Wie ich vorgestern bereits andeutete, war der vorletzte Pressclub zum Thema Pulverfass Nahost, sehr
sehenswert.
Sebastian Engelbrecht vom Deutschlandfunk und Kristin
Helberg von der ARD, beide zweifellos kenntnisreiche und seriöse Journalisten,
vertraten drastisch unterschiedliche Ansichten zum Thema, was Israel darf und
sollte und muss.
Für die einfach gestrickten Geister wird die Diskussion
schnell ungemütlich, weil man nicht mehr klar definieren kann, wer Aggressor
und wer Verteidiger ist.
In einem Weltkriegsfilm ist das immer so schön einfach:
Die Deutschen sind (1939-1945) die Angreifer UND vertreten auch eine extrem
toxische Ideologie. Das sind die Bösen. Französische Resistance, polnische
Partisanen oder Rote Armee, die sich gegen die genozidal-Christliche DesLoVult-Wehrmacht
wehren, sind eindeutig die Guten.
Im amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865 steht man an der
Seite der Unionsstaaten gegen die zutiefst rassistischen Konföderierten, die
für die Sklaverei stritten.
Im Vietnamkrieg 1955-1975 bezieht man gern Position für
die auch von China und der Sowjetunion unterstützte Nationale Front für die
Befreiung Südvietnams (NLF, „Vietcong“), weil Amerika mit den Südvietnamesen
unfassbare Gräueltaten beging und die USA, ganz anders als zehn Jahre zuvor in
Europa, absolut nichts in Vietnam verloren hatten.
Das gilt auch für den Koreakrieg 1950-1953, bei dem sich
die USA als koloniale Besatzer gerierten.
Alle Europäischen Kolonialstaaten, christliche Conquistadores
und päpstlichen Kreuzfahrer waren Kriegsverbrechermächte; jede regionale Befreiungsarmee
hatte Recht und Moral auf ihrer Seite.
Aber die Guten bleiben leider nicht immer die Guten.
Außerdem gibt es sehr Böse, die sich einer guten Sache annehmen. Auch Demokratien
irren ganz fürchterlich bei der Wahl ihrer Alliierten. So unterstützten USA und
CIA massiv von 1980-1988 Saddam Husseins Irak, sowie die Taliban und Mujahedin
im Afghanistankrieg 1979-1989. In beiden Fällen marschierten sie einige Jahre
nach Ende des Krieges selbst dort ein, um genau diejenigen, die sie aufgerüstet
hatten, selbst zu bekriegen.
In beiden Fällen scheitere Washington dramatisch bei der
Durchsetzung seiner Kriegsziele – ebenso wie schon zuvor in Korea und Vietnam.
Die ganz simpel gestrickten Geister gönnen George W. Bush
die Niederlagen, wegen seiner Hybris und seiner Lügen. Aber die Sieger, die im
Land blieben, nachdem die US-Truppen verjagt und die Kämpfe beendet waren – IS,
das Kalifat, der Iran, die Taliban zum Beispiel – erwiesen sich als „Frieden in
der Hölle“.
In einem
Jahrzehnte währenden Konflikt, wie in Israel und Palästina, haben a) beide
Seiten so viel Unmoralisches verbrochen, daß man sie nicht mehr mögen mag.
Außerdem sind b) beide Seiten so heterogen, daß eine moralische Parteinahmen
ohnehin ausgeschlossen sind.
Bibi Netanyahu, Itamar Ben-Gvir, der Minister für
öffentliche Sicherheit, Yitzhak Wasserlauf, der Minister für die Peripherie, Kulturminister
Amihai Eliyahu, oder der rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich sind echte Verbrecher, die ich nur verachten kann.
Das gilt auch für die fanatisch-aggressiven ultraorthodoxen Siedler im
Westjordanland, die bis heute das Haupthindernis für den Frieden sind.
Aber den vielen säkularen Israelis in Tel Aviv, die jeden
Tag gegen Bibi demonstrieren, den friedensbewegten Kibbuzniks, den jungen
Festivalbesucher, die am 07.10.2023 von der Hamas abgeschlachtet wurden, gilt
meine ganze Sympathie. Ich wünsche mir nichts mehr, als daß sich ihre Version
eines liberalen, demokratischen, queerfreundlichen, technologieaffinen und
religionsfernen Staates erfüllt.
Selbstverständlich hasse, verachte und verabscheue ich
die Hamas-Kommandeure, die sadistisch, vergewaltigend und ultrabrutal möglichst
viele Juden umbringen, weil es ihr religiöses Ziel ist. Diese skrupellose
Hamas, die ihre Waffenlager in Schulen und Krankenhäuser legt und sich diebisch
über viele tote palästinensische Kinder freut, weil sie damit Propaganda machen.
Genauso gilt aber meine Sympathie allen friedlichen palästinensischen Händlern,
Bauern und Handwerkern, die von Israelischen Siedlern drangsaliert und
vertrieben werden; Myriaden Kindern, die in Gaza von israelischen Bomben zerfetzt
werden.
Liebe junge queere Aktivisten und liebe US-Studenten, die
nun in Israel die Wurzel allen Übels erkannt haben und ihr Herz für Hamas und
Hisbollah entdecken:
Ihr seid echte Vollidioten, die als TikTok-Trottel viel
zu verblödet und borniert seid, um irgendetwas beurteilen zu können. Hört Euch
bitte genau an, was Bill Maher zu dem Thema Chappell Roan zu sagen hat.
Ich jedenfalls kann nicht pauschal Partei ergreifen für
ein Volk oder eine Nation.
So leicht kann ich es mir nicht machen.
[…..] Das deutsche Image in
der Welt ist davon geprägt, dass unter der adretten Bach-und-Beethoven-Fassade
im 20. Jahrhundert die Bereitschaft von Millionen Bürgern schlummerte, ihre
Nachbarn industriell ermorden zu lassen. Das ist der Hintergrund, weshalb manche
Deutsche jetzt ganz besonders viel daransetzen, in den Besitz von jüdischen
Freunden zu kommen. Zumindest von solchen zum Vorzeigen. Es ist auch der
Hintergrund dafür, dass manche Deutsche wie zur Beruhigung eines tief sitzenden
– und achtenswerten – Selbstmisstrauens die Entscheidung treffen, „an Israels
Seite zu stehen“. Ganz gleich, was geschieht – Augen zu. Im
Wissenschaftsministerium von Bettina Stark-Watzinger von der FDP erwog man in
diesem Sinne sogar, kritischere Meinungen an Universitäten und Hochschulen zu
sanktionieren.
Zugleich bildet diese
deutsche Historie den Hintergrund dafür, dass – auf der anderen Seite – viele,
sehr viele Landsleute ihre Kritik am Staat der Juden besonders lustvoll üben.
In einer Intensität, die nach Obsession aussieht. Subtext: Die da unten in ihrem
Judenstaat sind auch nicht besser als unsere Großeltern, also können die ruhig
mal aufhören, uns hier mit ihrer vermeintlichen moralischen Überlegenheit zu
nerven. „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im
Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den
Juden gemacht haben“: Dieser dummen, falschen Aussage stimmen in Deutschland 43
Prozent der Befragten zu, wie im vergangenen Jahr eine Befragung der
Bertelsmann-Stiftung ergab.
Jüdische Deutsche sind
keine Regierungsvertreter Israels. Jüdische Deutsche haften auch nicht für
Israels Politik. Dennoch, jüdische Deutsche werden jetzt laufend in Haftung
genommen, das haben viele von ihnen in diesem vergangenen Jahr so deutlich
gespürt wie noch nie in ihrem Leben. Viele Betroffene halten noch mit
Argumenten dagegen. Aber manche sind es allmählich auch leid. Von der
deutsch-jüdischen Denkerin Hannah Arendt gibt es den Satz: Wer als Jude
angegriffen wird, muss sich als Jude verteidigen. Unter dem Druck der
Vorurteile scheinen manche diesen Satz heute für sich abzuwandeln. Etwa so: Wer
als Botschafter Israels angegriffen wird, muss sich als Botschafter Israels
verteidigen. […..] Einsamer geworden ist es in diesem Jahr dann in dem
großen Raum zwischen all diesen zunehmend verhärteten Identitäten. Also unter
jenen Menschen, die sich weiterhin zumuten, sich nicht „auf eine Seite“ zu
stellen – und zu denen auch viele jüdische und arabischstämmige Menschen
gehören, die angesichts ihrer Ratlosigkeit eher noch leiser geworden sind als
ohnehin schon. Ein politisches Nachdenken, dessen Ergebnis schon vorab
feststeht und das auch auf aktuelle Neuigkeiten nur noch in Nuancen reagiert,
wäre natürlich gemütlicher. […..] Wie wenig Applaus es für solche
Differenzierung gibt, das heißt: wie wenig dies innenpolitisch gewinnbringend
ist, zeigt sich am Beispiel der Bundesaußenministerin Annalena Baerbock von den
Grünen. Aus der sogenannten israelsolidarischen Ecke wird sie beschimpft, sie
lasse Israel angeblich im Regen stehen – weil Deutschland keine Waffen mehr für
Gaza-Bombardements liefert. Aus der sogenannten propalästinensischen Ecke wird
sie gleichzeitig für das Gegenteil beschimpft: Sie tanze nach Israels Pfeife –
weil sie nicht mit Israel bricht. Es sich in keiner Ecke bequem zu machen, ist
heute vielleicht schwieriger denn je. Richtig bleibt es trotzdem. […..]
(Ronen Steinke, 06.10.2024)
Ich gebe zu, solche Worte gern von einem Journalisten zu
lesen, der eine israelische Mutter hat. Denn auch, wenn ich erst ein Jahr einen
deutschen Pass habe: Für mich wiegt die deutsche Vergangenheit schwer. Ich
gehöre der (schrumpfenden) Fraktion derer an, die der deutschen Außenpolitik
äußerste Zurückhaltung bei der moralischen Bewertung der israelischen
Sicherheitspolitik empfehlen. Natürlich können und dürfen „wir“ Netanyahu kritisieren,
aber wir sollten nicht die ersten und lautesten sein. Und es darf nie in eine
Rechtfertigungshaltung hineingleiten; „sieh an, die Israelis sind ja auch nicht
viel besser als wir damals im WKII.“ Hier handelt es sich um unvergleichbare
Dinge. So schwer es auch einzelnen fallen mag; es gilt immer: Israelkritik Ja!
Antisemitismus NEIN!
Nur in einem Aspekt bleibt es einfach: Meine Verachtung
gilt voll und ganz dem rechtsradikalen Pascha Friedrich Merz, der das ultrakomplizierte Thema
Waffenlieferungen auf primitivste Weise parteipolitisch
ausnutzt, um Scholz und Baerbock ans Bein zu pinkeln.
Die Sitzungen des Bundessicherheitsrates sind geheim.
Niemand kennt die Bedingungen, die Deutschland an Waffenlieferungen knüpfte.
Falls es so sein sollte, wie gemunkelt wird, daß Baerbock und Habeck Garantien dafür
verlangten, deutsche Waffen nicht bei völkerrechtswidrigen Aktionen
einzusetzen, hatten sie völlig Recht, Herr Merz!
[….] Die Bundesregierung
will durch die Zusicherungen, die auch in Lieferverträgen etwa mit der Ukraine
enthalten sind, dem Risiko entgegenwirken, dass internationale Gerichte oder
deutsche Verwaltungsgerichte im Zuge einer einstweiligen Verfügung Rüstungsexporte
nach Israel teilweise oder ganz untersagen. Das Verwaltungsgericht Berlin hatte
im Juni in einem Beschluss einen entsprechenden Antrag von Palästinensern aus
dem Gazastreifen zwar zurückgewiesen. Diese hatten verlangt, grundsätzlich
Lieferungen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz zu untersagen. Das Gericht
hatte aber ausgeführt, dass die Bundesregierung die „Haltung des
Empfängerlandes zu den einschlägigen Grundsätzen der Übereinkünfte des
humanitären Völkerrechts“ berücksichtigen und Ausfuhrgenehmigungen verweigern
müsse, wenn „eindeutig das Risiko besteht“, dass Rüstungsgüter verwendet
werden, um schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu begehen. Es hat
sich in seiner Argumentation dabei an entsprechende Entscheidungen des
Internationalen Gerichtshofs (IGH) in Den Haag angelehnt, wo Nicaragua die
Bundesregierung verklagt hatte.
Menschenrechtsanwälte
hatten in der vergangenen Woche bereits neue Klagen angekündigt, nachdem
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Bundestag klargestellt hatte, dass die
Bundesregierung Waffen geliefert habe und dies weiter tun werde. „Wir haben
Entscheidungen getroffen in der Regierung, die auch sicherstellen, dass es
demnächst weitere Lieferungen geben wird“, hatte Scholz auf Kritik von
Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) entgegnet. Dieser hatte der
Bundesregierung vorgeworfen, seit Monaten nicht die nötigen
„Exportgenehmigungen für Munition und Ersatzteile von Panzern“ für die Ausfuhr
nach Israel zu erteilen. [….]
(SZ, 14.10.2024)
Der moralisch verkommene Merz darf niemals Bundeskanzler
werden.
Für den islamophoben Egomanen scheint das alles nur ein
Spiel zu sein, um die Ampel zu ärgern und um selbst Bundeskanzler zu werden.
Der Mann hat sich – wieder einmal – völlig für das
höchste Regierungsamt disqualifiziert. Gerade für Deutschland darf es natürlich
nicht völlig egal sein, wie die Lage in Israel ist, Herr Merz!
Wenn eine Regierung wiederholt UN-Blauhelme ermordet,
darf schon mal die Frage gestellt werden, ob man sie weiterhin bewaffnen
sollte, Herr Merz!
[…..] Mindestens viermal
haben israelische Soldaten in der vergangenen Woche UN-Blauhelme angegriffen,
sie haben Soldaten aus Sri Lanka von einem Wachturm gebombt und sogar
UN-Soldaten beschossen, die in einem Bunker Schutz gesucht haben. Wieder ist
eine rote Linie überschritten, wieder werden weltweit „Bedenken“ geäußert. So
geht das nun seit einem Jahr: Europa und die USA fordern Israel auf, weniger
Zivilisten zu töten, mehr humanitäre Hilfe zu leisten und sich an das
Völkerrecht zu halten. Wenig ist passiert, Konsequenzen gibt es keine. Die USA
brachten am Wochenende das Kunststück fertig, ihren Sondergesandten Amos
Hochstein verkünden zu lassen, dass der Beschuss eines Wohnhauses in der
Innenstadt von Beirut „völlig inakzeptabel“ sei – während fast zeitgleich ein
Journalist des britischen Guardian die Überreste einer in den USA gefertigten
Bombe aus den Trümmern zog, die 22 Menschen tötete.
Man muss wenig Mitleid
haben mit den Hisbollah-Kämpfern, die Israel ohne Grund angegriffen haben und
nun ihren lang ersehnten Märtyrertod finden. Natürlich darf sich Israel dagegen
verteidigen. Doch der Angriff gilt mittlerweile ganz Libanon, die Fehler von
Gaza scheinen sich zu wiederholen. Sie werden in Israel gemacht, das offenbar
ewigen Krieg sucht, anstatt die berechtigte militärische Selbstverteidigung
durch ein Konzept für die Zukunft zu ergänzen. […..] Nun muss auch
Israel klargemacht werden, dass Deutschland keine weiteren Waffen in ein Land
liefern will, das UN-Blauhelme angreift und kein Konzept vorlegt, wie es diesen
Krieg auch wieder beenden wird. […]
(SZ, 13.10.2024)