Freitag, 17. Juni 2022

Die Tragik eines rechten Amoralisten

Da ich gerade an einem ganz neuen Computer sitze und noch lange nicht alle alten Funktionen und Daten übertragen habe, kann ich leider nicht auf meinen Ordner mit den Mike Pence-Memes zugreifen. Dieser ultrakonservative Schwulenhasser mit den verstörend mittelalterlichen Ansichten, der sich aus moralischen Gründen weigert, allein mit einer Frau in einem Raum zu sein und seine eigene Ehefrau Karen immer mit „Mother“ anspricht, ist so eine Inkarnation einer Witzfigur, daß er ganz allein die weltweite Meme- und Satire-Branche beschäftigen könnte.

Fast tragisch, daß ausgerechnet ihm eine noch viel groteskere Person, in Gestalt des orange geschminkten Psychopathen Donald Trump, vor die Nase gesetzt wurde und die globale Aufmerksamkeit allein absorbierte.

Kaum ein prominenter GOPer des Prä-Trump-Zeitalters inszenierte sich so erzchristlich-homophob-misogyn-prüde-bigott wie Pence. In der Liga spielten nur noch Rick Santorum, Pat Buchanan und Mike Huckabee mit.

Pence war aber der einzige, der es ganz nach oben in das zweitmächtigste Amt der USA brachte, indem er sich bedingungslos seinem Idol Trump verschrieb.

Daß Pence sich durch seine hündisch-servile Unterordnung zum Gespött der Liberalen machte, wird er verschmerzen können, da die Trump-Präsidentschaft die Agenda des ultrachristlichen Mike Pence durchaus gut erfüllte: Kaum eine Woche verging, ohne misogyne Ausfälle des Chefs, Frauen und LGBTIQs wurden im Wochentakt schlechter gestellt und alle wichtigen Positionen in der Regierung wurden von alten weißen heterosexuellen Männern besetzt.

Fast tragisch, daß Pence diesen erzkonservativ-evangelikalen Durchmarsch der Prüderie ausgerechnet im Windschatten eines früheren Tittenjurors erreichte, der sich hauptsächlich mit Pädophilen und Vergewaltigern umgab, notorisch untreu war und eifrig Pornodarstellerinnen gebumst hatte.

Mit seiner Fähigkeit, dem orangen Boss stets devot den Hintern zu küssen, jede Selbstachtung fahren zu lassen und Trump immer nur wie ein verliebter Teenager debil anzuschmachten, entwickelte Pence eine einzigartige Superpower.

Trumps groteske Dummheit und seine psychisch schwer gestörte Persönlichkeit, machten es seinen Mitarbeitern unmöglich, es lange bei ihm auszuhalten. Wer auch nur über Rudimente von Anstand verfügte oder dabei versagte, zu jeder Zeit IQ45 eimerweise Honig um den Bart zu schmieren, wurde gefeuert. Nach wenigen Monaten der Amtszeit waren fast alle Mitglieder der Trump-Administration, die nicht der Familie angehörten, bereits einmal ausgetauscht. Viele weitere warfen freiwillig hin und hunderte Stellen wurden nie neu besetzt, weil es unter 330 Millionen US-Amerikanern niemanden gab, der sich das antun wollte.

Die amöbenartige Schleimigkeit des Mike Pence, der schon vor Jahren sein Rückgrat operativ entfernen ließ, sollte sich eines Tages auszahlen, indem der innerparteilich (nach wie vor) übermächtige Trump, ihn zu seinem Nachfolger küren würde.

Fast ein wenig tragisch, daß fünf Jahre lang bis zur Selbstopferung loyaler Mike Pence offensichtlich glaubte, dafür auch Loyalität von Trump erwarten zu können.

Dabei weiß außer ihm jeder, wie es der bornierte Sohn eines Orang Utans mit der Loyalität hält: Er bewertet andere Menschen ausschließlich nach ihrer Loyalität ihm gegenüber und ist selbst völlig unfähig loyal zu sein.

Tragisch, nach vier Jahren des Buckelns hetzte Trump seine „Proud Boys“ los, um Pence zu hängen. Über mehrere Stunden verfolgte Trump entzückt mit, wie die Rioter „Hang Mike Pence“ skandierten, blockte alle flehentlichen Bitten, den Mordmob zurück zu pfeifen ab und erklärte seinen Staffern, die hätten schon die richtige Idee, Pence verdiene es gelyncht zu werden.

[….] Donald Trump's extraordinary effort to overturn his 2020 election defeat came into ever-clearer focus Thursday, with testimony describing his pressuring Vice President Mike Pence in vulgar private taunts and public entreaties to stop the certification of Joe Biden's victory in the run-up to the Jan. 6 Capitol insurrection.  Trump's closest advisers viewed his last-ditch efforts to halt congressional certification of his loss as “nuts,” “crazy” and even likely to incite riots if Pence followed through, witnesses revealed in stark testimony Thursday. The panel revealed how Trump put his vice president in danger as Pence was presiding over a joint session of Congress on Jan. 6, 2021, when the defeated president sent his supporters to the Capitol to “fight like hell” over his false claims of a fraudulent election.  Rioters came within 40 feet of the place at the Capitol where Pence and others had been evacuated. Never-before-shown photos showed Pence and his team sheltering.

“He deserves to be burned with the rest of them,” one rioter is heard saying on video as the mob prepares to storm the iconic building. “Pence betrayed us,” says another rioter, wearing a Make America Great Again hat in a selfie video inside the Capitol.   Pence’s counsel Greg Jacob testified that he could “hear the din” of the rioters nearby. Asked if Trump ever checked on Pence during the siege, Jacob said, “He did not.” [….]

(AP, 16.06.2022)

Tragisch; der erzkonservative Mann, der sich fünf Jahre wie ein stummer Schuhabtreter von Trump behandeln ließ, bekam am Ende das was er verdiente: Er wurde vom Schuhabtreter herabgestuft zu dem Lynch-Opfer, welches der korrupte Psychopath im Oval Office sterben sehen wollte.

Donnerstag, 16. Juni 2022

Haben wir das Jahr 2022 oder das Jahr 1922?

Als ich vor rund 40 Jahren in der Schule im Pubertätsalter war und es sich herausstellte, daß der ein oder andere Mitschüler schwul war, begann es gerade, daß sie sich outen konnten, ohne daß sie drastische Konsequenzen spürten. Ich kann nicht ganz genau sagen, welche Hänseleien sie ertragen mussten, aber als jemand aus der Clique, der mit den „Schulschwulen“ befreundet war, habe ich immerhin das Getuschel miterlebt und mehrfach zu hören bekommen, ich müsse offensichtlich ebenfalls schwul sein – sonst würde ich ja wohl kaum so viel mit denen zusammen sein.

Generell war es aber in der Großstadt möglich „offen schwul“ zu sein, ohne daß Lehrer deswegen schlechtere Noten gaben oder verprügelt zu werden.
Es waren aber zumindest noch Rudimente des hanebüchenen Unsinns übrig, man könne sich gewissermaßen selbst entscheiden schwul oder hetero zu sein, man könne dahingehend beeinflusst werden und es könnte dementsprechend abfärben.

Nein, man wünschte dem schwulen Sohn des Nachbarn nicht schlechtes, der sollte auch in Ruhe leben können. Aber es wäre schon angenehmer, wenn der eigene Sohn sich nicht mit ihm abgäbe. Die Leute könnten sonst auf komische Gedanken kommen und wer weiß, ob die Leibesfrucht nicht doch verführt werden könnte. Vielleicht nicht aus böser Absicht, aber die Hormone in der Pubertät spielen ja verrückt, der Charakter ist noch nicht so gefestigt, da ging man lieber auf Nummer sicher und war froh, wenn das eigene Kind mit heterosexuellen Freunden zusammen spielte.

Als mittealter Mann beobachte ich mit einer gewissen Genugtuung das Verschwinden dieser grotesken Ängste bei der heutigen Jugend in Deutschland.

Natürlich gibt es immer noch homophobe Kreise unter Konservativen, Religiösen und Ungebildeten. Aber wenn ich durch die Brille meines Teenager-Ichs heutige Teenager in den sozialen Medien beobachte, scheinen Heteros keine Berührungsängste mehr mit Homos zu haben. Man umarmt sich, ist offen mit einander befreundet.

Der schlimmste Alptraum der ersten Elterngeneration, die queere Kinder nicht mehr kriminalisierte, nämlich daß ihr 13- oder 15-Jähriger Sohn vielleicht doch mal aus Neugier mit einem anderen Jungen „rummacht“, hat seinen Schrecken verloren. Tatsächlich kommt das vor, aber wie sich herausstellte, werden die Hetero-Jungs davon nicht schlagartig schwul, sondern lediglich um eine Erfahrung reicher, für die sie sich nicht schämen müssen.

Wer immer noch befürchtet, das offene Zeigen von queeren Verhaltensweisen oder Symbolen, könnte „indifferente Jugendliche“ auf den falschen Pfad bringen, gehört entweder zu einer Hategroup, einem autokratischen Regime, oder ist schwer religiotisch.

Deswegen werden in Polen, Ungarn und Russland LGBTIQ-Menschen verfolgt und diskriminiert. Deswegen macht sich das wahabitische Saudi-Regime so lächerlich.

[…] In Saudi-Arabien herrschen strenge Regeln im öffentlichen Leben, viele Gesellschaftsbereiche sind überwacht. Das gesellschaftliche Leben ist aufgrund der strikten Religionsvorschriften stark eingeschränkt – selbst Bekleidung für Kinder kann ins Visier der staatlichen Aufseher geraten. Nun haben Kontrolleure der Regierung im Land Kinderkleidung und Spielzeug in Regenbogenfarben beschlagnahmt – unter dem Vorwurf, diese könnten Homosexualität »fördern« und die »guten Sitten« gefährden. […]  Als problematisch eingestuft wurden dabei etwa bunte Regenbogen-Haarspangen und Rucksäcke für Kinder, aber auch ein Hut mit Regenbogen-Banderole oder ein T-Shirt mit buntem Regenbogen-Motiv. Die Farben könnten Homosexualität bei jungen Menschen »fördern« und würden deshalb gegen islamische Werte und die öffentliche Moral verstoßen, sagte ein Aufseher. […]

(SPON, 16.06.2022)

Es wirkt verstörend, wenn ein hiesiger Spitzenpolitiker immer noch seine schwer homophoben hanebüchenen Vorurteile durchblitzen lässt, so wie Dampfplauderer Friedrich Merz, der Jahrzehntelang die Homoehe bekämpfte und 2020 erneut zu dem Thema befragt, aus Angst vor den Wählern plötzlich gar nichts mehr gegen Schwule hatte, aber seinen toleranten Sinneswandel in derselben Sekunde als Lüge enttarnte, indem er doch sofort assoziierte, das müsse von Kindern ferngehalten werden.

(……)  Selbstverständlich gehört auch Multifunktionär Friedrich Merz, der selbst mit multiplen Shitstorms kämpft  zur Ludwig-Erhard-Stiftung.

Es wäre eine Gelegenheit von seinen eigenen schwulenfeindlichen Sprüchen abzulenken. Aber der Mann ist nicht lernfähig.  Einer der Merzschen Helden, Donald Rumsfeld, dem damals die CDU-Größen Merkel, Schäuble, Merz und Pflüger begeistert in den Irak-Krieg folgen wollten, sagte im Jahr 2002 an die Adresse der Kriegsgegner „Wenn du in einem Loch sitzt, solltest du aufhören zu graben“.   Friedrich Merz nimmt sich den Ratschlag allerdings nicht zu Herzen und gräbt sich nach seiner schwulenfeindlichen Attacke tiefer in sein Loch der Uneinsichtigkeit.

Obwohl man ihm bundesweit erklärte, wie diskriminierend, missachtend, falsch und ungehörig seine gedankliche Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie ist, gibt sich der renitente Multimillionär absolut beratungsresistent und unterstreicht tags darauf noch einmal explizit diesen angeblichen Zusammenhang.

[…..] Merz sagte der “Welt” weiter: “Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit.” Das werde er auch in Zukunft so sagen, “selbst wenn es offenbar dem einen oder anderen nicht gefällt”. [….]

(RND, 22.09.2020)

Das ist schon interessant; der Mann, der so gern Kanzler werden will ist nicht nur ganz offensichtlich intellektuell nicht in der Lage seinen Irrtum zu bemerken, sondern ihn verlassen auch alle politischen Instinkte. Selbst wenn er anderer Meinung ist, sollte er doch erkennen sich total verrannt zu haben, weil ihm niemand, auch nicht aus seinem engsten Umkreis beispringt. Kein CDUler will ihn noch verteidigen.

[…..] Friedrich Merz hat sich „verplappert“. Okay, das kann passieren. Zumal, wenn man zu verbaler Inkontinenz neigt, die Worte einem mitunter unkontrolliert entgleiten. Doch statt sich zu entschuldigen, behauptet er jetzt in der „Welt“, da sei etwas „bösartig konstruiert“ . Um dann nochmals sein eigentliches Motiv zu unterstreichen: „Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit.“ Was es fast noch schlimmer macht. Denn wieder konstruiert er diese merkwürdige Assoziation zwischen Homosexualität und Pädophilie. Und profiliert sich darüber hinaus als selbstloser Tugendwächter, dem es doch nur um das Wohl der Kinder geht. Damit begibt sich Merz in schlechteste Gesellschaft: Donald Trump hatte Hillary Clinton unterstellt, als Mitglied einer „Pizza-Connection“einem Pädophilenring anzugehören. […..][…..]

(H. Stutte, Mopo.de, 23.09.2020) (…..)

(Und noch einmal CDU-Sexismus in Reinkultur, 23.09.2020) 

Friedrich Merz ist lebenslang für seine perfide homophobe Einstellung bekannt und offenbar hat er nie dazu gelernt. Eine erschreckende Tatsache, daß so einer zum Bundesvorsitzenden einer demokratischen Partei gewählt werden konnte und diese Partei auch noch in der Wählergunst vorn liegt.

Noch erschreckender ist freilich, was sich in den USA abspielt. Jener Nation, die schon 2015, also zwei Jahre vor Deutschland, die Ehe für alle einführte und auch ein viel liberaleres Fortpflanzungsrecht als Deutschland praktiziert (Abtreibung, Leihmutterschaft). Mit Trump, seiner Ernennung hunderter erzkonservativer Bundesrichter, sowie der Verschiebung der sehr konservativen republikanischen Partei weit über den rechten Rand der Verfassung hinaus, werden Frauenrechte abgeschafft, Schwangere diskriminiert und LGBTIQ zunehmend entrechtet.

Trumps Lieblings-Gouverneur Ron Desantis führte ein ganz auf der ungarisch-saudischen Linie liegendes DON’T SAY GAY-Gesetz ein.

Floridas Regierungschef ist seine eigene Hategroup und macht seinen Bürgern weiß, schon die laute Aussprache des Wortes „gay“ können die armen labilen Schulkinder in Amerikas Südosten massenhaft verschwulen.

Im Gegensatz zu automatischen Massenvernichtungswaffen und Schulmassakern, ist die „schwule Gefahr“ ein Grund zu handeln für Trumps GOPer.

Andere republikanische Politiker finden auch das noch viel zu lasch und fordern gleich die Todesstrafe für Schwule.

Mark Burns, Pastor aus North Carolina, einer der treuesten Trump-Prediger, will nun mit seiner Agenda in den Kongress einziehen:

[….] I BELIEVE:  [….]   If we don't fix these elections NOW, America will be lost [….]

    Life begins at conception.

    Marriage is defined as between one man and one woman.

    Our right to bear arms is INHERENT, given to us by God almighty -- NOT by any man. [….]. 

    Vaccine and mask mandates are medical tyranny, and have no place in America.

    The Pelosi budget opens the door wide open to full-blown communism. [….]

(Mark Burns)

Der Mann ist kein irrer Außenseiter mehr in den USA, sondern diese Typen sind Stars der Partei.

[….] Der 42-jährige Republikaner Mark Burns, ein Kandidat für den US- Kongress aus South Carolina, hat vergangene Woche mit einer martialischen Forderung in der Online-Sendung "The Stew Peters Show" für Entsetzen gesorgt: Der evangelikale Pfarrer sprach sich gegen die Akzeptanz von trans Menschen aus und erklärte, dass Eltern, die ihre trans Kinder in ihrer Geschlechtsidentität bestärkten, exekutiert werden sollten.

"Ich werde nicht nur dafür stimmen, dass sich diese Eltern wegen Kindesmissbrauchs verantworten müssen", so Burns. "Es gibt keine trans Kinder. Das sind Missbrauchseltern! Punkt." LGBT würden Kinder "groomen", so wie einst der deutsche Diktator Adolf Hitler die Jugend indoktriniert habe: "Das ist eine Wiederholung von Nazi-Deutschland 1922, als die Kinder indoktriniert wurden, bevor Hitler 1933 die Macht übernahm", behauptete der Politiker. "Das selbe geschieht jetzt in Amerika." [….] Eltern wie auch schulische Lehrkräfte, die mit Kindern über LGBT-Themen redeten, seien eine "Bedrohung der nationalen Sicherheit" und wollten das Land "destabilisieren". Wenn er gewählt werde, werde er daher "Leute für Verrat an der amerikanischen Verfassung zur Rechenschaft ziehen". [….] Burns weiter: "Wir müssen öffentliche Anhörungen durchführen und beginnen, Leute zu exekutieren, die schuldig befunden worden sind für verräterische Aktivitäten gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika[….]

Mark Burns ist der Mitbegründer des christlichen Fernsehsenders NOW Television Network und machte sich vor allem als Fernsehprediger einen Namen. Das Nachrichtenmagazin "Time" beschrieb in als "Trumps Lieblingspastor". 2016 sprach er das offizielle Gebet während des Bundesparteitages der Republikaner. Dabei beschrieb er den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump als "Mann Gottes" und Gegenkandidatin Hillary Clinton als "Feindin".[….]

(Queer.de, 15.06.2022)

In welchem Jahrhundert leben wir? Ich dachte vor 40 Jahren, wir wären weiter.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Wie lange noch, Linke?

Disclaimer: Ich gehöre gegenwärtig zum politischen Lager der Ampel. Als langjähriges SPD-Parteimitglied halte ich den politischen Einfluss der FDP für verheerend, aber ich bin Realist.

Nach dem Bundestagswahlergebnis von 2021 ist die Ampel die mit Abstand beste von gerade mal drei Koalitionsoptionen. Da macht es wenig Sinn, sich alternative, linkere Koalitionen zu wünschen, für die es keine Mehrheiten gibt.

Getrieben von der destruktiven FDP, macht die Ampel aber auch schwere politische Fehler; siehe Corona-Vorsorge und Tankrabatt.

Die Union unter Fritze Merzens Führung gibt aber ein noch  blamableres Bild ab; der neue Chef macht keine inhaltlichen Angebote und ist zu feige, um sich in so einer simplen Frage wie der CDU-Frauenquote öffentlich zu positionieren.

[….] Der Drückeberger

Am Mittwoch will der CDU-Vorstand einmal mehr über die Frauenquote beraten. Einen Antrag der Quotengegner will Parteichef Merz ablehnen – aber möglichst nicht allzu klar Stellung beziehen. [….]

(Sophie Garbe und Florian Gathmann, 14.06.2022)

Die anderen Oppositionsparteien sollten es also leicht haben, die unzufriedenen Stimmen einzusammeln. Immerhin ist nur rund die Hälfte der Bundesbürger zufrieden mit der gegenwärtigen Politik. Aber auch die AfD zerfleischt sich gegenseitig und musste am Wochenende in ihrem rechtsextremen Stammland Sachsen eine herbe Niederlage einstecken.

[….] Die AfD bleibt bei den Landratswahlen in Sachsen erfolglos[….] Die AfD kann abermals nicht punkten [….] Mit gelöster Miene trat Sachsens CDU-Generalsekretär Alexander Dierks am Montag vor die Medien in Dresden. Nach den Landrats- und Bürgermeisterwahlen am Sonntag ist die Union, die seit 1990 stets alle Landräte im Freistaat stellte, in keiner schlechten Ausgangsposition. Drei ihrer neun Landratskandidaten gewannen im ersten Wahlgang, vor sieben Jahren hatten das gleichwohl noch alle CDU-Kandidaten geschafft. [….] In Mittelsachsen, einem ländlich geprägten Großkreis, in dem die AfD einen als moderat geltenden Ingenieur aufgestellt und sich ihren deutschlandweit ersten Landrat erhofft hatte, holte der parteilose Dirk Neubauer, den Grüne, SPD und Linke unterstützen, mit gut 41 Prozent die meisten Stimmen. Sein CDU-Konkurrent erhielt 30, der AfD-Bewerber 28,7 Prozent.  [….]

(FAZ, 13.06.2022)

Es ist Krieg in Europa. Eine gewaltige Inflation mit drastisch steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen macht den finanziell schwächeren Bürgern in Deutschland schwer zu schaffen. Alle klassischen Parteien und die rechts-populistischen Schreihälse schwächeln.

Wann, wenn nicht jetzt, ist die ideale Zeit einer linken Opposition? Ihre Themen liegen auf dem Tisch; gierige Abzocker-Konzerne, FDP-Minister, die Milliarden nach ganz oben schaufeln, weltweite Hungerkrise, Aufrüstung, Sozialhilfeempfänger, die frieren und verzweifelt bei den Tafeln anstehen, denen aber die Lebensmittel ausgehen.

Sollte nicht eine Partei, die sich der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und der internationalen Solidarität verschrieben hat, aufblühen und sich als Regierungsalternative empfehlen?

Das wäre erstens ein Segen für die Demokratie und könnte auch den destruktiven Einfluss der FDP abmildern, wenn SPD und Grüne mit einer sehr starken Linken in der mittelbaren Zukunft eine andere Koalitionsoption hätten.

Aber nachdem die Linke nach der Bundestagswahl (4,9%), weitere dreimal bei Landtagswahl für ihre elende Schwurbelei und Unfähigkeit, sich von der Querfront zu trennen, schwer abgestraft wurde – 27.03. im Saarland 2,6%, 08.05. Schleswig-Holstein 1,7%, 15.05. NRW 2,1% - und bundesweit klar unter 5% entlangkrebst, demonstriert sie weiterhin ihre völlige Politikunfähigkeit.

Gerade zu erbärmlich, wie sich die einst so stolze Partei von ihrer völkischen AfD-Freundin Sahra Sarrazin und dem doppelten Partei-Zerstörer Lafontaine zerhacken lässt.

Parteichefin Wissler plant Ungeheuerliches und will beim kommenden Parteitag diesen Satz beschließen lassen:

»Wir verurteilen den verbrecherischen Angriffskrieg Russlands aufs Schärfste. Unsere Solidarität gilt den Menschen in der Ukraine, die leiden, Widerstand leisten oder flüchten müssen. Unsere Solidarität gehört ebenso den Menschen in Russland, die sich gegen den Krieg stellen, desertieren und dafür Verfolgung befürchten müssen; den Menschen, die sich weltweit gegen Krieg stellen und die Menschen auf der Flucht unterstützen.«

Putinista Wagenknecht passt das nicht.

[….]  Eine Gruppe Delegierter hat einen Änderungsantrag eingereicht, der heftige Auseinandersetzungen nach sich ziehen könnte. [….] Zu den etwa 50 Personen, die den Leitantrag der Parteiführung grundlegend korrigieren wollen, gehören etwa Sahra Wagenknecht und ihre Anhänger in der Bundestagsfraktion, etwa Sevim Dağdelen und Andrej Hunko. Parteiintern werden die Anhänger der einstigen Fraktionschefin als »Wagenknechte« bezeichnet. [….] Nach ihrem Wunsch soll aus dem Antrag die Solidaritätsbekundung mit der Ukraine gestrichen werden. [….] Und auch folgenden Satz will die Gruppe um Wagenknecht aus dem Leitantrag streichen: »Seit Jahren betreibt Russland eine Politik, die darauf zielt, die postsowjetischen Staaten unter dem Einfluss Russlands zu halten: Indem versucht wird, autoritäre Vasallen-Regime einzurichten oder – wo das nicht gelingt –, die Staaten zu destabilisieren.« Auch der Hinweis auf eine »imperialistische Politik« Russlands, die ihre Politik mit einer »autokratischen Großmachtideologie« legitimiert, soll gelöscht werden. [….]

(SPON, 15.06.2022)

So spinnt man sich natürlich in die Bedeutungslosigkeit.

Dienstag, 14. Juni 2022

K(l)eine Probleme in Deutschland

Natürlich schlägt uns die bahnbrechende ökonomische Inkompetenz der FDP auf den Magen. 

Den Mineralölkonzernen ausgerechnet jetzt, während sie gewaltige Gewinne machen, weitere drei Milliarden Euro in den Rachen zu werfen, ist ein hepatisgelber Schildbürgerstreich.

Aber auch wenn die Deutschen ihre Autos mehr lieben, als ihre Familien, handelt es sich bei dieser Auswirkung des Ukraine-Krieges um peanuts.

Die ganze Hysterie entsteht nur, weil das Tanken etwas teurer wird. In einer Zeit, in der die Erdaufheizung so katastrophal wird, daß man sogar unbedingt mit deutlich höheren Benzinpreisen reagieren muss.

Die unmittelbaren Folgen von Putins Angriffskrieg erlebt derweil die Ukraine mit bereits über 10.000 getöteten Soldaten, unzähligen zivilen Opfern und zerstörten Städten.

Noch mehr Menschenleben kosten allerdings die mittelbaren Folgen, weil mit den gewaltigen Ernteausfällen der Weizen-Kornkammern Russland und Ukraine eine Hungernot über Afrika zieht. Das war schon zu Beginn des Krieges absehbar.

(…) Größere Probleme als private Tankrechnungen in Wuppertal oder Buxtehude, kommen aber auf all die Länder zu, die von Getreideimporten abhängig sind, weil sowohl Russland, als auch die Ukraine große Weizenproduzenten sind.

Hauptabnehmer sind die Arabellion-Länder, in denen die hohen Brotpreise schon einmal mehrere Regierungen wegfegten.

[….] Ägypten ist auf Weizenimporte aus dem Ausland angewiesen. Für das Erntejahr 2021/22 prognostizierte die USDA für Ägypten ein Importvolumen von 12,5 Millionen Tonnen Weizen. Damit war das nordafrikanische Land der führende Importeur von Weizen weltweit. Besonders wichtig für die ägyptische Weizenversorgung in den Vorjahren waren die Länder Russland und die Ukraine. [….]

(Statista, Sandra Ahrens, 15.03.2022)

Die Weizenernten der Ukraine werden ausfallen, aus Russland darf nicht importiert werden.

In Nordafrika wird man sich auf Hungernöte einstellen müssen.

[….] „Putins Krieg überzieht nicht nur die Ukraine mit unermesslichem Leid. Die Auswirkungen werden weit über die Grenzen der Region zu spüren sein“, sagte Martin Frick, Direktor des WFP in Deutschland. Weltweit leiden aktuell etwa 280 Millionen Menschen an Hunger. Die Zahl könnte in den kommenden Monaten dramatisch steigen. [….] Vor allem Länder in Afrika, Nordafrika und Asien sind von Weizen-Importen stark abhängig. Mit Beginn des Krieges hatten die Preise aber bereits Rekordniveau erreicht. Ägypten mit seinen 100 Millionen Einwohnern importiert sein Getreide fast ausschließlich aus Russland und der Ukraine. Ebenso Tunesien. Dort begann einst der „Arabische Frühling“. Eine der Gründe, warum diese Revolution die ganze Region erfasste, waren auch gestiegene Brotpreise, die vor allem die Ärmsten der Armen hart trifft.

Auch die Stabilität der Türkei hängt wohl nicht unwesentlich von „verträglichen“ Brotpreisen ab. Die Kombination aus einer gigantischen Inflation und steigenden Nahrungsmittelpreisen könnte sich als gefährliche Mischung erweisen. Die Türkei bezieht auch mehr als die Hälfte ihres Getreides aus Russland. [….]

(Mopo, 04.03.2022)

Deutschland verbraucht im Jahr etwa 43 Millionen Tonnen Getreide, produzierte im Geschäftsjahr 2021 genau 43,3 Millionen Tonnen.

Sind wir also aus dem Schneider? Könnte man in der ersten Sekunde meinen.  Richtig pervers wird es aber, wenn wir eine andere Zahl ansehen: 8,6 Millionen Tonnen Getreide essen wir in Deutschland!

[….] Insgesamt ernteten deutsche Bauern im Wirtschaftsjahr 2021/21 etwa 43,3 Millionen Tonnen Getreide – verbraucht werden hierzulande ebenfalls knapp 43 Millionen Tonnen. Davon werden jedoch „nur“ 8,6 Millionen Tonnen bzw. 20 Prozent für die menschliche Ernährung benötigt.  Immerhin knapp 25 Millionen Tonnen oder 58 Prozent der Ernte fließen in der Futtertröge der Tiere. Immerhin 3,8 Millionen Tonnen oder knapp 9 Prozent werden außerdem für die Energiegewinnung eingesetzt und auch die Industrie verbraucht etwa 8 Prozent der Ernte (darunter als Braugerste und Stärke) und für Saatgut werden 2 Prozent benötigt. [….]

(Dr. Olaf Zinke, agrarheute, 14.03.2022)

Der massenhafte Fleischkonsum Deutschlands ist also perverser denn je. Wer Putin nicht finanzieren will, sollte nicht nur weniger tanken und heizen, sondern auch kein Fleisch fressen.

Keine Kinder bekommen, Urlaub mit dem Flugzeug sein lassen und natürlich auch keine Haustiere anschaffen! All das sollten wir für den Planeten tun!

Über 80% des erzeugten Getreides verprassen wir für die Tiermast und die Produktion von Biodiesel, während 25.000 Kinder jeden Tag auf der Welt verhungern. Prof. Dr. Matin Qaim, Professor of International Food Economics and Rural Development, klärt auf.

[….] Die Zahl der Hungernden könnte so kurzfristig um über 100 Millionen Menschen ansteigen, schätzt Qaim. Um das zu verhindern, könne man an verschiedenen Stellschrauben drehen. Zuallererst sollte man versuchen, die Handelswege aus Russland heraus für Lebensmittel offen zu halten und Schiffstransporte von Lebensmitteln weiterhin zu ermöglichen. Andererseits könne man auch die Nachfrage drosseln, indem die Verwendung von Pflanzen für Biokraftstoffe und Biogas eingeschränkt wird – auch wenn das die Energie- und Kraftstoffkrise befeuern könnte.  „Also weltweit geht ja einiges an Getreide und Ölsaaten auch in die Biokraftstoff-Produktion. Das ist zum Teil Bio-Ethanol, Biodiesel. Bei uns spielt Biogas eine Rolle, wo relativ viel Mais reingeht. In dem Augenblick, wo man Biogas aufgrund von Reststoffen und Abfällen produzieren kann, ist das eine gute Idee. Aber wenn das heißt, dass noch mehr Mais in diesen energetischen Bereich reingeht, gibt es eine unmittelbare Konkurrenz zwischen Tank und Teller.“ [….]

(Deutschlandfunk, 10.03.2022)   (…)

(Noch mehr unangenehme Wahrheiten, 16.03.2022)

Inzwischen werden die Nöte der hungernden Menschen immer größer, weil auch die Hilfsorganisationen nicht genug Geld haben, um genügend Nahrungsmittel zu kaufen. Das World Food Programm (WFP) bettelt verzweifelt um Geld, um Kindern den grausamen Hungertod zu ersparen, während der deutsche Finanzminister drei Milliarden Euro in eine Branche pumpt, die im Jahr um die 200 Milliarden Dollar Gewinn macht.

[….] Der dringend benötigte Regen am Horn von Afrika ist nach fast einem Monat Regenzeit bisher ausgeblieben. Sollte dieser Zustand anhalten und die humanitäre Hilfe stagnieren oder sogar zurückgehen, könnte die Zahl der Hungernden 2022 aufgrund der Dürre von derzeit geschätzten 14 Millionen auf 20 Millionen ansteigen, warnte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) heute.  Während in Somalia eine Hungersnot droht sind eine halbe Million Menschen in Kenia nur noch einen Schritt von einer Hungerkatastrophe entfernt. In Äthiopien liegt die Mangelernährungsrate weit über dem Notfallgrenzwert. Für Familien, die ums Überleben kämpfen, wird die Zeit knapp.  "Aus Erfahrung wissen wir, dass frühzeitiges Handeln entscheidend ist, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden, aber aufgrund fehlender Finanzierung waren unsere Möglichkeiten mit Hilfsmaßnahmen zu beginnen, bisher begrenzt", sagte Michael Dunford, WFP-Regionaldirektor für Ostafrika. " WFP und andere humanitäre Organisationen haben die internationale Gemeinschaft seit letztem Jahr gewarnt, dass diese Dürre katastrophale Folgen haben könnte, wenn wir nicht sofort handeln. Dennoch ist es nicht gelungen, Mittel in dem erforderlichen Umfang bereitzustellen."  Die Situation hat sich durch die Auswirkungen des Konflikts in der Ukraine noch verschärft. Die Kosten für Nahrungsmittel und Kraftstoff haben einen Höchststand erreicht. Die von der Dürre betroffenen Länder am Horn von Afrika werden wahrscheinlich am stärksten von den Auswirkungen des Konflikts betroffen sein. Die Kosten für einen Nahrungsmittelkorb sind bereits gestiegen - insbesondere in Äthiopien (66 Prozent) und Somalia (36 Prozent), die in hohem Maße von Weizen aus den Ländern des Schwarzmeerbeckens abhängig sind. Importunterbrechungen bedrohen die Ernährungssicherheit zusätzlich. Auf einigen Routen haben sich die Transportkosten seit Januar 2022 verdoppelt.  [….]

(wfp, 19.04.2022)

Der andauernde Krieg, der Ausfall der Ukrainischen Getreideernte und die weitgehend durch die Ölkonzerne verursachte Klimakatastrophe bedeuten für Millionen Menschen buchstäblich den Tod.

[….] Mudan arbeitet für die Hilfsorganisation Save the Children [….] sieht eine der Familien noch vor sich, die erschöpft das Team von Safe the Children erreichten, die Eltern suchten nach Hilfe für ihr schwer unterernährtes Baby. Die Helfer waren zur Rettung bereit, aber sie konnten nichts mehr tun. Das Kind war am nächsten Morgen tot.  "Oftmals kommen die Leute zu spät, es wäre wichtig, die Jüngsten schon zu versorgen, bevor sie in einen so kritischen Zustand verfallen," sagt Mudan. [….] Noch seien es einzelne Kinder, die sterben, sagt Mudan, "aber so wie sich die Dinge entwickeln, muss man damit rechnen, dass die Mortalität rasch nach oben klettern wird". Somalia ist eine jener Regionen, die von den Landwirtschaftsexperten der Vereinten Nationen jüngst als besonders bedrohte Hunger-Hotspots eingestuft wurden. Nach UN-Analyse sind bis zu 750 000 Menschen in diesen Gefahrenzonen vom Hungertod bedroht, außer Jemen und Afghanistan liegen alle diese Gebiete in Afrika. [….] Aber nun ist da auch noch dieser Krieg in der Ukraine, weit weg von den ausgedörrten Ebenen Somalias, aber in seinen Folgen doch sehr akut für alle afrikanischen Regionen, die auf Hilfe angewiesen sind. [….]  Ähnliches gilt auch für weitere Krisenherde auf dem Kontinent, wo das Elend zunimmt, besonders alarmierend ist die Lage in Äthiopien und der dortigen Kriegsregion Tigray, sowie dem Sahel-Gürtel, der südlich der Sahara vom Osten des Kontinents bis nach Westafrika verläuft. Das Land Tschad hat bereits den Notstand ausgerufen, was nicht nur mit klimatischen Verhältnissen zu tun hat, sondern mit den vom Konflikt in der Ukraine getriebenen Preissteigerungen für Lebensmittel und Treibstoff. "Im Sudan und Äthiopien etwa kämpfen die Menschen schon mit Preissteigerungen um 40 Prozent", sagt Ulf Terlinden, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi. Wer ohnehin nur ein paar Dollar am Tag hat, um seine Familie durchzubringen, rückt so schnell an den Abgrund. Hinzu kommt, dass der Ukraine-Krieg zu Engpässen bei Düngemitteln führt und viele Bauern sie nicht mehr bezahlen können. Die Vereinten Nationen rechnen mit schweren Folgen für die kommerzielle landwirtschaftliche Produktion auf dem afrikanischen Kontinent selbst, zumal auch die Spritpreise nach oben geschnellt sind. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass alleine in Äthiopien die lokale Getreideernte um 21 Prozent einbrechen dürften. [….]

(SZ, 14.06.2022)


 

Montag, 13. Juni 2022

No Win-Situation für Trump?

Die öffentlichen Anhörungen im US-Kongress zur Erstürmung des Kapitols am 06.01.2021 bringen inhaltlich für alle rationalen Menschen bis hin zum „Team Normal“ unter den Trump-Fans nichts substantiell Neues:

Trump lügt wie gedruckt, Trump hat die Wahl haushoch gegen Joe Biden verloren, es gibt nicht die geringsten Beweise für die von Trump behaupteten Wahlfälschungen, er korrumpierte alle Ebenen des Staatsapparates, setzte einen mordlüsternen Mob in Bewegung, um das Parlament zu stürmen, äußerte Sympathien für den Plan seinen Vize Mike Pence auf der Stelle zu erhängen und verbreitet unter anderem deswegen so hartnäckig die Lüge von seinem Wahlsieg, weil er damit seine fanatisierten Fans dazu bringt, ihm Geld zu schicken.

[….] My God.  They were lying to line their pockets. It was all a grift. [….]

(Ana Navarro-Cárdenas, 13.06.2022)

 Seit seiner Wahlniederlage sammelte er schon über 250 Millionen Dollar ein. Der Geldfluss würde sofort versiegen, wenn er zugäbe, regulär verloren zu haben.

Die sehr konservative Liz Cheney ist eine von gerade mal zwei Republikanern, die diesen Plot öffentlich einräumt und Trump für seinen versuchten Coup anprangert.

[….]"President Trump summoned the mob, assembled the mob and lit the flame of this attack," Cheney said, echoing the statement she made in 2021 when she voted to impeach Trump.

A committee source later provided CNN the following description of the "sophisticated seven-part plan":

"President Trump oversaw a sophisticated seven-part plan to overturn the 2020 election and prevent the transition of presidential power.

1.   President Trump engaged in a massive effort to spread false and fraudulent information to the American public claiming the 2020 election was stolen from him.

2.   President Trump corruptly planned to replace the Acting Attorney General, so that the Department of Justice would support his fake election claims.

3.   President Trump corruptly pressured Vice President Pence to refuse to count certified electoral votes in violation of the US Constitution and the law.

4.   President Trump corruptly pressured state election officials, and state legislators, to change election results.

5.   President Trump's legal team and other Trump associates instructed Republicans in multiple states to create false electoral slates and transmit those slates to Congress and the National Archives.

6.   President Trump summoned and assembled a violent mob in Washington and directed them to march on the US Capitol.

7.   As the violence was underway, President Trump ignored multiple pleas for assistance and failed to take immediate action to stop the violence and instruct his supporters to leave the Capitol.

These are initial findings and the Select Committee's investigation is still ongoing. In addition, the Department of Justice is currently working with cooperating witnesses, and has disclosed to date only certain of the information it has identified from encrypted communications and other sources."  [….]

(CNN, 10.06.2022)

Zwei Dinge sind nun entscheidend.

Wird Attorney General Merrick Garland, der ganz genau die sechs congress-hearings verfolgt, daraus den Schluß ziehen, Trump anzuklagen?

Rein juristisch betrachtet, müsste er das. Schon um Trump, wenn nicht ins Gefängnis, so doch wenigstens von einer erneuten Kandidatur 2024 abzuhalten.

Politisch spricht aber viel dagegen, da die Republikaner im bereits begonnenen –Midterm-Wahlkampf so ein Verfahren als willkommenen Anlass nehmen werden, die schwer angeschlagenen Demokraten, einer Vendetta und Hexenjagd zu bezichtigen.

Die zweite Frage ist, ob diese nie dagewesenen extrem schweren Beschuldigungen gegen Trump, einen Einfluss auf republikanischen Wähler haben. Nach wie vor ist Trump der uneingeschränkte Herrscher der GOP, bis auf zwei einsame Abgeordnete, wagt niemand, ihm zu widersprechen. Alle plappern auch noch die hanebüchensten Lügen nach. Die sogenannten Ultra-MAGAs oder dark MAGAs, werden schon deshalb nicht ihre Bewunderung für Trump überdenken, weil sie von den Kongress-Anhörungen gegen Trump gar nichts erfahren.

[….] Die alternativen Fakten des Ex-Präsidenten waren eine Stunde lang zu sehen - auf Fox News. Tucker Carlson, Sympathisant von Donald Trump und das bekannteste Fernsehgesicht dessen Parteiflügels, redete sich eine Stunde lang ohne Werbeunterbrechung in Rage. Er werde die Wahrheit über den 6. Januar 2021 enthüllen, behauptete er, darüber, was "kein Aufstand war". Die Beteiligten des Kapitolsturms hätten "nicht erwähnenswert wenig" Gewalt angewendet. Vandalismus sei das gewesen, nichts weiter.  Tatsache ist: Mehrere Menschen waren an diesem chaotischen Tag in Washington D.C. gestorben. Hunderte Teilnehmer des Kapitolsturms sind bereits angeklagt und zum Teil schon verurteilt worden. "Ich rutschte im Blut der Menschen", berichtete eine Polizistin dem Untersuchungsausschuss für die Vorkommnisse. Das Gremium im US-Kongress und die Justiz sehen es komplett anders als Fox News und sind damit auch entscheidend näher an dem, was bereits bekannt ist. [….]

(ntv, 12.06.2022)

Gerade im heutigen, zweiten Hearing verstanden es die Ausschuss-Mitglieder allerdings sehr geschickt, sich a priori ausschließlich auf Quellen zu stützen, die beim besten Willen nicht als „liberals“ oder „socailists“ abgestempelt werden können.

Es wurden lauter Zeugen aus dem innersten Trump-Kreis, von ihm selbst handverlesene Mitarbeiter, Anwälte, Analysten, Staatsanwälte und Minister zitiert, die Trump treu ergeben waren, in keinerlei Hinsicht verdächtig sind, Sympathien für Biden zu empfinden und die ihm dennoch alle dasselbe sagten: Du, Trump, hast die Wahl klar verloren. Alle Anschuldigungen des Wahlbetruges haben wir akribisch untersucht, da ist nichts dran.

[….] It’s simply amazing how many people around Trump, including Barr, other Cabinet Secretaries, and Senior White House staff, knew Trump was completely off-his rocker, paranoid, delusional and making insane claims, putting the country in danger AND they didn’t invoke 25th Amendment. [….]

(Ana Navarro-Cárdenas, 13.06.2022)

Da Trump nicht gerade die hellste Kerze auf dem Kuchen ist, verwendeten seine engsten Vertrauten deutliche Worte, um ihm zu erklären, was an seinen Wahlfälschungs-Vorwürfen dran ist:

"completely bogus" “completely nuts" “definitely intoxicated Rudy Giuliani”  "idiotic," "rubbish," "nonsense," "crazy," "stupid," "silly" "annoying" "Out of the box on election night, Trump claimed there was fraud and this happened before there was any potential evidence,” Barr testified on camera, adding later that he “told the president it was bullshit."

(NBC, 13.06.2022)

Es ist juristisch bedeutend, ob Trump begriff, daß er verloren hatte und dennoch bewußt die Lügen verbreitete, die zum Sturm auf das Kapitol mit mehreren Toten führte. Dann hätte er vorsätzlich gehandelt und ein schweres Verbrechen begangen.

[….] Bereits in seiner ersten öffentlichen Sitzung in der vergangenen Woche hatte das Gremium Videomitschnitte einer Befragung Barrs gezeigt, in denen dieser Trump belastete. Nun folgten weitere kraftvolle Aussagen des Ex-Ministers. »Ich hatte das Gefühl, dass es vor der Wahl möglich war, mit dem Präsidenten vernünftig zu reden«, sagte Barr etwa. Nach der Wahl habe Trump aber nicht mehr zugehört. »Ich war etwas demoralisiert, weil ich dachte: Junge, wenn er wirklich an dieses Zeug glaubt, hat er den Kontakt zur Realität verloren«, sagte Barr über Trumps Wahlbetrugsbehauptungen.  Barr bezeichnete diese als »kompletten Schwachsinn« und »dumm«. Er betonte: »Ich habe ihm gesagt, dass das Zeug, das seine Leute der Öffentlichkeit auftischen, Schwachsinn (Original: »Bullshit«) ist.« Auch der frühere amtierende Vize-Justizminister Richard Donoghue sagte, er habe dem Präsidenten mehrfach gesagt, dass an den Wahlbetrugsvorwürfen nichts dran sei. [….] Auch Trumps damaliger Wahlkampfberater Jason Miller sagte, er habe dem Präsidenten dazu geraten, keinen Sieg zu erklären, bis es eine bessere Übersicht über die Zahlen gebe. Miller berichtete von verschiedenen Szenen in der Wahlnacht im Weißen Haus. Als der Sender Fox News einen kritischen Sieg für Biden im Bundesstaat Arizona verkündete, habe sich Wut und Enttäuschung breit gemacht und die Sorge, »dass unsere Zahlen vielleicht nicht korrekt waren«. [….]

(SPON, 13.06.2022)

Trump selbst bekräftigt seine Lügen, zieht über alle Zeugen her und bekräftigt seine Aussagen „by a lot“ gewonnen zu haben. Wenn er selbst den Unsinn geglaubt hat, dürfte es für ihn juristisch etwas rosiger aussehen.

Aber andererseits hieße das, Trump wäre komplett der Realität entkoppelt, ignoriere alle Fakten und höre auf keinen seiner eigenen Mitarbeiter, wäre komplett in eine Wahnwelt abgedriftet. Es wäre der Beweis für etwas, daß alle Nicht-QtrumpliKKKans schon lange vermuten; Trump ist nicht zurechnungsfähig, ein gefährlicher Irrer.

Ob das so viel besser ist, als einer bewußten Lüge überführt zu werden?

Es ist die klassische NoWin-Situation.