Samstag, 28. Dezember 2019

Kirchenfesseln

Christina Fleischmann, *1988, arbeitet seit sieben Jahren als freie Kulturjournalistin. Streng katholisch in einem kleinen bayerischen Ort aufgewachsen, las sie als Abiturientin Nietzsche und Feuerbach, brach mit ihrem Glauben, studierte Theater-, Medienwissenschaften und Anglistik in Bayreuth und Barcelona.
Es passierte das, was immer passiert, wenn ein frommes Kirchenmitglied aus der Provinz intelligent ist, sich bildet und hinaus in die große Welt geht: Sie wurde ungläubig.
Nicht nur das, wie jeder anständige Mensch empörte sie sich über die ungeheuerlichen Machenschaften ihrer Kirche.

[…..] Die Argumente gegen die Kirche gehen mir leichter von der Hand. Der sexuelle Missbrauch und seine Aufarbeitung erbosen mich am meisten. Als ich mit Opfern sprach, war ich erschüttert, wie institutionalisiert die Übergriffe stattfanden. Ein Betroffener sagte: »Ich glaube an Gott, aber sein Bodenpersonal ist grottenschlecht.« Die Heuchelei dieser Institution widert mich an, dieser Größenwahn! All das Leid, die unmenschliche Ignoranz gegenüber wehrlosen Kindern, die trägen Versuche der Wiedergutmachung.
Doch nach außen hin die Moral hochhalten, sexuelle Bedürfnisse missbilligen, Verhütung verteufeln. Die Frau als untergeordnetes Geschlecht ansehen, sie von sämtlichen Ämtern ausschließen. Auch das bringt mich zum Schäumen. Weil diese apodiktischen Grundsätze rückständig und fernab der Lebensrealität sind. Ja, ich empfinde sie sogar als menschenfeindlich. Als aufgeklärte Frau muss es schwerfallen, die Überzeugungen dieses Männervereins zu akzeptieren. [….]

Da ich schon eine Generation älter als die Autorin bin, kann ich all die Argumente schon singen.
Um sich vor Wut zu schütteln, muss man nur an einem beliebigen Tag wie heute die Medien verfolgen. Dieser ganze Blog ist voll mit den ungeheuerlichen Verbrechen der katholischen Kirche.

Einige willkürlich ausgewählte Meldungen nur aus dieser Woche:

1.)

Kinderficker Theodore Kardinal McCarrick konnte so lange unbehelligt bleiben, weil er Papst und Kurie bestach.

[…] Der wegen Missbrauchs entlassene Ex-Kardinal Theodore McCarrick hat laut "Washington Post" über Jahre Hunderttausende Dollar an Kleriker gespendet. Auch Papst Benedikt XVI. soll profitiert haben.
[…]McCarrick soll demnach zwischen 2001 und 2018 knapp 200 Schecks im Wert von insgesamt rund 600.000 Dollar an mächtige Kleriker geschickt haben, von denen einige mit innerkirchlichen Ermittlungen in seinem Missbrauchsfall betraut waren.   Der ehemalige Erzbischof von Washington soll zwischen 1970 und 1990 zahlreiche Priesteramtskandidaten und mindestens zwei Minderjährige sexuell missbraucht haben. Wegen eines Übergriffs auf einen Messdiener im Jahr 1971 wurde er im Juni 2018 suspendiert und schied kurz darauf aus dem Kardinalsstand aus. […] Unter den Empfängern sollen aber auch zwei Päpste gewesen sein: Johannes Paul II. habe zwischen 2001 und 2005 rund 90.000 Dollar erhalten, heißt es in dem Zeitungsbericht, der sich auf Bankdokumente beruft. Benedikt XVI. soll 291.000 Dollar bekommen haben - den Großteil davon im Jahr 2005, einen Monat nach seinem Amtsantritt. [….]

2.)

[…] Spektakulärer Mord in Frankreich. […]
In Frankreich steht ein Teenager im Verdacht, einen 91 Jahre alten Geistlichen aus Rache brutal getötet zu haben. Der Leichnam des katholischen Priesters namens Roger Matassoli war bereits am 4. November in seinem Haus […] entdeckt worden. […]
Gerichtsmediziner hatten bei dem Geistlichen im Ruhestand Tod durch Ersticken festgestellt. Unter anderem war ein Kruzifix in die Kehle gerammt worden. […] Verantwortlich für die Tat soll ein 19-Jähriger namens Alexandre V. sein. […] „Dieser Mann hat eine ganze Familie geschreddert“, sagte Alexandres Vater, der Stephane genannt wurde, der Zeitung „Le Parisien“ über Matassoli. Sein eigener Vater, also der Großvater von Alexandre, habe sich das Leben genommen, nachdem er von dem Missbrauch durch den Priester erfahren habe.
Roger Matassoli war bereits zuvor des Missbrauchs an zahlreichen Jungen zwischen den Jahren 1960 und 2000 beschuldigt worden. Mehrere Männer haben sich mittlerweile geoutet. Trotzdem soll der Priester über vier Jahrzehnte von der Kirche gedeckt worden sein. Ein juristisches Verfahren oder eine Aufarbeitung durch die Kirche gab es offenbar nie.
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe bereits im Jahr 1967 war er stattdessen von der Diözese Clermont in eine andere nach Saint-Andre-Farivillers versetzt worden. Schließlich wurde er nach Agnetz im Nordwesten Frankreichs geschickt. Bis 2018 blieb er auf der Gehaltsliste der Diözese Beauvais. […]

3.)

[…] Mindestens 175 Missbrauchsfälle bei den Legionären Christi
Mitglieder des katholischen Ordens Legionäre Christi haben in den vergangenen acht Jahrzehnten Kinder sexuell missbraucht. Verantwortlich seien 33 Priester und Diakone, heißt es in einem Untersuchungsbericht.
Die Opfer waren der Untersuchung zufolge zumeist Jungen im Alter zwischen elf und 16 Jahren. […] Aus dem Bericht geht hervor, dass 18 der 33 beschuldigten Männer immer noch Teil der Organisation sind. […]

4.)

[…] Rom Es ist ein trauriger Rekord: In diesem Jahr wurden weltweit etwa 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche gemeldet. Die Behörde im Vatikan, die solchen Vorwürfen nachgehen soll, ist angesichts dieser Entwicklung unterbesetzt. „Im Moment stehen wir vor einem regelrechten Tsunami von Fällen, vor allem aus Ländern, aus denen wir bisher nie etwas gehört hatten“, sagt John Kennedy, Leiter der Disziplinar-Abteilung der Kongregation für die Glaubenslehre. […] Seit 2001 hat die Glaubenskongregation schon 6000 Fälle bearbeitet. Trotzdem gibt es einen erheblichen Rückstau – 2000 Vorwürfe konnten bisher nicht überprüft werden. Mit nur 17 festen Mitarbeitern ist die Behörde schlicht überlastet. [….]

Welcher denkende und mitfühlende Mensch möchte da noch gern in der Kirche bleiben?
Christina Fleischmann gehört auch nicht dazu. Zumal sie die strenge Kirchentreue in ihrer Jugend keineswegs genoss, sondern eher darunter litt.

[…..] Oft fühlte ich Beklemmung in der Kirche, diesem großen, kalten Raum mit seinen Heiligenfiguren, die vorwurfsvoll leidend auf mich herabschauten. Auf mich in meinen herausgeputzten Sonntagskleidern. Die Gläubigen saßen steif und andächtig in den unbequemen Holzbänken, zum Orgelspiel leierten sie ihre Lobgesänge, meine Großmutter neben mir besonders laut. […] Sicher prägte die strenge Haltung unseres Dorfpfarrers mein Bild von der katholischen Kirche. Neben ihm immer dieselben beiden Ministranten. […]  Kurz vor der Erstkommunion zählte ich ihm im Beichtstuhl meine Sünden auf, die ich mir vorher zurechtgelegt hatte: Ich habe meinen Bruder geärgert, zu meinen Eltern war ich nicht immer brav. Zur Absolution sollte ich ein paar Vaterunser und Ave Maria beten. Mit dem letzten »Amen« fühlte ich mich von ­einer Last befreit, die ich zuvor nicht gespürt hatte. Den endlos langen Predigten unseres Pfarrers wollte ich nicht folgen, ich fand sie langweilig, weil sie nichts mit meiner kindlichen Welt gemein hatten. Um die Zeit rumzukriegen, blätterte ich im Liederbuch und schaute mir Heiligenbilder an. Diese Gottesdienste hatten nichts Fröhliches, keine Liebe erfüllte den Raum, Lachen oder Klatschen waren verboten, die Schafe hatten zu schweigen und zu lauschen.
So zwang mir die Messe eineinhalb Stunden pro Woche eine Bedeutungsschwere auf, die mich einschüchterte. Ich fühlte mich klein, schlecht, unwohl in meiner Haut. Doch meinen Eltern war es wichtig, sonntags in die Kirche zu gehen. Sie meinten, das gehöre zur guten Erziehung. […]

In dem Essay aus dem vorletzten SZ-Magazin, aus dem ich hier zitiere, geht Fleischmann der Frage nach wieso sie eigentlich immer noch zahlendes Mitglied der RKK ist und es nicht fertig bringt tatsächlich auszutreten.
Für den Artikel machte sie sich auf die Reise, um Pro- und Contra-Argumente einzusammeln.
Hätte sie mich gefragt, den alten Sack, der sich schon einige Jahrzehnte länger mit der Kirche beschäftigt, wäre sie sicherlich nicht ausgerechnet zu Margot Käßmann gegangen, um sich dort den Rat zu holen Kirchenmitglied zu bleiben, damit der „bürokratische und institutionalisierte“ Apparat Kirche von Innen reformiert werde.
Offenbar weiß Fleischmann nicht um die gravierenden intellektuellen Unzulänglichkeiten der Botschafterin des nach Hitler zweitschlimmsten Antisemiten (Luther), die in sagenhafter Einfältigkeit massakrierten, vergewaltigten und vertriebenen Opfern zuruft „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Arme.“

Fleischmanns vom Religionspsychologen Sebastian Murken übernommene Idee einer Pro-und-Contra-Liste Kirche mag schon eher zielführend sein, aber ihre Pro-Seite der Tabelle spricht leider auch für eine zu schwache Durchdringung der Materie.

Pro:
Vermittlung moralischer Ideale
soziales Engagement weltweit
Gemeinschaftsgefühl
Familientradition

Contra:
tatsächlich gelebte Moral
sexueller Missbrauch, Umgang damit
undurchsichtige Strukturen
Männerverein
Unterordnung der Frau
Ablehnung von Sexualität

Die moralischen Ideale mussten allesamt gegen den erbitterten Widerstand der Kirche von Humanisten und Aufklärern erkämpft werden.
Kirchenmoral hingegen sind Sklaverei, Misogynie, drastischer Antisemitismus, Rache, Kinderschlagen, Ungleicheit.
Und wem soziales Engagement wichtig ist, der sollte sein Geld dringend anderen Organisationen geben, denn nirgendwo ist die Quote so mies wie bei den Kirchen, die über 90% des Geldes für sich und ihre eigene Prunksucht behält.

Ich begann mich, wie so oft, schon über diesen zu wenig substantiellen Artikel zu ärgern.

Aber immerhin, mir gefiel die Definition der Punkte, die sie als „Gemeinschaftsgefühl und Familientradition“ subsummiert.
Etwas von dem ich, Darwin sei Dank, verschont blieb.

[…..]  Präverbale Prägung. So erklärt es der Religionspsychologe Sebastian Murken. Noch bevor wir zu sprechen lernen, verbinden wir demnach mit der Kirche vertraute Geräusche, Gerüche und damit ein Gefühl von Heimat. Dagegen anzukämpfen sei schwierig. »Diese Prägung setzt sich tief im Gehirn fest. Sie kann über das Kognitive, die Großhirnrinde, kaum gelöscht werden«, sagt Murken. In jungen Jahren setze sich der Einfluss der Kirche fort: mit Erstkommunion und Firmung, die noch vor der rebellischen Phase der Jugend stattfinden.  Klingt nach systematischer Gehirnwäsche, denke ich. [….]

Präverbale Prägung.
Ein schöner Terminus Technicus, noch dazu alliteriert, den ich gern in meinen Wortschatz übernehme.


Freitag, 27. Dezember 2019

Wachstumsbremse Borniertheit


Wie immer zum Jahresende, listet das Hamburger Abendblatt auf welche Jobs sicher sind und wer möglicherweise im nächsten Jahr seinen Arbeitsplatz verlieren könnte.

Welche Firmen einstellen – und welche dagegen Jobs streichen. Das Abendblatt hat die Top 200 Unternehmen der Stadt gefragt.

Es entsteht eine gigantische beeindruckende Liste, deren letzte Spalte „Beschäftigungsprognose 2020“ lautet.
Das Bild ist diesmal nicht besonders ausgewogen. Bei rund 2/3 der 200 größten Arbeitgebern heißt es „mehr“, bei einem knappen Drittel „gleich“ und nur eine Handvoll Unternehmen bauen Stellen ab:
AXA, NDR, Vattenfall, Carlsberg Brauerei und einige Banken.

Bei allen anderen geht es stramm aufwärts. Hamburg boomt wie verrückt und hat im Gegensatz zu den anderen Millionenstädten Deutschlands seit Olaf Scholz 2011 Bürgermeister wurde so massiv den Wohnungsbau vorangetrieben, daß jährlich 10.000 neue Wohnungen entstehen und sogar der Mietenanstieg deutlich gebremst wurde. In absehbarer Zeit wird die Hansestadt die Zwei-Millionen-Einwohner-Marke erreichen. Die Arbeitslosenquote ist niedrig wie nie

Die exzessive Bautätigkeit nervt natürlich die Städter; es kommt zu Staus, Handwerker sind kaum noch zu bekommen und wer schon eine schöne Wohnung hat, wehrt sich dagegen, daß gegenüber auf der Grünfläche ein Haus für die weniger Glücklichen gebaut wird. Wichtiger als Solidarität, ist allemal der unverstellte Ausblick.
Hier sind die Fähigkeiten des Senats als guter Verwalter gefragt. Das hochtrabendere Wort „regieren“ kann man sich sparen.

Wird also alles gut? Werden wir Hamburger alle glücklich, reich und zufrieden?
Das könnten wir doch sein. Die Flüchtlinge sind integriert, die Kriminalität ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten, es gibt weniger Einbrüche denn je, die Aufklärungsquote steigt, es werden Velorouten gebaut, der ökologische Umbau ist im vollen Gang. Überall gibt es Leihfahrradstation und elektrisch betriebene MOIA-Kleinbusse lösen gerade die Taxis ab.

Also auf in die rosige Zukunft des ewigen Wachstums – mit ökologischer Note?
Wohl eher nicht, denn wir erleben gerade den Luxus der Quasi-Vollbeschäftigung.
Natürlich sieht der Arbeitsmarkt für völlig Unqualifizierte immer noch böse aus, aber jeder, der im weitesten Sinne „Fachkraft“ genannt werden kann, hat inzwischen die freie Auswahl.
Seit Jahren hemmt der Nachwuchsmangel alle Gewerke des Handwerks; nahezu alle Betriebe müssen regelmäßig Aufträge ablehnen, weil sie nicht genügend Personal haben.
Das ist auch ein der Hauptursachen für den Baustellenärger in Hamburg – selbst die Stadt, also ein Auftraggeber, der sicher zahlt und den besten Leumund hat – schafft es nicht mehr zeitnah Tiefbau-Unternehmen zu finden, um all die Brücken, Bahnhöfe, Bushaltstellen und Straßen zu sanieren.
Das Geld ist da, der Wille ist da, aber die Bau-Unternehmer haben so prallvolle Auftragsbücher, daß sie nichts mehr annehmen können.
Die historische Krugkoppelbrücke, vor 100 Jahren von dem legendären Oberbaudirektor Fritz Schumacher entworfen, ist bis heute das Nadelöhr, um nördlich um die Außenalster zu fahren. Vier Millionen Euro stellte der Senat für die dringend notwendige Sanierung bereit. Vier Millionen, die lange Zeit niemand haben wollte.

[……] Baustellen-Posse in Hamburg. Diese Alster-Brücke wird einfach nicht fertig!
[…..] Eigentlich sei die Sanierung vom Januar bis Oktober 2018 geplant gewesen. Die Bauarbeiten an der Straße Krugkoppel/Fernsicht sollten, daran anschließend, Ende August vergangenen Jahres beginnen. Das Problem: Es fand sich kein Bauunternehmen, dass die Straßenbauarbeiten durchführen wollte. [……] Christian Füldner, Pressesprecher der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovationen (BWVI). „Die Auftragsbücher der Firmen sind voll, daher hat sich erst im zweiten Versuch eine Firma für die Straße gefunden“. [……]  

Den kleineren Privatunternehmen geht es noch wesentlich schlechter.
Längst sind die Zeiten vorbei, in denen sie sich unter einer Vielzahl Bewerber den Geeignetsten aussuchen konnten.
Die Verhältnisse haben sich umgekehrt, Ausbildungswillige und erst echt Fachkräfte kennen ihren Wert für den Arbeitsmarkt und lassen die Chefs um sie buhlen.
Das Problem besteht in vielen Branchen bundesweit, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt.

[….] An diesem Montag kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Spitzenvertretern aus Regierung und der Wirtschaft zum Fachkräftegipfel im Kanzleramt zusammen. „Die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist eine der größten Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor dem Treffen. „Klar ist: Nur mit ausreichend gut qualifizierten Fachkräften werden unsere Unternehmen ihre Innovationskraft bewahren, weiterhin im globalen Wettbewerb bestehen und letztlich unseren Wohlstand sichern können.“
In ganz Deutschland fehlen Fachkräfte. Das ist im Gesundheits- und Pflegebereich der Fall, in technischen Berufen, aber auch im Handwerk und der Bauwirtschaft, wie die Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt. Aktuell werden bundesweit Klempner genauso gesucht wie Altenpfleger und Physiotherapeuten, Fachkräfte in der Energietechnik ebenso wie Lkw-Fahrer. Bei IT-Spezialisten sieht die Lage – je nach Bundesland – anders aus. […..]

In den ökonomisch schwächeren Ost-Bundesländern und Berlin gibt es kaum Personal-Probleme für die Unternehmer.
Aber in der Boomtown Hamburg und in Baden Württemberg sind nahezu alle Firmeninhaber betroffen: Händeringend suchen sie nach Mitarbeiten, werben mit immer ausgeklügelteren Methoden um Mitarbeiter.

[…..] Größter Fachkräftemangel in Hamburg
Zugleich verschärft sich aber der Fachkräftemangel – insbesondere in Hamburg erreicht er in der Metall- und Elektrobranche mittlerweile dramatische Ausmaße. 30 Prozent aller befragten Unternehmen wollen zwar zusätzlich Mitarbeiter einstellen, finden aber nur noch sehr schwer geeignete Fachkräfte. Oder gar nicht. In der Hansestadt beklagen das aktuell mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Unternehmen. Bei der Frühjahrsumfrage 2016 waren es erst knapp 41 Prozent gewesen.
Im Bundesländer-Vergleich ist der Expertenmangel damit in Hamburg am höchsten. [….]

Schon die rotgrüne Bundesregierung 1998-2005 sah das Problem kommen und engagierte sich intensiv für ein modernes Einwanderungsgesetzt. Gerd Schröder ließ Rita Süßmuth ein wegweisendes Gesetzeswerk erarbeiten, welches von nahezu allen Seiten – Gewerkschafter, Unternehmer, Ökonomen, Kirchen, Parteien – begrüßt wurde.
Nur die CDU/CSU verweigerte sich in ihrer schmollenden xenophoben Haltung total und ließ sowohl das neue Einwanderungsgesetzt wie das geplante Staatsbürgerschaftsrecht platzen.
Merkels zutiefst bornierte „Ausländer-Raus“-Attitüde siegte über jede soziale und ökonomische Vernunft.
Unnötig zu erwähnen, daß in Merkels 15. Regierungsjahr immer noch kein Einwanderungsgesetz verabschiedet wurde, weil konservative Bundesinnen- und Wirtschaftsminister immer nur danach trachteten Ausländern den Weg nach Deutschland zu blockieren, Einwanderung exzessiv zu erschweren und möglichst Viele abzuschieben.
Seit 2012 gibt es zwar die EU Blue Card, die einen vierjährigen Aufenthaltsstatus gewährt, aber die damalige schwarzgelbe Bundesregierung bürdete der blauen Karte so viele Bedingungen auf, daß es nach wie vor unattraktiv ist als Arbeitskraft aus einem Drittstaat nach Deutschland zu gehen.
Niemals verstand Merkel, daß es ein Irrweg ist Zuwanderung möglichst zu behindern und den Weg nach Deutschland zu erschweren.
Mittlerweile sind gut 25.000 Blue Cards im Umlauf – ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, daß allein im Bereich der Pflege 100.000 Stellen nicht besetzt sind. Die beliebteste Ausbildung ist die zur Sozialpädagogischen Assistenz (SPA) – ein durch die Scholz’sche Kitareformen ebenfalls boomender Beruf. Bei steigenden Geburtenraten und der inzwischen unglaublichen Anzahl von über 1.100 KITAs in Hamburg, wächst auch der dortige Personalbedarf exponentiell.

Bei den Einzelhändlern herrscht regelrechte Verzweiflung.

[….]  Besonders kleinere Geschäfte leiden unter dem Arbeitskräftemangel.
„Verkäufer gesucht.“ Auch in Zeiten fortschreitender Digitalisierung greifen zahlreiche Hamburger Einzelhändler auf eine ziemlich altmodische Methode zurück, um Mitarbeiter zu finden – mit einem Schild im Schaufenster ihres Geschäfts. Nicht selten verbunden mit dem Versprechen, dass man über die Arbeitszeiten auch reden könne. „Kommen Sie doch einfach herein.“ Wo noch vor einigen Jahren die Bewerber Schlange standen, melden sich heute immer weniger Arbeitswillige. Manchmal gar keine. Viele Unternehmen im Einzelhandel haben inzwischen ernsthafte Probleme. „Der Personalmangel wird sich weiter verschärfen“, sagt Brigitte Nolte, Hamburger Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord. […..]

Die Politik der Merkel-Regierung schadet dem Wirtschaftsstandort Hamburg massiv. Die xenophoben Unionsminister müssen ihre nationalistischen Scheuklappen dringend abstreifen, oder noch besser, geschlossen abtreten.

[……] Es ist bereits heute das größte Problem der Hamburger Wirtschaft – und es wird sich in den nächsten elf Jahren noch deutlich verschärfen: Industrie, Handel und Dienstleistungen brauchen dringend Fachkräfte.
Bis 2030 werde sich der Engpass von aktuell 58.000 auf 77.000 fehlende Fachkräfte erhöhen, sagte Sandra Hofmann vom Darmstädter Forschungsinstitut WifoR am Mittwoch bei der Vorstellung einer Analyse im Auftrag der Handelskammer Hamburg: „Die Generation der Baby-Boomer geht in Rente; Azubis und Studenten können das nicht durch ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt ausgleichen.“
Um den Mangel zu bekämpfen, nannte Hofmann vier Maßnahmen: Digitalisierung, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, die längere Teilnahme am Arbeitsmarkt und Zuwanderung. [……] Stark betroffen ist zum Beispiel das Hotel- und Gaststättengewerbe, wo mehr als 4000 Arbeitnehmer fehlen. Jeder zehnte Arbeitsplatz ist nicht besetzt, bis 2030 wird es jeder achte sein.
„Wir können manche Veranstaltung nicht annehmen“, sagte Niklaus Kaiser, der im Hamburger Fachverband Dehoga für das Hotelgewerbe spricht. Bei den Auszubildenden hätten mittlerweile rund 60 Prozent einen Migrationshintergrund, viele seien Flüchtlinge. [……]

Welch bittere Ironie – ausgerechnet die migrationspolitischen Ereignisse von 2015, die der nun zuständige Innenminister Seehofer so massiv bekämpfte, die AKK verdammt und im Fall der Wiederholung Grenzen schließen lassen will und die Merkel selbst in den Folgejahren rückgängig machte – sind inzwischen überlebenswichtig für die deutsche Wirtschaft.

[…..] In Hamburg wurde vor wenigen Monaten ein neuer Stellenrekord erzielt, erstmals in der Geschichte der Hansestadt gibt es seitdem mehr als eine Million sozialversicherungspflichtige Jobs. Doch tatsächlich könnte diese Zahl noch viel höher liegen, wenn die zusätzlich vorhandenen offenen Stellen besetzt werden könnten. Das funktioniert aber gerade für Berufe mit Qualifizierungsanforderungen nicht, eine Entwicklung, die schon länger als Fachkräftemangel bekannt ist. Die Handelskammer Hamburg hat nun in einer Umfrage herausgearbeitet, welche Folgen diese Situation für die Unternehmen und deren Mitarbeiter hat.
Demnach kann mehr als die Hälfte der Unternehmen offene Stellen längerfristig nicht besetzen, so eines der Ergebnisse des Arbeitsmarktbarometers der Handelskammer. Als gravierendste Folgen des Fachkräftemangels nennen die Unternehmen eine Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft sowie steigende Arbeitskosten zur Haltung bestehender und Anwerbung neuer Fachkräfte. Im Herbst 2019 sehen sechs von zehn Unternehmen den Fachkräftemangel als größten Risikofaktor bei der wirtschaftlichen Entwicklung an. [….]
(Die Welt, 20.12.2019)

Ohne Flüchtlinge und Migranten bräche die Ökonomie zusammen. Sie baden jetzt die Versäumnisse der Ausländerschrecks Seehofer, Altmaier, Merkel, Schäuble, AKK, Söder und Bosbach aus. Die braunen Damen und Herren versündigen sich an Deutschlands Zukunft.

Zum Glück haben wir wenigstens die Flüchtlinge. Sie sind ein Segen.

[…..]  Hamburgs Arbeitsamt-Chef „Ohne Flüchtlinge funktioniert unser Arbeitsmarkt nicht“ [……] Gerade verkündet die Hamburger Hochbahn, dass sie im kommenden Jahr allein 300 Busfahrer neu einstellen will. Und auch bei der U-Bahn und in der IT werden 150 Stellen beim Unternehmen geschaffen. Die Hochbahn setzt dabei gezielt auf Einwanderer. Wie Hamburgs Arbeitsagentur-Chef jetzt gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ sagte, würde es ohne Flüchtlinge gar nicht mehr funktionieren.
Alle suchen händeringend nach Fahrern, nicht nur die Hochbahn. Auch der Fahrdienst Moia braucht zusätzliche Fahrer. Die Hochbahn umwirbt dabei gezielt Einwanderer. Dazu Sprecherin Constanze Dinse: „Die Einstellung und Ausbildung von Einwanderern für den Busfahrdienst bleibt fester Bestandteil der Personalgewinnung.“ 70 Mitarbeiter konnten so seit 2017 bereits gewonnen werden. [……]  Der Chef der Arbeitsagentur Sönke Fock [……] Fock betont [……], wie wichtig die hier lebenden Flüchtlinge sind. „Ohne Flüchtlinge würde Hamburgs Arbeitsmarkt nicht funktionieren. Sie werden gebraucht“, so Fock. Ohne sie würden viele Firmen ihre Arbeit nicht leisten können.
Mittlerweile gehen in Hamburg 13.500 Flüchtlinge einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Davon 60 Prozent als Fachkräfte, die weiteren in Helfertätigkeiten. [……]

Hätten wir uns politisch in den letzten Jahren nach AfD und CSU ausgerichtet, wäre Deutschland jetzt in einer schweren Wirtschaftskrise.
Aber auch so ist es noch schwer in Hamburg.

[…..] Zahl der Stellenanzeigen hat sich verdoppelt. Gesucht werden Ingenieure, Ärzte, Pädagogen, Juristen und Sachbearbeiter. [….]

Donnerstag, 26. Dezember 2019

CDU ist anders


In vielen ostdeutschen Landstrichen lebt es sich nicht gut, wenn man zu einer der von Nazis gehassten Minderheiten gehört: Schwarz, schwul, Sinti, Roma, Flüchtling, Jüdisch, Muslimisch.
So wie in Sachsen muss man insbesondere auch in Sachsen-Anhalt „No Go Areas“ beachten, um nicht verletzt zu werden.

Drei Faktoren machen es besonders gefährlich:

1.   Eine stabile große Minderheit von echten Nazis, die so stark und so präsent sind, daß sie sich blitzartig zusammenrotten, wenn einer von ihnen ein potentielles Opfer ausmacht.

2.   CDU-geführte Innenministerien, Polizei und Justiz, die generell wohlwollend auf rechtsextreme Straftaten blicken.

3.   Unterentwickelter Bürgersinn, der dazu führt, daß die friedliche Mehrheit nicht aufsteht gegen rechts und Gewalttaten achselzuckend geschehen lässt.

Der dritte Punkt ist der grundlegende Unterschied zum Rechtsextremismus in westlichen Bundesländern.
Auch in Köln, München oder Hamburg versuchen sich AfD und Pegida an Fackelzügen und „Merkel-muss-weg“-Aufmärschen, aber es finden sich jedes Mal Gegendemonstranten in großer Überzahl ein, die den Nazis gründlich den Spaß verderben.

[….] Etwa 600 Demonstranten haben einen Aufmarsch von Anhängern der rechtsextremistischen NPD im niedersächsischen Eschede verhindert. Sie blockierten der Polizei zufolge am Samstag die Straße von einem Bauernhof in Richtung des Ortes. Etwa zehn NPD-Anhänger mussten daraufhin den Versuch aufgeben, mit ihrem Lautsprecherwagen von dem Hof herunterzukommen. Die Lage blieb nach Polizeiangaben friedlich. Auf dem Anwesen, das der NPD-Landesverband Niedersachsen im Juni von einem NPD-Mitglied gekauft hatte, hielten sich einem Sprecher zufolge etwa 40 Rechte auf, die eine Feier zur Wintersonnenwende veranstalten wollten.
[….] Zu der Kundgebung gegen die NPD hatte das "Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus" aufgerufen. Unter dem Motto "Gemeinsam gegen die Nazitreffen in Eschede" haben das Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus und der Deutsche Gewerkschaftsbund eine Versammlung veranstaltet. [….]

Die Sachsen oder Sachsen-Anhaltiner wählen dreimal so häufig AfD wie Hamburger oder Niedersachsen. Das Problem sind aber die indolenten Nicht-AfD-Wähler, die anders als im Westen Neonazi-Umtriebe in ihrer Nachbarschaft achselzuckend hinnehmen.
So gedeihen Pegida in Dresden und all die anderen braunen Aufmärsche in Chemnitz, Freital, Bautzen, Heidenau, Tröglitz, Meißen, Riesa, Clausnitz – das sind nur einige der vielen Synonyme Dunkeldeutschlands.

[…..] Kriminalität in Sachsen-Anhalt [….] mehr fremdenfeindliche Straftaten[….]
Die mit Abstand meisten politisch motivierten Straftaten waren auch 2018 weiterhin Straftaten aus dem politisch rechten Lager: Sie machten 1.461 der insgesamt 1.846 politisch motivierten Straftaten aus.
Mit fast 70 Prozent besteht der größte Teil davon aus sogenannten Propagandastraftaten wie beispielsweise dem Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole wie etwa einem Hakenkreuz. Linksmotivierte Straftaten gab es 2018 insgesamt nur 280.
Mehr Straftaten gab es 2018 jedoch bei fremdenfeindlichen und antisemitischen Straftaten. Insgesamt waren es im vergangenen Jahr 348 fremdenfeindliche Straftaten, etwa sechs Prozent mehr als noch 2017. [….] Die Zahl der antisemitischen Straftaten in Sachsen-Anhalt ist 2018 um 18 Fälle auf 62 Fälle angestiegen. [….]

Gegen den Rechtsextremismus wenden sich nur die inzwischen stark geschrumpften Parteien Linke und SPD. Grüne und FDP finden nicht statt, die stark faschistoide Flügel-AfD schürt den Hass.
Und dann ist da leider noch die Dauer-Regierungspartei CDU, die immer noch glaubt im braunen Sumpf fischen zu müssen und, schlimmer noch, oft genug die xenophoben, misogynen, antisemitischen und homophoben Einstellungen der Braunen teilt.

So stimmen immer wieder die CDU-Fraktionen ostdeutscher Landtage mit der AfD ab, wenden geradezu manisch ihre Kraft für den „Kampf gegen den Linksextremismus“ auf.
Der Magdeburger Innenminister Stahlknecht (CDU) ist ein Rechtsaußen in seiner ohnehin Rechtsaußen stehenden Landespartei und wollte zur Freude der faschistoid Denkenden in seiner Bevölkerung den hochumstrittenen Rechtsaußen Rainer Wendt zum Staatssekretär machen.
Das sind alles Zeichen, die ganz rechts verstanden werden:
Die Regierung tickt doch auch wie wir.
Das ermutigt zu Gewalttaten.

Deswegen gibt es auch einen grundsätzlichen qualitativen Unterschied zwischen SPD und CDU.
Sozis denken solidarisch, stellen sich auf die Seite der Schwachen gegen die Starken.
Die CDU ist prinzipiell nicht solidarisch und sympathisiert mit den angreifenden Schlägern gegen die Schwachen und Minderheiten. Hakenkreuze werden akzeptiert. Kein Grund deswegen einen CDU-Politiker  zu kritisieren.

[….] In Sachsen-Anhalt besteht die Gefahr, dass ein ganzer CDU-Landesverband nach rechtsaußen abdriftet. [….] Am Ende hatte die CDU also nicht einmal die Kraft, sich selbst von dem Kreispolitiker mit Neonazi-Tattoo zu trennen - Robert Möritz ist jetzt aus der Partei ausgetreten. Doch abgeschlossen ist der Fall damit noch lange nicht. Denn die Causa Möritz zeigt exemplarisch, wie groß die Probleme der CDU in Sachsen-Anhalt sind. Dort besteht die Gefahr, dass ein ganzer Landesverband nach rechts außen abdriftet. Es gibt in Sachsen-Anhalt viele Christdemokraten, die sich statt der Kenia-Koalition auch eine von der AfD tolerierte CDU-Minderheitsregierung vorstellen können. Und es gibt dort jede Menge Parteimitglieder, die Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen politisch näher stehen als der eigenen Bundeskanzlerin.
Nur zur Erinnerung: Robert Möritz hat - sogar als Ordner - an einer Neonazi-Kundgebung teilgenommen. Er hat sich für rechtsradikale Bands begeistert. Er ist erst in der vergangenen Woche aus dem umstrittenen Verein Uniter ausgetreten. Und er trägt noch immer sein Neonazi-Tattoo. Es ist erschütternd, dass so jemand in die CDU aufgenommen und sogar in einen Kreisvorstand gewählt wurde. Das zeigt, dass es bei den Christdemokraten Kreisverbände gibt, in denen christliche und demokratische Reflexe nicht mehr richtig funktionieren.
[….]  Es geht darum, dass weder die Spitze der Landespartei noch die der Bundes-CDU sich stark genug gefühlt haben, um in diesem Fall durchgreifen zu können. Zu groß sind in Sachsen-Anhalt die Truppen der Freunde von Rechtsaußen. Es waren ja keine einfachen Parteimitglieder, die im Juni verlangt haben, dass es der CDU wieder gelingen müsse, "das Soziale mit dem Nationalen zu versöhnen". Es waren die beiden stellvertretenden Vorsitzenden der Landtagsfraktion. [….]