Donnerstag, 20. April 2017

Good old times



So ein Interview mit Heinrich Bedford-Strohm wirkt noch einige Tage nach.
Nachdem ich seine Worte im aktuellen SPIEGEL ausgebreitet las, fühle ich mich ermattet.
Wie ein geistiges schwarzes Loch entziehen die gegenwärtigen EKD-Fürsten meinen Synapsen die Lebensenergie.
Breit-Kessler, Käßmann und co bestechen mit einer derartigen geistigen Schlichtheit, daß man sie eher in Satireformaten verortet sieht.
Sie wären perfekte Kandidaten für Stefan Raabs Demütigungs-Interviews, in denen er Jugendliche zum Auslachen präsentiert.

Den Niedergang der evangelischen Theologie Illustriert Käßmann mit ihrer BILD-Kolumne mustergültig. Ein paar Zeilen in Deutschlands unseriösester Großbuchstaben-Zeitung, scheinen genau das zu sein, wofür ein EKD-Funktionärs-Intellekt taugt.

(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Man haue mal eben seine eigenen Spontangedanken zu einem Topos heraus, ohne von irgendeiner Spur Hintergrundwissen belastet zu sein und google dazu ein passendes Jesus-Zitat. Oder Luther. Höchstwahrscheinlich gibt es dazu inzwischen auch eine Ebb, damit man nicht allzu lange recherchieren muß.

Ich (Käßmann-Breit-Keßler-Schneider-Bedford-Strohm) finde Rosen hübsch und das sagt Jesus ja auch!

Erschreckend ist aber nicht nur diese intellektuelle Genügsamkeit an sich, sondern daß solche Menschen auch noch mit akademischen Graden dekoriert sind, wie HBS als „Prof“ lehren und von staatlichen Stellen als Ethik-Experten konsultiert werden.

Erschreckend insbesondere aber auch, daß einem Mann mit der geistigen Kompetenz eines Heinrich Bedford-Strohms so viele Seiten in den besten deutschen Periodika, SZ, SPIEGEL, ZEIT freigeräumt werden.

Es handelt sich dabei also nicht nur um Theologen, die selbst nichts in Frage stellen, sondern ihnen werden auch keine Fragen gestellt.
Jesus sagt.., dann ist es auch so.

Dabei ist es ausgerechnet der SPIEGEL, der über viele Jahrzehnte von einem der kenntnisreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts gemacht wurde.

Rudolf Augsteins „Jesus Menschensohn“ ist immer noch das maßgebliche Werk über den historischen Jesus. Ich verwendet die überarbeitete Ausgabe von 1999.



[….] In der gerade erschienenen Fortschreibung seines "Jesus Menschensohn" von 1972 zieht der Journalist Augstein eine Bilanz der Jesusforschung in den letzten 27 Jahren. Der Ex-Katholik (seit 1968) macht publik - und nicht selten erst richtig lesbar, was Theologen in ihrer oft schwer verständlichen Fachliteratur zuweilen mit Absicht verstecken - aus Angst vor ihren Amtskirchen. Denn ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse widersprechen weithin dem, was in der Bibel steht und was auf den Kanzeln gepredigt wird.

Augsteins Fazit: Der Mensch Jesus, wenn es ihn denn gab, hat mit der Kunstfigur des biblischen und kirchlichen Jesus Christus nichts zu tun. Eine Biografie Jesu lässt sich mangels historischer Fakten nicht schreiben. Die meisten Worte, die in der Bibel Jesus zugeschrieben werden, hat er nicht gesprochen, die meisten Taten, die in der Bibel von ihm überliefert werden, hat er nicht vollbracht.
Jesus wollte weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen. Er wollte weder Gott noch die zweite Person eines dreifaltigen Gottes sein. Und schon gar nicht wollte er die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlösen - ein solcher Gedanke wäre ihm absurd erschienen, von der leiblichen Auferstehung ganz zu schweigen. […..]

Augstein untersuchte für die erste Ausgabe von 1972 mehr als 600 theologische und historische Werke über Jesus Christus.

[….] Ich bin nahe daran, Augsteins provozierende These von Seite 103 zu übernehmen: "Definition für Kirche: der Ort, an dem die Irrtümer der jeweils vorangegangenen Theologen-Generation berichtigt werden." ich möchte nur gern anstelle von Kirche Theologie setzen: "Definition für Theologie: der Ort ... usw.". Es erscheint mir als typischer Theologenirrtum (und Augstein ist hier eindeutig unter die Theologen gegangen), Kirche und Theologie gleichzusetzen. Es gehört doch mit zu den erstaunlichsten Wundern, daß sich nicht nur Religion, auch Glaube trotz der Theologie erhalten haben, und daß sogar noch Ansätze von "Kirche" da sind. […]

Augstein zeigt mustergültig wie ein Intellektueller und Wissenschaftler mit dem Thema „Jesus“ umgeht. Das diametrale Gegenteil erleben wir bei den Käßmann-Strohms von heute. Historische Wahrheiten, tiefgründige Analysen sind ihnen gar nicht bekannt. Für sie zählt nur der Jesus, den sie sich in ihrem naiven Kinderglauben selbst gebacken haben. Also ein freundlicher Sozialdemokrat der Gegenwart, der eine Aphorismen-Sammlung zur Untermauerung von EKD-Thesen vorgelegt hat.

Für mich ist es ausgeschlossen religiös zu sein.
Aber Theologie fasziniert mich. Leider stößt man sehr selten auf intelligente Theologen, die selbst gläubig sind.
Die Gläubigen schreiben im naiven Käßmann-Stil, welcher der allgemeinen Intelligenz spottet und die die denkenden Intellektuellen sind nicht gläubig.

Zum Heiligen Jahr 2000 setzte sich Rudolf Augstein im SPIEGEL in einem ausführlichen Artikel mit der Theologie Karol Woytilas, Joseph Ratzingers und  Walter Kaspers auseinander.
Kaspar war damals Bischof. Es ist eine interessante Volte, daß sich ein Jahrzehnt später der zum Kardinal erhobene Kaspar zum liberalen Gegenspieler des Papstes Ratzinger entwickeln sollte.
Als Wissenschaftler sind allerdings alle drei Top-Kleriker etwas minderbemittelt.

Zum Einstieg in „Augsteins Theologie“ empfehle ich den besagten Spiegel-Artikel von 1999. Es wahres Lesevergnügen.
Unglaublich, aber wahr, dasselbe Nachrichtenmagazin veröffentlicht nur 18 Jahre später Heinrich Bedford-Strohm, während in derselben Ausgabe Augstein-Junior im Meinungsartikel unter dem Titel „Urbi et orbi“ Papst Franziskus lobpreist.

Wie konnte das Magazin nur so tief sinken?
Zum Glück muß Augstein Senior das nicht mehr erleben.

[…..] "Die Schrift lehrt nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang stünde", behauptet Walter Kasper, derzeit noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart, demnächst im Vatikan tätig und vermutlich übers Jahr Kardinal, in seinem Jesus-Buch. Aber Millionen Unschuldiger sind verfolgt, bestraft und getötet worden, weil die Kirche den Einklang zwischen deren vernünftigem Denken und ihren eigenen Lehren bestritt, dem dogmatischen Verständnis der sogenannten Heiligen Schrift. [….] Wenn es um Details geht, läßt sich vielleicht streiten, ob der Papst und seine engsten Berater jeweils 20, 100 oder 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben sind. Darin unterscheiden sich ihre Texte nicht vom 1993 erschienenen "Weltkatechismus", den eine Kommission unter Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete - offenbar spürbar vom Heiligen Geist erleuchtet (Kardinal Ratzinger: "Wir glaubten oft förmlich die höhere Hand zu spüren, die uns führte") - und den Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" nennt. […..] Die Liste, was Jesus vielleicht oder wahrscheinlich getan hat, ist kurz; die Liste, was er sicher nicht oder ziemlich sicher nicht getan hat, ist lang:
Er hat nicht getauft und kein Abendmahl gestiftet, er hat weder seinen Tod noch seine Auferstehung vorausgesagt. Weder hat er selbst Sünden vergeben, noch hat er eine Vollmacht erteilt, dies zu tun. Paulus jedenfalls weiß von dieser mächtigsten Waffe der jungen christlichen Kirche noch nichts. [….] Seit den Tagen des Jesus und des Paulus ist die Welt nicht vorangekommen; die Menschen haben durch die 2000jährige Wirkungsgeschichte der Christus-Legende, vor allem aber durch das segensreiche Wirken der Kirche, keine höhere Ethik oder Moral erlangt.
Die simple Ethik der alten Griechen oder einzelner Denker wie etwa des Gelehrten aus Jerusalem Rabbi Hillel (circa 30 vor bis 10 nach Christus) könnte für einen Wertekanon ausreichen - wollte man sich an einem solchen heute noch orientieren. Es bedürfte keiner "Christlichen Ethik", wie immer sie zustande gekommen sein mag - zumal sie, wie man sieht, ursprünglich nicht so neu und anders war, wie man vorzugaukeln versucht. [….]

Mittwoch, 19. April 2017

Regierungsversagen



Handwerker.
Ach, was sich bei dem Triggerwort „Handwerker“ für Konnotationsketten bilden.
Im Jahr 2017 wird der Ärger über Handwerker allerdings seltener, weil man erst gar keinen bekommt.

[….]  Handwerker zu finden ist derzeit so schwer wie lange nicht mehr. Bis zu zehn Wochen warten Kunden auf einen Termin. Grund dafür ist der Bauboom - und fehlende Lehrlinge.
[….] "Das Handwerk blickt auf ein Rekordjahr 2016 zurück", heißt es im jüngsten Konjunkturbericht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Das Geschäftsklima sei so gut wie noch nie. [….] Vor allem bei Bau- und Ausbauarbeiten müssten sie derzeit bis zu zehn Wochen auf einen Termin warten, sagt ein ZDH-Sprecher. "Bei Baumaßnahmen sollte man deswegen spätestens drei Monate vor dem Termin den Betrieb kontaktieren", rät er. [….] Auch der ZDH sieht Fachkräftemangel in der gesamten Handwerkerschaft als eine Ursache der langen Wartezeiten. "Die Betriebe suchen händeringend nach Personal, um ihre hohen Auftragsbestände abarbeiten zu können." [….]

Was könnte man da bloß machen?

Es gibt in Deutschland viele Branchen, die händeringend Mitarbeiter suchen.
Außerdem gibt es in Deutschland einige hunderttausend Flüchtlinge, die teilweise gut ausgebildet sind und unbedingt arbeiten wollen.

Mit dem Verstand eines Sechsjährigen könnte man vielleicht auf die Idee kommen, diese beiden Probleme irgendwie zu verbinden, so daß beide gelöst werden.
In den Handwerkskammern, Berufsverbänden, Landesregierungen und im Kanzleramt sitzen allerdings auch im Jahr 2017 Bremser, Verhinderer und Bedenkenträger
Im Jahr drei der „Flüchtlingskrise“ sorgt Deutschland immer noch dafür, daß die Heimatvertriebenen möglichst lange zum Nichtstun und Rumsitzen gezwungen werden. Sprachkurse gibt es erst nach einer Anerkennung und das kann anderthalb Jahre dauern.
Olaf Scholz hatte schon im Jahr 2015 damit begonnen alle Flüchtlinge nach ihren Schulabschlüssen, Ausbildungen und Berufen zu befragen.
In allen anderen Bundesländern ist das offenbar immer noch nicht der Fall.

Angela Merkels Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier ist in dieser Hinsicht ein Totalausfall. Bis heute gibt es keinerlei zentrale Erfassung der Fähigkeiten. Herr Altmaier kam noch nicht auf die Idee die der verschiedenen beteiligten Behörden und Ämter zu vernetzen.

Thomas de Maizière, der bisher damit auffiel gezielt Lügen zu verbreiten, um Vorurteile gegen Flüchtlinge zu schüren, berief zum 1. Februar 2017 die Juristin Jutta Cordt  als Präsidentin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Jene Bundesbehörde, der de Maizière entgegen der verzweifelten Hilferufe er erst jahrelang eine Stellenaufstockung verweigerte und dann der Meinung war, das BAMF sei so unwichtig, daß es von Frank-Jürgen Weise, dem Bundeswehroberst, welcher die Bundesagentur für Arbeit leitete, nebenberuflich mitgeführt werden könne.

Insbesondere die Unions-geführten Bundesländer geben sich Mühe möglichst menschen- und wirtschaftsfeindlich zu handeln.

Abschiebung trotz Integration - Bayern nimmt Firmen die Azubis weg
Ein Unternehmen findet nach langer Suche endlich einen Azubi, einen Flüchtling - wenig später folgt der Abschiebebescheid. Das Integrationsgesetz sollte solche Fälle vermeiden. Doch Bayern unterläuft die Regelung. [….]

Der Frust der Asylhelfer - So schaffen wir das nicht
Der ehemalige Pfarrer Michael Süßmann kümmert sich in Eurasburg mit großem Engagement um Flüchtlinge. Doch die Hilfe stoße an Grenzen, weil Behörden und Politik die Probleme verschärften, sagt er. [….]

Das ist die deutsche Realität unter der Flüchtlingspolitik von Merkel und Altmaier – Schikane, Bürokratie, Desinteresse und schlichte Bosheit der Behörden.

„In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Dabei sind zirka 15 Prozent der Asylbewerber gut qualifiziert, so das Bundesarbeitsministerium. Das Integrationsgesetz verspricht: Deutschkurse, schnelles Ankommen in der Arbeitswelt. Wenn da nicht die Bürokratie wäre.
Auch im dritten Jahr des Flüchtlingszustroms sitzen die Menschen immer noch monatelang in Unterkünften, ohne dass sie gefördert oder gefordert werden. Erst nach der Anerkennung ihres Asylantrags, die viele Monate dauern kann, fragen Jobcenter nach Beruf und Ausbildung und werden Deutschkurse verpflichtend.
Asylbewerber, die mehr wollen als essen, schlafen und warten, werden immer noch ausgebremst. Behörden, Berufsverbände, Handwerkskammern, Innungen zeigen sich unflexibel, prüfen monatelang Zeugnisse und verweigern mit Paragraphen-Reiterei die Berufsanerkennung.

Dienstag, 18. April 2017

Türken-Bashing.


Endlich sind sich mal alle einig. Von Links über Grün über SPD bis CDU sind alle sauer auf die in Deutschland lebenden Türken, die mit ihrem stark überproportionalen EVET-Votum dazu beitrugen ein Präsidialsystem à la Recep Tayyip Erdoğan einzurichten und damit den Ausstieg aus der Demokratie ebnen.
Tatsächlich wäre das Referendum ohne die expats wohl gegen das Präsidialsystem ausgefallen.

"Hier leben, die Vorzüge der Demokratie genießen und in einem Land, in dem man gar nicht mehr lebt, für die Einführung einer Diktatur stimmen".

[…..] CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt kritisiert in Deutschland lebende Türken. Von ihnen hätte sie sich "ein klares Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gewünscht", sagte Hasselfeldt den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Dienstag. Leider sei "genau das Gegenteil" passiert. […..]

Die hohe Zustimmung für ein Ja beim Referendum in der Türkei unter den türkischen Wählern in Deutschland ist in erster Linie die Folge davon, dass man Erdogans Netzwerk in Deutschland jahrelang hat gewähren lassen. Häufig wurden und werden Erdogans Organisationen für die Integrationspolitik als Ansprechpartner genommen. Seit Jahren werden Erdogans Helfershelfer im Kanzleramt beim Integrationsgipfel oder im Bundesinnenministerium in der Deutschen Islamkonferenz hofiert. So hat man den Bock zum Gärtner gemacht und darf sich über das Ergebnis nicht wundern.

So eine Sauerei von diesen blöden Türken.
Die wollten sich doch gar nicht integrieren und daher dürften sie auch nicht die doppelte Staatsbürgerschaft bekommen – das ist der Tenor in den Kommentarspalten. Der deutsche Michl ist empört.

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (43, CDU) zu BILD: „Das hat mich geschockt.“ Er ist sauer auf die 440 000 Deutsch-Türken, die „bequem und komfortabel von ihrer Wohnzimmercouch aus“ für die Abschaffung der Demokratie in der Türkei gestimmt haben. „Ausbaden müssen das die, die in der Türkei Probleme mit der Regierung haben, wie Aleviten, Kurden, politisch Andersdenkende.“
[…..] Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach (64) formuliert es so: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass bei Hunderttausenden bei uns in Deutschland lebenden Türken die ökonomische und soziale Loyalität in Deutschland liegt, politisch und ideologisch aber bei Erdogan.“ […..]
(BILD-Zeitung von heute….)

Gern orakeln CDUler und andere dumpfe Blutrechtsnationalisten, die anderen die Rechte verweigern wollen, die sie selbst ohne Anstrengung ererbt haben* von mangelnder Loyalität oder Rechtstreue der potentiellen Neu-Deutschen.

*(Thomas de Maizières Familie lebt nicht so lange in Deutschland wie meine, aber er macht mir jetzt Vorschriften über meine Nationalität.)

Rechtstreue in einen Zusammenhang mit der Doppelstaatsbürgerschaft zu bringen, ist genau absurd und geradezu bösartig wie Wagenknechts Gastrecht-Phrasen.
Jeder in Deutschland Lebende hat sich selbstverständlich an die hiesigen Gesetze zu halten; völlig unabhängig vom Pass. Sollte ich jemals Deutscher werden, gilt für mich in gleicherweise der Diebstahlparagraf wie jetzt.
Das deutsche Rechtssystem wird nicht davon tangiert, ob man Deutscher, Ausländer oder beides ist. (…… )

Leider sind auch viele professionelle Journalisten so verblendet, daß sie nun auf die Türken eindreschen und diese damit noch mehr in Erdoğans Arme treiben.

Aber gemach; bezieht man die Evet-Stimmen auf alle Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, machen sie lediglich 15% aus.
Die Deutschtürken haben also nicht für Erdoğan gestimmt.

Schaut man sich dagegen an, wie nur in Deutschland abgestimmt wurde, sieht das Ergebnis auf den ersten Blick ganz anders aus: Bei Ja machten laut vorläufigem Ergebnis 63,1 Prozent der hier lebenden Wahlberechtigten ein Kreuz. Es ist jedoch falsch, anhand dieser Zahl generelle Rückschlüsse auf die Einstellung von Deutschtürken zu ziehen. Daher ein paar Details: In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 2,9 Millionen Menschen, die aus der Türkei stammen. Von ihnen sind 1,43 Millionen wahlberechtigte türkische Staatsangehörige. Rund 46 Prozent – also etwa 661.000 Personen – haben von diesem Recht Gebrauch gemacht. Mit Ja gestimmt haben etwa 416.000 der in Deutschland lebenden Wahlberechtigten.
Ich will das Ergebnis nicht schönreden, denn aus meiner Sicht ist jede Stimme für die Verfassungsänderung eine zu viel. Dennoch sollten in der Diskussion über die Demokratiefähigkeit von Deutschtürken nicht alle in einen Topf geschmissen werden. Wer alle in Deutschland einbezieht, die hätten abstimmen dürfen, dem fällt auf, dass nur 29 Prozent von ihnen für die Machterweiterung Erdoğans gestimmt haben, der Rest hat entweder mit Nein gestimmt oder ist nicht zur Wahl gegangen. Aus dem Wahlergebnis lässt sich also weder schließen, die Mehrheit der Deutschtürken sei für den Demokratieabbau in der Türkei, noch, sie sei "Feuer und Flamme" für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Plan, sich mit mehr Macht auszustatten. [….]

Wie üblich zeigt sich Mopo/Berliner Kurier-Autor Harald Stutte völlig ahnungslos und will türkische Mitbürger bestrafen. Er drischt erst mal auf die Türken ein, ohne sich um Ursachen und die wahren Zahlen zu scheren.
Damit belegt Stutte natürlich unfreiwillig wie berechtigt das Gefühl abgelehnt zu werden vieler hier lebenden Migranten ist.

MOPO-Kommentar Türken und Deutsche: Unsere fremden Mitbürger
[…..] Was nun, du bunte Republik? Deutschlands „Doppelpass-Türken“ haben sich zu fast zwei Dritteln gegen eine demokratische Verfassung entschieden, die Gewaltenteilung, parlamentarische Kontrolle, unabhängige Justiz garantierte.
Was nur einen Schluss zulässt: Sie lehnen mehrheitlich auch unser System ab, das ja durch seine föderative Struktur eine noch weitreichendere Kontrolle staatlicher Institutionen erlaubt. […..] Die doppelte Staatsbürgerschaft gehört auf den Prüfstand! […..]

Herr Stutte hängt offenbar immer noch an Adolf Hitlers Blutrecht, dem Ius Sanguinis.
Seiner Ansicht nach ist es sein großes Privileg Deutscher zu sein, weil er in Deutschland geboren wurde.
Wer aber nicht so reines deutsches Blut hat – so wie ich zum Beispiel – soll für immer Ausländer bleiben, auch wenn er wie Millionen „Deutschtürken“ und ich in Deutschland geboren wurde.
Die Staatsbürgerschaft, die Stutte einfach qua Geburt in den Schoß fiel, soll den Menschen mit etwas dunkleren Augen und nicht ganz so rosiger Haut nur als außerordentlich großzügiger Akt gewährt und bei einer Stutte nicht genehmen politischen Ansicht auch wieder entzogen werden können. Geradezu bösartig agiert der bekanntermaßen nicht allzu gebildete Autor hier.

Bizarrerweise muß man in derselben Ausgabe der Hamburger Morgenpost, in der dieser Stutte-Leitartikel steht nur ein paar Seiten weiter blättern, um schwarz auf weiß zu lesen wie sehr etwas dunkelhäutigere Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden in Deutschland.
Nach 50 Jahren in Deutschland wird man von der hiesigen Mehrheitsgesellschaft immer noch abgelehnt. Das erleben dunkelhäutige Menschen jeden Tag.

Weil er einen Migrationshintergrund hat, wurde Abdul N. (21) nicht im Fitnessstudio Benefit in Eidelstedt aufgenommen. Der Vorfall, über den die MOPO berichtete, hat in ganz Hamburg für große Empörung gesorgt. Zahlreiche Medien berichteten anschließend darüber. In den sozialen Netzwerken und auf MOPO.de häuften sich die Kommentare. Selbst die Politik wurde aufmerksam.
„Unfassbar“, nennt der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Danial Ilkhanipour den Rassismus-Skandal in Eidelstedt. Immer wieder höre man von Vorfällen, bei denen Einwanderer Probleme bei der Wohnungssuche, im Berufsleben, bei Bewerbungen oder selbst beim Betreten einer Diskothek bekämen
„Alltagsdiskriminierung ist ein Skandal“, so Ilkhanipour. „Für die Betroffenen ist es entwürdigend.“ Es sei richtig, dass Abdul N. sich dagegen wehrt. Ilkanipour: „Da muss ein Zeichen gesetzt werden.“ Der Politiker hat sich selbst für Abdul N. eingesetzt und ihm eine Mitgliedschaft in einem anderen Fitnessstudio in Niendorf zu den gleichen Konditionen wie bei Benefit organisiert.


Aber auch seriösere Journalisten sind nicht sehr faktennah.

[…..] Was aus deutscher Sicht mindestens ebenso besorgen muss wie der knappe und zumindest fragwürdige Ausgang des Referendums in der Türkei, ist das klare Resultat in Deutschland: 63 Prozent der türkischstämmigen Wähler hierzulande für das Präsidialsystem gestimmt. Die von der Wahlkommission bekannt gegebenen Detailergebnisse muss man sich mal vor Augen führen: Fast 76 Prozent Zustimmung in Essen, annähernd 70 Prozent in Düsseldorf – dann folgt schon Stuttgart mit 66 Prozent, später Karlsruhe mit gut 61 Prozent. Da können die knapp 58 Prozent von Frankfurt, 57 Prozent von Hamburg und vor allem die 50,1 Prozent der Bundeshauptstadt Berlin nicht trösten. […..]
 Viele Türken haben sich abgeschottet, leben in ihrer eigenen Welt. Sie nehmen zwar die Vorzüge unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wahr, der Demokratie, des Sozialstaats und des wirtschaftlichen Wohlstands – und zugleich lassen sie ihre Heimat in Richtung Diktatur ziehen. Widersprüchlicher geht es kaum.
[…..] So konnte Erdogan mit dem Theater um Wahlkampftritte türkischer Politiker, mit Hetzparolen und absurden Nazi-Vergleichen große Teile der türkischen Gemeinde auf seine Seite bringen. Die scharfen Reaktionen vieler deutscher Politiker haben offenbar das Gegenteil des Angestrebten bewirkt: Sie haben die Gemeinde, die sich gegen eine vermeintliche Einmischung in innertürkische Angelegenheiten wehrt, weiter gespalten.
[…..]

Türken-Bashing ist sinnlos. Nachdem man sich die wahren Zahlen vergegenwärtigt hat, sollte man sich lieber darüber Gedanken machen was wohl in den Köpfen der Evet-Türken vorging.
Keine Frage, ich bin auch entsetzt über das Evet-Ergebnis und halte es für völlig absurd so gestimmt zu haben.
ABER, die Türken, die jetzt so heftig kritisiert werden, stammen nicht vom Mars, sondern sie wurden von uns und bei uns sozialisiert, gingen durch deutsche Schulen und deutsche Kitas und deutsche Ausbildungen.
Sie erleben hier offenbar auch nach vielen Dekaden noch grundsätzliche Ablehnung. Haut doch ab, wenn euch Erdogan so gefällt, müssen sie sich anhören.
Menschen wie ich sind in Deutschland geboren und dürfen bis heute nicht hier wählen, weil Spahn, Stutte und Merkel das nicht zugestehen wollen.
Wenn ihr nicht pariert, können wir euch auch Rechte entziehen, oder euch rausschmeißen – so schalt es uns von Biodeutschen entgegen.
Kein Wunder, daß man irgendwann desillusioniert und frustriert ist.
Das ist keinerlei Rechtfertigung dafür, um sich an Erdogan zu hängen, aber ich verstehe, daß es vielen Deutschtürken wohlige Gefühle bereitet, wenn ausnahmsweise mal ein Politiker auf sie zugeht, sie ernst nimmt, sie umschmeichelt, sie für wichtig und besonders erklärt.
Von der deutschen Politik erfährt man das schließlich nicht.