Ja, sicher, am 24.02.2022 habe ich die militärische Lage
der Ukraine auch völlig falsch eingeschätzt. Als das riesige übermächtige
Russland, die Atom-Supermacht losmarschierte.
Und auf der anderen Seite das kleine Problemland, dem wir erst mal mit 5.000
Helme aushelfen mussten.
Wenigstens bin ich Laie. Peinlicher war es natürlich für all die Militärexperten, Generäle und Obersten, die in den Talkrunden saßen und einen totalen Zusammenbruch der Ukraine innerhalb weniger Wochen voraussagten.
Gute vier Jahre wissen wir es besser: Die enorme Waffen-Übermacht auf dem Papier, bedeutet keineswegs einen ebenso klaren und schnellen Sieg auf dem Boden.
Das erlebt das stärkste Militär der Welt unter der glorreichen Führung des Very Stable Genius gerade im Iran: Der USA geht die Munition aus, der größte Flugzeugträger der Erde, die USS Gerald Ford, musste zu Reparaturen vom Golf abgezogen werden und die Mullah haben eine starke Verhandlungsposition.
[….] Dass die eigenen Siege gern größer dargestellt werden als sie sind, ist fast schon normal. Die Erfolgsmeldungen, die Amerikaner und Israelis wenige Tage nach Beginn des Krieges gegen die Islamische Republik Iran kundtaten, gehören aber in eine andere Kategorie. Nicht nur, weil sie so triumphaler nach Sieg an allen Fronten klangen. Sondern auch, weil sie nicht stimmten.
Die Mullah-Republik sei militärisch am Boden, die iranische Marine läge am Grund des Persischen Golfs, hatte US-Präsident Donald Trump wenige Tage nach Kriegsbeginn getönt. Militärisch gesehen habe die Islamische Republik „nichts mehr übrig.“ Auch die meisten der primär von Israel gefürchteten ballistischen Raketen habe man zerstört. Die Zerschlagung des iranischen Raketenprogramms war eines der erklärten Kriegsziele.
Rund 90 Prozent der unterirdischen Raketenstätten Irans sollen in Betrieb sein.
Den amerikanischen und israelischen Jets gingen die Ziele aus, klagte der US-Präsident. Irans Raketen seien „bis auf ein paar verstreute Überreste reduziert worden“. Ähnlich euphorisch formulierte es Verteidigungsminister Pete Hegseth, der den Titel „Kriegsminister“ trägt. Die USA und Israel hätten Irans Streitkräfte „dezimiert und auf Jahre kampfunfähig gemacht“.
Doch die Alliierten waren zu siegessicher. Iran besitze immer noch rund 70 Prozent seiner mobilen Raketenwerfer und fast zwei Drittel der Raketen selbst, berichtete die New York Times am Dienstag unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise. Ähnliche Zahlen hatte zuvor die Washington Post berichtet. Demnach haben die Iraner weiterhin jede Menge sowohl weitreichender ballistischer Geschosse als auch Kurzstreckenraketen und Marschflugkörper im Arsenal. [….]
Die Todeszahlen, die Verletzten, die Zerstörungen in der Ukraine, sind tatsächlich so verheerend, wie vor vier Jahren für den Fall, daß sie sich mit allen Mitteln gegen Putin wehrt, prognostiziert wurde.
Bei einer sofortigen Ukrainischen Kapitulation im Jahr 2022, könnten heute noch viele Menschen leben, wäre die Infrastruktur noch intakt, wäre nicht das Klima massiv geschädigt worden.
Aber Russland gewinnt nicht militärisch.
Aber Russland wird selbst auch zerstört.
Aber Russland zahl selbst einen aberwitzigen Blutzoll von möglicherweise bis zu einer Million Menschenleben bisher.
Insbesondere veränderte sich aber unsere Sicht auf die Ukrainische Armee, die in den vergangenen Jahren Fähigkeiten entwickelte, von denen die Bundeswehr nur träumen kann.
Sie ist klar die stärkste Militärmacht Europas und ein gefragter Partner der Golf-Staaten, die vom Iran beschossen werden.
[….] Die Golfstaaten leiden im Iran-Krieg unter starkem Beschuss. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar sorgen sich um ihre Sicherheit. Präsident Selenskyj bietet ihnen die Expertise der Ukraine an.
Die Ukraine hat mit mehreren Golfstaaten eine Zusammenarbeit bei der Luftverteidigung besiegelt. Bei einer Reise in die Region schloss der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj entsprechende Abkommen zunächst mit Saudi-Arabien und dann mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar. Nach dem Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar wurden ukrainische Experten in die Region entsandt, um bei der Abwehr von iranischen Drohnenangriffen zu helfen. [….]
Im linken Schwurbelstan, bei Alice Schwarzer und Alice Weidel, bei Wagenknecht und BSW, bei AfD und Russlanddeutschen, wird immer noch nicht verstanden, daß die Ukraine das einzige ist, das zwischen uns und Putin steht. Auf Trumpmerica ist sicher kein Verlass, unsere eigene Bundeswehr immer noch ein Saftladen.
(….) Schließlich verstieg [Tagesspiegel-Amerika-Mann Marschall] sich dazu, „Zwei ganz harte Sachen“ zu sagen (ab Minute 44:17):
[….] Ich verstehe nicht, warum wir in Deutschland und Europa irgendwelche Hoffnungen in Gespräche mit Putin setzen. Putin hat alle Abkommen gebrochen. Es spricht überhaupt nichts dafür, wenn es denn zu einem Abkommen käme, dass er das freiwillig einhalten würde. Und das zweite, wir sind einer so schrecklichen Situation, dass wir in einem Gewissenskonflikt sind, dass wir einerseits wünschen, dass der Krieg endet, damit Menschen nicht mehr sterben. Aber solange die Ukraine kämpft, ist das die sicherste Hindernis dafür, dass Putin die NATO Ostflanke angreift. Und ich meine vor allen Litauen, weil dort die Bundeswehr steht, dann wären wir im Krieg. Also, es ist wirklich ein Gewissenskonflikt. Es ist brutal das zu sagen, aber es liegt in unserem Interesse, dass dieser Krieg noch etwas weitergeht, damit wir eine glaubwürdige Abschreckung aufbauen können, damit nach dem Ukrainekrieg nicht ein Litauen Krieg folgt. [….]
(C.v. Marschall)
Wenn aber Russland die NATO-Mitglieder Litauen oder Estland angreifen sollte und daraufhin der Artikel 5 griffe, würde MAGAmerika uns mit hoher Wahrscheinlichkeit im Stich lassen und nicht seine Atomstreitmacht gegen Putin ins Feld führen.
Eine Anruferin war davon derartig entsetzt, daß sie ihre ursprünglich Frage zurück zog, um darauf erneut einzugehen (ab Minute 58:08):
[…] Während der Runde hat mich ein Satz sehr gestört von Herrn Marschall und
zwar in dem er gesagt hat, ähm der Krieg könnte ruhig noch ein bisschen
weitergehen in der Ukraine, weil sonst ähm würde man ein hohes Risiko eingehen.
Und ich finde das ganz schlimm, so einen Satz in die Welt zu setzen, vor allen
Dingen als Journalist, weil ich weiß nicht, ob er schon mal selber erlebt hat,
wie es ist im Krieg die Menschen, die frieren, die hungern, die Ängste haben
und da noch zu sagen, der könne ruhig noch ein bisschen weitergehen, der Krieg
das leichtfertig und ich finde es erschütternd. […]
(Anruferin aus Berlin)
Ich befürchte, hier klingt wieder das fatale Schwurbel-Hufeisen an: Putin-Fans, Rechtsradikale, Öko-Verwirrte, Denk-Amateure und durchaus sympathische Menschen, die sich einfach nur Frieden wünschen.
Aber der Zug ist leider abgefahren. Man kann jetzt nicht das Schießen und Morden beenden, indem man Putin einfach das gibt was er möchte, Donezk, Donbass, die am stärksten befestigten Ukrainischen Stellungen. Denn so viel wissen wir sicher; Putins Versprechungen sind genauso wertlos, wie Trumps. Er wird sich nicht in Zukunft bescheiden zurückhalten, wenn man ihm nur weit genug entgegenkommt. Das hat Chamberlain vergeblich mit Hitler versucht, das versucht Merz vergeblich mit Trump und das wird auch nicht mit Putin funktionieren.
[….] Ich verstehe völlig ihre Empörung, aber ich habe nicht gesagt, der kann noch ein bisschen weitergehen, sondern ich habe genau das getan, was sie von mir gefordert haben. Ich habe gesagt, wir sind in einem Gewissenskonflikt und dass ich jetzt etwas ganz Schreckliches sagen werde.
Das ist leider durch unser Verschulden, weil wir Abschreckung Militär über Jahre nicht ernst genommen haben, brauchen wir Zeit, um abschreckungsfähig zu werden. Und diese Zeit schenkt uns die Ukraine, solange sie kämpft. Ich weiß nicht, ob sie gerne lieber haben wollen, dass dieser Ukrainekrieg ganz schnell runtergeht und kommendes Jahr greift Putin die deutschen Soldaten in Litauen an. Ob sie das für die bevorzugenswerte Variante halten. Es ist ein moralischer und ein Gewissenskonflikt, aber wir müssen ihn offen aussprechen, natürlich in der gebotenen Einordnung, dass das etwas schreckliches ist, das so sagen zu müssen. Aber in diese Lage haben wir uns gebracht [….]
(C.v. Marschall)
Marschall mag persönlich nicht besonders liebenswert sein und auch nicht immer Recht haben. In diesem Fall aber schon. EU-Regierungschefs und Verteidigungsminister werden es nicht laut aussprechen, weil es so amoralisch und empörend ist. Aber ich vermute auch sehr stark, daß sie sich hinter verschlossenen Türen wünschen, der Ukraine-Krieg möge noch ein paar Jahre möglichst blutig weitergehen und dabei dem Kreml jeden Tag viel Geld, Waffen und Menschenleben kosten. Das ist im Moment unsere beste Möglichkeit, die russische Armee zu schwächen. Die Ukrainer zahlen ungerechterweise den tödlichen und perfiden Preis für uns. Da ist es das Mindeste, sie wenigstens finanziell, logistisch und mit allen Waffen, die wir haben, auszustatten. (….)
(Mehr Geld und mehr Waffen für die Ukraine, 25.01.2026)
Es dürfte der eine, aber womöglich wesentliche Verhinderungsgrund sein, der gegen eine CDU-AfD-Bundesregierung spricht: Selbst die meisten relevanten Politiker der CDU haben begriffen, wie wichtig die militärische und finanzielle Unterstützung für die Ukraine ist. Und sei es auch nur aus egoistischen Motiven, um der Bundeswehr Zeit zur Aufrüstung zu verschaffen.
Aber blöd, wie sie nun einmal sind, stärken die Fossil- und Uran-Jünger der CDUCSU dennoch Putin den Rücken.
[…] Ein Gas-Deal für Putins Kriegskasse[…] Ein Bundesunternehmen verhandelte 2023 mit einem Putin-Vertrauten über die Wiederaufnahme von LNG-Lieferungen - das zeigen NDR-Recherchen. Der Kreml gab das Geschäft frei, seitdem fließen Milliarden. […] Es ist eine vertrauliche Mission, Anfang April 2023. Egbert Laege, Chef der bundeseigenen Firma SEFE, ist eigens nach Dubai gereist. Der Mann, den er treffen will: Leonid Mikhelson, einer der reichsten Russen, Chef der Gasfirma Novatek und Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin. […]
SEFE-Chef Laege ist sich offenbar bewusst, dass sein Plan politisch heikel ist. Das deutet er in seinem internen Memo zum Treffen mit Mikhelson an. Aber es hält ihn nicht davon ab, die Gas-Gespräche voranzutreiben. Laege und Mikhelson wollen einen alten Vertrag aus dem Jahr 2015 wieder zum Leben erwecken, aus der Zeit, in der die SEFE noch Gazprom Germania hieß und ein Ableger des russischen Staatskonzerns Gazprom war. Weil die Bundesregierung die Gazprom Germania 2022 aber verstaatlicht, in SEFE umbenannt und dem Zugriff Russlands entzogen hat, boykottiert die russische Regierung die SEFE.
Mit Mikhelson scheint sich Laege schnell einig zu sein. Ein Ableger von Mikhelsons Firma Novatek soll bis 2038 LNG an die SEFE liefern. […] Lieferdaten legen nahe, dass die meisten Lieferungen seit 2023 tatsächlich nach Europa gingen. 2026 landeten laut einer Analyse der Organisation "Urgewald" in den ersten vier Monaten sogar 98 Prozent aller Exporte aus dem Yamal-Projekt in Europa. Die SEFE gilt seit der Wiederaufnahme der Lieferungen 2023 als einer der bedeutendsten Abnehmer. In Häfen wie Seebrügge oder Dünkirchen wird das Gas in Pipelines gespeist. Von dort aus strömt es wohl auch nach Deutschland. […] Bis 2027 aber wird das LNG noch in der EU anlanden - und die Milliarden noch weiter nach Russland fließen. […]

