zu erwähnen, daß der unfähigste Bundeskanzler aller Zeiten, wieder einmal alles genau falsch macht. Er kann einfach nichts.

[….] Was in dieser Lage nicht hilft, ist deutsches Säbelrasseln. Damit würde Berlin nur Putins Märchenerzählung vom angeblich so bösen Westen befeuern. So gesehen war es ein Fehler von Bundeskanzler Friedrich Merz, in der vergangenen Woche in martialischen Worten zu erklären, die Urheber des Drohnenvorfalls würden »dafür bezahlen«.

Merz hat mit mehreren Äußerungen vor der Pressekonferenz von Innenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul Erwartungen an einen massiven deutschen Gegenschlag erzeugt, von denen er wissen konnte, dass es ihn so nicht geben kann. Der Kanzler ist wieder einmal seinem Hang zu großen Ankündigungen und zur pompösen Sprache erlegen. Er kann wohl nicht anders. Manche seiner Berater werden die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Wenn er in den Augen seiner Kritiker erneut wie ein Kanzler dasteht, der die Backen aufbläst und dann nur ein wenig pfeift, hat er sich das selbst zuzuschreiben. [….]

(Roland Nelles, SPIEGEL-Leitartikel, 01.09.2026)

 

Dienstag, 1. September 2026

Impudenz des Monats August 2026

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Habituell bin ich sehr konservativ (lat. conservare = bewahren, erhalten); ich sieze, mag klassische Musik, bin im Alltag ausgesprochen höflich, trage immer lange Hosen und Sakko, gehe lieber in Läden, als online zu bestellen, koche mit saisonalen frischen Zutaten, lese vorzugsweise Bücher, gewöhne mich schwer an neue Techniken. Mein erstes Klugtelefon schaffte ich mir 2018 an und erinnere mich fast täglich mit Grauen an den Tag im Jahr 2019, als meine VHS-Videorekorder plötzlich nicht mehr aufzeichnen konnten, weil das analoge Kabelsignal abgeschaltet war. Über die Jahrzehnte hatte ich eine perfekte Routine entwickelt, wie ich mit einer begrenzten Anzahl wiederbespielbarer VHS-Cassetten die Flut der +300 TV-Sender bewältige, sorgsam ausgesucht die für mich relevanten Sendungen aufzeichnete und mich gleichzeitig zwang, all die Reportagen und Dokus anzugucken, indem ich chronologisch Aufnahmekapazitäten schaffen musste.

An dem bedauerlichen Tag wurde ich aber gezwungen, einen digitalen Festplattenrekorder zu kaufen, den ich bis heute einmal wöchentlich programmiere, um alles aufzuzeichnen, das mich interessiert. Live kann ich nicht gucken, da ich daran gewöhnt bin, die Abspielgeschwindigkeit zu erhöhen und „vorzuspulen“. Aber die Festplatte ist viel zu groß; sie zwingt mich natürlich nicht hinreichend, neue Aufnahmen zu reduzieren. Und, viel schlimmer: Da es sich um kein analoges Band handelt, picke ich mir zunächst die Rosinen raus und wichtige informative Dokus bleiben liegen. All das raubt übrigens so viel Zeit, daß ich die aufgezeichneten Sendungen nie alle schaffe. Daher habe ich auch noch nie gestreamt. Offizielle tue ich das nicht, um Trump-affine US-amerikanische Anbieter zu boykottieren und um das Klima zu schonen, indem ich nicht zum Stromverbrauch der Server beitrage. Tatsächlich könnte ich aber keine einzige zusätzliche Serie in meine siebenmal 24 Stunden die Woche pressen. Ich wünschte, es würde alles für immer so bleiben, wie es war. Ich mag mich nicht verändern.

Glücklicherweise bin ich ein alter kinderloser Single-Mann, der sich solche Spleens leisten kann. Mein Privatleben kann ich gestalten, wie ich will, wenn ich damit niemanden störe.

Als politische Persönlichkeit ticke ich selbstverständlich ganz anders. Politischer Konservatismus ist ein Grundübel, das ich ablehne. Insbesondere in Deutschland warben die Konservativen mit ihrem Phlegma und ihren Beharrungskräften. Die bekanntesten CDU-Bundestagswahlslogans lauten „keine Experimente“, „die Karawane zieht weiter“ oder „Sie kennen mich“! Unglücklicherweise war das erfolgreich, weil sich der deutsche Michl vor allen Veränderungen fürchtet und diejenigen wählt, die ihnen versprechen, sie von allen Unsicherheiten und Zumutungen zu verschonen.

Ich kann sehr gut Streamingdienste und Klugtelefone aus meinem Schlafzimmer fernhalten. Wenn aber ein Regierungschef Neues aus Deutschland fernhält, führt das unmittelbar in eine Katastrophe, weil wird nicht als Single-Land auf diesem Planeten chillen, sondern von allen erdenklichen globalen Faktoren abhängig sind. Klima, Kriege, Handel, Tourismus, Kultur, Technik, Gesundheit und vieles andere mehr.

Daher ist die deutsche Veränderungsresistenz die Impudenz des Montags August 2026.

Es ist inzwischen eine legendäre Episode verfehlter deutscher Zukunftsgestaltung: 1981 (sic!) plante das sozialdemokratische Schmidt-Kabinett die Verlegung von Glasfaserkabeln in Deutschland. Aber die Deutschen wollten lieber den bräsigen Pfälzer Kohl als Kanzler, der die Pläne einstampfte und auf Kupferkabel setzte. Deutschland hat also durchaus innovative Phasen, in denen es technisch international vorn mitspielt. Zum Beispiel während der Schröder/Fischer-Regierung in der Windkraft und Solar-Branche.

Aber das geschieht immer nur unter SPD-Kanzlerschaften, die eher selten sind und vom Urnenpöbel gern durch bräsige Technik- und Zukunftsfeindlichkeit mit CDU-Kanzlern ersetzt wird.

Es ist pathologisch, wie CDU/FDP-Politiker mit der Wahl-Zustimmung der Bürger, immer wieder zum Schaden Deutschlands in die Vergangenheit steuern.

(….) Aus ideologischer Verblendung und/oder kurzfristiger Raffgier wollen Merz, Spahn und Reiche uns in den Hitzetod treiben. Nach dem Ende der ersten und einzigen rotgrünen Bundesregierung 2005, sorgte Merkels Lieblingsminister Altmaier in der Westerwelle-Merkel-Horrorregierung ab 2009 dafür, 60.000 Topjobs in der Windenergiebranche und 100.000 Jobs in der Solarbranche zu vernichten, um wieder auf billiges klimaschädliches russisches Gas zu setzen und sich in die Abhängigkeit von Putin zu begeben. Das passiert, wenn man Schwarz und Gelb wählt, Urnenpöbel.

[….] Die Reaktion insbesondere unionsgeführter Regierungen der vergangenen Jahrzehnte war verlässlich die gleiche: erst mal bremsen (egal, ob die anderen das auch tun). Deutschland setzte auf Kupferkabel statt Glasfaser, das mobile Internet galt lange als etwas alberne Spielerei, das Smartphone auch. Die Digitalisierung der Verwaltung steht als Ziel in jedem Koalitionsvertrag. Immer wieder.

Beim Thema künstliche Intelligenz war es das Gleiche: spätestens mit dem Sieg von AlphaGo gegen den Go-Meister Lee Sedol im Jahr 2016 hätte eigentlich klar sein müssen, dass gerade eine neue Ära der Technikgeschichte begonnen hat. Exemplarisch für die Bräsigkeit deutscher Regierungen im Umgang mit Transformationsprozessen war ein Satz des damaligen Wirtschaftsministers Peter Altmaier, gesprochen im Jahr 2018 bei einem der zahllosen, stets folgenlosen »Digitalgipfel«: Er freue sich auf eine Zukunft, scherzte Altmaier damals, in der ihm ein in Deutschland hergestellter Digitalbutler das Bier aus dem Kühlschrank hole. So stellen Unionsminister oft die Zukunft dar: wie die Vergangenheit, nur noch ein bisschen bequemer.

[….] Unionsgeführte Regierungen reden immer viel von Strategie und Veränderungswillen und tun gleichzeitig möglichst viel dafür, den armen Deutschen die Veränderung möglichst lang vom Leib zu halten. Verbrenner retten! Gasheizung erhalten! Man versucht jetzt, das absolut unausweichliche Ende des Verbrennungsprozesses als zentraler Energiequelle zu ignorieren, zu vertagen, zu bremsen, zu verschieben. Das wird sich ebenso rächen wie bei den Themen Digitalisierung, Internet, künstliche Intelligenz. Denn die anderen warten nicht. [….] Huch, Elektroautos! Huch, Batteriespeicher! Huch, Wärmepumpen! Huch, billiger Strom aus Sonne und Wind! Huch, China! Huch, exponentielles Wachstum!

Man kann gerade live beobachten, wie eine unionsgeführte Regierung erneut versucht, die Fehler der Vergangenheit sehenden Auges zu wiederholen. Die Parallelen sind verblüffend. Aber die geopolitischen Gefahren womöglich noch größer. [….]

(Prof. Christian Stöcker, 17.08.2025) (….)

(Zukunft brauchen wir nicht, 07.09.2026)

Die Schwarzen reagieren mit geradezu nekrophiler Todessehnsucht auf die Herausforderungen der Zukunft und verweigern stoisch moderne Lösungen.

[….] "5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig", sagte Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) vor anderthalb Jahren. Mit dieser Aussage löste sie einen Sturm der Entrüstung aus. Doch, gerade an der Milchkanne – zum Beispiel in der Hightech-Landwirtschaft – müsse der neue Mobilfunkstandard der fünften Generation verfügbar sein, sagen ihre Kritiker. Oder in der Industrie, für smarte Städte oder für die Telemedizin. Also dort, wo der schnelle Austausch großer Datenmengen neue Technologien und Geschäftsmodelle ermögliche – künftig also eigentlich überall. […..]

(Heise 22.06.2020)

Stattdessen klammern sie manisch an 100 Jahre alten, gescheiterten Konzepten (Atomkraft, Otto-Motor) fest. Durch CDUCSU wurde Deutschland technisch international abgehängt. Aus US- oder asiatischer Sicht sind wir nur noch Lachnummern.

[…] Diese populistische Dummschwätzerei des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder ist verantwortungslos. Denn sie schadet der deutschen Wirtschaft, vornehmlich der Autoindustrie. Und die hat schon genug Probleme.

Kurz vor dem Start der Internationalen Automesse in München tat sich Söder mit einem 10-Punkte-Plan hervor. Mit dem will er die für Deutschland so wichtige Autoindustrie retten, dürfte aber bei Realisierung genau das Gegenteil bewirken. Mit den meisten dieser zehn Punkte will Söder zurück in die Vergangenheit und das Verbrenner-Auto retten. Damit, das dürfte das Kalkül des Populisten Söder sein, möchte er den Geschmack der meisten deutschen Autofahrer treffen. […] „Stopp des Verbrennerverbots“, „CO₂-Zahlungen aussetzen“, „’Unrealistische‘ CO₂-Ziele neu formulieren“, „Keine Fahrverbote für Verbrennerautos“, „Kein Zwang zu Elektroautos“ – Fünf dieser zehn Punkte enthalten eigentlich dasselbe. […] Experten sind sich einig, dass Deutschland die Entwicklung hin zur E-Mobilität lange Zeit verschlafen hat und jetzt mit großer Verspätung zur Aufholjagd ansetzt. Der Grund dafür lag vor allem darin, dass die Politik hierzulande keinen eindeutigen Kurs vorgegeben hat. Immer wieder wurde – zu Zeiten der Ampel von der FDP – gebremst. Keinesfalls wollte man eindeutig auf die Entwicklung von Elektro-Fahrzeugen setzen. Der Verbrenner sollte unbedingt bleiben. […]

(Christoph Lütgert, 07.09.2025)

Leider betrifft der deutsche Beharrungswahn nicht nur Unions- und AfD-Politiker.

Wenn eine Kohlemine geschlossen werden soll, oder einer der großen Auto-Konzerne darüber nachdenkt, ein Werk stillzulegen, rasen Kommunal- und Landespolitiker jeder Couleur zu Hilfe, um das zu verhindern. Was einmal da war, soll unbedingt für immer bleiben. Auch wenn es sich um radikal klimaschädliche Methoden handelt oder überteuerte Verbrenner-Modelle gefertigt werden, die langfristig auf dem Weltmarkt keine Chance haben.

Das ist Gift für die Wirtschaft, aber auch langfristig für die Beschäftigten und das Klima. Natürlich sollen Arbeitsplatzverluste sozial abgefedert werden, aber statt auf stures „es soll alles so bleiben wie immer!“ zu setzen, sollte man sich überlegen, was man sinnvollerweise stattdessen an den Produktionsstandorten bauen könnte.

Klimatechnik, Wärmepumpen, Batteriespeicher, Maschinenbau für moderne grüne Wirtschaft, E-Mobilität, Drohnen – es gäbe so viele sinnvolle Richtungen, in die Industriepolitik weisen könnte.

Man mag den Wegfall geliebter deutscher Industrieprodukte bedauern. Aber mit der Herstellung von Videorekordern, kabelgebundenen Tastentelefonen, Faxgeräten, analogen Fotoapparaten, gedruckten Stadtplänen gibt es ebenso wenig eine ökonomische Zukunft, wie mit Braunkohlekraftwerken oder Ottomotoren.

CDU, CSU, BSW und AfD suggerieren aber genau das und bekommen dafür viel Wählerzuspruch. Es führt geradewegs ins Verderben. Wir sind nicht allein auf der Welt und haben somit nicht die Wahl, wie in meinen privaten vier Wänden auf Museums-Methoden zu setzen.

[….] Ich war von 2012 an acht Jahre Chinakorrespondent, bin jetzt nach Peking zurückgekehrt – […] Was Autos angeht, kamen mir die Menschen in China immer vor wie Amerikaner. Je größer, je auffälliger und bunter, desto besser. Wer es in den Jahren des Aufstiegs zu etwas gebracht hatte, kaufte sich das Beste, was das Budget hergab. Am liebsten einen Mercedes, einen Ferrari oder einen teuren Geländewagen – den Mercedes gern in Pink, den Ferrari in Giftgrün, den SUV mit einem Auspuff wie ein Ofenrohr.

Und wenn dann eines dieser Autos in Shanghai oder Shenzhen einen Kavalierstart hinlegte oder, vor möglichst vielen Bewunderern, genussvoll eingeparkt wurde – keine Spur von Naserümpfen wie im etablierten Europa. Begeisterte Anerkennung: »Hen ku, hen haokan!« – »Sehr cool, sieht super aus!«

So habe ich, bis vor sechs Jahren, das Verhältnis der Chinesen zu ihren Autos erlebt. Vor ein paar Wochen bin ich zurückgekehrt. »Das alte Peking«, hatte mich ein Freund gewarnt, »gibt es nicht mehr.« Das war eine Übertreibung, in vieler Hinsicht. Aber was Chinas Autokultur betrifft, stimmt es.

Sie fahren immer noch herum, die Mercedes, Ferraris und getunten SUV aus dem Westen. Sie fallen sogar auf – aber nicht mehr so sehr als Statussymbole einer zu Wohlstand gekommenen oberen Mittelschicht, sondern wie Dinosaurier aus einem zu Ende gehenden Autozeitalter.

Das Straßenbild in China hat sich völlig verändert. Man hört es, bevor man es sieht: Die Innenstädte sind messbar  leiser geworden – zum Teil, weil wegen der Immobilienflaute weniger gebaut wird, zum Teil, weil die öffentlichen Verkehrsnetze mittlerweile so dicht sind, dass weniger Leute selbst mit dem Auto fahren. Vor allem aber, weil die Zahl der Elektroautos so sprunghaft angestiegen ist.

Wenn man in Peking heute einen Zebrastreifen überquert, geht man oft an Kolonnen von E-Autos mit ihren grün-weißen Nummernschildern vorbei. Sie stehen lautlos vor der Ampel, und genauso lautlos bleibt es, wenn es grün wird und sie losfahren. Die alten Brummer mit den blauen Verbrennerkennzeichen werden immer weniger. Nach den einst dominanten westlichen Premiumautos muss man regelrecht suchen.

Stattdessen beherrschen so viele Marken und Modelle das Straßenbild, dass man selbst als Autofan den Überblick verliert. Nio, Arcfox, Aito, Maextro, Xiaomi, Yangwang und Dutzende andere – kleine, große, hässliche und schöne Autos, die außer ihrem Elektroantrieb vor allem eines verbindet: Es sind – bis auf wenige Ausnahmen – chinesische Fabrikate, und ihre Fahrer sehen sehr zufrieden aus. [….]

(Bernhard Zand, SPON-Peking, 01.09.2026)

Ein 1,4-Milliardenmenschen-Volk kann sich so schnell und so richtig wandeln. Die 0,08 Milliarden Deutschen verharren beleidigt in der Vergangenheit. Die Chinesen werden aber zu ihrem Glück auch nicht von den Fossil-Dinosauriern Reiche und Merz regiert.

[…]  Die Energiewende in China schreitet voran: Wie die Energiebehörde des Landes mitteilte, lagen Photovoltaikanlagen Stand Ende Juli mit 1.286 Gigawatt installierter Leistung erstmals vor Kohlekraftwerken. Deren installierte Leistung lag demnach - minimal geringer - bei 1.285 Gigawatt.

Nach Angaben des chinesischen Staatsfernsehens entfiel auf Solaranlagen damit ein Anteil von 31,5 Prozent an der gesamten installierten Stromerzeugungskapazität. China treibt den Ausbau von Stromgewinnung aus Sonnenenergie seit Jahren voran. Besonders im Westen und Nordwesten des Landes säumen Solarzellen ganze Landstriche. […]

(Tagesschau, 01.09.2026)