Es gibt kaum ein negativeres Vorurteil über Politiker, als
ihnen Interesse an Posten zu unterstellen. Die würden persönliche Motive über
das Wohl der Allgemeinheut stellen. Tatsächlich gibt es käufliche Politiker, Minister,
die mit Superkleber an ihren Posten kleben, Parlamentarier, die ihre Position
ausnutzen, um Steuerzahlergeld in die eigenen Taschen zu leiten. Stichwort „Maskendeals“. Diese Vorkommnisse bekräftigen den Politiker-Verdruss vieler
Wähler, beschädigen daher die Demokratie und das Vertrauen in den
Parlamentarismus.
Daher schrillten in den gegenwärtigen Verhandlungen über die
Bildung einer neuen Regierung bei vielen Grünen sofort die Alarmglocken, als
offensichtlich wurde, daß ihre Führung maximal intransparent in den gefürchteten
Hinterzimmer-Deals die Vizekanzlerschaft für Robert Habeck ausgekungelt hatte. Der Grünen-Chef musste viel Zeit für die Schadensbegrenzung
aufwenden.
Daher betonen nahezu alle Politiker, die in Interviews nach
möglichen Besetzungen der Kabinettsposten gefragt werden, unisono, es ginge nun
aber wirklich nicht um Personalien, sondern um Inhalte.
„Wir wurden gewählt, um unsere Inhalte durchzusetzen. In den
Koalitionsgesprächen loten wir aus, in welcher Konstellation wir die meisten
von unseren Wählern gewünschten Inhalte durchsetzen können.“
So ähnlich klingen Vertreter aller theoretisch möglichen
Regierungsparteien.
Wähler mögen es, wenn ihnen die zukünftigen Minister vorgaukeln,
gänzlich altruistisch zu handeln, ihre eigene Karriere nur sehr nachgeordnet zu
berücksichtigen.
Alle bis hierher genannten
Annahmen sind allerdings meistens unrichtig.
1. Politiker ab Staatssekretärsebene aufwärts können leicht
außerhalb der Politik als Berater oder Lobbyist mit viel weniger Aufwand viel
mehr Geld verdienen. Geldgier treibt sie also nicht ins Kabinett.
2. Die Mehrheit der Abgeordneten findet keine Zeit für eine
Anhäufung von Nebenjobs wie Lindner oder Merz. Sie konzentrieren sich auf ihren
Job als Volksvertreter.
3. Die korrupten Politiker, die zum Beispiel bei Maskendeals
Millionen auf ihre eigenen Konten lenkten, sind fast ausschließlich bei CDU und
CSU. Sozis, Grüne und Linke tun das nicht.
4. Nahezu ausschließlich Politiker des rechteren Spektrums –
FDP, CDU, CSU, AfD – sind für Bestechungen empfänglich.
5. Die ganz großen Spenden in siebenstelliger Höhe flossen nur
an CDU, CSU, FDP und GRÜNE. Linke und SPD bekamen keine derartigen Großspenden.
Die Menschen, die üblicherweise als sympathisch gelten –
zurückhaltend, sensibel, uneitel, bescheiden – sind als erfolgreiche Politiker
leider ungeeignet.
Ein erfolgreicher Volksvertreter soll die Interessen seiner
Wähler effektiv durchsetzen. Dafür braucht es Selbstbewußtsein, Ellbogeneinsatz,
den Willen sich in den Mittelpunkt zu stellen, Karrierestreben, ein dickes
Fell, Rücksichtslosigkeit und eben auch Eitelkeit.
Vielleicht möchte ich mit so einem nicht unbedingt
verheiratet sein, aber als mein Interessenvertreter in Berlin wäre er gut.
Ich begrüße es, wenn Toppolitiker empathisch genug sind, um
Nöte der Menschen zu verstehen, mitzufühlen, ergriffen zu sein können, auch mal
eine Träne zu vergießen. Sie dürfen aber nicht so sensibel sein, daß sie sich
emotional aus der Bahn werfen lassen. Sie müssen viele negative Emotionen und
Bosheit aushalten, ohne sich bei ihren Reaktionen von Gefühlswallungen treiben
zu lassen. Sie müssen auch unter schwersten Druck, Müdigkeit und persönlichen
Angriffen rational verhalten, wie eine Maschine funktionieren.
Einen Menschen mit ausgeprägten Machtstreben, wünscht man
sich nicht als Mitbewohner, aber als Politiker ist das ein Plus. Um seine politischen Anliegen – beispielsweise Mindestlohn,
Ehe für Alle oder Rüstungsexportstopp – durchzusetzen, muss er nach Macht,
Positionen und Posten streben. Außerdem muss ein guter deutscher Politiker so gut wie immer,
in der verpönten Gremienarbeit einer Partei zu Hause sein, sich Freundschaften
und Gefallen, Unterstützer und Förderer erarbeiten. Er muss zu einem gewissen Grad klüngeln, Strippen ziehen, „Freundschaftspflege“
betreiben. Auch das ist nicht ausgesprochen sympathisch, aber notwendig, um
überhaupt in Parlament zu kommen und auf mächtige Posten gehoben zu werden. Nur
so kann man Gutes bewirken.
Journalisten versuchen gern in Politiker-Interviews mit
platten Gotcha-Fragen, Minister als abgehoben vorzuführen. Wissen sie überhaupt
was ein Pfund Butter oder ein Liter Benzin kostet? Das ist albern, denn
andererseits erwarten wir von einem Spitzenpolitiker nahezu 24/7 zu arbeiten
und nicht seine Zeit mit Einkaufsbummeln zu verdaddeln.
In einer der Spitzenrunden kurz vor der Wahl wurden alle
Reihum nach ihren persönlichen Beiträgen zum Klimaschutz befragt. Porschefahrer
Linder kauft angeblich so viele Zertifikate, daß er privat ganz klimaneutral
ist. Laschet schwärmte von seinem wunderbaren Elektroauto,
Baerbock fährt Fahrrad. Da sind die Wähler entzückt. So vorbildlich und wenig
abgehoben verhalten sich die Toppolitiker. Wähler denken, es wäre ein
Gütezeichen, so wie sie selbst zu sein.
Was für ein Unsinn.
Nur Scholz war so ehrlich, zu sagen, daß Spitzenpolitiker
natürlich eine Klimapest sind. Selbst wenn sie mal kameratauglich mit dem Rad
ins Ministerium fahren, sind schwer gepanzerte Fahrzeuge und Sicherheitsbeamte
dabei. Ob Scholz will oder nicht – Vizekanzler, Finanzminister, Innenminister,
Außenminister, Bundespräsident und Kanzlerin gehören zur maximalen Gefährdungsstufe
und dürfen gar keine klimaschonenden Kleinwagen mit wenig CO2-Ausstoß
fahren.
Man findet es sympathisch, daß Olaf Scholz seine
bescheidende Wohnung in Hamburg-Altona behält, daß Angela Merkel privat mit
ihrem Mann immer noch in einer Mietwohnung in Berlin-Mitte (Am Kupfergraben 6)
wohnt.
Eine wie Du und ich. So normal geblieben. Wie nett.
Ganz so bescheiden ist es aber nicht mehr, wenn man weiß,
daß die anderen Wohnungen in dem Haus inzwischen aus Sicherheitsgründen alle
geräumt wurden und nun mit Personenschützern und Polizisten belegt sind. Das werfe ich ausdrücklich NICHT Angela Merkel vor. Das ist
eine Notwendigkeit. Aber es zeigt, wie absurd es ist, Toppolitikern ein „normales
Leben“ anzudichten, anzunehmen, sie lebten bescheiden, wie alle anderen.
Ich war vor ca 20 Jahren in einem klassischen Konzert in der
Hamburger Laeiszhalle, als zufällig auch Loki und Helmut Schmidt unter den
Zuhörern waren. Hamburger sind bekanntlich zurückhaltend und so wurden die
Schmidts in der Pause nicht belagert oder um Autogramme gebeten. Er ging selbst
die Treppen zur Lounge hoch, um nur zwei, drei Meter hinter mir für ein Getränk
anzustehen. Aber sie waren natürlich nicht allein. Sechs kräftige Frack-tragende
Männer mit Knopf im Ohr bildeten so dezent wie es eben geht, wenn man total
indezent ist, einen Kreis um ihn. Sein Leben lang gefährdet zu sein, ist ein
weiter Grund, weswegen man es sich nicht wünscht ein mächtiger Politiker zu
werden. 2010 gelang es einer irren Münchnerin an den Wachen des
kleinen Schmidt-Hauses vorbei zu kommen, die damals 88-Jährige Loki Schmidt anzugreifen
und zu Boden zu werfen. Da war ihr Mann schon fast 30 Jahre nicht mehr Kanzler. Die
Bedrohung ist also sehr real. Nicht nur RAF-Terroristen und NSU-Nazis töten
Politiker, auch haufenweise Geistesgestörte sind zu befürchten. Oskar Lafontaine
und Wolfgang Schäuble haben solche Angriffe nur knapp überlebt.
Es gehört also eine wirkliche
physische und psychische Robustheit zum Politikerdasein.
Die Wähler sollten sich also endlich
von der infantilen Vorstellung verabschieden, Politiker wären bescheidene
Normalos und es ginge bei Koalitionsverhandlungen nur um Inhalte.
Nein, natürlich geht es um Posten, Vertrauensverhältnisse und Machtgefüge. Ich behaupte, die meisten
Ministerien könnten relativ ideologiefrei von Politikern der meisten Parteien
geführt werden, sogar von einem C-Minister. Wenn aber ein
Innen/Bau/Verfassungs/Integrationsminister habituell ein destruktiver Faulpelz
wie Horst Seehofer ist, spielt seine Parteizughörigkeit keine Rolle. Er ist
kein katastrophaler Minister, weil er in der CSU ist, sondern weil er meistens
schwänzt, in Ingolstadt rumlungert und sich um nichts kümmert.
Die
Verkehrs/Infrastruktur/Digitalisierungs-Politik der Bundesregierung ist nicht
katastrophal, weil dort CSU-Politik betrieben wird, sondern weil Scheuer und
Bär zufällig absolut inkompetente, unseriöse Deppen sind.
Auch mit dem alten
Koalitionsvertrag von 2018 hätte eine gute Bildungs- oder Infrastruktur
betrieben werden können, wenn Merkel dafür sehr kompetente Leute gefunden
hätte, statt die Leerköpfe Scheuer und Karliczek auf die Posten zu setzen. Das
Pendel schlägt im Moment nicht gen Ampel statt Jamaika aus, weil sich FDP und
Grüne über so viele „Inhalte“ einigen, sondern weil die CDU von unseriösen Chaoten geführt wird.
[…..] Der
Mittwoch [hat] endgültig offenbart,
dass die Union gerade so führungs- und kurslos wie selten in ihrer Geschichte
ist. Armin Laschet ist zwar gewählter CDU-Chef, hat aber jede Autorität
verloren. Und es gibt weder einen Nachfolger, der sich automatisch aufdrängt.
Noch einen Partei-Granden, der den Übergang steuern könnte. Bundestagspräsident
Wolfgang Schäuble verliert durch den Wahlausgang nicht nur sein Amt. Weil er es
war, der - zusammen mit Volker Bouffier - Armin Laschet als Kanzlerkandidaten
letztlich durchgedrückt hat, hat Schäuble große Mitverantwortung für das Fiasko
der Union. Das gilt auch für Bouffier, den CDU-Vize und dienstältesten unter
den Ministerpräsidenten. […..]
(Robert
Roßmann, 06.10.2021)
Die CDU verfügt über keinerlei
seriöses Personal mehr. Dahinter treten Inhalte zurück und
lassen Lindner abrücken.

[….] Bisher
ist es vor allem Grünen und Liberalen nicht nur erstaunlich gut gelungen
dichtzuhalten, sondern auch ein Wir-Gefühl zwischen einander bis dato nicht
eben herzlich zugetanen Parteien keimen zu lassen. Die Indiskretionen aus dem
Gespräch von Union und FDP stehen für das Gegenteil. Die inhaltliche
Schnittmenge zwischen beiden mag groß sein. Sie ist aber wertlos, wenn die
menschliche Grundlage für gemeinsames Regieren fehlt. […..] Für die FDP ist das eine schmerzliche
Erkenntnis. Im Wahlkampf hatte sie […..] eindeutig auf eine Jamaika-Regierung […..] unter einem Bundeskanzler Armin Laschet hingearbeitet. Das entsprach
den Neigungen nicht nur der eigenen Basis, sondern auch vieler ihrer Wähler.
Dazu passend erklang das Mantra, über Regierungsoptionen werde ausschließlich
anhand der Inhalte entschieden. So etwas wird gern gehört, ist aber Unfug.
Niemand weiß das besser als die FDP, die 2009 eine Verbindung mit ihrem
politischen Wunschpartner CDU/CSU einging und dann für vier Jahre Misstrauen
und Missgunst mit dem Rauswurf aus dem Bundestag bezahlte.
Tatsächlich wird andersherum ein Schuh
daraus. Nur wenn die potenziellen Koalitionäre zu einem ordentlichen Umgang
miteinander finden, können sie inhaltliche Differenzen überbrücken und kreative
Ideen für ein gemeinsames Regieren entwickeln. Die Union ist vorerst nicht
einmal zum ordentlichen Umgang mit sich selbst geschweige denn mit ihrem
gescheiterten Kanzlerkandidaten in der Lage. In diesem Zustand ist sie weder
den anderen Parteien noch dem Land als Koalitionär zuzumuten. [….]
(Daniel
Brössler, 06.10.2021)
Die SPD entscheidet sich nur für
Koalitionen mit der CDU, wenn es wirklich gar keine andere Möglichkeit mehr
gibt. Die Grünen taten das immer wieder aus reiner CDU-Zuneigung, obwohl es linkere Mehrheiten gab.
Auch heute noch werfen sich Grüne
in Hamburg und Baden-Württemberg für die CDU in die Bresche, wollen Laschet am
Leben halten.
[….] Allerdings [betont] Grünen-Kollege Andreas Schwarz, dass eine Jamaika-Koalition mit der
Union noch nicht vom Tisch sei. […..] Grünen-Fraktionschef
Schwarz sagte: "Jamaika ist nicht ausgeschlossen." Wichtig sei bei
den Gesprächen mit SPD und FDP, dass man beim Kampf gegen den Klimawandel
vorankomme. "Aus meiner Sicht muss die Bundesregierung eine
Klimaschutzregierung werden." [….]
(SZ, 06.10.2021)
Die Grünen-Spitze hätte gern
Laschet zum Bundeskanzler gemacht, wäre aber ohnehin auf große Probleme bei
ihrer Parteibasis gestoßen und hätte auch drastisch Laschet-feindliche neue
Umfragen zu überwinden.
Noch entscheidender für die nun
startenden Ampel-Verhandlungen sind aber die chaotischen Zustände in der
CDU/CSU. Die Union ist in einen Hühnerhaufen-Modus verfallen. Selbst Christian
Linder begreift, daß es in dem Fall eben nicht „nur um politische Inhalte“
gehen kann. Ja, seine Wirtschafts- und Finanzpolitik einseitig zu Gunsten der
Superreichen ist nahezu deckungsgleich mit Laschets Vorstellungen. Aber wie
soll man erfolgreich regieren, wenn die CSU-„Wildsäue“ wie Dobindt und Scheuer
mitmischen?
Die Personalien sind wichtiger.
[….] Zwischen
Union und FDP brennt es lichterloh […..] In den vergangenen Tagen hatte sich bereits ein Abrücken der FDP von
der Union abgezeichnet. Aber jetzt ist die neue Distanz in einer Weise
offensichtlich geworden, die einen jeden Glauben daran verlieren lässt, dass
die Parteien noch zu einer gemeinsamen Bundesregierung zusammenfinden. […..]
Karin Prien, Bildungsministerin in Kiel und
Mitglied in Laschets Zukunftsteam, erklärte jedenfalls: "Was für eine
charakterlos miese Nummer. Wer jetzt die Vertraulichkeit bricht, handelt
vorsätzlich verantwortungslos und verliert jede Legitimation für die CDU zu
sprechen." Damit zeigte Prien ganz offen, dass sie das Leck in den eigenen
Reihen sieht. Dass am Dienstag auch Details aus dem Gespräch der Union mit dem
Grünen bekannt wurden, verstärkte diesen Eindruck noch einmal. […..] Im Ergebnis wird die CDU erneut als eine Partei
wahrgenommen, die nicht geschlossen auftritt - und die erst recht nicht
gemeinsam und mit Leidenschaft für einen Kanzler Laschet kämpft. In der Union
gibt es kein Kraftzentrum mehr. Laschet ist derart geschwächt, dass er seine
Partei nicht mehr zusammenhalten kann. […..]
(SZ,
05.10.2021)
Die wichtigste Personalfrage
lautet immer noch „Scholz oder Laschet“. Bei aller CDU-Liebe können Grüne und
Gelbe nicht mehr ernsthaft behaupten, Laschet wäre ein besserer Kanzler und
Koalitionszusammenhalter als Laschet. Personal geht über Inhalte.
[…..] Hätten die Mitglieder seiner Fraktion einen
Wunsch frei, würden die allermeisten "Jamaika" sagen. Mit wachsendem
Entsetzen haben die Liberalen aber die Zerfallsprozesse in der Union verfolgt.
Das prägt die Stimmung - und verschafft Lindner Spielraum. […..]
(Daniel
Brössler, 06.10.2021)