Freitag, 2. Juni 2023

Wie tief sinken die Elb-Grünen?

Meine langjährige beste Freundin stammte aus Wien und daher verglichen wir unsere beiden Geburtsstädte gern.

Hamburg und Wien sind in vieler Hinsicht sehr ähnlich.

Beides liberale europäische Städte, beide haben weltberühmte Friedhöfe, beide knapp zwei Millionen Einwohner, beide verstehen sich als ausgesprochen multikulturell, beide haben sehr reiche Bewohner und beide gelten als rot – fast immer regieren SPÖ, bzw SPD.

Aber es gibt auch gravierende Unterschiede.

Wien ist katholisch, Hamburg säkular/protestantisch.

Wiener pflegen einen ausgesprochenen Titel-Fetisch; Hamburger sind das diametrale Gegenteil. Ein Hanseat nimmt keinerlei Orden an und sogar seinen Arzt reden man ohne „Dr.“ an.

Der Grund für die Unterschiede liegt in der Geschichte. Während Wien über Jahrhunderte das Herz einer Monarchie war, von seinem Kaiser/Königshof geprägt wurde und durch die Herrschaft der Habsburger über ein Riesenreich automatisch multikulturell wurde, war Hamburg niemals Fürstensitz, sondern eine rein bürgerliche Handelsstadt.

Multikulti gehört für die Hanseaten seit Jahrhunderten zu ihrer Identität, weil die vom Hafen geprägten Pfeffersäcke intensive Geschäftskontakte mit der ganzen Welt aufbauten.

Die reichen Hamburger Kaufleute waren sehr selbstbewußt und übernahmen die kulturmäzenatische Rolle der Fürsten einfach selbst.

Alles, das ein herrschender Monarch üblicherweise in seiner Hauptstadt zum Repräsentieren errichtet – ein zentrales Schloss, Gärten, Museen, Theater, Zoos – finanzierte sich Hamburg selbst. Ein prächtiges Rathaus mit mehr Zimmern als der Buckingham Palace, einen Stadtpark, Kulturtempel. Bis heute ist es Ehrensache für hanseatische Unternehmer, enorme Summen für Bildungs- und Kultureinrichtungen zu spenden.

Ein typisches, von Königshäusern entlehntes Verhalten, ist der Umgang der Hamburger mit Schwänen.

[….] Zu den Untertanen des britischen Königshauses gehören nicht nur alle menschlichen Bewohner Großbritanniens, sondern auch die allermeisten Schwäne. Das wurde im Jahr 1482 per Gesetz so festgelegt. Damals machten viele Menschen Jagd auf Schwäne, wegen des zarten Fleisches und der weichen Federn. Um die Schwäne vor dem Aussterben zu schützen, wurden sie unter den Schutz der britischen Krone gestellt.  [….]

(SZ, 30.12.2017)

Dem wollten die Hamburger nie nachstehen und entwickelten einen ähnlichen Schwanenkult. Das Beleidigen eines Schwans wurde 1664 per Gesetz verboten. Wer einen Schwan beleidigt, beleidigt auch die Stadt Hamburg.

[….] Das Hamburger Schwanenwesen ist eine städtische Dienststelle. Es hat eine jahrhundertelange Tradition, denn in Hamburg gelten die Schwäne als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit der Hansestadt – und als eines der Wahrzeichen Hamburgs. Das Amt des Schwanenvaters gibt es seit 1674. Olaf Nieß besetzt somit die wohl älteste Planstelle der Stadt Hamburg.  [….]

(MoPo, 11.04.2023)

Der Schwanenbestand schrumpft trotz besserer Wasserqualität tendenziell. Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Einerseits immer wieder auftretende Vogel-Viren und andererseits der durch Corona beförderte Hunde-Boom, in Kombination mit immer mehr Freizeit. Die Frauchchen und Herrchen lassen dabei rund um die Alster ihre Kläffer ohne Leine rumtoben, so daß die Schwanenbrutpaare aus ihren Nestern vertrieben werden, wenn Hasso und Bello durch die Uferböschung toben.

Unglücklicherweise war das letzte Jahr besonders fatal. Schon im Winterquartier fielen 27 majestätische Höckerschwäne der Vogelgrippe zum Opfer.

Von insgesamt 120 Ende 2022 eingesammelten Schwänen überlebten lediglich 65!

[…..] Üblicherweise verlassen die Schwäne im Frühjahr gemeinsam als große Gruppe das Winterquartier. Dass das in diesem Jahr anders gemacht wird, liegt an der Vogelgrippe, die den Schwanenbestand Anfang des Jahres hart getroffen hat. 27 Tiere sind wegen der Vogelgrippe verendet. Wegen einer Infektion mit Botulismus-Bakterien, die in sauerstoffarmen Gewässern vorkommen und die Wasservögel vergiften, seien zudem weitere Tiere verendet. Der eigentlich rund 100 bis 120 Exemplare umfassende Bestand ist auf 65 Tiere geschrumpft. Alle Tiere werden in diesem Jahr vor ihrer Entlassung zunächst auf die Vogelgrippe getestet. Nur gesunde Tiere dürfen das Quartier verlassen und ihre Brutgebiete aufsuchen. Am Eppendorfer Mühlenteich waren sie zu ihrem Schutz bereits seit Januar in Zelten und in Kleingruppen untergebracht worden.  [….]

(NDR, 11.014.2023)

Nun haben wir in Hamburg bekanntlich seit 2015 einen Grünen Umweltsenator und eine Grüne Bürgermeisterin.

Theoretisch wäre es also denkbar, daß die Stadtregierung Schritte unternimmt, um die Hamburger Wasservögel besser zu schützen.

Grüne würden das tun.

Allerdings ist der Hamburger Landesverband kein grüner Grünen-Verband, sondern ein Oliv-Grüner mit extremer Schlagseite nach Rechtsaußen. Die Hamburger Grünen frönen (auf Bezirksebene) ihrem manischen Drang, mit der CDU zu koalieren und sie hassen Bäume.

Das ist geradezu der Signature-Move Grüner Senatoren: Straßenbäume abholzen und ums Verrecken nicht nachzupflanzen.

(….) Und dann ist da noch das leidige Hamburg, welches als Stadtstaat natürlich das 2%-Ziel nicht erfüllen kann, aber mit seinem Natur-hassenden Grünen Umweltsenator Anjes Tjarks dafür manisch Bäume abhacken lässt.

(….) Meine Hamburger Nemesis, der ewig grinsende fromme fanatische Fahrradfahrer-Senator Anjes Tjarks, kommt mal wieder nicht aus den Schlagzeilen.  Sein geradezu wahnhafter Eifer, Velorouten kreuz und quer durch die Stadt zu ziehen, wirkt auf Radfahrer sicherlich positiver, als auf Autofahrer wie mich.

Hamburg zur Stauhauptstadt zu machen, ärgert mich, weil es unbequem ist, aber ich verstehe natürlich die Absicht: Individualverkehr mit dem Verbrenner-Auto ist unökologisch; die Natur freut sich über Radfahrer.  Allerdings werden bei der gewollten Verdrängung von Autos aus der Stadt, ökologische Varianten wie Elektroautos oder die völlig sauberen Wasserstoff-betriebenen Vehikel gleich mit blockiert, obwohl die doch eigentlich gefördert werden sollten. Schließlich gibt es Menschen, die entweder nicht so sportlich sind, wie der unablässig radelnde, schwimmende und laufende junge Herr Tjarks. […..]

Vollends absurd wird die Tjarkssche Verkehrspolitik aber dadurch, daß der Grüne Mann sich so sehr auf Radwege fixiert und damit erheblich größere ökologische Schäden anrichtet, indem er immer wieder geradezu manisch Straßenbäume abhacken lässt. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon von Grünen Baumfäll-Aktionen gebloggt habe.   (….)

(Gut sein und kassieren, 19.04.2022)

Senator Tjarks will nun weitere 500 Straßenbäume fällen lassen.

[….] Hunderte Bäume müssen für Hamburgs Velorouten weichen

Schnell, bequem und sicher: Bis 2025 will Hamburg das stadtweite Veloroutennetz fertig bauen. Die 14 Strecken verlaufen weitgehend abseits der Hauptverkehrsstraßen und sollen die äußeren Stadtteile mit der Innenstadt verbinden. Dafür geht es allerdings einigen Bäumen an den Kragen. Die Verkehrsbehörde spricht trotzdem von einer positiven Bilanz, der Umweltverband Nabu sieht das ein wenig kritischer. [….]

(MoPo, 31.05.2022)

Schande über die Grünen!

Keine Stimme für die Baumhasser!

[….] Wie in jedem Jahr werden mehr Bäume gefällt als Nachpflanzungen vorgesehen sind: Zwischen dem 1. Oktober 2021 und dem heutigen 28. Februar 2022 sind in Hamburg fast 1000 Straßenbäume gefällt worden. Für ein Viertel der gefällten Bäume ist kein direkter Ersatz geplant. Besonders dramatisch ist der Verlust von über 200 Bäumen, die aufgrund ihres Alters und der damit verbundenen Größe besonders wertvoll sind.   [….]

(NABU, 28.02.2022)  (…)

(Olivgrün und klimafeindlich, 02.06.2022)

Für die Schwäne ist allerdings nicht Baummörder Tjarks verantwortlich, sondern sein grüner Kollege Umweltsenator Jens Kerstan.

Im Moment ist Schonzeit für die Schwäne, da sie noch brüten. Da hatte Kerstan eine besondere Idee: Er verteilt Abschussgenehmigungen und lässt Höckerschwäne in Hamburg abknallen!

Kann man sich nicht ausdenken.

Kerstan läßt mitteilen, die Höckerschwäne gefährdeten die Landwirtschaft in den Bezirken HH-Bergedorf und HH-Harburg.

„Aufgrund der Vielzahl an Wildvögeln war eine Reduzierung der Erntemenge durch Fraß und Verkotung und daraus resultierende Ertragsausfälle zu erwarten bei nicht weiterführender und andauernder Bejagung und daraus folgender Vergrämung“ – teilte Senator Kerstans Sprecherin Renate Pinzke mit.

[…..]  „Die Doppelmoral des Senats zwischen Schützen und Schießen von Schwänen auf dem Hamburger Stadtgebiet ist beschämend. Als gäbe es Schwäne erster und zweiter Klasse. Pech für sie. Wenn sie zufällig Flächen des Südosten der Stadt ansteuern. Dann sind sie der Gefahr ausgesetzt, mit Blick auf die wirtschaftlichen Interessen der Landwirtschaft getötet zu werden. Parallel beweihräuchert sich der Senat, wie er seit knapp 400 Jahren seine schützende Hand über die Alsterschwäne hält.“ [….]

(Malte Siegert, Naturschutzbund Hamburg, 01.06.2023)

Was die Grünen nur für einen Kack-Partei in Hamburg?

Donnerstag, 1. Juni 2023

Impudenz des Monats Mai 2023

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Vorbemerkung 1:

Bundeswehr. Wir heute jeder weiß, ist die deutsche Bundeswehr im internationalen Vergleich finanziell recht gut aufgestellt. Boris Pistorius hat mehr Geld zur Verfügung, als sein französischer Kollege, der damit aber auch noch Atomwaffen und diverse Flugzeugträger unterhalten muss.

Deutschland ist nur zu blöd, das viele Geld sinnvoll auszugeben und hatte insbesondere unter den CDU-Kanzlern nie einen Plan wozu es eigentlich überhaupt Militär einsetzen möchte.

[….] In der Bundesrepublik gab es, flapsig gesagt, fünf Phasen der Wahrnehmung der Armee durch „die“ Bevölkerung. (Die Anführungszeichen deuten an, dass es sich um eine grobe Verallgemeinerung handelt, wie dies im Social-Media-Zeitalter üblich ist.)

Die erste Phase: Wir wollen keine Armee mehr. Der Weltkrieg. Fünfzigerjahre, erste Hälfte. Die zweite Phase: Wir brauchen leider eine Armee. Die Sowjets. Zweite Hälfte Fünfzigerjahre bis Achtzigerjahre. Die dritte Phase: Wir brauchen keine Armee mehr. Sowjets weg, wir haben gewonnen. Die Neunziger Jahre. Vierte Phase: Wir brauchen ein bisschen Armee, muss aber billig sein. Nuller- bis neue Zwanzigerjahre. Fünfte Phase: Ohgottohgott, wir haben ja nur eine kleine, billige, unmoderne Armee. Aber der Russe, der Chinese und überhaupt. Seit Februar 2022.  [….]

(Kurt Kister, 05.05.2023)

Die „das muss alles billiger“-Phase fiel in die Merkel-Zeit. Leider kümmerte sich die Kanzlerin aber nicht nur selbst nicht die Bohne um ihre Soldaten, sondern sie setzte auch noch ausrangierte besondere Pfeifen als Verteidigungsminister ein.

[….] Gute Verteidigungspolitik in der vierten Phase wäre ein allmählicher, geplanter Übergang von der Wehrpflichtarmee zu einer Freiwilligentruppe gewesen. Dazu hätte der Abbau alten Materials gehört, aber auch die anhaltende Modernisierung der immer noch nötigen Ausrüstung und Bewaffnung. All das wurde – unter der Bundeskanzlerin Angela Merkel und der tätigen, wechselnden Mithilfe von CDU, CSU, SPD und FDP nicht nur versäumt, sondern bewusst unterlassen. (Dass die Grünen daran nicht aktiv beteiligt waren, liegt ausschließlich daran, dass sie in jener Zeit nicht zu den Bundesregierungen gehörten.) Was erreicht wurde, war die fünfte Phase: Ohgottohgott, wir haben ja nur eine zusammengekürzte, unmoderne Armee! Zurzeit erfüllt sich auch in der Armee eine Erfahrung, die man in jeder Firma macht, wo man erst wild kürzt und Leute „abbaut“, um dann festzustellen, dass man überraschenderweise nicht mehr genug Leute hat und vor allem nicht mehr die richtigen. Auch bei der Bundeswehr war das dauernde Kürzen mehr ein Beschneiden der Zukunft als eine Kürzung der Kosten.   [….]

(Kurt Kister, 05.05.2023)

Nun funktioniert gar nichts mehr und die Strukturen wurden von den C-Ministern Franz Josef Jung (2005-2009), Karl-Theodor zu Guttenberg (2009-2011), Thomas de Maizière (2011-2013), Ursula von der Leyen (2013-2019) und Annegret Kramp-Karrenbauer (2019-2021) so hoffnungslos ruiniert, daß es nicht mehr ausreicht, Geld drauf zu gießen. Das Bestellen von Knieschonern oder Thermounterwäsche überfordert das Bundeswehrbeschaffungsamt schon derartig, daß dafür zehn Jahre ins Land gehen.

(….) Es gibt aber Verantwortliche. Das sind in erster Linie zwei Männer. Einerseits der Deutschen liebste Politiker seit 40 Jahren: Karl-Theodor von und zu Googleberg und andererseits Merkels Lieblingsminister Thomas de Maizière.

Der CSU-Mann und der CDU-Mann brachen unter der Aufsicht des CDU-Kanzleramtes der Bundeswehr den Rücken. Dafür werden sie offenbar auch innerhalb der Bundeswehr immer noch gehasst wie die Pest. Von der Leyen und Kramp-Karrenbauer waren nur zu schwach uns zu unbedarft, umzusteuern. Kaputt gemacht haben den amoralischen Laden aber die beiden genannten CDUCSU-Herren. (….)

(Männerproblem im Verteidigungsministerium, 19.01.2023)

Vorbemerkung 2:

Hamburger Hafen.

Über Jahrhunderte war Hamburg einer der wichtigsten Häfen der Welt.

Das ist logisch, denn Hamburg gehörte zur Hanse, die Lage an der Elbe, im Landesinneren war ideal, um geschützt vor Unwettern und Piraten Handel zu treiben. Zudem waren die Hamburger schlau und innovativ. Die zwischen 1883 und 1927 südlich der Altstadt errichtete „Speicherstadt“ ist der weltweit größte historische Lagerhauskomplex, steht seit 1991 unter Denkmalschutz und gehört seit 2015 zum UNESCO-Welterbe. Eine architektonisch faszinierende, aber vor allem ökonomisch geniale Freihafen-Einrichtung. Die Handelsschiffe konnten direkt zu den Häusern fahren, an denen sie mit modernster Windentechnik und einem Heer bienenfleißiger Arbeiter zollfrei entladen wurden.

Seit einigen Jahren grämen sich aber die Hamburger, weil sie im Vergleich mit Rotterdam und Antwerpen zurückfallen. Es schmerzt, das mitansehen zu müssen, wenn man so viele Jahrhunderte führend war.

Aber der Abstieg ist unaufhaltsam, weil die Schiffe nicht mehr 30- oder 70 Meter lange Frachter sind, sondern 400 Meter lange Monster mit so einem Tiefgang, daß die Elbe einfach zu flach ist. Hamburg kann gar nicht dagegen anbaggern, weiß nicht wohin mit dem Schlick.

Zudem brauchen diesen maritimen Riesen gewaltigen Platz, um zu manövrieren. Wie dreht man aber ein 400 Meter langes Ungetüm um, wenn sich der Hafern mitten in der Stadt befindet, daher nicht vergrößert werden kann und das Hafenbecken zu flach ist. Hier haben Hochwasserhäfen wie Rotterdam Vorteile, die man in Hamburg nicht aufholen kann, weil jedes Schiff erst mal 120 km die Elbe rauftuckern muss, um überhaupt hier anzukommen. Zudem hat sich der Logistikvorteil der Speicherstadt mit der Einführung von Standardcontainern erledigt. Der Freihafen wurde in der zollfreien EU-Welt ebenfalls schon 2013 abgeschafft.

Der letzte Vorteil Hamburgs gegenüber den Konkurrenten an der Nordsee ist die schnelle Verladung der Container auf die Schiene. Aber:

  [….] Natürlich ist nicht alles schlecht, Hamburgs großer Vorteil ist die Anbindung ans Schienennetz: Etwa jeder zweite Container wandert direkt vom Schiff zum Güterzug, auch ökologisch ein Vorteil gegenüber einem Weitertransport mit dem Lkw. Problematisch ist allerdings das, was sich hinter dem Wort "Hinterlandanbindung" verbirgt: Je weiter sich der Zug vom Hafen wegbewegt, desto kritischer wird es im veralteten deutschen Streckennetz. "Ich kann noch so eine gute Anbindung bauen, wenn ich im Hinterland permanent Verspätungen einfahre, dann ist das auch kein Qualitätsfaktor", sagt [Logistik-Professor an der Hamburg School of Business Administration]  Ninnemann. Und da könnten auch in Zukunft neue Probleme entstehen. Wenn die Bahn den Personenverkehr auf einen Stundentakt optimiere, habe das auch Rückwirkungen auf den Güterverkehr, für den es dann immer weniger Kapazitäten gebe. Schwacher Trost: Das trifft dann auch die Nachbarländer. Die Niederländer haben eine reine Güterzugstrecke vom Hafen in Rotterdam bis nach Deutschland gebaut, da läuft alles reibungslos - bis zur Grenze.  […..]

(Saskia Aleythe, 30.05.2023)

Auch das Bahn-Desaster fiel nicht vom Himmel.

[….] Nein, die Deutsche Bahn hat sich nicht selbst ins Desaster manövriert. Dieses historische Versagen besorgte wesentlich eine einzige Partei: die CSU. Eine Abrechnung.  [….]

(Holger Gertz, 21.04.2023)

Vorbemerkung 3:

Internet. Im Zeitalter der Flugscham machen wir Nordeutschen lieber wieder kleinere Reisen in die Nachbarländer. Polnische Ostseeküste, Dänische Fjorde, Holländische Nordseeinseln. Alles mit der Bahn oder mit Elektroauto erreichbar.

Und alle Reisenden berichten von dieser einen erstaunlichen Sache: Kaum passiert man die deutsche Grenze gen Westen, gen Norden oder gen Osten, schon funktionieren Internet und Handynetz wie auf Speed. Googeln wird zur Wonne, kein Wartesymbole mehr beim Seitenaufbau. Jede Website ist verzögerungslos sofort auf dem Display sichtbar.  Wer länger bleibt, merkt zudem wie eine funktionierende digitalisierte Verwaltung arbeitet. Keine Termine beim Ortsamt, sondern alles in Windereile simpel auf dem Smartphone zu erledigen.

Bei der Downstreamgeschwindigkeit in Mbits-1 ist Deutschland hoffnungslos abgehängt.

Auch hier gibt es klar zu benennende Schuldige: 12 Jahre zuständige CSU-Bundesminister Ramsauer, Dobrindt und Scheuer – in Zusammenarbeit mit Digitalstaatsministerin Dorothee Bär.

Jene Pfeifen, die nun zu Ron DeSantis pilgern und seine mittelalterliche LGBTIQ-Politik lobpreisen.

Die Impudenz des Monats Mai 2023 sind damit alle CSU-Minister der Bundesregierungen, die eben nicht nur während ihres Ministerdaseins als teure Witzfiguren à la Scheuer fungierten.

Die CDU und insbesondere die CSU zu wählen, schadet eben nicht nur der jeweils amtierenden Bundesregierung, sondern zieht die Deutschland auch Jahrzehnte darüber hinaus in den Abgrund.

Und genau das will der masochistische Urnenpöbel, der nun schon wieder die CDUCSU in allen Umfragen weit vorn sieht.

Mittwoch, 31. Mai 2023

Danke Bremen

Das Drama der Berliner Landes-Groko ist vielschichtig.

Zunächst einmal, gäbe es sie gar nicht und die alte RGR-Koalition würde weiter regieren, wenn die wie immer hoffnungslos debakulierende Berliner Verwaltung, es geschafft hätte, am 26.09.2021 ordnungsgemäße Wahlen durchzuführen, die nicht wegen offenkundiger allgemeiner Doofheit am 12.02.2023 hätten wiederholt werden müssen.

Ich sage es extrem ungern, aber man kann beim besten Willen nicht behaupten, die regierende Berliner Landes-SPD; meistens in einem Boot mit den Grünen; wären in den letzten gut 20 Jahren fähig gewesen, die ganz normalen Verwaltungsaufgaben zu bewältigen. Eigentlich gehören solche Roten und Grünen abgewählt. Das war aber nicht möglich, da Landes-CDU und Landes-FDP noch deutlich schlimmer sind und sich die Stadt immer noch nicht von dem Multimilliardendesaster erholt hat, welches die Diepgen/Lewandowsky-Regierung (Stichwort Berliner Banken-Katastrophe) zuvor anrichtete.

Die Berliner Wähler hätten theoretisch eine/n Grüne/n auf den Chefsessel platzieren können, aber leider gaben der Hauptstadtgrünen rund um die extrem unbeliebte geborene Bayerin Bettina Jarasch als Umwelt- und Mobilitäts-Senatorin, ein zu jämmerliches Bild ab.

Die besten Senatoren der Stadt – Lederer und Kipping – waren kurioserweise beide Linke, aber die auf Platz 1 zu setzen, verhinderte die Anti-Linkenkampagne der Aluhut-Schwurblerin und Putinistin Sahra Sarrazin in einer konzertierten Aktion mit der Linken-Bundespartei.

Der Wählerwille des Urnenpöbels war eindeutig. Mit zehn Prozentpunkten Abstand wurde die CDU stärkste Partei und so regiert nun, mit dem provinziellen und xenophoben Auto-Narren Kai Wegner ein Mann zum Mitschämen die geschundene Millionenstadt an der Spree.

Glücklicherweise kann man die ebenfalls bisher schon RGR-regierte Hansestadt Bremen nicht mit Berlin vergleichen.

Ja, es war kurios, auch an der Weser gibt es gegen den Bundestrend zwei besonders gute Linke Senatoren und zwei katastrophal unbeliebte Grüne Regierungsmitglieder.

Dafür wurden die Grünen zu Recht abgestraft und schickten ihre Senatoren Maike Schaefer und Anja Stahmann in Rente.

Aber der beliebte Bürgermeister Bovenschulte konnte, anders als Giffey, die Verluste kompensieren.

In Bremen funktionierte die Verwaltung, de Wahl wurde korrekt abgehalten, der SPD-Amtsinhaber ist populär, seine Partei legte zu, wurde stärkste Partei. Die Wähler machten eben nicht eine bisherige Oppositionspartei zur stärksten Kraft, drückten nicht ihren Willen nach einem Wechsel aus.

Glückliche Bremer. Sie müssen also nicht zukünftig, wie die Berliner, auf ihre besten Senatoren verzichten und von CDUlern im Senat blamiert werden. Bovenschulte hat entschieden, wie es weitergeht.

[….] Wer klug ist, nicht nur in der Politik, greift Bedenken auf, bevor sie jemand gegen einen wendet. Und genau das tat Bremens alter und sehr wahrscheinlich neuer Bürgermeister Andreas Bovenschulte, als er seiner Ankündigung, die Koalition mit Grünen und Linken in der Hansestadt fortsetzen zu wollen, den Satz beistellte: "Ein einfaches Weiter-so" könne es nicht geben.

Dass die Sozialdemokraten die Wahl im Zweistädtestaat so deutlich gewonnen haben, liegt zuallererst an ihm: Der Sänger, Gitarrist und Jurist (mit steigendem Professionalisierungsgrad) hat ein Talent, das gar nicht mal so häufig ist unter Berufspolitikern: Er kann Menschen unterhalten und Zuversicht verbreiten. [….] Vor allem die grüne Umweltsenatorin und Spitzenkandidatin Maike Schaefer zog Unmut auf sich, und sei es nur durch so etwas Banales wie die Abschaffung einer Kurzparktaste fürs Brötchenholen. Ihr Rücktritt liefert den psychologischen Vorteil, den Bovenschultes "Weiter-so-aber-besser-Koalition" braucht. [….]

(Ulrike Nimz, 25.05.2023)

Dienstag, 30. Mai 2023

Kässi bleibt sich treu

Die Frau kann man sich nicht ausdenken.

Seit Beginn dieses Blogs vor 16 Jahren analysiere ich regelmäßig die frappierende geistig-moralische Unterbelichtung von Deutschlands bekanntester Bischöfin.

Dabei betone ich immer wieder, daß ich selbstverständlich das Recht auf freie Religionsausübung unterstütze. Jeder darf und soll glauben oder nicht glauben, was er will. Natürlich darf sie gern Bischöfin sein.

Allerdings sucht kein deutscher Kirchenvertreter so penetrant die Öffentlichkeit, überflutet den Buchmarkt mit neuen „Werken“, sitzt in Talkshows, gibt ununterbrochen Interviews und schreibt auch noch wöchentlich Kolumnen für Europas größte und auflagenstärkste publizistische Dreckschleuder, wie sie.

Margot Käßmann ist derartig Publicity-süchtig, daß niemand ihr entkommt, auch wenn er noch so ungern über sie spricht.

Man denke nur daran, was sie dem armen Denis Scheck in den letzten Jahrzehnten antat, indem ihre Plattitüdensammlungen in den TopTen landeten und er dadurch gezwungen war, den Unsinn für seine Druckfrisch-Rubrik zu lesen.

Ihre Mitteilungswut konterkariert notwendigerweise ihre geistige Schlichtheit.

 Ihre fortwährend erscheinenden Bücher (80 Stück bisher!) sind derart platt und inhaltsleer, daß professionelle Buchkritiker wie Denis Scheck vor echte Herausforderungen gestellt werden, wenn sie die neuesten Käßmannschen Plattitüden-Ansammlungen beschreiben müssen.

Der arme Denis Scheck, der all die Käßmann-Bücher tatsächlich gelesen hat, findet aber angemessene Worte.


Margot Kässmann "In der Mitte des Lebens"
Changierend zwischen Predigtentwürfen und autobiographischen Notizen, geschrieben in jenem anbiedernden theologischen Kauderwelsch, das zum Niedergang der protestantischen Predigt beigetragen hat, ist dieses in seiner Konzeption nicht nachvollziehbare, in seinen Gedankengängen sprunghafte Büchlein eher eine Art Promigucken als wirklich etwas zum Lesen.


Margot Kässmann: "Sehnsucht nach Leben "
In zwölf besinnungsaufsatzähnlichen Texten denkt die Ex-Vorsitzende der EKD über Leben und Liebe, Kraft, Heimat, Stille und ja, auch über Gott nach. Dabei schreibt sie Sätze wie: "Ein Nein ohne jedes Ja – das wurde auf lila Tüchern beim Kirchentag 1983 in Hannover gegen den Willen von Kirchentagsleitung und Evangelischer Kirche in Deutschland zum Symbol." "Ein Nein ohne jedes Ja", auf diesen wirren Nenner könnte man auch meine Meinung zu diesem Mischmasch von einem Buch bringen.


Margot Kässmann: Mehr als Ja und Amen

Gibt es Jämmerlicheres, als wenn Erwachsene beim Besuch im Kindergarten oder in der Grundschule so tun, als wären sie selbst Kindergartenkinder oder Grundschüler? Dieses literarische Leben auf Kredit, diese geborgte Naivität, dieses Sich-blöd-stellen mit großen Stauneaugen ist der basso continuo von Margot Kässmanns publizistischem Oevre. "Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsauschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze", schreibt sie. Ein unnötiges Buch, von der Konzeption her Kraut und Rüben, in der Ausführung lieblos hingerotzt, ein Buch, dessen Leser sich wie zu Unrecht ans Kreuz geschlagen fühlen müssen.

(Denis Scheck 06.05.13)

 

Margot Käßmann: "Sehnsucht nach Leben"

Zwölf Aufsätzlein der Ex-EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. "Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen", schreibt Margot Käßmann darin. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel, für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid.

(Denis Scheck 25.09.11)

 

Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"

Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"

(Denis Scheck, 30.01.11)

(Tammox 29.04.12)

Käßmann missversteht wie viele Aluhüte den Begriff Meinungsfreiheit, als das Recht UNWIDERSPROCHEN ihre Meinung kundzutun.

Selbstverständlich darf sie für die rechtspopulistische Springer-Presse schreiben und im Reichelt/FJWagner-Kosmos ihre schlichten Ansichten verbreiten. Aber mit einem derartig mächtigen Multiplikator sind ihre Texte dann auch wirklich verbreitet und gelangen auch an Menschen, die geistig nicht ganz so schlicht, wie der durchschnittliche BILD-Leser gestrickt sind. Als prominente Figur wird Käßmann von den Agenturen zitiert und dann ist der Schlamassel nicht mehr aufzuhalten. Ihre Thesen sind derartig hanebüchen, daß es schwerfällt, sie zu ignorieren. Zumal Käßmann in all ihrer Doofheit noch nicht mal witzig ist, sondern immer nur ihre besonders schwere Form des Dunning-Kruger-Leidens vorführt.

Und nun das: Sie hört auf als BILD-Kolumnistin für den Trump-Fan Matthias Döpfner zu schreiben.

Gründe, um sofort jede Zusammenarbeit mit dem hepatisgelben Aluhut-Konzern, der toxischen Geißel der deutschen Presse, abzubrechen, gibt es mehr als genug. Niemand schürt so nachhaltig xenophobe Stimmungen und schadet Deutschlands Zukunft so sehr, wie Käßmanns Arbeitgeber. Es ist übrigens ein Job, den die in Buchtantiemen schwimmende Millionärin und B9-Penionärin (gegenwärtig 12.425,82 Euro monatlich) sicherlich nicht finanziell benötigt.

(….) Die Protestanten in Deutschland stehen nach der exzessiv gefeierten Lutherdekade etwas bedröppelt am Rand, während die päpstlichen Kollegen mit immer neuen Kindersexskandalen in allen Ländern der Welt für Schlagzeilen sorgen.

Käßmann ist in Rente, macht sich auf Steuerzahlerkosten ein schönes Leben.

Im Alter von 60 Jahren genießt die Bischöfin ihre B9-Pension, 11.577,13 Euro im Monat, ohne selbst Beiträge gezahlt zu haben. Ihre Zeit als Luther-Botschafterin, 2012-2017 verbrachte sie mit weltweiter Dauerreisetätigkeit, um Propaganda für einen der menschenfeindlichsten Antisemiten der Geschichte zu machen. Sie war entsprechend ihrer rhetorischen und intellektuellen Fähigkeiten effektiv. Während ihrer fünf Jahre als Ober-Lutheranerin verließen mehr als 1,8 Millionen Evangelen die Kirche!

2012 zählte die EKD 23.356.096 Mitglieder; nach fünf Jahren Käßmann waren es 2017 noch 21.536.000!

Da kann man schon mal applaudieren.  (…)

(First World Problems, 13.11.2018)

Und wieso hört sie nun konkret beim Lügenblatt Bild mit dem schönen christlichen Motto bumsen, belügen, wegwerfenauf? Sind ihr nach neun Jahren und 454 BILD-Kolumnen doch noch moralische Skrupel gekommen?

Nein, weit gefehlt.

Die arme Frau beklagt sich darüber, kritisiert worden zu sein!

[….] Die "Bild am Sonntag" habe im vergangenen Jahr eine Reichweite von rund 6,2 Millionen Leserinnen und Lesern pro Ausgabe erzielt, erläuterte die frühere Landesbischöfin von Hannover und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Es war mir eine Freude, die Kolumne schreiben und Ihnen jede Woche einen Bibelvers mit auf den Weg geben zu dürfen", schreibt die Theologin ihren Leserinnen und Lesern. In ihrer letzten Kolumne am Pfingstsonntag begründete Käßmann ihren Schnitt auch mit der "Dauerkritik", die sie zunehmend belaste. "Wer heute eine Meinung äußert, wird von denen mit einer anderen Meinung sofort an den Pranger gestellt, mit übelsten Beschimpfungen versehen und diffamiert", schreibt sie. "Die Diskussionskultur ist durch die sogenannten sozialen Medien absolut verroht. Da fehlt Menschen jeder Anstand, sie rotzen ohne Anrede ihre Ablehnung persönlich beleidigend in die Tasten." Sie diskutiere gern. "Aber nicht auf diffamierende Weise. Das muss ich mir nicht mehr antun."  [….]

(Katholisch, 28.05.2023)

Waaaaas? Die BILD und ihre Leser sind gar nicht der feinsinnige intellektuelle Zirkel, für den sie ihn immer hielt?

Potzblitz.

Montag, 29. Mai 2023

Türkische Zahlen

Immer wenn außer der Reihe Autokorsi, Feuerwerk und stundenlanges Gehupe hier in der Stadt aufgeführt werden, nehme ich an, Deutschland ist Fußballmeister geworden, oder der HSV hat einen Pokal gewonnen. Was weiß ich schon, wo gerade Gröl-Menschen allerlei Geschlechtes wegen welcher Trophäen über den Platz rasen?

Fußballfans sind nun einmal lärmige Proleten; damit muss man leben, wenn man in der Stadt wohnt.

Da mich Bällchentreten nicht die Bohne interessiert, mache ich in so einem Fall die Fenster zu, drehe die Musik lauter und ignoriere das alberne Theater. So auch gestern Abend. Stunden später stutzte ich, als ich bei einem flüchtigen Blick auf die News feststellte, daß der HSV-Aufstieg offenbar doch nicht der Grund für den Lärm gewesen war, weil die Hamburger, wie jedes Jahr, im letzten Moment verkackt hatten.

Dann schwappten auch schon die Türkophoben Kommentare durch die sozialen Medien.

Es waren offenbar die Microphalli-behafteten Erdoğan-Epigonen, die in ihren Poser-Karren ihre Komplexe kompensieren mussten.

[….] Indirekte Kritik am Wahlverhalten hatte Landwirtschaftsminister Özdemir geäußert. Der Grünen-Politiker schrieb auf Twitter, Erdogans Anhänger feierten hierzulande, ohne für die Folgen ihrer Wahl einstehen zu müssen. Dies müssten aber viele Menschen in der Türkei durch Armut und Unfreiheit. Die Autokorsos jubelnder Türken hierzulande seien eine Absage an die pluralistische Demokratie.

Gestern Abend waren unter anderem in Berlin, Duisburg und Hamburg hupende und mit Türkei-Fahnen geschmückte Autos durch die Straßen gefahren. In Mannheim kam es laut Polizei zu „Provokationen“ zwischen Teilnehmern eines Autokorsos sowie Passanten, die letztlich „auch in körperlichen Auseinandersetzungen endeten“.

Bei der Stichwahl hatte Erdogan gestern 52 Prozent der Stimmen erhalten, sein Herausforderer Kilicdaroglu kam auf 48 Prozent. […]

(DLF, 29.05.2023)

Demokratie ist schön, weil sie besser als Autokratie ist.

Aber sie funktioniert unglücklicherweise nur mit halbwegs gebildeten und informierten Wählern.

Davon haben wir hier nicht genügend, wie die am Wochenende gemessenen 18 Insa-Prozent für Führer Bernd Höcke beweisen.

Ich verstehe natürlich Cem Özdemirs Frust sehr gut und würde mir auch wünschen, alle in Deutschland lebenden wahlberechtigten Türken, hätten gegen den Präsidenten gestimmt und damit seinen Wahlsieg verhindert.

Gökay Sofuoğlu, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat aber Recht, wenn er den deutschen Minister kritisiert. Regierungen sollten Wahlentscheidungen nicht pauschal in Frage stellen.

Cem Özdemir bedient ein antitürkisches Klischee; in seinem Twitter-Feed toben sich erwartungsgemäß die „dann sollen sie doch zurück in Türkei gehen“-Trolls aus. Der Minister höchstpersönlich, öffnete die Tür für diese Pauschalkritik, weil DIE Türken in Deutschland Erdoğan wählen und anschließend, um den Deutschen den Mittelfinger zu zeigen, hupend unseren schönen ruhigen Pfingstsonntag ruinieren.

Das ist aber falsch, denn wir hören/sehen nur eine laute Minderheit.

Über den Daumen gepeilt, geht die Rechnung so:
50% der türkischstämmigen Menschen in Deutschland haben noch den türkischen Pass und sind wahlberechtigt (etwa 1,5 Millionen Personen).

50% der Wahlberechtigten gehen wählen.

60% der in Deutschland abgegebenen Stimmen, waren für Erdoğan.

60% von 50% von 50% sind 15% der türkischstämmigen Personen.

Fünfzehn Prozent sind aber nicht „die Türken“, sondern 450.000 von rund drei Millionen.

Aber so wie 30% für die AfD in Sachsen oder Thüringen viel zu viel sind, darf man auch sehr deprimiert angesichts von 15% für Erdoğan sein.

Man sollte aber schon mal nachfragen, welches die Gründe für so ein Wahlverhalten sind und nicht pauschal unterstellen, es wären alles Autokratiefreunde. Die Politikwissenschaftlerin Nalan Sipar hilft weiter. Sie hörte sich in Berlin bei jungen Erdoğan-Wählern um und fragte nach ihren Motiven. Im Presseclub am 14.05.2023 berichtete sie von den erhaltenen Antworten.

1.
Gegenreaktion auf das empfundene Erdoğan-Bashing der deutschen Medien.

2.

Sich als  Moslem in Deutschland diskriminiert fühlen, Erdoğan habe den Islam in der Türkei wieder stark gemacht.

3.

Wähle Erdoğan, weil die Eltern ihn auch immer wählen.

4.

Finde Erdoğan cool, weil er als Underdog zur Macht gekommen ist. Damit kann man sich als in Deutschland diskriminierter Mensch identifizieren.

5.

Enorme staatliche Propaganda der türkischen Medien, die rund um die Uhr für Erdoğan trommeln.

6.

Nostalgie-Türken, die nur noch selten zu Besuch in der Türkei sind, dann aber beeindruckt davon sind, wie gut die Infrastruktur unter Erdoğan geworden ist.

7.

Konservative AKP-Anhänger, die unbedingt verhindern wollen, daß Liberale an die Macht kommen.

Das sind keine empirischen Daten, aber sie zeigen, wie heterogen die Gründe der 15% Erdoğan-Wähler in Deutschland sind.

Offenbar gibt es Zusammenhänge mit einer gefühlten Diskriminierung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

Eine Diskriminierung, die sehr real ist, wie immer wieder bei Bewerbungen um Jobs und Wohnungen gezeigt wird, wenn man bei wortgleichen Texten deutsche oder türkische Namen einsetzt.

Mit türkischen Namen bekommt man schlechtere Noten in der Schule, spätere Arzttermine oder wird nicht in Diskotheken eingelassen.

Deutschtürken sind in allen gesellschaftlichen Machtpositionen unterrepräsentiert.

Es brauchte 73 Jahre bis mit Cem Özdemir der erste türkischstämmige Bürger Bundesminister wurde.

Nein, ich finde es natürlich übel Erdoğan zu wählen und möchte das nicht rechtfertigen, aber es gibt nachvollziehbare Motive.

Sonntag, 28. Mai 2023

Brücke zu den Faschisten

Vor zwei Jahren, lang ist es her, erschien Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wie der frische Wind. Die Grünen waren in Umfragen stärkste Partei mit rund 28%, Scholz und Laschet wirkten dagegen lahm und langweilig.

Am 26.09.2021 ging bekanntlich die SPD als erste durchs Ziel, aber auch in der Rot-geführten Ampel, sah es zunächst gut aus für die Grünen. 26% ermittelte die Forschungsgruppe Wahlen noch vor neun Monaten im August 2022 für die Habeck-Partei.

Wie konnte es in diesem Jahr nur so rasant bergab grünen, während die Höcke-Faschisten trotz hanebüchener Obstruktion auf absolute Rekordwerte von 18% klettern?

Sicher, grüne und rote Minister machen auch Fehler. Aber niemand mit einem IQ über Zimmertemperatur, kann das mit dem hochdebilen Schwachsinn vergleichen, den AfD-Hetzer öffentlich von sich geben.

[….] Wer gern mal wieder gefährliche Dummheit, Arroganz, Ignoranz und den #DunningKrugerEffekt in Kombination mit bewusster Falsch-Propaganda und trotziger Realitätsverleugnung bei der Arbeit sehen möchte, dem empfehle ich Steffen Kotré AfD bei Markus Lanz am Donnerstag!

Meinung statt Fakten, persönliche Gefühle statt neutraler Wissenschaft und Frieden für Putin -  selten so schockiert geschämt!

Und selten einen Menschen gesehen, der sich beim Argumentieren derart selbst verbal die Hosen ausgezogen hat!

Wer danach noch wirklich ernsthaft erwägt die #AfD zu wählen, leidet definitiv unter mentalem Kontrollverlust.  [….]

(Oliver Kalkofe, 26.05.2023)

Kalkofe hat Recht, vergisst aber zu erwähnen, wie viele Millionen Deutsche es gibt, die tatsächlich unter mentalem Kontrollverlust leiden. Weite Teile des Urnenpöbels sind grenzdebil und damit hochanfällig für abstruse Hetze und dummdreiste Lügen.

[….] Wer noch einen Beleg braucht, warum man AfD-Politiker nicht in Talkshows einladen sollte, liefert ihn #Lanz gerade: Völlig faktenfreies Schwurbeln des energiepolitischen Sprechers zum Klimawandel. Putinpropaganda inklusive. Dafür gibt‘s dann Applaus aus der rechtsextremen Blase. Verstehe ja den Gedanken, Propaganda „demontieren“ zu wollen. Mag bei Menschen, die die AfD durchschauen, funktionieren. Die AfD und ihre Fans werden den Auftritt trotzdem als Beweis für ihren Opfermythos feiern. So funktioniert die Propaganda von Rechtsextremisten.  [….]

(Georg Restle, 26.05.2023)

Die Voraussetzung, um die AfD auf 18% hochzutreiben, sind durch Mangel-Bildung und Minder-Intellekt des teutonischen Wahlvolkes also gegeben.

Dazu gibt es aber zwei Aktivierungs-Koalitionen, um die potentiell Braunwähl-Bereiten anzuspornen.

1.
Der C-Partei-BILD-Komplex, der massive antigrüne Hetze betreibt, um vom Totalversagen in den 16 CDUCSU-Kanzlerjahren abzulenken.

(….) Welcher Geist bei Reichelt herrscht, zeigte bereits Anja Reschke in diesem Beitrag mustergültig. Reichelts neues rechtes Geflecht versuchte natürlich die Ausstrahlung zu stoppen, aber der NDR schaltete den „Reschke Fernsehen“ Beitrag wieder frei.

Der CDUCSUAfD-Höhenflug und Grüne Niedergang wird befeuert, weil auch jenseits der rechtspopulistischen Medien, CDU und CSU den Fakten völlig entkoppelt, auf die Grünen eindreschen.

[….] Kein Fleisch für Kinder, und Pony reiten dürfen sie auch nicht mehr: CSU-Chef Markus Söder wirft den Grünen permanent vor, das Land mit Verboten überziehen zu wollen. [….] Wieso müssen "irgendwelche verhungerten grünen Funktionäre" entscheiden, was Kinder essen dürfen, fragt sich Söder öffentlich. Dass die Grünen den Verzehr von Fleisch- und Wurstwaren untersagen wollen, ist seit der missglückten Erfindung des "Veggie Day" ein Klassiker unter den Verbotsdebatten. Söder skizziert in diesem Kontext das Horrorszenario von einem Land, in dem die Menschen zum Frühstück Tofu-Weißwürste werden essen müssen, die Kinder ohne "Pausenbrot-Check" gar nicht mehr das Schulgebäude betreten dürfen, und wenn es überhaupt noch irgendwo Fleisch gibt, dann allenfalls Insektenburger.

"Jeder soll essen, was er will", findet Söder. Im Umkehrschluss steckt die Behauptung, dass man das nicht mehr darf. Wobei der CSU-Chef hier gerne und offenbar mutwillig fleischlose Angebote mit Fleischverboten gleichsetzt. [….]

(SZ, 13.05.2023) (….)

(Reichelts und Söders Grünen-Hetze, 15.05.2023)

2.

Der F-Partei-Lindner-Lehfeldt-Rosenfeld-Döpfner-WELT-Komplex.

(…..) Keine Steuern für Superreiche – so lautet das gemeinsame Motto von FDP und Springer. Bundesfinanzminister Lindner und BILD-Chef Döpfner, 2016 bis 2022 Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), waren sich daher einig, daß Matthias Döpfner keinen Cent Steuern zahlen musste, als er eine Milliarde geschenkt bekam. Steuerzahlen ist nur etwas für Geringverdiener.  Porschefahrer und Rolex-Träger stehen hingegen unter dem besonderen  Schutz der Hepatitigelben.

Sich eine private Lobbytruppe in der Bundesregierung zu halten, zahlt sich für den Springer-Haupteigner Döpfner also vielfach aus. Und so zeigt er sich der destruktiven Liste Lindner gegenüber stets erkenntlich. Beide Lindner-Ehefrauen haben Top-Jobs im Springer-Konzern; BILD und WELT werden dafür exklusiv mit Regierungsinterna versorgt.

Im Gegenzug befiehlt Döpfner seinem Konzern massive FDP-Wahlwerbung, um deren Regierungsposten zu sichern. (….)

(Die unspaßige Spaßpartei, 07.05.2023)

Zusammen ergibt das eine perfekte Partei-Presse-Propaganda, um die Faschisten maximal zu stärken.

[…..] Die rechtsradikale AfD [tritt] seit vielen Jahren lautstark gegen das von ihr selbst geschaffene Feindbild »linksgrün versifft« an. Dieses Feindbild macht sich die Union, insbesondere die wahlkämpfende CSU, derzeit mehr und mehr zu eigen. Die CSU, aber auch Teile der CDU machen Mafia-Witze über Wirtschaftsminister Robert Habeck (samt gephotoshopptem »Der Pate«-Plakat), übernimmt die antigrünen Slogans der »Bild«-Zeitung (»Heiz-Hammer«, »Heiz-Pranger«, »Heizungsspionage«, »Heiz-Stasi«), spricht im Gleichklang mit der AfD  bei jedem Anflug von strategischem Denken von »Planwirtschaft«. Dabei stellt bei den Grünen wirklich niemand die Marktwirtschaft infrage.

Die wiederum von »Bild« angefachte Aufregung über die Erhebung kommunaler Heizungsdaten ist übrigens ziemlich lustig: So eine »Energie-Stasi«, so einen »Schnüffel-Staat« (so der Thüringer CDU-Vorsitzende Mario Voigt ) gibt es bereits ! Nämlich in von der Union mitregierten Bundesländern Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein – und im CSU-Land Bayern . In allen drei Ländern sehen Klimaschutzgesetze eine entsprechende Datenerhebung schon vor.

Sehr oft geht es eben nicht um echte inhaltliche Differenzen, um unterschiedliche Auffassungen zu Sachfragen, sondern um die Diffamierung der Partei an sich. Um Strohmann-Attacken. Friedrich Merz ließ den Grünen kürzlich auf Twitter unterstellen, sie hegten »Hass auf die marktwirtschaftliche Ordnung, die Art, wie wir leben und arbeiten«. Das ist im Tonfall nicht mehr von Äußerungen aus der AfD zu unterscheiden. […..] Auch innerhalb der Koalition ist das Thema »Abwertung des grünen Koalitionspartners« bekanntlich, FDP sei Dank, salonfähig. Die Liberalen schicken immer wieder Leute vor, die den lächerlichen Kampfbegriff »Heizungsverbot« benutzen, um ein Gesetz zu kritisieren, dem sie selbst längst zugestimmt hatten. Ein Rechtsaußenvertreter der 6- bis 8-Prozent-Partei behauptete kürzlich, »Millionen Deutsche wären schlagartig in Partylaune, wenn die Grünen aus der Bundesregierung aussteigen«. Wolfgang Kubicki wollte  im März Parallelen zwischen Robert Habeck und Wladimir Putin entdeckt haben. […..] Fraktionschef Dürr macht mit »Bild« gemeinsame Sache gegen das von seinem Parteivorsitzenden kurz zuvor noch gelobte Gebäudeenergiegesetz: »Ich werde Habecks Heiz-Hammer entschärfen.« Immer geht es gegen die Grünen. Aber nicht gegen die echten, mit denen man koaliert, sondern gegen eine fiktive Partei, die die Marktwirtschaft ablehnt, Planwirtschaft einführen und Heizungen verbieten will. […..] Aber auch »Bild« und »Welt« tragen mit ihrer unterbrechungsfreien Anti-Grünen-Kampagne  vor allem zu etwas anderem bei: Please, stärke die AfD.  [….]

(Prof. Christian Stöcker, 28.05.2023)

Samstag, 27. Mai 2023

Leserbrief an die SZ

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wie lange ich schon die SZ abonniert habe, weiß ich gar nicht genau. 30 Jahre? Ich war noch Student und es war für meine damaligen finanziellen Verhältnisse eine kostspielige Angelegenheit. Aber letztlich überzeugte mich Heribert Prantl, den ich unter dem Begriff „Edelfeder“ kennengelernt hatte und der so wohltuend auf viel höherem Niveau schrieb, als ich das aus meinem sehr regionalen „Hamburger Abendblatt“ kannte.

Prof. Dr. Heribert Prantl (*1953), Jurist (Promotion Magna Cum Laude), Staatsanwalt, Richter, Autor, Journalist, Publizist war ab 1988 SZ-Redakteur, von 1995 bis 2017 Chef des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, 2018 bis 2019 Leiter des Ressorts Meinung und von 2011 bis 2019 war er Mitglied der Chefredaktion.

Das Abo habe ich nie bereut und schätze inzwischen viele andere SZ-Autoren sehr. Aber da Prantl für mich der erste Anknüpfungspunkt war, achte ich immer noch besonders auf seine Kolumnen am Wochenende und zu den Christlichen Feiertagen.

Umso mehr schmerzt es mich natürlich, bei all der Grundsympathie zu beobachten, daß Heribert Prantl offenbar zunehmend an „Religiotie“ leidet, die im Schmidt-Salomon-Sinn bedeutet:

Religiotie ist eine selten diagnostizierte (wenn auch häufig auftretende) Form der geistigen Behinderung, die durch intensive Glaubensindoktrination vornehmlich im Kindesalter ausgelöst wird. Sie führt zu deutlich unterdurchschnittlichen kognitiven Leistungen sowie zu unangemessenen emotionalen Reaktionen, sobald es um glaubensrelevante Sachverhalte geht. Bemerkenswert ist, dass sich Religiotie nicht notwendigerweise in einem generell reduzierten IQ niederschlägt: Religioten sind zwar weltanschaulich zu stark behindert, um die offensichtlichen Absurditäten ihres Glaubens zu erkennen, auf technischem oder strategischem Gebiet können sie jedoch (siehe Osama bin Laden) hochintelligent sein. Wie es „Inselbegabungen“ gibt (geistig behinderte oder autistische Menschen mit überwältigenden mathematischen oder künstlerischen Fähigkeiten), so gibt es offensichtlich auch „Inselverarmungen“ (normal oder gar hochintelligente Menschen, die in weltanschaulicher Hinsicht völlig debil sind).

Religiotie sollte daher als „partielle Entwicklungsstörung“ verstanden werden – ein Begriff, den der Entwicklungspsychologe Franz Buggle schon vor Jahren vorgeschlagen hat, um die spezifischen Denkhemmungen religiöser Fundamentalisten zu erfassen.“

(Keine Macht den Doofen, s.42f)  (….)

 (Das ewige Rätsel 23.04.2014)

Sicher, ich habe es leichter, weil ich säkular aufwuchs und nicht wie Prantl wohlige Kindheitserinnerungen mit katholischen Riten konnotiere. Von so etwas muss man sich erst einmal intellektuell befreien.

Aber dennoch sollten doch so umfassend belesene Menschen wie Prantl einsehen, wie absurd und paradox das katholische Grundkonstrukt ist.

Noch einmal MSS dazu:

[…..] Ich glaube nicht, dass die wissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnisse, die wir gewonnen haben, schwerer zu verstehen sind als die seltsamen Geschichten, die uns von religiöser Seite nahegebracht werden. Ich frage Sie: Was ist schwerer zu verstehen? Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass wir Teil eines evolutionären Prozesses sind, der aus einfachen einzelligen Lebensformen allmählich komplexere Organismen hervorbrachte? Oder der Glaube an einen Gott mit multipler Persönlichkeitsstörung (Dreifaltigkeit), dessen erster Teil (Gottvater) sich mit seinen Geschöpfen verkrachte, worauf er den zweiten Teil seiner selbst (Heiliger Geist) aussandte, um eine Jungfrau auf nichtsexuelle Weise zu schwängern, wodurch der dritte Teil seiner selbst (Jesus Christus) als aufrechtgehender Trockennasenaffe geboren wurde, um von einer historischen Besatzungsmacht hingerichtet zu werden und – ätsch – am dritten Tag wieder von den Toten aufzuerstehen? Man muss sich doch mal überlegen, welche intellektuellen Verrenkungen solche Glaubensinhalte den Menschen abverlangen. [….]

(Michael Schmidt-Salomon)

Wie kann also ein so heller Kopf wie Prantl an so etwas glauben?

Ein Klick zu Wikipedia hilft weiter.

[…] Heribert Prantl ist der älteste von drei Söhnen seines gleichnamigen Vaters, der Oberamtsrat und Stadtkämmerer sowie ehrenamtlicher Vorsitzender des Kolping-Werks war, und seiner Mutter Julie Prantl, einer Schneidermeisterin. Nach seiner Darstellung war sein Vater ein „gläubiger Mensch“, die Hochzeitsreise hatte die Eltern zum Wallfahrtsort Altötting geführt, den auch die Familie später oft besuchte. Als Jugendlicher engagierte er sich im Bund der Deutschen Katholischen Jugend und schrieb bereits ab dem Alter von 15 Jahren fast täglich Berichte und Reportagen für die Lokalzeitungen seiner Region. Er absolvierte 1973 sein Abitur am Regental-Gymnasium Nittenau. Danach leistete er seinen Wehrdienst (letzter Dienstgrad: Fähnrich der Reserve) in Regensburg und Idar-Oberstein ab.  [….]

(Wikipedia/Prantl)

Der Jurist und Journalist Prantl war aber immer ein liberaler Mann, dessen Ansichten ich stets respektierte.

Umso geschockter war ich, als Prantl 2012 zum inzwischen berüchtigten "Kölner Beschneidungsurteil" den Juristen und Humanisten in sich über Bord warf und sich der Religiot in ihm Bahn brach. Er plädierte deutlich dafür, Kindern und Jugendlichen, medizinisch unsinnige schmerzhafte Genitalverstümmelungen antun zu dürfen.

Zur Ausgießung des Heiligen Geistes, beschäftigt sich Heribert Prantl (es war so sicher wie das Amen in der Kirche) natürlich auch mit Pfingsten und stellt (ebenso sicher vorhersehbar) fest, wie wichtig dieses christliche Fest ist.

Garniert; auch das ist in jedem seiner Texte zu katholischen Riten so; mit einer ordentlich Portion Larmoyanz im Subtext.

„Ach, so ein Jammer, daß der Glaube nachläßt. Wäre es doch bloß wie früher in meiner Kindheit.“

Diese Leier kann ich inzwischen schon singen, lese die Kolumne aber trotzdem, weil ich weiß, wie gebildet Prantl ist und warte gespannt, welche historische Begebenheit oder welche literarische Vorlage er wohl diesmal verwendet, um zu dem erwartbaren Schluß zu kommen, daß es mehr Religion und mehr Rituale brauche.

Heute war es also der historische Händedruck des Juden Jitzchak Rabin und des Sunniten Jassir Arafat, den er in einer hanebüchenen Assoziationskette mit den Pfingstbildern von Tizian oder El Greco in einer metaphysischen Aufwallung verrührt und daraus den Schluß zieht, der Heilige Geist habe den Frieden gestiftet.

[….]  „Zwei Jahre nach Pfingsten erschoss ein religiöser Fanatiker den Ministerpräsidenten Rabin; der Friedensprozess hat diesen Mord nicht überlebt. Rabins Tod war der Anfang vom Ende des Friedensweges.“ (Prantl)

Da hat der Heilige Geist ja super gewirkt. Warum hat der Heilige Geist nach dem Attentat nicht nochmal für Frieden gesorgt?  [….]

(Charlie, via AMB, 27.05.2023)

Damit verläßt Prantl aber nicht nur den Raum des Irdischen, sondern auch den Raum der Realität und Ratio.

[…..] „Zwei Jahre nach Pfingsten erschoss ein religiöser Fanatiker den Ministerpräsidenten Rabin.“ (Prantl)

Zwölf Jahre nach Ostern hatte der verdummbibelte Prantl immer noch nicht begriffen, dass Zeitangaben wie „sechs Monate nach Mitternacht“ oder „17 Wochen nach dienstags“ einfach nur Ausdruck einer religiotisch verstrahlten Denkschwäche sind. [….]

(holey spirit, via AMB, 27.05.2023)

Es kann doch keinerlei Zweifel daran bestehen, daß gerade im „Heiligen Land“ ganz offenbar nicht etwa zu wenig „Heiliger“ Geist, sondern ganz im Gegenteil, viel zu viel Heiligkeit am Werke ist. Drei Weltreligionen konzentriert, ergeben seit Jahrtausenden die tödlichste Gemengelage auf Erden.

Die einzige Chance auf Frieden besteht ganz eindeutig nur in der Überwindung der Religiösen und der Religioten in Israel und Palästina. Wir sehen es gerade in der Netanjahu-Regierung; je stärker der Einfluss der Ultrareligiösen, desto weiter entfernt man sich vom Frieden. Das ist der einenden Faktor der drei Abrahamitischen Religionen: Je stärker sie auf ihre heiligen Überzeugungen und Geister pochen, desto mehr Krieg. Zu allem Übel verquickt Prantl schließlich auch noch den Krieg in der Ukraine mit der Frage des Heiligen Geistes, von dessen Kraft er gar nicht genug haben kann.

[….] Ist der Friede [in Israel] so weit weg wie in der Ukraine? [….] Wichtig ist die Antwort auf die Frage, wie Pfingsten wird: Was muss man dafür tun, welche Hindernisse sind zu überwinden und wie gelingt das? Allein Waffen, Geschütze, Geschosse und Kampflugzeuge überwinden die Hindernisse nicht. Sie führen nicht dazu, dass aus einem zerstörten Land wieder ein Raum wird, in dem sich leben lässt. Man braucht dazu einen Geist, der Kraft und Wille zur Verständigung schafft. Heilig ist jeder Geist, der Frieden stiftet.

Wenn man an die Ukraine, wenn man an den Nahen Osten denkt, dann wird einem bewusst, dass der Satz "Der Friede sei mit euch" sehr viel mehr ist als ein ausgeleiertes frommes Sprüchlein, das zu den religiösen Floskeln gehört. "Der Friede sei mit euch": Es ist dies, so die Bibel, das erste Wort des auferstandenen Jesus an seine Jünger.  [….]

(Heribert Prantl, SZ, Pfingstausgabe 2023)

Dabei ist es doch auch gerade in dem Fall klar, wer der oberste Aggressor und Rechtfertiger jeder tödlichen Gewalt ist: Kyrill I., Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.

[….]  Anfang voriger Woche traf die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) eine noch nie dagewesene Entscheidung: Sie gab bekannt, dass die Diözese Berdjansk von der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche an die russische Kirche übertragen wird – und zwar unter der Autorität von Patriarch Kirill. Berdjansk ist eine Stadt an der Küste des Asowschen Meeres in der Region Saporischschja, die unter russischer Besatzung steht. In den russisch besetzten Gebieten gibt es noch weitere Diözesen, die alle offiziell der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche angehören, die wiederum lange dem Moskauer Patriarchat unterstellt war.  [….]

(Mikhail Zygar, SPON, 27.05.2023)

Selbstverständlich erwarte ich als Atheist nicht, immer mit religiösen Ansichten überein zu stimmen. Ich will auch keine Zeitung lesen, die immer nur meine Meinung widerspiegelt. Ich möchte mich an den Kommentaren und Kolumnen reiben und dort etwas lesen, das ich vielleicht nicht 100% genauso sehe, aber doch die Argumente für eine andere Perspektive verstehe.

Nun aber ausgerechnet in den Palästina/Israel und Ukraine/Russland-Kriegen mehr Heiliger Geist und weitere Pfingsttage herbei zu schwärmen, ist so offensichtlich absurd, daß ich am Verstand des Autors zweifele.

[….] Es wurde in jüngerer Zeit hierzulande immer wieder überlegt, ob man den zweiten Pfingstfeiertag nicht einfach streichen sollte. Wenn man den Sinn von Pfingsten verstanden hat, wünscht man sich eher noch einen dritten Pfingstfeiertag. Die Kraft des Geistes braucht Präsenz, Platz und Raum. [….]

(Heribert Prantl, SZ, Pfingstausgabe 2023)

Ich mache mir Sorgen.

 Mit freundlichen Grüßen