Dienstag, 15. März 2022

Totalcrash im Finanzministerium.

Daran gab es nie einen Zweifel: Christian Lindner würde ein beschissener Minister werden.

Daß der Markt-Fanatiker aber bereits nach wenigen Wochen im Amt, den Staatssozialismus zu Ungunsten des Klimas einführen will, erstaunt mich aber doch.

Kaum zu glauben, aber wahr, der Porschefahrer sorgt sich um seine Buddys mit ihren spritschluckenden 300PS-Karren und will den Benzinpreis deckeln. Bis zu 40 Cent „Krisenrabatt“ pro Liter kann sich Lindner vorstellen.

[….] "Es muss ein nächstes Entlastungspaket geben", sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) am Montag. Der Staat dürfe die Bürger und die Wirtschaft mit steigenden Preisen nicht alleinlassen. "Wir müssen schnell und spürbar zu Entlastungen kommen." So sei ein staatlich finanzierter Rabatt auf den Spritpreis denkbar. Jedem Autofahrer könnte damit beim Bezahlen an der Tankstelle ein Nachlass auf den Rechnungsbetrag gewährt werden. [….] Ein Rabatt von zehn Cent für einen Monat würde den Staat 550 Millionen Euro kosten, so Lindner. Allerdings wollte er sich noch nicht auf ein Entlastungsvolumen festlegen. "Es wird, wenn es nach mir geht, mehr als zehn Cent und mehr als ein Monat sein müssen." [….] Doch Ökonomen sehen die Rabatt-Idee kritisch. "Davon halte ich nichts", sagte Clemens Fuest, der Chef des Münchener Ifo-Instituts, der Süddeutschen Zeitung. "Hilfen sollten nur dort gewährt werden, wo die Lasten nicht tragbar sind, also bei einkommensschwachen Haushalten oder sehr energieintensiven Unternehmen." Letztlich trügen künftige Steuerzahler die Last dieser Entlastung - denn der Staat müsse sich dafür verschulden. Jens Boysen-Hogrefe, Steuerexperte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, bezifferte die Mehrkosten für den Staat auf mindestens zehn Milliarden Euro im Jahr.  Auch beim grünen Koalitionspartner trifft Lindner auf Vorbehalte. "Eine planwirtschaftliche Festlegung und Subventionierung des Benzinpreises ist keine wirklich zu Ende durchdachte Idee", sagte der Grünen-Haushaltsexperte Sven-Christian Kindler. "Das funktioniert nicht als Antwort auf die fossilen Preissteigerungen durch Putins Krieg." Die Umweltorganisation Greenpeace warnte, der Rabatt verzerre Preissignale. [….]

(Michael Bauchmüller, Henrike Roßbach, 15.03.2022)

Hohe Spritpreise sind klimapolitisch wünschenswert, weil sie eine Lenkungswirkung in Richtung von weniger Verbrauch und damit weniger klimaschädlichen Gasen führen.

Jeder Liter weniger ist ein guter Liter, heißt es völlig richtig im aktuellen SZ-Leitkommentar.

Noch ist diese positive Lenkungswirkung aber gar nicht eingetreten.

Die Deutschen tanken eben nicht weniger.

Es fahren eben nicht mehr Menschen ÖPNV. Die aktuellen Fahrgaszahlen beim Hamburger Verkehrsverbund HVV steigen eben nicht, weil noch keine bisherigen Autofahrer, wegen der hohen Benzinpreise zu Bus und Bahn wechseln.

Aus ökologischer Sicht ist also der Liter Benzin zu billig.

Umso irrer ist Lindners Plan, den Steuerzahler – damit also die Niedrigverdiener, die sich kein Auto leisten können und die Vernünftigen, die bewußt auf das Auto verzichten – diejenigen subventionieren zu lassen, die in ihren 80.000-Euro-SUVs und 150.000-Euro-Sportwagen ihre gewaltigen Tanks auffüllen.

Kaum drei Monate im Amt und schon betreibt Lindner klimatisch sehr kontraproduktive Klientelpolitik an der Zapfsäule.

[….] Der Markt regelt alles. Jahrelang lullte uns die FDP mit ihrem Mantra ein, egal wie falsch es war. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik,, dass nun ausgerechnet ein FDP-Finanzminister Lindner die Spritpreise deckeln und einen Teil staatlich subventionieren will (heißt: wir alle bezahlen). Auch das ist falsch. Denn das Gebot der Stunde heißt nicht: tanken und Auto fahren um jeden Preis. Sondern: Sprit sparen. Wir müssen unsere Ölimporte reduzieren. Zudem würden Besitzer:innen von überdimensionierten Spritfressern besonders profitieren. Eine Familie, die bewusst auf ihr Auto verzichtet, hat dagegen nichts von dieser Geldverteilung mit der Gießkanne. [….]

(Frank Wieding, Mopo, 15.03.2022)

Wir wissen doch von 1973/74 wie es ist, wenn das Öl knapp wird und das Benzin sich extrem verteuert.

Wir hatten 50 Jahre Zeit, um uns Alternativen zu überlegen, waren aber zu blöd dazu und sind sehenden Auges tumb in die Katastrophe marschiert.

  Helmut Schmidts Rezepte von damals, wirken aber immer noch. Sonntagsfahrverbot oder Tempo 100 auf allen Autobahnen würde den Benzinverbrauch sofort drastisch senken. Das wäre vernünftig.  Aber „Vernunft“ passt nicht zu den Marktideologen und Auto-Fetischisten von der FDP.

[….] Lindner fliegt Tank-Rabatt um die Ohren.

Heftiger Gegenwind für die Idee von Finanzminister Christian Lindner (FDP), einen Tank-Rabatt einzuführen, um die gestiegenen Spritpreise abzufedern. Sowohl von den Koalitionspartnern als auch von der Wissenschaft kommt bisher vor allem lautstarke Kritik. Lindner indes hat konkretisiert, mit wie viel Cent er den Liter gerne bezuschussen würde. Der FDP-Politiker will den Spritpreis auf unter zwei Euro pro Liter Diesel oder Benzin drücken. Die konkrete Ausgestaltung des Rabatts ist zwar weiter offen. In der „Rheinischen Post“ rechnete der FDP-Politiker aber vor, 40 Cent Entlastung pro Liter für drei Monate würden den Staat 6,6 Milliarden Euro kosten. In etwa dieser Größenordnung dürfte sein Vorschlag sich also bewegen.  [….]

(Mopo, 15.03.2022)


 

Montag, 14. März 2022

Erkenntnisse umsetzen

Es war Glück und Pech zugleich, daß mir die Schule sehr leicht fiel. Obwohl ich viel schwänzte und allen erdenklichen illegalen Substanzen zugeneigt war, machte mir das Abitur keine Sorgen.
Eine Woche vor den Abiklausuren gab es schulfrei, um sich vorzubereiten. Das bedeutete für mich, daß ich mit den Typen aus der Stufe unter mir saufen gehen musste, weil „meine Leute“ alle lernten. Am Abend vor der ersten Klausur zeigte ich einigen von Ihnen die „Talking Heads“-Nacht im Stairway am Neuen Pferdemarkt. Das war sehr feuchtfröhlich und lustig.

Ich fand es klug von mir, Fächer gewählt zu haben, für die man sich nicht vorbereiten musste. Mathe, weil es so einfach war, Deutsch, weil es Spaß machte und Naturwissenschaften, weil da alles logisch und strukturiert erschien.

Und ich war jung, bzw schnell. Ein Jahr hatte ich gewonnen, weil ich früher dran war; also mit 18, statt wie üblich mit 19 Jahren, das Abiturzeugnis in der Hand hielt und fast zwei weitere Jahre, weil ich als Amerikaner nicht zum Bund, bzw Zivildienst musste.

Mit 18 Jahren über meine Zukunft zu bestimmen, war die erste echte große Fehlentscheidung meines Lebens. Ich hatte mit keinen „Erwachsenen“, niemand in der Familie gesprochen, weil ich das unter „Schulangelegenheiten“ abhakte. Dafür hatte sich nie jemand interessiert. Meine Eltern haben kein einziges mal nach Hausaufgaben gefragt oder mitbestimmen wollen, welche Fächer/Freizeitaktivitäten ich wählte. Schule war für Schüler. Also mein Business.

Wäre ich nur meinen Neigungen gefolgt, hätte ich Germanistik oder Politologie studiert. Irgendeine vermeidlich rationale Stimme in meinem Kopf flüsterte mir allerdings ein, das wären brotlose Künste, das liefe auf eine Karriere als Taxifahrer hinaus. Naturwissenschaften hingegen böten ziemlich sicher einen Job und ein überdurchschnittliches Einkommen. Außerdem war mir das bisher immer so leicht gefallen, auch wenn es mich nicht im Innersten begeisterte.

Die ausschlaggebende Überlegung war aber, daß ich nicht, wie bei der Nachrüstungsdebatte Anfang der 1980er Jahre um den NATO-Doppelbeschluss, die Stationierung der Pershing-II-Raketen oder der Volkszählung von 1987, machtlos sein wollte. So oft hatte ich demonstriert, mir den Mund fusselig geredet und die Mehrheit wählte doch tumb Kohls CDU und CSU mit ihrer Atompolitik.

Bei anderen großen Problemen der Zeit würde aber das große politische Debattieren womöglich unnötig, indem man eine wissenschaftliche Lösung präsentierte. So dachte ich damals.

Die ganz großen politischen Brocken meines damaligen Umfeldes waren nach Tschernobyl 1986 und den gehäufte Leukämie-Fällen in der Umgebung meines Nachbar-AKWs Krümmel, der Ausstieg aus der Atomkraft, das Beenden der Dünnsäure-Verklappung in der Nordsee, das durch „sauren Regen“ verursachte Walsterben und das durch Fluor-Kohlenwasserstoff-Treibgase entstandene Ozonloch.

Mit meinen 18 Jahren erkannte ich darin einen denkbar simplen Zusammenhang aus Ursache und Wirkung.

Dafür brauchte ich keinen Chemie-Leistungskurs in der Schule, um zu wissen, daß die Kohlenstoff-Halogen-Verbindung (z.B. C-Cl) immer giftig ist, weil der Mensch nicht über die biochemischen Möglichkeiten verfügt, diese Bindung aufzuspalten. Alle hochproblematischen Supergifte der Zeit – Dioxin, Lindan, FCKW, chemische Kampfstoffe, DDT, aber auch das Perchlorethylen (aus der Reinigung) – weisen diese toxische C-Cl-Bindung auf.  Die, meiner Ansicht nach, lösbare Aufgabe, bestand nun also darin, die durchaus vorhandenen ungiftigeren Alternativen zu finden, bzw die laborchemisch möglichen Alternative technisch in Massenproduktion günstig hinzubekommen.

Mein damaliges ICH erlebte durchaus Fortschritte, die zwar von allerlei Gejammer der Industriebosse und konservativen Politikern begleitet wurden, aber doch so überzeugend waren, daß sie Realität wurden.

Anders als in den Merkel-Jahren, wurden Autokonzerne nicht wie rohe Eier behandelt, denen man Verpflichtungen zu niedrigerem CO2-Ausstoß nicht zumuten mochte. Die ersten „Kats“ kamen 1985, aber 1993 waren sie EU-weit Pflicht. Und siehe da, dafür verschwand sogar das hochgiftige Blei aus dem Benzin und dennoch gingen Mercedes, BMW und VW nicht Pleite.

Siehe da, Haarspray-Dosen funktionierten auch mit einem Pumpsystem oder Halogen-freien Treibgasen. Nicht zu glauben, auch die Rheinische Farbindustrie überlebte es, als sie ihre versiffte Schwefelsäure wieder aufarbeiten musste, statt wie vorher billig alles in die Nordsee zu kippen (und damit die gesamte Tierwelt zu ermorden).

Schon im ersten Semester wurden wir animiert, die „alternative Vorlesungsreihe“ zu besuchen, in der alle erdenklichen Umweltprobleme debattiert wurde. In den folgenden Semestern arbeitete ich selbst als STEP-Tutor (Studieneingangsphase) für die Erstsemester. Ich zeigte ihnen die Abläufe, passte im Labor auf, daß sie sich nicht versehentlich in die Luft jagten und besprach in dieser hochpolitisierten Zeit, die enormen Aufgaben, die auf uns Chemiker zukämen.

Die Themen der späten 1980er, die immer ausführlich an meinem Fachbereich debattiert wurden, waren die Endlichkeit der fossilen Energieträger, die Möglichkeiten der technischen Chemie Verbundverpackungen zu recyclen, die zunehmende Antibiotika-Resistenz durch den weltweiten Verschreibungswahn und natürlich auch der besondere Zugang unserer Nuklearchemie-Leute zum AKW Krümmel, das ich natürlich auch schon besichtigt hatte.

Aber wieso sollte das nicht funktionieren? Dünnsäureverklappung, FCKWs, bleihaltiges Benzin waren wir doch schließlich genauso losgeworden, wie das Todknüppeln von Robbenbabys für die Pelzindustrie oder das Delphin-Morden als Thunfisch-Beifang.

Zeitsprung 35 Jahre.

Daß im Jahr 2022 in Deutschland gewaltige SUV-Spritschlucker, die 10 bis 20 mal so viel Leistung wie mein damaliger 34 PS-Panda, die beliebtesten Autos sind, hätte ich mir in meinen pessimistischsten Träumen nicht vorstellen können.

Daß wir immer noch 100 Millionen Tonnen Erdöl und 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr in Deutschland verbrennen, auch nicht.

Wieso haben wir die Massentierhaltung immer grotesker intensiviert?

Warum hacken wir 35 Jahre später schneller denn je unsere letzten Urwälder ab?

[….] Studie zum Regenwald:  Amazonas nähert sich Kipppunkt

Der Amazonas hat eine Schlüsselrolle für das Weltklima und die Artenvielfalt - doch für Fleischproduktion und Rohstoffe wird immer mehr Regenwald abgeholzt. Einer neuen Studie zufolge könnte sich ein Großteil dadurch in Savanne verwandeln.  Der Regenwald im Amazonasgebiet hat seit Anfang der 2000er-Jahre kontinuierlich an Widerstandsfähigkeit eingebüßt. Bei mehr als drei Vierteln des Waldes habe die Fähigkeit nachgelassen, sich von Störungen wie Dürren oder Bränden zu erholen, heißt es in der Studie eines britisch-deutschen Forscherteams, die in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" veröffentlicht ist. […]

(Tagesschau, 07.03.2022)

Wieso laufen immer noch AKWs? Gelten einigen gar als Zukunftstechnologie?

Wieso wurden 35 Jahre lang so exzessiv Antibiotika verschrieben, daß alle deutschen Krankenhäuser Brutstätten für multiresistente Bakterienstämme geworden sind, um die 50.000 Menschen an MRSA verrecken?

Warum wird im Jahr 2022 der Plastikmüllberg insbesondere in Deutschland immer größer?

Meine Generation hat offensichtlich total versagt.

Jetzt lese ich in der Hamburger Morgenpost angesichts des Ukraine-Krieges und der scheinbar über Nacht hereingebrochenen Erkenntnis, daß wir nicht unendlich viel billiges Öl und Gas zu Verfügung haben, Tipps zum Energiesparen. Wie funktioniert ein Heizungsthermostat, Benzineinsparung durch weniger Rasen, duschen statt baden, Hände mit kalten Wasser waschen, beim Zähneputzen nicht das warme Wasser laufen lassen.

Ich fasse es nicht. Das wurde schon in den 1970ern bei der Ölkrise kommuniziert.

Offensichtlich steckte Homo Demens daraufhin den Kopf in den Sand und machte ein halbes Jahrhundert alles nur noch schlimmer.

Es gibt sogar immer noch Tabus, die kaum ausgesprochen werden dürfen, ohne einen Shitstorm zu ernten.  Das Generalproblem der Menschheit ist die Überbevölkerung. Nichts richtet so viel klimatischen Schaden an, wie ein weiterer Mensch! Wir müssen unbedingt mit dem Irrsinn aufhören von „Kindersegen“ zu sprechen, Kinderkriegen zu fördern.

Und die nächstgrößere Umweltpest, die unsere Zukunft ruiniert, wird ebenfalls nicht angesprochen: Haustiere.

Ein Hund ist so umweltschädlich wie ein KfZ, weil seine Futterproduktion so einen dramatischen Energie- und Wasser-Fußabdruck hinterlässt.

[…] In vielen Artikeln lässt sich nachlesen, wie schädlich die Haltung von Rindern für das Klima ist. Doch welchen ökologischen Fußabdruck hat eigentlich der beste Freund des Menschen? Dieser Frage sind Kim Maya Yavor und Dr. Annekatrin Lehmann nachgegangen. Sie haben unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Finkenbeiner am Fachgebiet Sustainable Engineering der Technischen Universität Berlin die Ökobilanz eines durchschnittlichen Hunds erstellt.

Wieviel CO2 produziert ein Hund?

Demnach stößt ein 15 kg schwerer Hund im Laufe von 13 Lebensjahren etwa 8,2 t CO2 aus. Das entspreche laut Prof. Dr. Finkenbeiner ...

    ... 13 Hin- und Rückflügen von Berlin nach Barcelona

    ... oder fast der Menge, die bei der Produktion eines Mercedes C250 emittiert wird.

Darüber hinaus scheidet der Durchschnittshund rund 1 t Kot und knapp 2.000 l Urin aus.

Das alles hat signifikante Folgen für die Umwelt. Dessen Ausmaß überrascht sogar die Forscher. Ihre Ökobilanz ist die erste, die den kompletten Lebensweg eines Hundes umfasst - vom Tierfutter bis hin zu den Ausscheidungen. In ihre Berechnungen haben Yavor, Lehmann und Finkenbeiner alle Stoff- und Energieströme einbezogen, die in einem Produkt stecken und auf die Umwelt wirken:

    Ressourcen für das Futter

    Ressourcen für die Herstellung des Futters

    Ressourcen für die Verpackung des Futters

    Ressourcen für den Transport des Futters

    Umweltauswirkungen der Exkremente

    Produktion der Kotbeutel

    Ressourcen für die Straßenreinigung

Hund: Futter und Kot am schädlichsten für die Umwelt

Tierfutter und die Exkremente der Hunde haben den größten ökologischen Fußabdruck. Die Forscher haben verschiedene Indikatoren untersucht, sogenannte Umweltwirkungskategorien; unter anderem den Klimawandel, Ozonabbau, Ozonabbau, Smog, Versauerung von Böden oder die Landnutzung. Bei fast allen Parametern fällt das Hundefutter mit circa 90 Prozent am schwersten ins Gewicht. […]

(Agrar Heute, 21.10.21)

Aber gerade in der Pandemie fangen die Deutschen an, sich wie wahnsinnig neue Hunde zuzulegen, so daß die Züchter ihre Rüden rund um die Uhr decken lassen und doch nicht den Bedarf erfüllen.

Mein Ich von vor 35 Jahren kann es nicht glauben, daß keine einzige Partei in Deutschland wagt, diese Probleme auch nur anzusprechen.

Mein Ich von heute ist ohnehin desillusioniert und fatalistisch.

Womit hätte es Mensch denn auch verdient, zu überleben?

Sonntag, 13. März 2022

Der Teufel scheißt auf den größten Haufen

Der HSV-Großzampano Klaus-Michael Kühne war jahrelang einer dieser Milliardäre an der Schwelle zur Elf-Stelligkeit, kratze also an der 10-Milliarden-Euro-Marke.  Elf-Stelligkeit ist eine feine Sache, denn dann ist man so reich und so unabhängig und so international, daß man sich nicht mehr wie gewöhnliche Millionäre mit Einkommen- oder gar Erbschaftssteuern herumplagen muss.

Der Hamburger Klaus-Michael Kühne hat seine Gelddruckmaschine „Kühne und Nagel“ längst in das Steuerparadies Schweiz verlegt und investiert die nun übrigen Milliarden gezielt in den Branchen, in denen man als Besitzer nur Däumchen dreht, abkassiert und dem Staat nichts abgibt.

(….)  Daher werden zukünftig die Familien Hertz, Kühne, Quandt, Klatten, Schwarz, Albrecht, Porsche, Otto und Co weiterhin ihre Geldspeicher mit Milliarden volllaufen lassen. Das war schon 2020/2021 so und der Trend verschärft sich.

Der olle Kühne hat mal eben 13,4 Milliarden Dollar in einem Jahr dazu "verdient".  Das sind 1,12 Milliarden pro Monat. Das sind 248 Millionen Dollar mehr pro Woche, oder 37 Millionen Dollar mehr PRO TAG.

Herr Schwarz nahm um 14,4 Milliarden Dollar zu.  Das sind 1,2 Milliarden pro Monat. Das sind 275 Millionen Dollar mehr pro Woche, oder 39 Millionen Dollar mehr PRO TAG.

Menschen mit lumpigen 20 oder 30 Milliarden Euro Privatvermögen darf man natürlich nicht mit ketzerischen Gedanken wie MINDESTSSTEUER oder VERMÖGENSSTEUER erschrecken.

Über Einkommenssteuer und Erbschaftssteuer lachen die Herrschaften dieser Größenordnung ohnehin sehr herzlich. Diese Steuern werden nur von der Mittelschicht bezahlt, die ein Haus oder drei vermietete Ferienwohnungen vererben. Wer aber Milliarden sein Eigen nennt, entzieht sich diesen Steuerpflichten durch Doppelstiftungsmodelle, Scheinfirmen in Steueroasen und findige Steuerberater.  Dennoch achten Katten und Co darauf, daß sie auch weiterhin genügend Millionen an die INSM spenden, um zu verhindern, daß der Urnenpöbel auf dumme Ideen am 26.09.2021 kommt. (….)

(Über das Wahlvolk kann ich mich nur wundern, 14.06.2021)

Wenn man jeden Tag (sic!) um 30 oder 40 Millionen Euro reicher wird, hat man ein echtes Problem. Ein Problem, die Phantasie dafür aufzubringen, was man mit den unfassbaren Geldbergen anfangen soll. Kein Wunder eigentlich, daß Leute wie Branson, Bezos (200 Milliarden Dollar) oder Musk (300 Milliarden Dollar) damit begannen ihr Geld buchstäblich in den Weltraum zu schießen - während immer mehr Menschen in Armut fallen, in den USA obdachlos in Zelten leben oder zu Hunderttausenden in Afrika verhungern. (….)

(Wohin mit der Kohle? 18.01.12022)

Inzwischen steuert Kühne auf 40 Milliarden Euro Privatvermögen zu. Allein durch sein Engagement bei Hapag-Lloyd wurden just weitere zwei Milliarden an ihn überwiesen. Die Containerreederei schüttete im vergangenen Geschäftsjahr über neun Milliarden Euro Dividende an die Aktionäre aus und zahlte insgesamt 61 Millionen Steuern. Ein Steuersatz von etwa 0,5%.

[…] Hapag-Lloyd hat 2021 auf Basis vorläufiger Zahlen mit einem Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 9,4 Milliarden Euro abgeschlossen, nach 1,3 Milliarden Euro im Jahr zuvor.  Die vollständigen Jahreszahlen sollen am 10. März veröffentlicht werden. Wesentlicher Treibstoff für die Gewinnexplosion 2021 sind die enorm gestiegenen Preise – im Branchenjargon Frachtraten – für Transporte auf See, die angesichts knapper Kapazitäten und gestörter Lieferketten die Gewinne aller Container-Reedereien in diesem Jahr durch die Decke gehen lassen. [….]

(Mopo, 25.02.2022)

Der Altenpfleger, die Krankenschwester, der Rettungssanitäter zahlen also einen zigfach höheren Steuersatz als Kühne, weil sie eben zu arm sind, um sich über die Caymans, die Schweiz oder Liechtenstein Konstruktionen zu basteln, in denen ihre Einkünfte steuerfrei bleiben. Diese Möglichkeiten haben nur Superreiche, die dadurch superschnell noch superreicher werden.

[…] Am 10. März hat die Hapag Lloyd AG ihre Bilanz für 2021 vorgelegt. Diese Zahlen offenbaren einen „himmelschreienden Skandal“, so Norbert Hackbusch, hafenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft: „Es ist obszön, dass Hapag Lloyd bei einem Vorsteuergewinn von 9,4 Milliarden Euro nur ganze 61,3 Millionen Euro Steuern bezahlt. Das sind lächerliche 0,65 Prozent.“  Hapag Lloyd hat seinen Umsatz von 12,8 Milliarden in 2020 auf 22,3 Milliarden Euro in 2021 erhöht. Dabei lagen die von Hapag Lloyd genannten Transportvolumen praktisch auf dem Niveau des Vorjahres. Grund für die Umsatzsteigerung von fast 100 Prozent waren also ausschließlich gestiegene Preise. Während der Umsatz um knapp 100 Prozent wuchs, explodierte der Nettogewinn von 927 Millionen (2020) um fast 1000 Prozent auf 9 Milliarden Euro in 2021. […] Norbert Hackbusch: „Von der faktischen Null-Besteuerung auf Unternehmensebene profitiert auch einer der Haupteigner von Hapag Lloyd, Klaus-Michael Kühne. Von der Gesamtdividende von 6,3 Milliarden Euro erhält er allein 30 Prozent, also fast 1,9 Milliarden. Kein Wunder, dass sich das Vermögen von Herrn Kühne allein in den vergangenen zwei Jahren auf nunmehr 37 Milliarden Euro verdoppelt haben soll. Auch das ist obszön, wird aber durch die deutsche Steuerpolitik unterstützt.“ […]

(Norbert Hackbusch, Linke, Fachsprecher für Hafen, Kultur, Medien und öffentliche Unternehmen, 12.03.2022)

Nicht mehr transportiert, nicht mehr geleistet, nur die Preise erhöht, zehnfacher Gewinn, keine Steuern.

Wie das funktioniert? Das Zauberwort heißt „Tonnagesteuer“, die als eine der letzten Maßnahmen der schwarzgelben Kohl-Regierung 1998 eingeführt wurde.  Die steinreichen Reeder jammerten FDP-Wirtschaftsminister Rexrodt und CDU-Verkehrsminister Wissmann (den späteren europäischen Superlobbyisten der Autoindustrie) voll, sie hätten es so fruchtbar schwer gegen die ausländische Konkurrenz mit deren niedrigen Lohnkosten und geringen Steuersätzen. Leider müssten sie alle ihre Schiffe auch ausflaggen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Für Milliardäre hatten CDU und FDP natürlich ein offenes Ohr. Also schenkten sie ihnen die Tonnagesteuer“, bei der unabhängig von Frachtraten und Verdienst ein minimaler Pauschalbeitrag pro Schiff gezahlt wird. Es muss nur einmal die  Nettoraumzahl, also die Größe des Schiffes angegeben werden und darauf errechnet man einen Mikro-Steuersatz von weniger als einen Cent pro Tonne. Als Gegenleistung für diese gigantische Steuerbefreiung versprachen die Reeder künftig keine Schiffe mehr auszuflaggen.

Während aber bei Hartz-Empfängern genau kontrolliert wird, wie sie sich verhalten, verlässt sich die Politik bei Milliardären gern auf vage Ansichtserklärungen. Die Reeder hielten sich nie an ihr Versprechen. Heute fahren von 2044 Containerriesen im Besitz deutscher Reeder gerade mal noch 300 unter deutscher Flagge. In den folgenden 24 Jahren fiel allerdings keinem SPD-, CDU-, CSU- oder FDP-Bundesminister ein, an den Tonnagesteuerdeal von 1998 zu erinnern und die Reeder-Extrawürste zurück zu nehmen.

Stephanie Lamprecht rechnet in ihrem Mopo-Kommentar vom 12.03.2022 aus, daß der Allgemeinheit allein bei Hapag-Lloyd im Jahr 2021 drei Milliarden Euro Steuereinnahmen entgehen, die stattdessen bei Multimilliardär Kühne in der Schweiz landen. Davon könne Hamburg zwei Jahre alle seine Lehrer bezahlen.

Aber wozu Lehrer, wenn man die Milliarden doch viel lieber einem 84-Jährigen Hamburger Steuerflüchtling in der Schweiz schenken kann, der bisher nur 37 Milliarden hat? Der arme Mann soll ja nicht darben.

Was macht Kühne mit seinem Geld, außer immer schnell noch mehr Geld zu generieren?
Nun, er hat zwei Hobbys. Zum einen liefert er sich mit ein paar weiteren Hamburger Multimilliardären einen Wettkampf um das luxuriöseste Hotel der Stadt. Als Kühnes FONTENAY wegen Corona schlecht gebucht war, hielt er sofort die Hand auf für STAATSHILFEN. So läuft das. Er verabschiedet sich aus der Solidargemeinschaft, indem er sich in die steuerfreie Schweiz absetzt, verlangt aber von der Solidargemeinschaft, ihm zu helfen.

(…) Er lebt steuersparend in der Schweiz und zeigt dem Finanzminister seit Dekaden nur den Mittelfinger.  Es lohnt sich; Kühne ist einer der zehn reichsten Deutschen, wird von Forbes mit 13 Milliarden Dollar Privatvermögen angegeben.  Er scheißt als Großaktionär der HSV Fußball AG den Verein so mit Geld zu, daß er entscheiden kann wie er will.  Es gibt noch etwas Eigenartiges in Hamburg, der Stadt, in der so viele Milliardäre leben wie nirgends sonst in Deutschland. Gleich drei Milliardär-Geronten spielen nicht „wer hat die größte Yacht?“, wie man es in einer Hafenstadt erwarten könnte, sondern „wer hat das edelste Hotel?“

[…..] Sie sind megareich, nicht mehr die jüngsten, verfügen über ein Riesen-Ego und liefern sich aktuell einen skurrilen Wettstreit: Wer hat in Hamburg das tollste Luxushotel? Die Rede ist von Klaus-Michael Kühne (79, „The Fontenay“), Kurt Dohle (80, „Vier Jahreszeiten“) und Bernard grosse Broermann (72, „Atlantic“). [….]

(Mopo, 24.03.2016)

Broermann, der Krankenhaus-Milliardär ist auf diesem Blog ebenfalls sehr gut bekannt.  Das sind alte Männer aus ganz anderen Branchen, die derartig viel Geld steuerfrei zusammengerafft haben, daß sie sich ihre bizarren Hobbys etwas kosten lassen können. 13 Milliarden sind 13.000 Millionen; dafür kann man schon eine Menge Hotel bauen.  Kühnes „Fontenay“ läuft allerdings nicht wie geplant. Über nahezu unendliche Geldmittel zu verfügen reicht offenbar nicht aus, wenn man die Branche nicht kennt, oder wie zB Donald Trump einfach doof ist und reihenweise mit Spielcasino-Hotels pleitegeht.  Mit Dreizehntausend Millionen auf der hohen Kante kann man sich ein kränkelndes Prestige-Hotel leisten. Sollte man meinen. Aber man rafft nicht so viel Geld zusammen, wenn man selbst für Verluste gerade steht.  Nein, Kühne, der selbst unsolidarisch in der Schweiz lebt, will nun Solidarität von den deutschen Steuerzahlern. Sie sollen ihm die Verluste ersetzen.

[….]  Staatshilfen für „The Fontenay“ in Hamburg Kühne will vom Steuerzahler gerettet werden

Milliardär und Unternehmer Klaus-Michael Kühne sieht die Corona-Hilfen des Bundes kritisch. Das Geld nimmt er aber trotzdem gerne: Wie der 82-Jährige in einem Interview verrät, sorgt er sich um die steigenden Schulden Deutschlands – und hofft trotzdem darauf, dass der Staat sein Luxushotel „The Fontenay“ in Hamburg rettet.  Im Gespräch mit der „Welt“ verrät der HSV-Mäzen und Hotelier, dass es ihm Sorgen bereite, dass Deutschland zurzeit viele Milliarden Euro an Hilfen ausgibt. „Die Dimensionen schrecken mich schon, wenn Finanzminister Olaf Scholz von einer Bazooka spricht, ohne dies zu substantiieren. Seine Partei, die SPD, ist eher für das Schuldenmachen als für gutes Wirtschaften bekannt. Das macht mir große Sorgen“, sagt Kühne. [….]  Nun hofft der Milliardär, dass er auch die Einbrüche des „Fontenay“ mittels Staatshilfen finanzieren kann. „Das Hotel war bis vor wenigen Tagen noch geschlossen und die Mitarbeiter befanden sich zu 90 Prozent in Kurzarbeit. Ich gehe davon aus, dass es direkte Staatshilfen für die Hotellerie geben wird. Das ist die von der Krise am stärksten gebeutelte Branche“, so der 82-Jährige. [….]  er rechne bereits fest mit Hilfen aus der Bundeskasse. […..]

(MoPo, 25.05.20)

Die wenigen Deutschen, die sogar noch reicher als Kühne sind, sind sogar noch dreister. (…)

(Gier, 25.05.2020)

Kühnes zweites Hobby ist der HSV, der zwar sportlich chronisch schlecht ist, aber reiche Gönner hat.  Fußball ist genau wie ein Luxushotel ein eher teures Hobby. Die Starkicker verdienen neunstellig im Jahr, fahren Ferrari oder Lamborghini und wollen darüber hinaus auch noch mit Luxusreisen und Aufmerksamkeiten wie Diamant-besetzten Rolex oder in Blattgold gegrillten Kobe-Steaks bei Laune gehalten werden.

Der Londoner Fußball-Verein FC Chelsea ist daher auch sehr geknickt vom Eigentümerwechsel, nachdem Noch-Eigentümer Roman Abramowitsch gezwungen wurde zu verkaufen. Die Gehaltszahlungen an die Profis, Trainer und Betreuer belaufen sich auf monatlich 33,5 Millionen Euro; fällig am 01.April 2022 das erste mal ohne Abramowitschs Milliarden im Rücken.

Auch in Deutschland müssen die Fußballvereine solche Summen für ihre empfindlichen Millionen-Euro-absaugenden Ballspieler aufbringen.

Sie sorgen sich allerdings nicht so wie in England.  Nicht etwa, weil HSV-Freund Kühne noch reicher als Abramowitsch ist.  Im Gegensatz zu dem bei Spielern und Fans extrem beliebten Russen, ist Kühne geizig und gibt seine Millionen nur ungern weg. Aber die fehlenden Millionen durch den Corona-bedingten Ticketausfall sind dennoch unproblematisch, weil der deutsche Fußball andere Möglichkeiten hat, an Geld zu kommen.

Natürlich nicht etwa dadurch, daß Spieler oder Trainer für die ein oder andere Million weniger auf den Platz rennen würden. Das kommt nicht in Frage.

Aber wir haben ja schließlich Vater Staat, der bei Millionären und Milliardären immer ein offenes Ohr hat und was dazulegt.

Die Merkel-Regierung wurde sofort aktiv, denn Fußball dürfte so ziemlich die einzige Zuständigkeit gewesen sein, für sie sich Superminister Seehofer tatsächlich interessierte. So schuf die Bundesverwaltung sofort ein Multimillionenprogramm zur Unterstützung des Profisports.

Wenn der Bund spendabel ist, wollen sich die Länder auch nicht lumpen lassen. So bekam allein Schalke 04 im Jahr 2020 eine Bürgschaft von der Laschet-Regierung in Höhe von 38 Millionen Euro. Die Armen aus dem Tönnies-Universum hatten ja sonst nichts.

Das Geld war auch schnell wieder weg, also sprang zuletzt  Christian Lindner ein und verteilte noch mal großzügig sieben Millionen Euro an Schalke.

[…..] Fußball-Zweitligist FC Schalke 04 hat einen Bescheid erhalten, für die pandemiebedingten Umsatzverluste eine Überbrückungshilfe aus Bundesmitteln zu bekommen. Dies sagte der Vorstands-Vorsitzende Bernd Schröder in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Damit sind wir in der 1. und 2. Bundesliga übrigens kein Einzelfall“, betonte der 55-Jährige. „Es steht noch eine Abschlussprüfung aus, aber wir sind zuversichtlich, dass es ein mittlerer siebenstelliger Betrag sein wird, der bislang nicht in unserer Planung eingepreist war." [….]

(Reviersport, 09.03.2022)

Es ist erstaunlich schwierig, genaue Summen zu ergoogeln. Ich finde keine Liste, die aufzeigt, welche Profivereine, wann, wie viel staatliche Unterstützung bekommen haben.

Ein Verschwörungstheoretiker würde sich nun fragen, was da vertuscht werden soll. Ich halte mich aber an die vereinzelten Meldungen der Regionalpresse.

Sieben Millionen Euro Zuschuss scheint jedenfalls die Summe des Monats zu sein.  Herta BSC zB erhielt auch sieben Millionen Euro Corona-Beihilfe vom Bund.

Sicherlich gut angelegtes Geld, denn der Goldpreis für das Blattgold auf den Steaks steigt und so ein Ferrari will bei den Spritpreisen auch erst mal vollgetankt sein!

Samstag, 12. März 2022

Mächte und Meinungen – Teil II

Gegenwärtig steht Saudi-Arabien auf der Liste der geringsten Pressefreiheit von über 200 Nationen auf Platz 11. Gegenwärtig heißt 2021. De facto-Regierungschef Kronprinz Mohammed bin Salman al-Saud (MBS) bemüht sich aber eifrig darum, die Spitze zu erklimmen.

Einen Tag nachdem Raif Badawi nach zehn Jahren Folterknast entlassen wurde, erfuhr seine in Kanada lebende Frau, daß sie ihn weitere zehn Jahre nicht sehen darf. Badawi muss bis 2032 in Saudi Arabien bleiben und darf kein Internet nutzen, soll komplett von sozialen Medien getrennt bleiben. Von „Freiheit“ kann also beim besten Willen nicht die Rede sein.

[….] Seine Frau und seine Kinder in Kanada kämpfen jedenfalls weiter tapfer für eine Familienzusammenführung in echter Freiheit. Sie wollen ein weiteres Jahrzehnt schmerzhafter Trennung verhindern und haben jede Unterstützung verdient. Dasselbe gilt für die vielen arabischen und internationalen Initiativen und Organisationen, die sich beharrlich für die zahlreichen politischen Häftlinge in Saudi-Arabien einsetzen: Rund 3000 Menschen sollen dies nach Angaben von Amnesty International sein - trotz einer Reihe von positiven, teils gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen, die Riad in den vergangenen Jahren umgesetzt hat und für die sich auch Raif Badawi zuvor stets eingesetzt hatte. […]

(Deutsche Welle, 12.03.2022)

Saudi Arabien, mit 585,7 Millionen Tonnen pro Jahr größter Erdöl-Exporteur der Welt, hat aber keine Probleme Abnehmer zu finden.

Im Gegenteil, nachdem sich der zweitgrößte Exporteur Russland zur Persona Non Grata entwickelt (außer beim Hauptimporteur China), wollen die Hauptabnehmerländer das nun auch noch viel teurere Öl vermehrt in Riad bestellen.

Deutschland verbraucht im Jahr rund 100 Millionen Tonnen Erdöl, dabei spielt Riad bisher nur eine kleinere Rolle.

[….] Russland ist für Deutschland der wichtigste Öllieferant. 2016 kam 40 Prozent des Öls aus Russland, 2018 war der Anteil leicht gesunken auf 36,3 Prozent. Damit ist Deutschland aktuell ziemlich abhängig von russischem Öl.

Es gibt aber auch andere Länder, aus denen Deutschland Öl bezieht. Diese sind:

    Norwegen (2018 rund 12 Prozent)

    Libyen (ca. 8,5 Prozent)

    Kasachstan (8,0 Prozent)

    Großbritannien (7,8 Prozent)

    Nigeria (6,4 Prozent)

    USA (4,6 Prozent)

    Aserbaidschan (3,6 Prozent)

    Irak (3,6 Prozent)

    Saudi-Arabien (1,7 Prozent) [….]

(SüdWest-Presse, 08.03.2022)

Die saudischen Reserven sind aber gewaltig, die Produktion ausbaufähig. Also wird MBS‘ Saudi Aramco, die größte Erdölfördergesellschaft der Welt, zukünftig eine größere Rolle in Deutschland spielen.

Deutschland verbraucht im Jahr rund 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas, auch dabei spielt Riad bisher nur eine kleinere Rolle.

55% des von Deutschland importierten Erdgases kommt durch Pipelines aus Russland. Weitere 30% aus Norwegen und 13% aus den Niederlanden.

100 Millionen Tonnen Erdöl und 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr zu verbrennen ist natürlich der absolute Wahnsinn, aber der Wahnsinn ist noch am kleinsten, wenn Deutschland Öl und Gas durch Pipelines aus den Nachbarländern bezieht. Der Transport mit Öl- oder Flüssiggas-Tankern, der Bezug von Fracking-Gas wäre eine weit größere Klimakatastrophe.

Ich sage es ohne Häme und Ironie: Daß es ausgerechnet ein grüner Bundesminister für Wirtschaft und Energie ist, der nun gezwungen ist, auf die ökologisch noch viel schlimmeren Alternativen umzustellen, tut mir Leid.

Habeck muss nun ausbaden, daß in 16-Jahren Merkel-Regierung unter CDU-Führung die Abhängigkeit von Russland immer größer wurde, weil CDU und CSU den Umstieg auf erneuerbare Energien blockierten und der letzte CDU-Wirtschaftsminister Altmaier die deutschen Gas-Speicher ausgerechnet an Gazprom verkaufte.

Die Menschenrechtslage in den Golf-Monarchien, insbesondere in Saudi-Arabien ist dabei noch erheblich schlechter als in Russland, wo immerhin Frauen gleichberechtigt sind und Schwule nicht geköpft werden.

Dem Königshaus Saud zu widersprechen, ist eine besonders schlechte Idee, wie Kashoggi und Bawadi lehren. Auch der Massenmord an 370.000 Opfern im unter saudischen Dauerbeschuss stehenden Jemen übertrifft (noch) die Gräuel in der Ukraine.

MBS zieht die Zügel sogar noch deutlich an.

[….]  In Saudi-Arabien sind am Samstag bei der größten Massenhinrichtung seit Jahrzehnten 81 Menschen getötet worden. Die Männer seien wegen verschiedener Verbrechen verurteilt gewesen, darunter Terrorismus und andere Straftaten, einschließlich »abweichender Überzeugungen«, teilten die Behörden mit.  Unter den Hingerichteten seien auch sieben Jemeniten und ein Syrer. Wie die Männer getötet wurden, wurde nicht mitgeteilt. Menschenrechtsgruppen werfen Saudi-Arabien vor, restriktiv gegen politische und religiöse Meinungsäußerungen vorzugehen.  [….]

(SPON, 12.03.2022)

Abweichende Überzeugungen - das heißt bei MBS schnell mal RÜBE AB!

Nochmal, gänzlich ohne Ironie; ich möchte jetzt kein Bundesminister sein, der Deutschlands Energiepolitik durch diese Alptraum-Alternativen steuern muss.

Freitag, 11. März 2022

Mächtige und Meinungen

Demokratie ist natürlich großer Mist, weil Idioten genau so viel zu sagen haben, wie kompetente rationale Bildungsbürger. Wirklich korrupte Gangster-Politiker wie Berlusconi, Strauß, Kohl oder Koch wurden jeweils vielfach im Amt bestätigt, weil der Urnenpöbel nicht in der Lage ist, seine eigene Manipulation zu durchschauen. Demokratie wird sogar zunehmend schlechter, weil die Wähler im Internet-Zeitalter durch Social-Media-Algorithmen bequem zu manipulieren sind. So erlebte der Rechtsradikalismus überall in Europa und den USA einen Aufschwung. Höchst unseriöse gefährliche Lügner wurden demokratisch in Regierungsverantwortung gewählt. Aber schon Adolf Hitler kam demokratisch an die Macht.

Mit Hilfe der professionellen Hetzmaschinen Facebook, Instagram, Telegram Twitter, TikTok und Youtube können auch heute noch antidemokratische Rassisten in Russland, Brasilien, den USA, Polen, Ungarn, Slowenien, Österreich und England an die Macht kommen. Am 16.04.2017 bekam Recep Tayyip Erdoğan spielend einfach bei seinem, ihn selbst ermächtigenden Verfassungsreferendum demokratisch 51,5% der Stimmen. Mit demokratischen Methoden kann man also Demokratie abschaffen.

Aber wie sollte man das Staatswesen besser organisieren?

    "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind."

- Winston Churchill

("No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that] democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time." - Rede vor dem Unterhaus am 11. November 1947 Sitzungsprotokoll column 207)

Sanktionen, Boykotte und Wirtschaftsembargos sind ebenfalls großer Mist. Sie wirken meist nicht in der gewünschten Richtung, lassen diejenigen, die es treffen soll, unberührt und haben schreckliche Nebenwirkungen.

Mit Schaudern erinnere ich mich an die dramatischen Sanktionen, die insbesondere die amerikanische Lügenadministration des GWB gegen den Irak durchgesetzt wurden. Saddam Hussein sollte gezwungen werden, seine Massenvernichtungswaffen abzuschaffen. Immer wieder beteuerte er, gar keine Massenvernichtungswaffen zu besitzen, die er abgeben könnte. Aber kein westlicher Staat glaubte ihm und kam auf die Idee, stattdessen von den demokratischen Regierungen in London und Washington nach Strich und Faden belogen zu werden.

Katrin Kamin, leitende Forscherin zu den Themen Internationale Politische Ökonomie, Handelskonflikte und Geoökonomie am Institut für Weltwirtschaft in Kiel sieht Sanktionen skeptisch. Aber letztlich hält sie es wie Churchill bezüglich der Demokratie: Sanktionen sind immerhin besser als alle anderen Möglichkeiten.

[…] Jahr für Jahr versuchen Staaten, mit Strafen auf andere Staaten einzuwirken - und dies immer häufiger. Die Wirkung ist fraglich. Trotzdem: Es ist ein Fortschritt, Konflikte so auszutragen. […] Was in dieser Krise nun erneut deutlich wird: Die Welt wandelt sich von einer regelbasierten zu einer stärker machtbasierten internationalen Ordnung. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass Staaten zunehmend auf geoökonomische Instrumente wie Sanktionen zurückgreifen. Die Anzahl der verhängten Sanktionen (sowohl bilateral als auch multilateral) ist von etwa 20 im Jahr 1950 auf etwa 250 im Jahr 2019 gestiegen. […]  Allerdings ist die Wirksamkeit von Sanktionen zur Erreichung politischer Ziele umstritten. […] Zum einen, weil Studien nahelegen, dass nur ein Drittel der Sanktionen auch das gesteckte Ziel erreichen. Zum anderen, weil Sanktionen vielfältige Effekte haben, insbesondere auch für Unbeteiligte. So hat das Sanktionsregime gegen den Irak in den 1990er-Jahren mit seinen dramatischen humanitären Auswirkungen auf das irakische Volk verdeutlicht: Die Kosten solcher breiten Sanktionen werden häufig von der breiten Bevölkerung getragen  […]

(Prof. K. Kamin, 11.03.2022

Die demokratischen Staaten des Westens verhängten so brutale Sanktionen gegen Bagdad, daß durch Nahrungs- und Medikamentenmangel bis zu einer Million Menschen starben. Vielfach werden die damaligen Sanktionen als eine Form des Genozids bezeichnet. Ein Genozid, der freilich nie untersucht und aufgeklärt wurde, weil die mächtigen EU- und nordamerikanischen Staaten kein Interesse daran haben, als Schuldige dazustehen.

[….]  Richard Garfield, Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der Columbia University, gelangte in seinen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Zunahme der Kindersterblichkeit zwischen 1991 und 2002 zum Tod von 345.000 bis 530.000 irakischen Kindern geführt hat. … Zu noch erschreckenderen Zahlen kam Tim Dyson, Professor für Bevölkerungswissenschaften an der London School of Economics, in einer Studie von 2006. Er schätzt, dass zwischen 1990 und 2003 etwa 660.000 bis 880.000 irakische Kinder unter fünf Jahren aufgrund des Zusammenbruchs der irakischen Ökonomie gestorben sind. … Die Hauptverantwortung für die Härte und Dauer des Embargos tragen die verschiedenen US-amerikanischen und britischen Regierungen. [….]

(Heise, 06.08.2020)

Sanktionen ohne Grund, denn Präsident Hussein hatte keine WMDs, die er wie gefordert hätte abgeben können, um das Sterben der irakischen Kinder zu stoppen. Die Erkenntnisse sind nicht neu, sondern wurden schon vor 20 Jahren seriös berichtet. Es kümmerte uns nur nie, weil die Kinder etwas weiter weg starben und in der Regel dunkle Haare hatten. Da kann man auch geächtete Uran-Munition einsetzen; es sterben ja bloß muslimische Kinder an Krebs und nicht die netteren Blonden wie in der Ukraine – so offenbar die Moral des Westens.

[….] Die Zahlen und Fakten, die verschiedene UN-Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder UNICEF zur humanitären Lage des Landes am Golf präsentieren, sprechen eine erschütternde Sprache. Als direkte Folge der Sanktionen sterben durchschnittlich 250 Menschen täglich (UNICEF, 1998). Inzwischen zählt der Irak zu den fünf ärmsten Ländern der Welt, während er vor 1980 zu den am besten entwickelten Ländern des Nahen Ostens gehörte. Jedes achte irakische Kind stirbt, bevor es das fünfte Lebensjahr erreicht, zum größten Teil an Diar-
rhö oder Atemwegserkrankungen. Rund 960 000 Kinder (32 Prozent) sind chronisch unterernährt. Der Irak hat weltweit eine der höchsten Kinderkrebsraten. Irakische Ärzte machen dafür die Geschosse mit abgereichertem Uran (300 Tonnen) verantwortlich. In Basra, einer Stadt im Süden des Landes, in der während des 2. Golfkrieges besonders viel Uranmunition abgeworfen wurde, sind drei Prozent der neugeborenen Kinder schwerstmissgebildet. Bisher konnte die WHO keine Studien zur Ursachenaufklärung durchführen, weil sowohl die USA als auch Großbritannien die Erlaubnis dazu verweigerten. Rund zwei Drittel der irakischen Bevölkerung leben allein von den monatlichen Nahrungsmittelrationen: neun Kilo Mehl, drei Kilo Reis, zwei Kilo Zucker, ein Pfund Linsen, ein halbes Pfund Bohnen und 1,25 Kilo Öl.
Berührend und schockierend zugleich ist die Konfrontation mit den vielen leukämiekranken Kindern im Al-Mansour-Hospital in Bagdad.
Immer wieder erzählt der Hämatologe Dr. Murtada Hassan fast gleiche Krankengeschichten über die kleinen Patienten: Der fünfjährige Atal leidet an einer akuten myeloischen Leukämie – Behandlung nicht möglich, da zurzeit keine Chemotherapeutika verfügbar sind. Abbas ist 12 Jahre alt und vor zwei Jahren erstmals an akuter lymphoplastischer Leukämie erkrankt. Damals erhielt er eine Chemotherapie. Vor sechs Wochen ist ein Rezidiv aufgetreten – keine Chemotherapie möglich, da keine Asparaginase vorhanden. Der sechsjährige Ibrahim mit akuter lymphoplastischer Leukämie befindet sich im Terminalstadium. Hamsa ist erst eineinhalb Jahre alt – Hämophilie, kein Faktor 8 vorhanden. „Es ist furchtbar, entscheiden zu müssen, wer weiterlebt und wer stirbt, wenn uns die Medikamente wieder ausgehen“, sagt Hassan. „Immer wieder gibt es infolge der Sanktionen Lieferengpässe und Verzögerungen.“ [….]

(Ärzteblatt, März 2003)

Am Ende griffen die USA mit ihrer Koalition der Willigen dennoch an und töteten weitere eine Million Iraker. Chirac, Putin und Schröder stemmten sich massiv gegen den Irak-Krieg, konnten die bellizistischen Konservativen in Washington aber genauso wenig umstimmen, wie Merkel und die CDUCSU.

Es sollte die Strafe für 9/11 sein. Daß Saddam damit nichts zu tun hatte, spielte keine Rolle, da die wahren Täter fast ausnahmslos wie Osama bin Laden Saudi-Araber waren. Die Saudis sind aber a) furchtbar reich, sitzen b) auf furchtbar viel Öl und sind c) furchtbar eng mit der Bush-Familie befreundet. Gegen Saudi Arabien unternimmt niemand im Westen etwas, obwohl dort ein brutales maximal undemokratisches Scharia-Regime herrscht, welches seit 2015 damit beschäftigt ist einen Völkermord an den Jemeniten zu verüben.

[….] Mehr als 370.000 Menschen wurden im Jemen-Konflikt bereits getötet, Millionen mussten flüchten. Die Vereinten Nationen stufen den Krieg und seine Folgen als schlimmste humanitäre Krise der Welt ein.   [….]

(Tagesschau, 22.01.2022)

370.000 Tote, für die Joachim Gauck nicht eine Sekunde überlegte, zu frieren.

Die Saudische Regierung unter ihrem de facto-Regierungschef Kronprinz Mohammed bin Salman al-Saud (MBS) mag nicht gern, wenn man schlecht über sie redet.  König und Premierminister und Hüter der Heiligen Stätten Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud ist 86 Jahre alt und senil, also kann sein 36-Jähriger Neffe MBS tun was er will.

Der saudi-arabisch-US-amerikanische Kolumnist der Washington Post Jamal Ahmad Khashoggi hatte kritisch über die saudische Regierung berichtet. Also ließ ihn Regierungschef MBS am 2. Oktober 2018 von in den USA ausgebildeten Killern in Istanbul zerstückeln.

An die 200 Menschen pro Jahr lässt das MBS-Regime allerdings auch öffentlich zur Belustigung der Massen hinrichten. Ein Spaß für die ganze Familie.

Gar nicht gern sehen es die Tausenden saudischen Prinzen, wenn aufmüpfige Bürger einfach so frei ihre Meinung sagen. Eine Meinung, die womöglich sogar das Königshaus oder gar die islamisch-wahabitische Religion kritisiert, kann da schnell mal zur finalen Steinigung führen.

Der Blogger Raif Badawi trieb es besonders weit und bekannte in seinem Blog Atheist zu sein. So geht es ja nun nicht in Riad! Aber Badawi hatte Glück und verschwand nur für zehn Jahre in einem Folterknast, aus dem er erstaunlicherweise sogar lebend heraus kam. Da kann er sich nun wirklich nicht mehr beschwere

[….] Saudiarabischer Blogger Badawi nach zehn Jahren freigelassen

Raif Badawi setzt sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. [….] Badawi war 2012 festgenommen und 2014 wegen "Beleidigung des Islams" zu zehn Jahren Haft und tausend Peitschenhieben verurteilt worden. Seine Verurteilung hatte heftige internationale Proteste ausgelöst. Badawi hatte sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Frauenrechte eingesetzt und wiederholt die Religionspolizei für ihre harte Durchsetzung der in Saudi-Arabien vorherrschenden strengen Auslegung des Islam kritisiert. [….] Badawis Frau Haidar lebt mit ihren drei Kindern im kanadischen Québec und hat die kanadische Staatsangehörigkeit angenommen. [….]

(ZEIT, 11.03.2022)

Ich bestreite selbstverständlich nicht, daß man, daß wir, daß „der Westens“ im Zuge des Angriffs auf die Ukraine Russland sanktionieren müssen. Natürlich führt kein Weg daran vorbei, einem Angriffskrieger drastisch zu verstehen zu geben, daß die Weltgemeinschaft so ein Verhalten nicht akzeptiert. Putin droht Journalisten, die frei ihre Meinung sagen, bis zu 15 Jahren Gefängnis an. Dagegen wehren wir uns immer!

Es sei denn natürlich, das Land ist so mächtig wie die USA oder China. Dann können wir eben nichts unternehmen, sprechen die Millionen Toten im Irak oder die Uiguren im Gulag einfach nicht an.

Da kehren wir die lästigen Fälle Julian Assange und Edward Snowden lieber unter den Teppich, weil es Washington ist, das die beiden Whistleblower hart dafür bestrafen will, die Wahrheit über US-amerikanisches Regierungshandeln auszuplaudern. Bis heute traut sich die Bundesregierung nicht Snowden in Deutschland Asyl zu gewähren.

Aber bei Russland muss es wirklich sein. Katrin Kamin hat Recht; Sanktionen sind besser als nichts und besser als selbst in den Krieg einzutreten.

Und wir müssen Gas und Erdöl auch nicht für immer in Russland einkaufen. Lass‘ doch mal bei MBS in Riad anrufen. Von den netten Saudis nehmen wir gern Erdöl und Erdgas. Dann sind wir ethisch wieder auf der richtigen Seite.


Donnerstag, 10. März 2022

Danke, lieber G*tt!

Das sind nun wirklich keine erfreulichen Meldungen, die man seit dem 24.02.2022 den Medien entnimmt. Und dabei waren vorher schon zwei Jahre Pandemie in Kombination mit einer explosionsartigen Vermehrung der Doofen, so daß man beim Zeitungslesen immer wieder vor Ärger in die Schreibtischplatte beißen wollte.  Ich fühlte mich wie ein Fußball-Fan, dessen Mannschaft jeden Tag durch Eigentore verliert.

In so einer Situation ist es der psychischen Gesundheit außerordentlich förderlich, bei den wenigen positiven Meldungen innezuhalten, den Moment zu genießen und Erfolge zu zelebrieren.

 Gestern war so ein Tag! Die jahrelangen Bemühungen der atheistischen EKD-Hauptagenten haben sich nun ausgezahlt. Die radikal-naive BILD-Haustheologin Käßmann, ihre bayerische Bischofskollegin Gaga-GONG Breit-Keßler, sowie ihr bayerischer Oberchef  Zimmertemperatur-IQ Bedford-Strohm schafften es, in der letzten Saison über eine halbe Millionen Gläubige aus der evangelischen Kirche Deutschlands zu jagen und damit die psychologisch wichtige Marke von 20 Millionen Mitgliedern deutlich zu reißen. Applaus!

[…] EKD verliert über 500.000 Mitglieder

Die evangelische Kirche hat im vergangenen Jahr deutlich mehr Mitglieder verloren als im Pandemiejahr 2020. Demnach ging die Zahl der Kirchenmitglieder um mehr als eine halbe Million zurück, wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Mittwoch in Hannover mitteilte - so viele wie noch nie. Grund für den Mitgliederschwund sei die im Corona-Jahr 2021 erhöhte Zahl der Sterbefälle von 360.000 sowie die hohe Zahl der 280.000 Kirchenaustritte. Nach den Zahlen der EKD gehörten 19,7 Millionen Deutsche (23,7 Prozent) einer der 20 evangelischen Landeskirchen an. Das sind 2,5 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. [….] Hält auch der bisherige Trend des Mitgliederrückgangs in der katholischen Kirche an, könnte erstmals der Anteil der evangelischen und katholischen Christen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland unter die 50-Prozent-Marke sinken. Die katholische Kirche veröffentlicht ihre Mitgliederstatistik im Sommer. In den vergangenen Jahren hatten evangelische und katholische Kirche ihre Zahlen stets gemeinsam veröffentlicht. [….]

(Evangelisch, 09.03.2022)

Besonders erfreulich erscheint mir die neue EKD-Ratsvorsitzende Kurschus zu sein, die nach den beeindruckenden Loser-Vorgängern Margot Käßmann (2009-2010) Nikolaus Schneider (2010 bis 2014) und Heinrich Bedford-Strohm (2014-2021) auch 2022 für Kontinuität in der trüben intellektuellen Einfältigkeit deutscher evangelischer Theologen steht.

Deutsche Katholiken verlassen ihre Kirche überwiegend aus handfester Verärgerung über das Bodenpersonal – Sexskandale, Pädoskandale, Finanzskandale, homophobe/misogyne Hetze. Daraus kann man zur Not einen Hoffnungsschimmer konstruieren: Bei weniger abstoßenden Pfaffen und Bischöfen, wären die Gläubigen brave Mitgliedsbeitragszahler geblieben. Das Produkt ist also noch interessant und würde nachgefragt, wenn nur nicht arrogante Verkäufer den Kunden mit nacktem Arsch ins Gesicht sprängen.

Bei der EKD handelt es sich um ein noch grundlegenderes Problem: Die Verkäufer werden gemocht, Breit-Keßlers Gaga-GONG-Kolumnen und Käßmanns Plattitüden im Hetz- und Lügenblatt BILD werden durchaus gelesen. Kein evangelischer Bischof in Deutschland wird so gehasst wie Mixa, TVE, Marx, Woelki, Ackermann, Ratzinger, also den Kollegen der Rom-Fraktion. 

Aber die Kunden halten das Produkt, nämlich das Christentum selbst, für gänzlich irrelevant.  Die Kirchen schwimmen bekanntlich in Geld, das sie nicht für humanitäre Zwecke, Lebensmittel für Verhungernde oder gar Entschädigung ihrer Sexopfer ausgeben. Sie prassen es lieber für PR-Profis, Anwälte und Studien aus, die das erklären, was die promovierten Moral-Experten nicht begreifen. Die Soziologin Petra-Angela Ahrens vom Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der EKD, erforscht nun das vierte Jahr akribisch die Austrittsgründe und berichtet in ihrer aktuellsten Studie wenig Erbauliches. Christentum ist teuer und sinnlos.

[….] In erster Linie vollziehe sich der Austritt als Prozess, der häufig schon mit einer fehlenden religiösen Sozialisation beginne, so Soziologin Ahrens: "Eine empfundene 'persönliche Irrelevanz' von Religion und Kirche kristallisiert sich als wichtiger Faktor heraus." Gerade den ehemals Evangelischen gehe es beim Austritt auch darum, die Kirchensteuer zu sparen - 71 Prozent machten in der Befragung diese Angabe. [….] 

(Annette Zoch, 10.03.2022)

Wäre das Christentum keine antiquierte Sinnlosigkeit, müsste man befürchten, daß irgendeinem der Myriaden deutschen Geistlichen und Theologen ein überzeugender Grund einfiele, weswegen man an Gott glauben und dafür zahlen sollte.

Die Frage kann aber kein Bischof beantworten. Stattdessen liefern sie unfreiwillig stets neue Gründe, ihren Verein zu verlassen.

EKD-Oberbossin Präses Annette Kurschus stammelte sich zur Frage „Waffenlieferungen an die Ukraine“ um Kopf und Kragen.  Sie halte sich zwar an das kirchliche Motto „Schwerter zu Pflugscharen“, aber räumt ein, den Ukrainern wäre mit Gebeten und Pflugscharen womöglich nicht geholfen.

Ein dialektischer Leckerbissen ist ihre Einschätzung zur russisch-orthodoxen Kirche, der Partnerin der EKD. Patriarch Kyrill I., Hardcore Putin-Unterstützer, radikaler Schwulenfeind und Kriegstreiber gegen die Ukraine, zieht bekanntlich aus der Bibel den Schluß, orthodoxe Christen sollten Putin danken und als Soldaten für ihn gegen die Ukrainischen Erzfeinde kämpfen.

Kurschus könnte dazu sagen „das ist große Scheiße, Kyrill spinnt und wir als EKD lehnen dieses menschenverachtende Kriegsgeheul ab!“

Das tut sie aber ausdrücklich nicht. Ihre Sorge gilt also weniger den Ukrainischen Opfern, als dem armen Kyrill.

[…] Abendblatt: Kyrill bezeichnete Ukrainische Soldaten als „Mächte des Bösen“.

Kurschus: Das ist tatsächlich nur schwer zu hören. Zugleich wissen wird, daß die russisch-orthodoxen Brüder und Schwestern nicht so frei reden können wie wir und unter Putins diktatorischen Regime stehen.“ [….]

(Abendblatt Interview, 07.03.2022)

Ein faszinierender Doppel-Fauxpas. Nicht nur, will Kurschus ihren Kumpel Kyrill nicht verurteilen, sondern sie belegt auch noch unfreiwillig die Irrelevanz und Feigheit der 150 Millionen-Kirche, die sich leider nicht traue auszusprechen, was sie denke und daher lieber einem Vernichtungsfeldzug das Wort rede.

Hat sie vielleicht noch mehr Ideen, um Mitglieder aus der EKD zu treiben. Nun, auch das offenbart sie unfreiwillig, indem sie versehentlich einräumt, erwachsene, rational denkende Menschen nicht von ihrem Schmu überzeugen zu können und daher auf unschuldige Kinder setze, die gegen ihren Willen zwangsrekrutiert werden sollen.

[….] Besorgt äußerte sich die EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus, zu den Austrittszahlen: Zwar hänge die Ausstrahlkraft einer Kirche nicht allein an der Zahl der Mitglieder. "Trotzdem werden wir sinkende Mitgliederzahlen nicht als gottgegeben hinnehmen." Unter anderem wolle man mit Taufaktionen gezielt Familien ansprechen, die ihre Kinder wegen Corona bislang nicht hätten taufen lassen. "Bei der Taufe eines Kindes erfahren wir unmittelbar, wie die Kraft des Evangeliums Menschen berührt und stärkt", so Kurschus. "Der Segen [vulgo: DIE PFLICHT KIRCHENSTEUER ZU ZAHLEN –T.] begleitet die Getauften ein Leben lang. Diese Zusage ist gerade in unsicheren Zeiten verheißungsvoll und heilsam zugleich." [….] 

(Annette Zoch, 10.03.2022)

So kann es weitergehen. Ich hoffe noch zu erleben, wie die EKG-Mitgliederzahl unter die 10-Millionen-Grenze in die Siebenstelligkeit rutscht.

 Kurschus läßt inzwischen mit Kyrill und Co beten

[….] „Mit unseren Partnerkirchen, Christen in Russland und der Ukraine, in Polen, in Belarus und im Baltikum und mit allen Menschen guten Willens wissen wir uns versöhnt durch den Gott des Friedens.  Wir rufen zu Gott:  „Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr. Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr. … Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.“  Ich werde heute um 18:00 Uhr in der Altstädter Nicolaikirche in Bielefeld für den Frieden beten und ich bitte die Gemeinden in der Ev. Kirche von Westfalen, ebenfalls um 18:00 Uhr zu Friedensgebeten einzuladen.“ [….]

(Dr. h. c. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, 24.02.2022)



Mittwoch, 9. März 2022

Sehr kleine Politiker.

Krieg ist scheiße.
Putin ist der Böse.

Selenskyj ist der Gute. Da heißt es in jedem möglichen Sinne „Flagge zeigen.“

Die üblichen Sanktionen, die Putin seit 2014 kennt, wird er locker aussitzen können. Auf SWIFT- und Nordstream2-Aus war er eingestellt, hatte Reserven angehäuft.
Aber ich bezweifele, daß der Kreml mit der nahezu endlosen Liste von Privatfirmen rechnete, die ihre Geschäfte mit Russland einstellen. Es werden also auch die ganz normalen 144 Millionen Russen massiv betroffen.

Wenn McDonald's, Starbucks, Coca-Cola, PepsiCo, Danone, Heineken, Volkswagen, Daimler Truck, Mercedes-Benz Group, ehemals Daimler und früher Mutterkonzern der Daimler-Lkw-Sparte, BMW, Volvo Cars, General Motors (GM),Ford Motor, Mitsubishi, Toyota, Harley Davidson, Jaguar Land Rover und Aston Martin, Ferrari und die Volkswagen-Tochter Lamborghini, Continental, BP, Shell, Exxon Mobil, der französische Ölriese Total, Uniper, die weltweit tätige Bank HSBC, Union Investment, Visa, Mastercard und American Express, PayPal, KPMG und PwC, Fitch, Ikea, REWE, deren Tochter Penny, Aldi und der Discounter Netto, Obi, Siemens Energy, Siemens, Knorr-Bremse, Adidas, Nike, Puma, Electrolux, Hennes und Mauritz (H&M), Hermès, LVMH, Kering, Prada, Procter & Gamble (P&G), Levi Strauss & Co., UPS und FedEx, Maersk, Hapag Lloyd, Kühne + Nagel, Lufthansa, Airbus und Boeing, Bombardier, Warner Brothers, Disney und Sony Pictures,  Universal Music Group, Netflix, TikTok, Apple, Google, Intel, Microsoft, Dell, Samsung, Airbnb, SAP und sein US-Rivale Oracle, General Elecric (GE), Ericsson und Nokia ihre Filialen in Russland schließen und nicht mehr nach Russland liefern wird ihnen das zwar finanziell sehr weh tun, aber für die Russen, insbesondere auch die Reichen, die Luxusgüter kaufen, wird sich das Leben massiv verändern.

Das sind gar keine guten Nachrichten für Putin. Die westliche Welt, die er zu Trumps Zeiten so mustergültig auseinanderdividieren konnte, steht erstaunlich geschlossen zusammen, nimmt drastische Gewinneinbußen in Kauf, um einen bisher beispiellosen ökomischen Druck auf Putins Reich zu entfalten.

Ursula von der Leyen ruft schon zum Energiesparen auf. Kommen wir nicht vielleicht jetzt schon mit weniger Gas und Öl aus, wenn die Deutschen ihre Wohnungen um ein paar Grad runterkühlen und weniger Auto fahren?

Wäre das nicht ein wirklich geringer Preis für den Frieden?

Zwei Dinge sprechen aber dagegen.

Mir fehlt nach wie vor die Phantasie dafür, daß Putin ohne sein Gesicht zu wahren einlenkt und in der UN erklärt:

  „Sorry Leute, ich habe da echt was völlig falsch kalkuliert, es tut mir Leid, wir ziehen uns aus der Ukraine zurück und in Russland gilt ab sofort völlige Presse- und Meinungsfreiheit. Ich trete zurück, ziehe mich in eine bescheidene Zwei-Zimmer-Datsche zurück und hoffe, daß mein demokratisch gewählter Nachfolger es besser macht.“

Ich denke, ein in die Enge getriebener Putin, der frustriert über den Kriegsverlauf ist und massiven Druck von den unter Sanktionen leidenden Russen steht, wird eher zum Äußersten greifen und mit brachialer (Atom-)Gewalt einen militärischen Sieg erzwingen wollen.

Zweitens sind wir Westler viel größere Jammerlappen, als die Russen. Allein die Vorstellung, Benzin könnte teurer werden, läßt hinterwäldlerische Wahlkämpfer in deutschen Zwerg-Bundesländern zu parteipopulistischen Pseudo-AfD-Figuren anschwellen.


Die Deutschen mögen keinen Krieg und sind gegen Putin, aber es gibt Dinge, die sind ihnen so heilig, daß dafür schon mal ein Krieg mit drastischen Menschenrechtsverletzungen - wie im Haupt-Öllieferland Saudi Arabien (Scharia, Raketenkrieg gegen den Jemen) – in Kauf genommen werden: Rasen auf der Autobahn und billiges Benzin.

[….] Mit einem selbst aufgenommenen Video zu den Rekord-Spritpreisen hat Ministerpräsident Hans (CDU) viel Kritik geerntet. [….] Darin nennt er den Preis von 2,12 Euro für einen Liter Diesel „wirklich irre“. Gleichzeitig wirft er der Bundesregierung vor, sich an den hohen Kraftstoffpreisen zu bereichern. [….] Besonders viel Kritik erntet Hans auf Twitter für den Satz: „Das trifft jetzt nicht nur Geringverdiener, sondern das trifft wirklich die vielen fleißigen Leute, die tanken müssen, die ihre Dieselfahrzeuge tanken, die zur Arbeit fahren, die die Kinder zum Sport bringen.“ [….]

(SR, 08.03.2022)

Wenn schon zwei Euro für den Liter Superbenzin einen CDU-Ministerpräsidenten so frei drehen lassen, möchte ich nicht wissen, wie sympathisch uns allen Putin und Nordstream II werden, wenn man erst in der eigenen Wohnung frösteln muss und nicht mehr nach alter Gewohnheit einfach alle Heizkörper auf 5 drehen kann.


 

Dienstag, 8. März 2022

Wir alle verrohen zusehends.

Bill Clinton, US-Präsident von 1993 bis 2001, ist sicher einer der intelligentesten US-Politiker aller Zeiten und kann auf eine extrem erfolgreiche Zeit im Weißen Haus zurück blicken. Er handelte wichtige internationale Friedensverträge aus, sanierte die Wirtschaft, hinterließ seinem Nachfolger einen gewaltigen Haushaltsüberschuss.

Aber der Mann wurde impeached, muss für immer mit der Schande leben, daß sein Sexualleben monatelang vor der Weltpresse ausgebreitet wurde. Sein ungeheuerliches Vergehen: Ein außerehelicher Blowjob.

Es klingt wie eine Story aus dem finsteren Mittelalter. Aber es ist nur zwei Jahrzehnte her, daß ein einziger privater Seitensprung die Karriere des mächtigsten Mannes der Erde beenden konnte.

Ausgerechnet sein direkter Nachfolger, GWB, war ein Idiot. Was für ein Gegensatz zu einem der weltbesten Redner Bill Clinton, wenn Bush Jr. mit seinem ohnehin stark reduzierten Wortschatz sprach und sich dabei auch noch ständig verhaspelte. Zuerst schämte ich mich als Amerikaner dafür, wie GWB auf Auslandsreisen seine völlige Ahnungslosigkeit offenbarte. Er nahm an, in Mexiko spreche man mexikanisch, fragte in Brasilien, ob sie da eigentlich auch „Schwarze“ hätten und sagte dem spanischen Königspaar, er freue sich, die REPUBLIK Spanien zu besuchen.

Was für eine Peinlichkeit. Der dümmste US-Präsident aller Zeiten.

Aber diesen Eindruck von GWB musste ich zweimal revidieren.

Das erste mal nach dem 11.September 2001. Wäre es doch bloß dabei geblieben, peinlich zu sein. Denn nun erlebten wir den hochgefährlichen GWB, der frei erfundene Kriegsgründe vortrug, zwei Angriffskriege anzettelte; 2001 legal und 2003 illegal; in deren Folge hunderttausende Menschen starben und über 10 Millionen vertrieben wurden. Beide Kriege zogen sich endlos hin, beschäftigten mehrere nachfolgende Präsidenten und gingen verloren.

Als krönenden Abschluss verursachte GWB dann 2008 auch noch eine Weltwirtschafts- und Finanzkriese, hinterließ die USA seinem Nachfolger Barack Obama in einer tiefen Rezession mit Trillionen Schulden.

Als entsetzte Beobachter östlich des Atlantiks überlegten wir verzweifelt, wie man diesen destruktiven Mann loswerden könnte, wenn schon sein Wahlvolk kein Anstoß an illegalen Angriffskriegen nahm und ihn 2004 nicht nur wiederwählte, sondern diesmal sogar mit Mehrheit. (2000 war GWB bekanntlich wie auch Trump 2016 mit Stimmenminderheit US-Präsident geworden.)

Zu der Zeit hörte ich täglich den Satz „könnte bitte irgendjemand endlich GWB einen Blowjob geben, so daß wir ihn impeachen können?“

Das war damals unsere härteste Gangart. Sich eine Sexaffäre herbei zu sehnen, damit die evangelikalen Anhänger des frommen Bushs, eine Amtsenthebung anstreben, wenn sie sich schon nicht an hunderten Lügen, hunderttausenden Toten und einer ökonomischen Vollkatastrophe störten.

Allein, niemand wollte sich zu diesem Dienst an der Menschheit herablassen. Mit Barack Obama übernahm wieder ein geistig diametral entgegen gesetzter Mann: Hochgebildet, wissenshungrig, ausgezeichneter Redner und zudem auch noch persönlich integer.  Wir liebten Obama; er würde die US-amerikanischen Folterlager schließen, die Kriege beenden, die Todesstrafe abschaffen, den Waffenwahn stoppen.  Unglücklicherweise wurden alle diese Erwartungen enttäuscht.  Der Friedensnobelpreisträger Obama fand dafür eine andere außenpolitische Methode.

Weltweite Drohnenangriffe, um illegal in souveränen Staaten, Menschen ohne Prozess hinzurichten. Und auch ein paar hundert Unschuldige als Kollateralschaden mitabzumurxen.

„Bring them to justice“ hieß auf obamisch übersetzt “bei einer Nacht und Nebel-Aktion abknallen und Leiche ins Meer werfen.“

Allein in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit ließ Barack Obama 1.718 Personen im Ausland durch Drohnenangriffe gezielt ermorden. Natürlich war es völkerrechtlich illegal, wie Obamas USA im Jahr 2011 Osama bin Laden auf Pakistanischem Staatsgebiet töteten.

(….) Angela Merkel, die Christin, die sich angeblich auf Werte wie Nächstenliebe beruft, sagte nach der völkerrechtswidrigen Tötung Osama bin Ladens (ohne Gerichtsverfahren) «Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.»

Als Atheist und Humanist empfinde ich keine Freude, wenn Menschen getötet werden und halte solche nationalen Strafaktionen inklusive der dubiosen geheimen Entsorgung der Leiche im Meer für falsch.  Dafür braucht es die biblische Rache-Ideologie (Auge um Auge, Zahn um Zahn), die mir fehlt. (….)

Statt des Rechtsweges in Den Haag, wie es noch für Kriegsherren vom Balkan vorgesehen war, akzeptierten wir nun offensichtlich das willkürliche „Rübe ab“ aus Washington. Niemand schien es #44 übel zu nehmen.

In der Amtszeit des Obama-Nachfolgers Trump, musste ich insbesondere meine Einschätzung George W. Bushs erneut revidieren. GWB war doch nicht der unehrlichste und schlechteste US-Präsident aller Zeiten. So schnell kann es gehen.

Nach nur einem Jahr Trump-Amtszeit ertappte ich mich selbst das erste mal dabei, GWB vergleichsweise sympathisch zu finden.

Aber wie sollte man Trump loswerden? Der hochkorrupte 30.000-fache Lügner war offensichtlich gemeingefährlich und machte sich daran die US-amerikanische Demokratie zu zerstören.

Auf einen Blowjob, der Trump impeachen würde, brauchte niemand mehr zu hoffen.

Der Tittenjuror, der Behinderte nachäffte und damit prahlte Frauen zu vergewaltigen, würde dafür von seiner christlichen Basis nur noch mehr geliebt werden. Also hoffte ich auf eine „deadly pretzel“, die fast einmal GWB erledigt hatte. Oder einen Herzinfarkt des dicken Fastfood-Fressers. Oder Covid. Aber nichts half.

Und nun Putin.

Bei ihm ist es gruselige Konsens im Westen: Es wird kein Amtsenthebungsverfahren geben. Niemand muss sich für Fellatio opfern.

Den Haag wird gar nicht erst überlegt. Nein, diesmal sind wir es, die nur noch „Rübe ab“ denken. Wie wahrscheinlich ist es, daß ein Attentäter Putin ermorden könnte? Wie gut ist der Mann geschützt? Weiß man überhaupt genau, wo er sich aufhält?

Schöne neue Welt. Der Glauben an Einsicht, Reue, Argumente, an das internationale Recht, ist offenbar dahin. Nun phantasieren wir alle gleich von Mord.