Donnerstag, 20. Mai 2021

Manchmal muss man laut werden.

Neulich sah ich auf dem Nachhauseweg im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel einen schwer bepackten Nachbarn mit seiner Gehhilfe an einer Bushaltestelle im Regen stehen.

Natürlich hielt ich mit quietschenden Reifen an, setze zurück, riss die Beifahrertür auf; ‚immer rein mit Ihnen, ich bringe Sie nach Hause!‘.    Es entwickelte sich ein herrliches Lästern über den Supermarkt-Wahnsinn in den Zeiten des Lockdowns, wenn auch noch irgendein Feiertag droht.

 Leider sind große Teile der Bevölkerung zu urbanen Preppern mutiert und geraten in prophylaktische Panik. Ich mutmaße, in jedem Haushalt lagern noch ein paar Tausend Reserve-Rollen Klopapier, sowie einige Zentner Nudeln, aber es gibt so viel anderes, das einem ausgehen könnte, über den enormen Zeitraum von 24 Stunden, wenn so ein Feiertag oder Sonntag droht.

Über die langen Schlangen vor Lebensmittelgeschäften ärgere ich mich nicht so sehr; schließlich liegt es an einem selbst die Stoßzeiten zu vermeiden.  Aber das planlose Verhalten all der verblödeten Kunden zerrt an den Nerven.

Streng nach Murphys Law schleppen junge Mütter ihre Kleinkinder offenbar besonders gern in die Läden, wenn diese gerade schwer erkältet sind und alles zurotzen. Findet sich eine enge Stelle zwischen den Regalgängen, kann man versichert sein, daß sich genau dort jemand mit seinem Einkaufswagen platziert, um erst einmal zu telefonieren. Ist von zehn Kältetüren am Yoghurt-Regal gerade eine blockiert, weil ein Kunde dort sämtliche MHDs der Erdbeerspeisen kontrolliert, muss der nächste Einkäufer natürlich genau auch an die Tür, statt erst mal irgendetwas anderes in den Wagen zu laden.

Besonders liebe ich die Schlangen an der Käsetheke. Da gab es schon vor der Pandemie gern mal Wartezeit. Währenddessen tippen die Käseliebhaber eifrig auf ihren Klugtelefonen, um dann völlig überrascht zu sein, wenn sie plötzlich dran kommen. Nun muss erst mal überlegt werden, was man vielleicht kaufen könnte.     Es ist dasselbe Prinzip wie an der Kassenwarteschlange. Da stehen sie 15 Minuten sinnlos rum, um wenn sie dran sind, zu beginnen nach ihrem Portemonnaie zu suchen, damit alle anderen noch mal extra Wartezeit aufgebrummt bekommen.

An dem Tag war vor mir eine dieser Quasselstrippen dran, die erst zwei Scheiben fettarmen jungen Gouda verlangte (drei Fehler auf einmal! Käse kauft man nicht in Scheiben, Gouda muss länger reifen und fettarm schmeckt ohnehin nach nichts) und dann aber ausführlich einen Schwank aus ihrem Leben erzählte, bevor sie darüber sinnierte, ob sie einen weiteren Wunsch hätte.

Die Käsebedienerin rollte schon die Augen und grimassierte mir zu.   Aber die Kundin vor mir war einfach nicht in Gang zu bekommen, konnte sich nicht entscheiden und fing nun auch noch an, von allen möglichen verschiedenen Sorten zu probieren (was während der Pandemie ohne großer Mist ist, weil die Bedienung jedes Mal neue Handschuhe anziehen musste und ein Papptellerchen neben die Theke stellen musste, da sie ihr das 2g-Stückchen nicht wie früher direkt auf einem Zahnstocher geben konnte).

Die Schlange hinter ihr wurde natürlich immer länger, aber es gibt diese Leute, die so durch und durch egoistisch sind, daß sie nichts anderes wahrnehmen.

Ich probiere auch gern neue Sorten Käse, aber nie, indem ich Kostprobe vor Ort verlange, sondern ich kaufe ganz regulär ein kleines Stück und probiere später zu Hause bei Raumtemperatur, ob ich den mag.    Ich quatsche auch gern mit den Damen im Verkauf, kenne alle beim Namen und frage nach deren Blagen oder Ehemänner, wenn ich weiß, daß die irgendein Problem hatten. Aber natürlich nur, wenn gerade keiner hinter mir steht.

In diesem Fall dachte ich wirklich, daß ich gleich ausraste, erzählte ich meinem Nachbarn auf dem Beifahrersitz brühwarm.   Ich war kurz davor das Huhn anzugrölen „wenn du noch ein Stück fettarmen Schnittkäse probierst, ziehe ich die diesen zehn-Kilo-Laib Parmesan über deine häßliche Rübe!“

Er lachte und meinte, genau das hätten ich mal tun sollen.   Aber nein, entgegnete ich, ‚dazu bin ich wirklich zu gut erzogen; das denke ich nur; ich schreie keine fremden Leute an‘.

Da wurde er verblüffend erst; er sei auch zur Höflichkeit erzogen, aber manchmal helfe das einfach nicht weiter. Es gebe Menschen, die begriffen es nie, wenn man mit Höflichkeit käme; da müssten grobe laute Wort her.

Ich bleibe bei meiner Ansicht; die Gesellschaft wird nicht rücksichtsvoller, wenn man im Alltag anfinge laut rumzubrüllen. Das tun schon genug Menschen.

Anders sieht es allerdings in der politischen Welt in den Zeiten der Social Media aus.

In den USA sind die Positionen zwischen GOP und den Demokraten so festgefahren, daß sich Parlamentsdiskussionen nahezu erübrigen.  Die GOPer sind der Realität so vollständig entrückt, daß sie von Fakten und rationalen Argumenten nicht erreicht werden. Sie lügen ganz bewußt, ungeniert und auch noch für jedermann offensichtlich. 

Man erinnere sich an den Abgeordneten Andrew Clyde, der sich während den blutigen Umsturzversuchs vom 06.01.2021 vor Angst fast in die Hose machte, mithalf die Türen zu verbarrikadieren und sich schließlich zwischen den Sitzreihen versteckte.



Anschließend schwenkte er auf die Trump-Parteilinie und erklärte voller Emphase, es habe nie eine „Insurrection“ gegeben, das wäre nur ein harmloser legaler Protest, wie ein „tourist visit“ gewesen.

Ganz offensichtlich kann man sich mit solchen Abgeordneten, die so irre, verlogen und aggressiv wie diese US-Republikaner sind, jede Parlamentsdebatte ersparen.

Sie folgen nur noch ihrem Cult-leader Trump und sind bereit sich dafür vollständig der Lächerlichkeit preis zu geben.

Die Interessen der normalen US-Bürger sind ihnen ohnehin völlig schnuppe.


Nachdem sich gestern 90% der republikanischen Abgeordneten sogar auf Trumps Geheiß verweigerten die Insurrection vom 06. Januar, durch die über 100 Polizisten verletzt und zwei Polizisten letztlich vom Trump-Mob getötet wurden, überhaupt untersuchen zu lassen, platzte dem demokratischen Abgeordneten Tim Ryan aus Ohio der Kragen!
HOLY COW, er konnte diese Heuchelei seiner republikanischen Kollegen nicht mehr ertragen und schrie los.

Natürlich wird auch Ryan keinen einzigen der GOPer zum Einlenken bringen; weil diese nicht mehr in der Realität leben.

Aber immerhin erregt er damit so viel Aufmerksamkeit, daß sein kurzer Ausbruch nun heute überall in den sozialen Medien verbreitet wird.

Möglicherweise, mit ganz viel Glück, erreicht es doch ein paar der indifferenten Nichtwähler, so daß sie nächstes mal demokratisch wählen.


Mittwoch, 19. Mai 2021

Vom Vorteil der Internationalität.

Die Steyler Missionare, 1875 im Niederländischen Steyl, von Arnold Janssen gegründet, sind der siebtgrößte Männerorden in der katholischen Kirche.

Offiziell nennen sie sich „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (lat. Societas Verbi Divini, SVD, Society of the Divine Word), sind nach päpstlichen Recht organisiert und bestehen heute aus 6.105 Steyler Missionare 3.548 Steyler Missionsschwestern 358 Steyler Anbetungsschwestern, die in 50 meist unterentwickelten Ländern missionieren.

(….)  Das größte Verbrechen des Christentums ist die Mission. Jene Jahrtausende zurückreichende Hybris, mit der die „Wir-sind-besser-als-die“-Ideologen rechtfertigen alle Nichtchristen töten zu dürfen.     Die Mission rottete hunderte Kulturen und Sprachen aus, kostete hunderte Millionen Menschenleben.

Noch im Jahr 2018 stürzte sich ein christlicher Missionar in der Andamanensee auf die letzten etwa 50 im Einklang mit der Natur lebenden Menschen, um auch ihre Kultur auszuradieren, sie zu Christen zu machen. (…..)

(Der christiotische Kampf um Bedeutung – Teil I, 30.03.2021)

In den 1870er Jahren schickte der 2003 von Woytila heiliggesprochene Pater Janssen die ersten Missionare nach China, um dort christliche Gemeinden zu errichten. An diesem Anspruch änderte sich 150 Jahre nichts; überall sollen christliche Gemeinden erreichtet werden und die einheimische Kultur durch christliche Regeln abgelöst werden.

Wie es für altruistische katholische Orden zu erwarten ist, haben auch die Steyler inzwischen eine profitable Bank, verwaltet derzeit 197 Treuhandstiftungen, betreibt einen Medienkonzern und natürlich auch ein Fernsehmagazin auf Bibel-TV.

Missionar zu werden, ist immer eine gute Option für Priester, die intellektuell etwas langsamer sind oder sich zu viel zu Schulden kommen lassen haben, um in ihrem Herkunftsland zu dienen.    Egal, ob man häßlich, blöd oder nicht charismatisch ist – für „den Busch“ reicht es noch. So empfand es auch vor 50 Jahren der aus Chicago stammende Priester Ronald Lange.

[….] Even before he was ordained a Catholic priest, the Rev. Ronald Lange went to Ghana in 1968 to do missionary work.   In a profile by a community newspaper years later, Lange spoke of his commitment to learning about Ghana while teaching at schools there and leading a parish with more than a dozen worship sites.    “The people are just so happy to see you,” Lange, a member of the Society of the Divine Word’s Chicago province, based near Northbrook, was quoted as saying. “You don’t even have to be a good priest.” […]

(Chicago Suntimes, 14.05.2021)

Ich weiß nicht genau wie katholische Geistliche den Begriff „schlechter Priester“ definieren. Für mich ist das Pleonasmus.

Ist das was die Steyler in Deutschland tun, schon als „nicht gut“ zu bewerten?

Im Internat der Steyler Missionare im saarländischen St. Wendel missbrauchten die Priester in den 1960ern und 1980er Kinder und das Finanzgebaren entspricht ebenfalls meinen Erwartungen.

[…..] Malermeister, Ärzte und Kaufleute hatten dem Wirtschaftsunternehmen der Ordensgemeinschaft Soverdia Gesellschaft für Gemeinwohl mbH mit Sitz in Nettetal-Kaldenkirchen, die das Vermögen des Ordens verwaltet, hohe Summen gespendet und sich 80 Prozent davon unter der Hand zurückerstatten lassen; wer 2.000 DM spendete, bekam eine Quittung über 10.000 DM.   Bei einer Hausdurchsuchung fielen dem Steuerfahnder Klaus Förster 1981 auch Unterlagen des Flick-Konzerns in die Hände. Danach hatte die Firma das Kloster ein Jahrzehnt lang als Geldwaschanlage und zur Geldvermehrung benutzt. Insgesamt flossen 12,3 Millionen D-Mark, rund sechs Millionen Euro des Konzerns in die Kassen der Steyler Mission. […..] In einem Bericht der Frankfurter Allgemeine zur 1999 aufgedeckten CDU-Spendenaffäre wird unter anderen die Steyler Mission in Sankt Augustin als Waschanlage für illegale Parteispenden genannt; auch deren Wirtschaftstochter Soverdia habe mitgewirkt. […..]

(Wikipedia)

Kirchliche Banken; kennst Du eine, kennst Du alle.   Das ist sicher keine Besonderheit des Steyler Ordens.

Ein so auf die Mission konzentrierter Orden bietet aber vor allem für übergriffige pädo-sexuelle Priester enorme Vorteile.   Wenn sie doch einmal dabei ertappt werden, wie sie sich an Kindern vergreifen, kann man sie schnell in ein anderes Missionsgebiet schicken, in dem man sie a) noch nicht kennt und in dem b) Priester noch nicht so stark mit Kindervergewaltigung assoziiert werden.

Die amerikanischen Steyler haben gezielt pädosexuelle Ungeheuer in Soutanen in alle Welt exportiert, damit sie dort ungestört von der lästigen Justiz weiter Kinder missbrauchen konnten.

[……] Many of the Society of the Divine Word clerics credibly accused of molesting kids served as missionaries in the developing world, where experts say the next big priest sex abuse scandal lurks.   [……] In his four decades as a Catholic missionary in Ghana, [Reverend] Lange has been credibly accused of sexually abusing children over “multiple years.”   That’s according to his order’s Chicago hub. Facing scrutiny over its predator priests, including one who’s now on trial in East Timor, the order has for the first time revealed the names and past postings of Divine Word clergy who’ve been part of the Chicago province and been deemed by its leaders to have been credibly accused of child sex abuse anywhere in the world.   Lange, 79, is one of two priests on that list who formally remain part of the Chicago province of the Society of the Divine Word, an international religious order that “focuses on missionary work” and since 1875 has “entered lands where people are in need” and shared “God’s love.” [……] Of the 26 order members accused of abusing kids who are included on the new Divine Word list, more than half served in the developing world at some point. Besides Ghana, their postings included: Papua New Guinea, China, Kenya, South Africa, the Philippines, Mexico, Chile and Jamaica.   Notably absent from the list is a defrocked priest named Richard Daschbach, who was ordained at the Divine Word’s sprawling Techny grounds in the 1960s.   For decades, Daschbach has lived in East Timor, a tiny, majority-Catholic nation that once was part of Indonesia. Now 84, Daschbach has run orphanages there and — unbeknownst to the outside world until recent years — systematically sexually assaulted children there. That’s according to authorities who are now prosecuting him for sex crimes, news interviews with victims and victims’ advocates and sources who spoke to the Chicago Sun-Times. [……][……]

(Chicago Suntimes, 14.05.2021)

Dienstag, 18. Mai 2021

Laschet-CDU auf Antisemitismus-Kurs

Die Leute, die angesichts der neuen Eskalation zwischen Israel und der Hamas nun wieder jammern, man dürfe ja nicht Israel kritisieren, ohne gleich als Antisemit dazustehen, sind genauso verblödet wie Jürgen Möllemann und Karsli im Jahr 2002, die unterstützt von Westerwelle beklagten, sie dürften Ariel Sharon nicht kritisieren.

(…..) Das hat mich im Jahr 2002 am meisten erstaunt - WÄHREND die Feuilletons und Meinungsartikel der großen überregionalen Zeitungen VOLL waren von teils bitteren Abrechnungen mit Sharons Politik, stellten sich Westerwelle und Möllemann dummdreist hin und taten so, als ob sie die armen kleinen Tabubrecher wären, die jemand mundtot machen wolle.
Der FDP-Chef spielte auch diese Seite der antisemitischen Klaviatur so perfide aus, daß bekanntlich am Wahlabend FDP-Urgestein Hildegard Hamm-Brücher nach über einem halben Jahrhundert Parteizugehörigkeit schweren Herzens aus dieser gruselig gewordenen Partei austrat.
Die perfiden Lügen des Guido W. waren ihr einfach unerträglich geworden. (…..)

(Gaza, Israel und deutsche Ansichten dazu, 11.01.2009)

Es ist ein weltweites Erfolgsmodell aller rechter Populisten, sich als mutige Brecher vermeidlicher Tabus zu inszenieren.

Donald Trump prahlt bis heute damit, er habe als erster wieder erlaubt „Merry Christmas“ zu sagen, während die Demokraten in ihrem Kampf gegen das Christentum die Formel „Happy Holidays“ eingeführt hätten.

Das ist natürlich kompletter Blödsinn; auch Barack Obama hatte stets „fröhliche Weihnachten“ gewünscht, aber bei den Evangelikalen gilt Trump daher als Held.

Diese Attitüde des Mutigen, der es als einziger wagt ein todgeschwiegenes Thema zu benennen, nehme ich auch Jan Josef Liefers und der #Allesdichtmachen-Aktion so übel.

Besonders ärgerlich an den selbsternannten Fake-Tabubrechern ist, daß sie es erschweren, richtige und notwendige Tabus durchzusetzen.

Natürlich ist es absolut nicht tabuisiert, israelische Politik oder Politiker zu kritisieren.

Antisemitismus sollte aber ein TABU sein. Inmitten all der von Populisten gezündeten Fake-Tabu-Nebelkerzen, fällt es aber zunehmend schwer sauber zu trennen.

Natürlich bedient der CDU-Bundestagskandidat Hans-Georg Maaßen immer wieder bewußt antisemitische Klischees.   Das ist in den letzten Wochen so gründlich von seriösen Recherche-Teams und Medien wie dem SPIEGEL nachgewiesen worden, daß ich das Fass nicht erneut aufmache.

Maaßen ist Antisemit.

Von einem antisemitischen Kandidaten sollte sich die CDU als größte Regierungspartei verabschieden.   Aber auch die Laschet-CDU versagt in dieser Hinsicht, genau wie auch schon die AKK-CDU zum Entsetzen des Zentralrates der Juden mit Antisemitismus flirtete, ohne diese zu verdammen.

Armin Laschet persönlich verteidigt sogar den antisemitischen Rechtsaußen Maaßen. Er will keinen Antisemitismus wahrgenommen haben.

Und das in einer Krisensituation, in der antisemitische Übergriffe zunehmen.

[….] Armin Laschet möchte nicht unterscheiden, das ist nun hinreichend klar geworden in der vergangenen Woche. Er möchte nicht unterscheiden zwischen der Aussage, jemand sei ein Antisemit, und der Aussage, jemand habe etwas Antisemitisches verbreitet.   Jemand ist in diesem Fall Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdiensts, der für die CDU in den Bundestag will. Aber es geht dabei nicht nur um Maaßen. Es geht um die Möglichkeit an sich, Antisemitismus, Rassismus, jede Form von struktureller Diskriminierung sinnvoll benennen und kritisieren zu können.   Das zu tun, ist ohnehin schon extrem schwierig. Armin Laschet, der CDU-Chef, Unions-Kanzlerkandidat und damit wahrscheinliche nächste Bundeskanzler, sorgt gerade dafür, dass es künftig noch schwieriger wird.   [….] Etliche Expertinnen und Experten kamen zu dem Schluss, Maaßen habe in der Tat wiederholt antisemitische Codes verbreitet. Da hätte man Laschets Verteidigung noch für ein Missverständnis halten können.  Gut eine Woche später saß Armin Laschet aber wieder im Fernsehen, diesmal befragten ihn Linda Zervakis und Louis Klamroth für ProSieben. Die Sprache kam wieder auf Maaßen, Klamroth verwies auf jene Experten, denen zufolge Maaßen antisemitische Codes verbreite.   Laschet reagierte wie in der Woche zuvor: »Jetzt beginnt die theoretische Debatte, ist, wenn jemand Globalist sagt, der damit schon Antisemit. Und ich habe ihn bisher nicht als Antisemiten wahrgenommen«.  Klamroth wies darauf hin, das sei nicht der Vorwurf. Laschet beharrte: »Ja, aber das sind doch sophistische Feinheiten.« Weiter: »Der, der eine rassistische These verbreitet, ist doch ein Rassist. Die Unterstellung ist, das ist das Spiel, sie (Neubauer) will damit sagen, er (Maaßen) ist Antisemit.«    Kurz darauf sagte er über Maaßen noch: »Er ist nicht rechtsradikal und er ist auch kein Antisemit. Wäre er es, würde er die CDU verlassen müssen.«   Laschets Argumentation geht also im Kern so: Würde Maaßen antisemitische Codes verbreiten, wäre er Antisemit, und wäre er Antisemit, müsste er die CDU verlassen, aber er muss die CDU nicht verlassen, also kann er kein Antisemit sein, demnach kann er auch keine antisemitischen Codes verbreiten. So etwas nennt man Zirkelschluss. [….]

 (Jonas Schaible, DER SPIEGEL, 18.05.2021)

Schande über Laschet! Wie viele drastisch amoralische Aussetzer kann sich der Hardcore-Katholiban eigentlich noch erlauben, bis seine Partei in Umfragen endlich weit hinter die SPD zurückfällt?

 Noch schlimmer; Seehofer und die Union versuchen nun den Antisemitismus mit Antiislamismus und Xenophobie zu vermengen.

[….] CDU spricht von »eingewandertem Antisemitismus«  [….] Die CDU-Führung sieht den Judenhass von »muslimischen Extremisten angeheizt«. [….] Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) deutete an, Judenhass sei vor allem ein importiertes Problem: »Zu unseren Werten gehört der Schutz jüdischen Lebens. Wer das nicht beachtet, hat sein Gastrecht hier verwirkt.« Er forderte Konsequenzen für an Ausschreitungen beteiligte Migrantinnen und Migranten: »Wir sehen Antisemitismus bei einem kleinen Teil der muslimischen Menschen in Deutschland. Da müssen wir energisch gegen vorgehen«, sagte Brinkhaus den Sendern RTL und n-tv. »Vielleicht sind wir da auch an der ein oder anderen Stelle zu tolerant gewesen.« […..]

(SPON, 18.05.2021)

Nach dieser Lesart sind also gar nicht die Deutschen antisemitisch, sondern die bösen eingewanderten Flüchtlinge.


Schande über Seehofer. Schande über Brinkhaus. Schande über die CDU!

Den Hass auf eine Minderheit, einer anderen Minderheit anzuheften, um sie zu diskreditieren, ist ein neuer Tiefpunkt der Union.

In Deutschland gibt es täglich im Durchschnitt fünf antisemitische Angriffe – fast alle gehen auf das Konto deutscher Rechtsradikaler.

Das geben sogar die Zahlen von Maaßens Verfassungsschutz wider.

Montag, 17. Mai 2021

Wenn die Täter auf den Tischen tanzen

Vorletzte Woche gab es einen großen Fahndungserfolg.

[…..] Ermittler haben eine der weltweit größten Kinderpornoplattformen im sogenannten Darknet gesprengt. Vier mutmaßlich Beteiligte sind in Haft. Ihnen wird bandenmäßige Verbreitung kinderpornografischer Inhalte vorgeworfen.     Wie das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden mitteilte, hatte die Darknetplattform "Boystown" zuletzt weltweit mehr als 400.000 Mitglieder. Drei mutmaßliche Verantwortliche und Mitglieder der Plattform wurden in Deutschland festgenommen. Ein weiterer Deutscher wurde auf Grundlage eines internationalen Haftbefehls in Paraguay gefasst.  Ihnen wird bandenmäßige Verbreitung kinderpornografischer Inhalte vorgeworfen. Auf der Plattform wurden den Ermittlern zufolge auch Aufnahmen von schwerstem sexuellem Missbrauch von Kleinkindern geteilt. […..]

(Deutsche Welle, 03.05.2021)

Es dürfte von Links-Partei bis AfD eins der am wenigsten kontroversen Statements sein, wenn man die Zerschlagung dieser „Plattform“ begrüßt und den Betreibern eine längere Bekanntschaft mit Staatsanwälten, Richtern und Strafvollzugspersonal wünscht.

Wenn aber die Justizbehörden und politischen Parteien sagten, „Boystown“ wäre eine Nummer zu groß für sie, schließlich wären auch erhebliche finanzielle Interessen all der Kinderhändler, Internetprovider und Betreiber betroffen. Daher halte man sich lieber raus und übergebe es der Kinderporno-Branche selbst, die Hintergründe aufzuklären; es sei ihnen selbst überlassen, ob sie den misshandelten Kindern zuhören oder ihnen gar eine Wiedergutmachen zahlen möchten, wäre die Empörung vermutlich ebenso einhellig.

Bei der sehr viel größeren Kindesmissbrauchsorganisation RKK, die weltweit hunderttausende Opfer forderte und bis heute auf Strukturen beharrt, die systematisch potentielle Täter zu ihnen locken und deren Taten vertuschen, akzeptiert Deutschland diese perfide Form der Täterjustiz.

Der womöglich groteskeste Aspekt dieser Justiz-Pervertierung, in der die Täterorganisation Kirche selbst über sich zu Gericht sitzt und entscheidet, ob sie die Opfer überhaupt hören will, ist das Kirchenrecht, welches den sexuellen Missbrauch kleiner Jungs gar nicht als strafbar ansieht.    Deutschland übergibt die Aufklärung von massenhaften Kindersex-Verbrechen einem Verein, der Sex mit Kindern gar nicht als justiziables Verhalten ansieht.

(……) Viel zu viel Aufmerksamkeit wird auch den schweren Religioten geschenkt, die sich immer noch hartnäckig für die Kindermissbrauchs-Organisation RKK einsetzen.    Niemand bei klarem Verstand würde auf Einsicht der Männer wie Müller, Ratzinger, Woelki, Heße, Marx, die sich seit Jahrzehnten bemühen Kinderfic**r zu beschützen und ihr Tun weiter ermöglichen, setzen.   Sie stehen für eine Organisation, die sich bis heute nicht den deutschen Gesetzen unterwerfen will, sondern ausschließlich auf das Kirchenrecht setzt, welches bezeichnenderweise in der Vergewaltigung von Kindern gar keinen Straftatbestand erkennt. Nur der Verstoß gegen den Zölibat wird geahndet.

[…..] Dass Kleriker zu Missbrauchstätern wurden und werden, liegt vielleicht sogar in der inneren Logik der Kirche begründet. Um das zu verstehen, hilft ein Blick ins Kirchenrecht: Kirchenrechtlich wird sexueller Missbrauch bis heute rein vom Priester her gedacht. Kirchenrechtlich gesehen verstößt ein Priester, der sich an einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen vergeht, gegen das sechste Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen." Und weil der zölibatär lebende Priester mit der katholischen Kirche verheiratet ist, betrügt er lediglich die Kirche. Die Opfer kommen als Geschädigte nicht vor, sie sind gar nicht da.  Aus diesem Grund haben Betroffene von sexuellem Missbrauch in kirchenrechtlichen Verfahren gegen Täter bis heute keinerlei Rechte. Sie können keine Akten einsehen, sie können nicht als Nebenkläger auftreten, sie sind nur Zeugen. Die katholische Kirche könnte etwas dagegen tun, sagt zum Beispiel die Theologin Doris Reisinger: Sie könnte ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in ihren Rechtsnormen verankern; im weltlichen Bereich ist dies etwas völlig Selbstverständliches. Doch wenn sie das täte, müsste sie den Gläubigen auch zugestehen, über ihr Schlafzimmer selbst zu entscheiden. Hier liegt der Knackpunkt: katholische Kirche und Selbstbestimmung des Menschen - das geht offenbar nicht zusammen. […..]

(Annette Zoch, 19.03.2021)

Politikern wie Annette Schavan, Wolfgang Thierse oder Winfried Kretschmann, die sich für so ein Kindermissbrauchssystem engagieren, indem sie sogar im Zentralrat der Katholiken sitzen, kann ich nicht vertrauen. (…….)

(Unsichtbare Vernunft, 25.04.2021)

Viele Jahrzehnte konnten die hochverehrten Päpste Ratzinger und der Heilige Woytila jede Aufklärung der sexuellen Übergriffe ihrer Priester verhindern und sogar gezielt die übelsten Sextäter fördern.

2001/2002 wurden die Fälle in den USA aber so zahlreich – in jedem Bundesstaat gab es hunderte Sexualverbrecher unter den Priestern – daß sie an die große Öffentlichkeit drangen.

Das Thema wurde weltpräsent und durch Opferorganisationen wie SNAP – (Survivors Network of those Abused by Priests) und der systematischen Veröffentlichung von Meldungen über Kinder-vergewaltigende Priester so unangenehm für die RKK, daß sie schließlich nicht mehr leugnen konnte.

Auch in Deutschland berichteten „ganz normale Medien“ wie DER SPIEGEL oder das Politmagazin PANORAMA immer wieder über den massenhaften Kindersex deutscher Kleriker. Dennoch verschlossen die Bischöfe weitere acht Jahre Augen und Ohren, um dann 2010 durch den „Fall Canisius“ ganz erschüttert zu erklären, also das habe man ja wirklich nicht ahnen können.

Es galt aber weiterhin die geweihten Täter zu schützen und den Opfern immer wieder in die Magengrube zu treten.

Der hochverehrte, von nahezu allen Politkern adorierte Kardinal Lehmann, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hatte in seinem Bistum ebenfalls Sextäter erneut auf Kinder losgelassen und diese vor der Staatsanwaltschaft geschützt.   Er schämte sich noch nicht einmal für diese ungeheuerliche Strafvereitelung, die dazu führte, daß mehr Kinder vergewaltigt wurden.

Als der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann einmal gefragt wurde, warum denn vor 2010 so viele Bischöfe, die Kenntnis von kinderfi**ende Kaplanen hatten, nicht zur Staatsanwaltschaft gegangen wären, antwortete der Kirchenfürst ganz jovial, daß nicht alle Staatsanwaltschaften den Kirchen freundlich genug gesonnen wären. 

Seit wann dürfen eigentlich Kriminelle sich ihre Ankläger aussuchen, bzw entscheiden gar nicht erst zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil der Richter nicht lieb genug ist?   Im Jahr 2007, also fünf Jahre nach den päpstlichen Leitlinien zum Kindesmissbrauch, die vorsahen pädophil übergriffige Priester zu melden, hatte der Mainzer Kardinal erklärt, wieso er sich nicht daran halten müsse – die Staatsanwaltschaften gefielen dem Herren im roten Kleid nicht.

O-Ton Karl Kardinal Lehmann:

„Die Staatsanwaltschaften in verschiedenen Städten sind auch recht verschieden. Soweit her mit der Objektivität allein ist es dann auch wieder nicht.“

Täterschutz kommt vor Opferhilfe.

Das ist der Kern der Religionen: Wir sind besser als die und dürfen das, was die noch lange nicht dürfen.

 (Das ist dreist, 15.08.2013)

Der Trierer Bischof Ackermann fiel seit seiner Ernennung zum Missbrauchsbeauftragten der DBK im Jahr 2010 ebenfalls schon damit auf, in seinem Bistum Kindersextäter zu schützen.

[….] Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. […..]

(SPIEGEL, 18.03.2012)

Ackermann ließ nur elf Jahre nach seiner Ernennung ein „Positionspapier“ erarbeiten, welches die DBK 2021 einstimmig verabschiedete.

[…..] Bischof Stephan Ackermann, der Beauftragte der deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes, begrüßt nach eigenen Angaben das Anliegen, "eine vertiefte Debatte zum Verhältnis von sexueller Bildung und Präventionsarbeit anzuregen". Wörtlich sagte der Trierer Bischof in einer Mitteilung am heutigen Mittwoch:    "Seit über zehn Jahren engagiert sich die katholische Kirche in Deutschland intensiv in der Prävention gegen sexuelle Gewalt. Ich bin froh, dass die Präventionsbeauftragten der Bistümer mit diesem Papier auf die wichtige Verbindung von Präventionsarbeit und sexueller Bildung hinweisen und erhoffe mir von der weiteren Beschäftigung mit dem Thema wichtige Erkenntnisse." […..]

(CDA, 07.04.2021)

Das Positionspapier wurde - was sollte man auch anderes von der RKK erwarten? – maßgeblich von Pädophilen-Freunden miterarbeitet.   Wer sich, wie der „Elternverein NRW“ im Gegensatz zur Katholischen Kirche für die Opfer des sexuellen Missbrauchs interessiert und nicht in erster Linie die Täter schützen will, steht fassungslos vor diesem neuerlichen moralischen Tiefpunkt der Kindersexorganisation RKK.

[….] Tatsächlich sind wir nun erschüttert, dass dies Vorhaben im tatsächlichen Ergebnis nahezu ins Gegenteil verkehrt wurde, weil man stattdessen den Bock zum Gärtner gemacht hat.“, so Andrea Heck, Vorsitzende des Elternverein NRW. Als Vertreter der Elternschaft macht es uns nahezu fassungslos, dass das gesamte Papier, das nicht nur Missbrauch verhindern, sondern auch als Konzept zur „sexuellen Bildung“ dienen soll, von den Theorien des bekanntermaßen pädokriminellen Helmut Kentler geprägt ist. Explizit bezieht man sich darin etwa auf Prof. Uwe Sielert, der Kentler einen „väterlichen Freund“ nennt und seine Kollegen, die  z.B.  ausdrücklich  empfehlen  „möglichst  unzensierte  Intimkontakte  mit  anderen  Kindern aufzunehmen, wenn sie nicht auf die Eltern fixiert bleiben sollen“(Quellen siehe Brief) und dass Kinder schon im Alter von null bis vier Jahren die Masturbation erlernen sollten. Als weitere positive Quelle wird der französische Philosoph Michel Foucault als Referenz angeführt, gegen den aktuell schwere Vorwürfe wegen des Missbrauchs junger Kinder im Tunesien der 60er Jahre erhoben wurden und der sich 1977 in Frankreich lautstark gegen ein Gesetz zur Bestrafung von Sexualität mit Kindern unter 15 Jahren einsetzte, weil es seines Erachtens keinen Grund gäbe, warum sexuelle Beziehungen, in die Kinder einwilligen, nicht erlaubt sein sollten. Zitat Foucault: „Jedenfalls hat eine gesetzlich festgelegte Altersgrenze keinen Sinn. Noch einmal, man kann dem Kind zutrauen, selbst zu sagen, ob ihm Gewalt angetan worden ist oder nicht.“ Dass   die   Katholische   Kirche   solche   „Experten“   als   Referenzen   nennt,   macht   uns fassungslos! Als Vertreter der Elternschaft stehen wir ohne jedes Verständnis und zutiefst besorgt vor der Tatsache, dass dieses Papier, das Millionen von Kindern und Erwachsenen betrifft, auf dieser im Ansatz pädophilen „sexuellen Bildung“ aufbauen will. [….]   „Dies   Konzept   schützt   nicht   vor Missbrauch, es öffnet eher den Weg dazu“, so Heck. [….]

(Elternverein NRW, 16.05.2021)

Bischof Ackermann ist langsam genervt von diesen renitenten Opfern, die nur weil sie von Priestern vergewaltigt und gequält wurden, so aufmüpfig sind und dreist einfordern, die Geistliche der RKK sollten keine Messdiener mehr missbrauchen dürfen.

Ihm wäre es am liebsten, man überließe die gesamte „Aufklärung“ ganz den Tätern selbst und verurteile die Opfer zum Schweigen.

[….] Der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann sprach entlarvende Sätze beim Ökumenischen Kirchentag: Er sei skeptisch über die Arbeit von "Aktivisten" in Betroffenenbeiräten. Aktivisten seien aus seiner Sicht Menschen, die "kompromisslos Fehler aufdecken, immer den Finger in die Wunde legen", und dies auch "politisch öffentlich"?   Ja, was sollen Betroffene denn sonst tun? Brav mitarbeiten, still sein? [….] Es ist ein seltsames Verständnis jenen Menschen gegenüber, denen die Institution Kirche mit das Schlimmste angetan hat, was Menschen sich antun können. [….] Die Kirchen müssen die Aufarbeitung aus der Hand geben. Sie können es nicht alleine. Es ist Zeit für eine unabhängige Wahrheitskommission. [….]

(Annette Zoch, SZ, 16.05.2021)

Man versteht gar nicht wieso irgendjemand aus der Kirche austreten möchte.

Der fromme Bundespräsident Steinmeier, promovierter Jurist, ist entsetzt und steht fest an der Seite Ackermanns und Co.

Sonntag, 16. Mai 2021

Der fromme Frank

Natürlich war Frank-Walter Steinmeier der perfekte Bundespräsidentenkandidat für die SPD, weil er trotz seines Parteibuchs alle Bedingungen erfüllte, um auch von anderen Parteien Stimmen in der Bundesversammlung zu bekommen. Fromme Christen sind im Parlament extrem überrepräsentiert, Konfessionslose geradezu marginalisiert.

(…..)  Frank-Walter Steinmeier gilt als Idealbesetzung. Er war und ist beliebtester Politiker Deutschlands – so wie eigentlich alle Außenminister, wenn sie nicht durch extreme Unfähigkeit auffallen wie Guido Westerwelle.

Mehr Establishment als Steinmeier geht eigentlich gar nicht.    (…..)  Seit zwei Jahrzehnten sitzt er an entscheidenden Hebeln der Macht und führt das fort, was wir fast immer im Amt des Bundespräsidenten hatten:

1.   Alt

2.   Mann

3.   Weißhaarig

4.   Ausgesprochen fromm und christlich.

Ich hatte so sehr gehofft, daß mal kein klerikaler Geront ins Schloß Bellevue einzieht, der einmal mehr die Abgehobenheit des politischen Betriebs repräsentiert.

1.   Mit Steinmeier, der schon als nächster Präsident der Synode der Evangelischen Kirche gehandelt wurde, zieht schon wieder ein hardcore-Religiot ins höchste Amt der Bundesrepublik ein.

2.   Im Juli 2016  erhielt er den „Ökumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern“ für die "Kraft seiner christlicher Überzeugung."

3.   Steinmeier focht engagiert für die diskriminierende „Pro-Reli“-Initiative gegen seine eigene Berliner Partei.

4.   Steinmeier predigte am 12.November 2014 beim Eröffnungsgottesdienst der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.“

5.   Laudator und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm überreichte im September 2016 den Toleranzpreis der Evangelischen Akademie Tutzing an Steinmeier.

6.   Frank-Walter Steinmeier gehört dem Präsidium des Kirchentages an.

7.   Steinmeier forderte beispielsweise 2012 vehement und verfassungswidrig die Einmischung der Kirchen in die Politik.

8.   Steinmeier eröffnete im November 2014 die Synode der Brandenburgischen Kirche.

Zu fromm für meinen Geschmack.    Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, daß er eine Art von Aufbruchsstimmung generieren könnte, die auch bisher Politikferne für unsere Demokratie begeistern wird. (….)

(Establishment, 14.11.2016)

Ich sollte mit meinen Prognosen Recht behalten. Steinmeier ist ein Fortschritt gegenüber dem ungebildeten und selbstverliebten Pfarrer Gauck, der seine rechtsnationalen Ansichten immer weniger verbergen konnte. Steinmeier sieht auch nicht so ungepflegt aus wie sein Vorgänger. Er kann sich auf der internationalen Bühne bewegen und man muss nicht ständig befürchten, daß er auf Staatsbesuchen wie Gauck, Köhler, Wulff oder Lübke irgendetwas Hochnotpeinliches von sich gibt.

Es bleibt ein ewiges Faszinosum, daß intelligente, gebildete Menschen an dieser schweren Inselverarmung leiden können, die sie zu extremen Religioten macht.

Steinmeier ist so ein Fall.    Das zeigte sich jüngst, als dem als langjährigen deutschen Chefkatholiken Kardinal Marx, in dessen Erzdiözese besonders übel den Opfern des sexuellen Missbrauchs durch Priester mitgespielt wurde, dringend das Bundesverdienstkreuz umhängen wollte, um die gequälten und vergewaltigten Kinder metaphorisch auszulachen. Sogar der bayerische Bischof selbst begriff, daß Steinmeiers Klerikerliebe zu weit ging.

[…..] Nach massiver Kritik von Missbrauchsopfern verzichtet der Münchner Kardinal Reinhard Marx auf das Bundesverdienstkreuz, das ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier diesen Freitag überreichen sollte. Das geht aus einer Mitteilung hervor, die auf der Homepage des Erzbistums München veröffentlicht wurde. Darin wird über einen Brief berichtet, den Marx an den Bundespräsidenten geschrieben habe. "Meine große Bitte an Sie ist, die Auszeichnung nicht vorzunehmen", schreibe Marx darin an den Bundespräsidenten.   In den vergangenen Tagen hatte es Kritik an der geplanten Auszeichnung des Kardinals gegeben. Der Orden dürfe nur vergeben werden, wenn eindeutig nachgewiesen sei, dass Marx sich nicht an der Vertuschung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche beteiligt oder deren Aufklärung behindert habe, hieß es von mehreren Opferverbänden.   "Diese Auszeichnung ist eine herausgehobene Ehre, für die das gesamte Wirken des zu Ehrenden in den Blick genommen werden sollte", sagte Hermann Schell, Sprecher des Vereins Missbit, der Missbrauchsopfer und Betroffene im Bistum Trier vertritt. Aus Sicht von Missbit entspricht das Verhalten des früheren Trierer Bischofs im Umgang mit sexuellem Missbrauch nicht dem mit der Ehrung verbundenen Vorbildcharakter. Schell forderte Marx daher auf, auf die Auszeichnung zu verzichten. [….]

(SZ, 27.04.2021)

Es ist ein klassischer Fall von Realitätsblindheit eines Religioten, wenn inmitten einer weltweiten Debatte um den Myriadenfachen Kindesmissbrauch durch die Katholische Kirche und insbesondere die schwere moralische Schuld der deutschen Katholischen Bischofskonferenz, der Bundespräsident auf die Idee verfällt, dem langjährigen DBK-Chef einen Orden umzuhängen, statt Medaillen und Lametta für diejenigen vorzusehen, die sich um die Opfer und Wiedergutmachung bemühen.

So ein bundespräsidiales Fehlverhalten kann angesichts seines wohlbekannten Kirchismus’ kaum überraschen.

Atheisten können mit ihren humanistischen Überzeugungen prinzipiell alle anderen demokratischen Menschen repräsentieren, weil Religionsfreiheit für sie umfassend gilt: Freiheit von Religion und auch die Freiheit, privat jeder Glaubensrichtung anzuhängen.

Schwere Religioten hingegen erscheinen aufgrund ihrer alleinseligmachenden, also grundsätzlich EXKLUDIERENDEN Ideologie, für hohe Staatsämter in Deutschland  insofern ungeeignet, als sie einen großen Teil der Menschen nicht nur nicht repräsentieren, sondern sie sogar abwerten.

Frank-Walter Steinmeier zeigte das auf dem ökumenischen Kirchentag in Frankfurt leider besonders deutlich.

 […..] Steinmeier ging in seiner Eröffnungsrede zum Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt auf die "schwierige Zeit" ein, in der sich die beiden großen Kirchen befänden. Dabei stellte er die "bange Frage", ob es "je wieder ein Zurück zur Normalität gibt". Wörtlich fuhr er fort: "Ob die Pandemie nicht auch hier als Brandbeschleuniger wirkt, dem Prozess der Säkularisierung zusätzlichen Schub verleiht, die Kirchen aus der Mitte der Gesellschaft drängt."  Offenkundig schätzt der Bundespräsident die Zunahme des religionsfreien Bevölkerungsanteils als bedrohlich ein, denn der Begriff "Brandbeschleuniger" wird fast ausschließlich für gefährliche Entwicklungen wie das Erstarken von Rechtspopulismus, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit verwendet. Der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) Michael Schmidt-Salomon erklärt dazu: "Wer im Zusammenhang mit der Säkularisierung von einem 'Brandbeschleuniger' spricht, gibt zu erkennen, dass er diesen 'Brand' löschen will. Ein 'Zurück zur Normalität' bedeutet für den Bundespräsidenten offenbar eine Wiederherstellung der christlichen Vormachtstellung in Politik und Gesellschaft. So etwas kann Frank-Walter Steinmeier natürlich als Privatperson denken, er darf es als Bundespräsident aber nicht öffentlich äußern. Denn als höchster Repräsentant des Staates sollte er sich weltanschaulich neutral verhalten. Die Verfassung verbietet es ihm, einseitig Partei für eine Religion zu ergreifen – auch nicht für das Christentum!"

Christen und Kirchen werden benötigt – andere nicht?

Nicht weniger als sieben Mal behauptete der Bundespräsident in seiner Rede: "Wir brauchen die Kirchen, wir brauchen engagierte Christinnen und Christen!" Darüber hinaus sprach er das Publikum als "Schwestern und Brüder" an. "Frank-Walter Steinmeier hat sich in dieser Rede nicht als 'Präsident aller Deutschen' gezeigt", sagt Schmidt-Salomon. "Immerhin sind 39 Prozent der Bevölkerung konfessionslos. Die vielen Millionen religionsfreien Menschen sind auch nicht bloß zu tolerieren, wie es die Rede des Bundespräsidenten nahelegt, sondern als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zu respektieren. Toleranz, sprich: die Erduldung einer Last, wäre eindeutig zu wenig – zumal offene Gesellschaften auf religionsfreie Menschen in besonderem Maße angewiesen sind. Denn es ist kein Zufall, dass die Menschenrechte im weitgehend säkularisierten Westeuropa stärker geachtet werden als beispielsweise in kirchlich geprägten Ländern wie Polen, in denen 'engagierte Christinnen und Christen' das Sagen haben. […..][…..]

(Michael Schmidt-Salomon, GBS, 15.05.2021)

Samstag, 15. Mai 2021

Abgründe unter Abgründigen

David Miles Hogg, 21, überlebte am 14. Februar 2018 das Massaker an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida), bei dem 14 seiner Mitschüler und drei Lehrer getötet wurden.

Jeder Mensch, der auch nur über einen winzigen Rest menschlichen Anstandes verfügt, empfindet Mitleid mit den „Parkland-Survivors“ und versteht, daß sie keine Waffenfreunde sind.

Marjorie Taylor Greene, 46, republikanische Kongressabgeordnete aus Georgia, gehört nicht dazu.   Die fanatische Christin ist zutiefst bösartig, stürzt sich höhnisch lachend auf Opfer, bei denen sich Schwäche wittert.

Daher verfolgte und belästigte sie 2019 das traumatisierte Opfer David Hogg erneut, versuchte ihn damit zu triggern, daß sie eine Waffe trage.

[……] Rep. Marjorie Taylor Greene, R-Ga., mocked a Florida school shooting survivor as an "idiot" who "only talks when he is scripted" in a 2019 interview with a Georgia gun group, according to a previously unreported video obtained by NBC News.   "He is very trained. He's like a dog. He's completely trained," Greene said of the survivor, David Hogg, now 20, in an interview with Georgia Gun Owners Inc. in April 2019, less than two years before she was elected to Congress.   Videos of Greene, a freshman Republican, berating Hogg in Washington surfaced last week after she was appointed to the House Education and Labor Committee. […..]

(02.02.2021)

Die Schäbigkeit und Brutalität der Retrumplicans lässt sich eigentlich nicht unterschätzen, aber Taylor Greene ist selbst für GOP eine besonders abstoßende Kreatur der Niedertracht.

Sie verhöhnt die Opfer, indem sie  School-shootings als „false flag operations“, also liberale Inszenierungen bezeichnet, um den Waffenbesitzern zu schaden. Demokratische Politiker solle man exekutieren. David Hogg beschimpfte sie als „Feigling“, nachdem dieser sich weigerte auf ihr aggressives Stalking zu reagieren.

Die frommen weißen Christen in Georgia waren von solchen Aktionen so begeistert, daß sie die QAnon-Verschwörerin 2020 in den US-Kongress wählten.

Der versuchte blutige Coup vom 06.01.2021 war ganz nach ihrem Geschmack. Schon bei anderthalb Jahre früher hatte sie als Besucherin des Kongresses demokratische Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez massiv bedroht und belästigt.

Ihre moralisch extrem abstoßenden Aktionen verbreitet sie selbst in den sozialen Medien. Es zeigt die ganze Dysfunktionalität der US-amerikanischen Gesellschaft, daß eine antisemitische und aggressive Hassfanatikerin unterstützt von Donald Trump 74,6 Prozent der Stimmen im sechsten Kongresswahlbezirk von Georgia bekam.

Diese wirklich zutiefst abscheuliche Person wird als Abgeordnete genauso wenig zivilisierter als Trump es im Amt wurde.

Die Trumplicans haben das politische System weitgehend verseucht. Die Parteiführung geht nicht gegen Parasiten wie Matt Gaetz, Jordan, Boebert oder Greene vor. Stattdessen werfen sie Liz Cheney aus der Führung.

Sie weigern sich politisch mitzuarbeiten, bedrohen stattdessen persönlich demokratische Abgeordnete. Der demokratischen Abgeordneten Gabrielle Giffords wurde 2011 in den Kopf geschossen, nachdem Sarah Palin ihr virtuell eine Zielscheibe auf denselben legte.

Die christlichen „Lebensschützer“ der GOP werden früher oder später Demokraten töten.

Freitag, 14. Mai 2021

Corona-Sport

Eine der ganz wenigen Sportarten, von denen ich rudimentär etwas mitbekomme, ist Wasserspringen.   Die Akrobatik ist beeindruckend und außerdem geht es schön schnell. Nach einer Sekunde ist so ein Sprung von der 10m-Plattform vorbei. Viel länger reicht meine Aufmerksamkeitsspanne bei Sport ohnehin nicht.    Vor ein paar Tagen sah ich in den social media das Bild einer britischen Turmspringerin beim Weltcup in Tokio inmitten ihrer Teamkollegen, überschrieben mit „my favorite bubble“.

Da wurde ich aufmerksam.

Wieso reisen die eigentlich schon wieder durch die Welt und können sich mit einem Dutzend jungen Sportlern Arm in Arm ohne Maske für Selfis aufstellen?

Es liegt offenbar daran, daß etwas vollständig Sinnloses wie Sport aufgrund der nationalistischen Gefühlsaufwallungen, die damit verbunden sind, höchste politische Priorität genießt.  Menschen befestigen dann gern kleine Nationalflaggen an ihren Autos, um coram publico zu demonstrieren, wie vollständig verblödet sie sind. Um solche Kleinwagenpatrioten kümmert man sich schon eher, als um Angehörige, die ihre sterbenden Eltern im Krankenhaus besuchen wollen.

[…..] SZ: Herr Mascolo, Sie haben das politische Handeln in der Pandemie intensiv aus der Nähe beobachtet. Ist Ihr Respekt vor Politikern dabei gewachsen oder geschrumpft?

Mascolo: […..] Es gibt aber Momente, die einen fassungslos zurücklassen. Die Frage der Impfstoffbeschaffung spielte in den Runden von Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin lange keine Rolle. Dafür wurde endlos darüber gestritten, wie es mit der Bundesliga weitergehen soll, und zwar nicht nur mit der ersten, sondern auch der zweiten und dritten. […..]

(SZ-Gespräch, 08.05.2021)

Auch das Hopsen von einem Dreimeterbrett, um nach den ein oder anderen Salti oder Schrauben ins Wasser zu tauchen, wird als international so ungeheuer relevant angesehen, daß man die jungen Hüpfer von allen Reiseverboten freistellt und sie zu einem Weltcup nach Tokio schickt.   Und wenn man schon mal unterwegs ist, wird auf dem Rückweg noch für ein paar Tage in Budapest zur Wasserspring-EM gestoppt.

Reisen in Zeiten von Corona ist kurios. So viel erfährt man von den Sportlern, die im Internetzeitalter natürlich alle gleichzeitig Vlogger sind.    London-Heathrow, mit üblicherweise 80 Millionen Fluggästen im Jahr, Europas größter Flughafen, ist nun eine Geisterstadt.  Leere Hallen, leere Gates, aber immerhin ein paar britische Wasserspringer, die gefühlt alle zehn Minuten einen Corona-Test absolvieren müssen.

In der Olympiastadt Tokio angekommen, wurden die Bestimmungen noch einmal drastisch verschärft. Alle Sportler kamen in Quarantäne, wurden während ihrer gesamten Zeit in Japan so streng isoliert, daß sie noch nicht einmal ihre Hotelzimmer verlassen konnten. Sogar der Gang in die Lobby oder den Frühstücksraum war absolutes Tabu. Kein Kontakt zum Personal, kein Kontakt zu anderen Sportlern und schon gar kein Kontakt zur Bevölkerung.

 […..] Keine drei Monate sind es mehr, bis am 23. Juli die Sommerspiele beginnen sollen. Das Coronavirus gibt keine Ruhe. Japans Regierung hat am Freitag verkündet, den Notstand für Tokio und drei weitere Präfekturen zu verlängern. […..] Viel hat man in Tokio nicht mitbekommen vom Weltcup. Wie ein finsteres Ufo lag das Aquatics Center im Tatsumi-no-Mori Beach Park von Tokios Ost-Bezirk Koto, während in dem mächtigen Gebäude die Abendveranstaltungen stattfanden. Zuschauer waren nicht erlaubt, die Zugänge versperrt. Fast verstohlen brachte der Bus die Athletinnen und Athleten zum Wettkampf. Eilig schlüpften sie aus dem Gefährt in die Halle. Und die Hygieneregeln waren wohl ein Vorgeschmack auf die Spiele, bei denen die Olympia-Teilnehmenden keinen Kontakt zu den Einheimischen haben sollen.   Sich die Beine vertreten? Frische Luft schnappen? Nicht erlaubt. Im Hotel mussten alle auf ihrer Etage bleiben, die Deutschen also im zehnten Stock. Die Fenster konnte man nicht öffnen, die Klimaanlage sollte man klein halten. Das Essen kam drei Mal am Tag aufs Zimmer. Flugzeugkost. Für Obst und Säfte musste man sich eigens einsetzen. Und mit dem Aufzug runterfahren für eine Entspannungsrunde auf dem Parkplatz - verboten. "Ich habe mich noch nie so eingeschränkt gefühlt", sagt Buschkow, "dieser Wunsch nach frischer Luft ..."    Trotzdem stellt er nichts infrage. Japans Regierung, das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Verbände - alle sagen, die Spiele finden statt. Danach richtet er sich. […..] Und in Japan wird der Widerstand immer deutlicher. Die Zeitung Mainichi hat diese Woche eine Umfrage unter den 47 Präfekturen gemacht. Neun waren für Absage oder Verlegung, darunter auch die Spiele-Standorte Saitama (Basketball, Golf, Fußball, Schießen) und Shizuoka (Radsport). […..]

(Thomas Hahn, 07.05.2021)

Noch nicht einmal japanisch atmen durfen die Sportler, weil die Hotelzimmer hermetisch verschlossen waren.

Absurder geht es kaum. Da rechtfertigen Sportfunktionäre rund um den Globus die aberwitzigen Multimilliarden-Ausgaben für eine prinzipiell nicht notwendige Veranstaltung mit Völkerverständigung, dem „olympischen Gedanken“, daß sich Sportler aller Nationen kennenlernen können und genau das wird strikt verboten.

Wozu also das Spektakel, an dem noch nicht mal interessierte Zuschauer teilhaben dürfen? Für Geisterveranstaltungen in leeren Hallen ohne Stimmung mit streng nach Nationen isolierten Kadern, so daß ausschließlich die Funktionäre  reicher werden?
Für das Geld könnte man den Hunger besiegen oder alle Menschen in den Entwicklungsländern gegen Corona impfen.   Solche Meisterschaften, Weltcups, Olympischen Spiele sind nicht nur grotesk überdimensioniert, sondern auch noch extrem unbeliebt.   In europäischen und nordamerikanischen Städten sind Olympische Spiele inzwischen undurchführbar, weil sich die Bevölkerung erfolgreich dagegen wehrt.

Als Austragungsorte bleiben nur noch undemokratische Autokratien. Putin und Xi müssen keine Volksbegehren gegen die Spiele von Sochi oder Peking fürchten.   Die einzigen Alternativen sind die ultrareichen Golfmonarchien, aber die Fußball-WM 2022 in Katar zeigt, daß man dafür nicht nur bei den Menschenrechten alle Augen zudrücken muss – mehrere Tausend de facto-Zwangsarbeiter kamen beim Aufbau der Stadien ums Leben – sondern auch unter abstrusen Hitzebedingungen „spielen“ muss.

Auf Tokio 2020 ruhte eine der letzten Hoffnungen. Japan ist demokratisch, reich und technisch so up to date, um die Spiele durchzuführen. Die Bevölkerung ist extrem diszipliniert und wehrt sich nicht wie die garstigen Hamburger, Garmischer oder Osloer gegen den Olympia-Wahnsinn.

Dachte man zumindest. Dann kam Corona, die Absage der Spiele von 2020 und der Aufschub um ein Jahr.   Aber selbst die so obrigkeitshörigen fleißigen Japaner haben keine Lust mehr.

[…..] In Japan steigen die Infektionszahlen, der Notstand wird ausgeweitet. Derweil werden die Rufe immer lauter, die Olympischen Spiele in Tokio abzusagen. Hierfür wurde nun sogar eine Petition überreicht.   Namhafte Epidemiologen und der Chef des Tokioter Ärzteverbandes haben es schon vor langer Zeit gesagt: Die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio auszurichten, sei den Bürgern gegenüber unverantwortlich.

Nun hat die japanische Ärztegewerkschaft nachgelegt. Sie vertritt die Interessen der angestellten Ärzte. "Tokio darf kein Coronavirus-Hotspot werden. Wir meinen, die Olympischen Spiele sollten jetzt nicht stattfinden", sagt Gewerkschaftsvertreter Naoto Ueyama auf einer Pressekonferenz.   Die Ärzte arbeiteten vielerorts seit Monaten am Anschlag. Wenn jetzt mehrere Tausend Menschen aus dem Ausland zu den Olympischen Spielen ins Land kämen, berge dies große Gefahren. […..] Doch die Regierung hält unbeirrt an ihren Plänen fest. Das "Tokyo2020"-Organisationskomitee hat gerade eine Pressemitteilung über die aus ihrer Sicht erfolgreichen jüngsten Testwettkämpfe veröffentlicht. Dass sich mancher Sportler dabei wie eingesperrt vorkam, wird freilich nicht erwähnt. Wie gering das Vertrauen in das bisherige Sicherheitskonzept der Olympiamacher ist, wurde erst in dieser Woche deutlich. Die USA und einige andere Länder sagten Trainingslager in Japan ab. […..]  Die Mehrheit der Japaner lehnt die Spiele nach wie vor ab. […..]

(Tagesschau, 14.05.2021)

In der Pandemie eisern an den Spielen von Tokio festzuhalten, mit einer unwilligen Bevölkerung, ohne Zuschauer, streng voneinander isolierten Teilnehmern und hochkorrupten Funktionären ist immerhin eine schöne Apotheose für die Schwachsinnigkeit der Gattung Homo Sapiens.

No Hope For The Human Race.

Donnerstag, 13. Mai 2021

Wenn die Wirklichkeit irrelevant wird.

Man hat sich daran gewöhnt, ist kaum noch zu überraschen, aber man sollte durchaus schockiert sein, wenn eine Lügen-Ideologie wie der Trumpismus so deutlich von der Realität widerlegt wird und dennoch von Millionen Anhängern gefeiert wird.

Ob die Propheten des Trumpismus bewußt lügen, oder den hanebüchenen Unsinn, den sie behaupten selbst glauben, ist kaum zu unterscheiden und für den Erfolg der Ideologie irrelevant.

Die Kollisionen mit der Wirklichkeit können noch so brutal entlarvt werden, ohne daß die Jünger zu zweifeln beginnen.

Nahezu alle Kernaussagen der Bibel wurden inzwischen widerlegt. All das wofür die Kirche über viele Jahrhunderte Menschen tötete, stellte sich aus Unsinn heraus. Die Erde ist rund, die Sonne steht im Zentrum des Sonnensystems, Sklaverei und Antisemitismus sind falsch, Frauen sind gleichberechtigt, Linkshänder sind nicht vom Teufel besessen, man schlägt keine Kinder, das Dezimalsystem mit seiner Null ist nicht der Untergang der Welt, Männer dürfen Männer heiraten, der Eintritt ins Himmelreich lässt sich nicht erkaufen.


Gläubige Christen stören sich aber nicht daran einer Lügenideologie anzugehören.

 In meiner Jugend ging ich gegen Atomkraftwerke auf die Straße. Eine Partei, die womöglich die nächste Bundeskanzlerin stellt, entstand aus der Anti-AKW-Bewegung. Zwei Generationen von Politikern und Wirtschaftsbossen hatten uns „Kernkraft ist sicher!“ weißmachen wollen. Ich hab das nie geglaubt, weil ich ein naturwissenschaftliches Studium hinter mir habe und viel zu lange in Nuklearchemie-Seminaren und Atomphysikvorlesungen saß.  Aber auch ohne derartiges Fachwissen, stellte sich die Behauptung von der sicheren Atomkraft völlig klar als Lüge heraus.

1957 brennt der britische Kernreaktor in Windscale; radioaktive Wolken werden bis auf das europäische Festland geweht. Anschließend wird der Ort in „Sellafield“ umbenannt.

1979 kommt es im Atomkraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania zu einer teilweisen Kernschmelze. 140.000 Menschen werden evakuiert.

1979 werden durch eine geheime Atomanlage im US-Bundesstaat Tennessee mehr als 1000 Menschen mit Uran verstrahlt.

1981 tritt viermal Radioaktivität aus dem Japanischen Atomkraftwerk Tsuruga aus und verstrahlt 278 Menschen.

1986 der Super-GAU von Tschernobyl verstrahlt Hunderttausende Menschen, macht weite Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands unbewohnbar.

1993 explodiert die geheime Wiederaufbereitungsanlage Tomsk-7 in Westsibirien.

1995 schwerer Unfall beim Abbau von Brennmaterialien in Tschernobyl.

1997 Brand und Explosion japanischen Aufbereitungsanlage Tokaimura bei Tokio

1997 erneuter Super-GAU in Tokaimura durch viel zu viel Uran im Fülltank. 320.000 Menschen müssen evakuiert werden. Hunderte werden verstrahlt.

2004 werden vier Arbeiter in der Atomanlage in Mihama westlich von Tokio durch eine Wasserdampfverpuffung eines Reaktors getötet, sieben weitere erleiden schwerste Verletzungen.

2011 löste ein Tsunami mehrere Kernschmelzen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine Naturkatastrophe aus.  

2021 arbeiten Atomfans an einem AKW-Revival.

[…..] Es gibt nur ein deutsches Tabu: die Nutzung der Kernenergie, um das Klima zu retten.   […..] Bei allem Respekt vor der politischen Befriedung des Atomstreits: Das ist »Cancel Culture« at its best.  Zu konstatieren ist eine polit-gesellschaftliche Verscheuklappung, die alle Logik blockiert, die Regeln von Kosten-Nutzen-Analysen ignoriert und am Ende auch das Wesen von Politik selbst. […..] Aber warum ist die Atomkraft nicht einmal ansatzweise Gegenstand einer solchen Abwägung? Für die Grünen, aber nicht nur für sie, ist sie eine »Risikotechnologie«, und so kann man das natürlich sehen. Ich fürchte nur, dass die Rettung des Planeten, das Jahrhundertprojekt der Menschheit, nicht mehr ganz ohne Risiko zu haben sein wird. […..] Längere Laufzeiten könnten den noch einmal wachsenden Kostendruck beim Übergang zu rein erneuerbaren Energien mildern. […..] Wer heute mit jährlich Hunderttausenden Klimatoten oder Millionen Klimaflüchtlingen argumentiert, der muss einen zweiten Blick auf die tödlichen Risiken der Atomkraft wagen – und wie oft (oder selten) sie bislang Realität wurden. [….]

(Nikolaus Blome, SPIEGEL, 10.05.2021)

Herr Blome ist auch FDP-Fan. Dabei handelt es sich um die Partei, die nicht nur die simpelste Programmatik vertritt – Steuersenkungen, Deregulierung, weniger Staat, alle Freiheiten den Unternehmern – sondern auch noch um die Truppe, deren Ideologie nach dem Weltfinanz-Zusammenbruch von 2008/2009 nun durch die Corona-Pandemie von 2020/21 erneut total ad absurdum geführt wird.

Ein „schlanker Staat“ ist höchstgefährlich; wieder einmal braucht es den starken Staat und viele Regelungen, um die debakulierenden Unternehmer zu retten.

Die schwarze Null ist genauso unsinnig wie der Neoliberalismus.   Die USA verschulden sich mit mehreren Trillionen Dollar für ein gewaltiges Sozial- und Sozialprogramm; erleben dadurch enorme Fortschritte bei der Pandemiebekämpfung und der Wiederankurbelung der Wirtschaft.  Hubertus Heil hat durch staatliche und sehr teure Kurzarbeiterregelungen mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland gerettet.

[…..] Wirtschaftsliberale Politiker versprachen unter dem Slogan "schlanker Staat" einst Wohlstand für alle zu geringeren Kosten. Nur funktioniert hat es nicht, im Gegenteil: Corona hat die Mängel dieser Philosophie schonungslos aufgedeckt. […..] Der schlanke Staat, das war ein Gebilde, das keiner Erläuterung bedurfte, das sein Versprechen von freien Märkten, niedrigen Steuern und den Segnungen des Finanzkapitalismus schon im Namen trug. Der Staat löse keine Probleme, er sei das Problem, erklärte US-Präsident Ronald Reagan, einer der Urheber des Konzepts. […..] Zweieinhalb Jahrzehnte, eine Bankenkrise und eine Pandemie später ist big government zurück. Überall auf der Welt nehmen die Regierungen Milliarden in die Hand, um Impfkampagnen zu finanzieren und Arbeitsplätze zu sichern - nicht, weil sich der Zeitgeist erneut gedreht hätte, sondern weil die Umstände den Paradigmenwechsel erzwingen: Niemand anderes als der Staat erweist sich in der Krise als handlungsfähig, niemand sonst verfügt über die finanziellen Ressourcen und die nötige Risikobereitschaft, nicht die Unternehmen, nicht die Banken und schon gar nicht die Finanzmärkte, die fernab jeder gesellschaftlichen Verantwortung weiter ihr wundersames Spiel treiben. […..] Dabei geht die Kehrtwende mit großen Schmerzen einher, die zeigen, wie sehr sich der "schlanke Staat" vielerorts zum schlappen Staat entwickelt hatte. Zum tönernen Riesen, der es zu Beginn der Pandemie nicht einmal schaffte, die Bürger mit Vliesmasken und Ärzte mit Schutzkleidung auszustatten, weil man auch bei der Produktion strategisch wichtiger Güter dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage vertraut hatte. […..]

(Claus Hulverscheidt, SZ, 13.05.2021)

Und wie steht FDP-Chef Christian Lindner nun da, nachdem seine gesamte Ideologie zweifach von der schnöden Realität als gewaltiger Unsinn entlarvt wurde. Geht er nun in Sack und Asche, schämt sich, schwört seinen sozialdarwinistischen Lehren ab?

Nein, im Gegenteil. Er ist genau wie die Trumpisten, Religioten und Atomfans immun gegenüber der Wirklichkeit, predigt weiter seine falschen Thesen.   Zu allem Übel ist er damit erfolgreicher, denn je.   Die FDP, die lange an der 5%-Grenze knabberte, steht in allen Umfragen rund um die 12% und kann vor Kraft kaum laufen.

Es ist wie bei Homöopathie-Fans, Impfgegner, Flatearthern oder Chemtrail-Gläubigen; man kann ihre noch so gründlich mit Fakten und Wissenschaft widerlegen, sie bleiben auf ihrem Kurs in die Irre.

[….] Das strategische Ziel der FDP ist es, eine schwarz-grüne oder grün-rot-rote Mehrheit zu verhindern - um dann für eine Jamaika-Koalition oder gar eine Ampel-Konstellation mit Grünen und SPD gefragt zu sein. Das klingt selbstbewusst, wird aber durchaus gestützt durch die Umfragen. Die FDP hat sich oberhalb der Zehn-Prozent-Marke stabilisiert, mit Tendenz nach oben. […..] Auf den ersten Blick ist die Ausgangslage von Parteichef Christian Lindner also komfortabel. Wurde die FDP noch vor wenig mehr als einem Jahr von Selbstzweifeln geplagt, ist die vorherrschende Stimmung mittlerweile gut gelaunter Optimismus. Mit ihrer zumindest bei potenziellen Wählern erfolgreichen regierungskritischen Linie in der Corona-Pandemie ist es der FDP gelungen, fast alles vergessen zu machen, was sich vorher zu einer bedrohlichen Krise summiert hatte: der Ärger eines Teils der Wähler über das Jamaika-Aus, die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten und ein Parteichef, der mitunter Schwierigkeiten zu haben schien, den richtigen Ton zu treffen. [….]

(Daniel Brössler, 13.05.2021)

Würde die Demokratie ideal funktionieren, gäbe es nur interessierte, informierte und rational entscheidende Wähler.

Dann käme die FDP aber niemals über 5%.