Samstag, 6. August 2016

Integriert.



Wer in Hamburg lebt und viel Platz zum Leben haben will, muß entweder sehr reich sein oder bereit sein sich in einen Randbezirk zu verziehen.
Dabei kommen noch nicht mal alle Ränder in Frage. Wellingsbüttel, der zu den „Walddörfern“ zählende Stadtteil im Nordosten, verfügt über einige der teuersten Straßen und spektakulärsten Villen Hamburgs. Ein ähnliches Bild am ganz anderen Ende; Blankenese und die Elbchaussee ganz im Westen sind ebenfalls nur für sehr viel besser Verdienende erschwinglich. Die im Zentrum gelegenen Stadtteile rund um die Außenalster – Rotherbaum, Harvestehude und die Uhlenhorst – rufen inzwischen Mieten von 16-17 Euro kalt pro Quadratmeter auf.
Wer dort eine Wohnung kaufen möchte, bezahlt bis zu 10.000 Euro pro Quadratmeter. Mit Blick auf die Außenalster können es auch bis zu 20.000 Euro pro Quadratmeter werden.
Erschwingliche Wohnungen gibt es entweder in Stadtteilen, in die man nicht will oder außerhalb Hamburgs.
Letzteres wird insbesondere für die Hamburger eine Option, die ein bißchen spießiger sind, älter werden, oder aber mehrere Kinder bekommen und jedem ein eigenes Zimmer, sowie einen Garten bieten wollen.
Recht günstig ist zum Beispiel das Schleswig-Holsteinische Pinneberg, welches im Nordwesten an Hamburg grenzt.
Pinneberg ist ordentlich sauber, grün, überschaubar und vor allem bezahlbar.
Ein Nicht-Hamburger mag sich fragen, wieso nicht viel mehr Hamburger aus den höllisch überteuerten Wohnungen im Zentrum nach Pinneberg ziehen und so auch die dortigen Grundstückspreise steigen lassen.
Der tiefere Grund dafür ist ein Irrationaler. Pinneberg gilt als Abgrund des Spießertums. Schon in der Fahrschule lernt man, das KFZ-Kennzeichen „PI“ stehe für „Provinzidiot“. Vor denen müsse man sich hüten, die könnten nicht fahren.
Das Wort „Pinneberg“ möchte kein Hamburger auf seiner Visitenkarte stehen haben.
Vor zwei Wochen hatte ich einmal in Pinneberg zu tun und stellte – NATÜRLICH – fest, wie ungerecht dieses Stigma ist. Man lebt dort nur sehr deutsch und typisch deutsch. Gepflegte Vorgärten, homogene Bevölkerungsstruktur, Gelsenkirchener Barock.

Es ist ein Zeichen von gelungener Integration, daß es die zweite oder dritte Generation türkischer „Gastarbeiter“ aus den berüchtigten Stadtvierteln mit sehr hohen Migrantenanteil – St. Pauli, St. Georg, Billstedt, Neuwiedenthal, Wilhelmsburg – nach Pinneberg in die hübschen Häuser mit Vorgärten zieht.
Natürlich bringen sie dann einen Teil ihrer Kultur, nämlich den Muslimischen Glauben mit und brauchen irgendwann eine Moschee.

So eine Moschee gibt es der Friedensstraße 11. Die vom DITIB betriebene Moschee ist die einzige in Pinneberg.

Mit dem Namen ALLAH`s, des Barmherzigen und Gnädigen bezeugen die Mitglieder der Islamischen Religionsgemeinschaft DITIB Hamburg und Schleswig-Holstein e.V., dass es keinen Gott gibt, außer dem einen Gott (ALLAH) und dass Muhammed ("Segen und Frieden Allahs seien auf ihm" - s.a.v.) sein Diener und Gesandter ist.
Der Glaube an Gott und seine Engel, seine durch den Engel Dschebrail offenbarten Schriften, die Propheten welche die Offenbarungen verkündeten, der Tag der Rechenschaft und die göttliche Vorhersehung bilden die Grundlagen ihres islamischen Glaubens. [….]

Es könnte alles so schön sein; denn die große und bekannte Centrummoschee Hamburgs mit ihren markanten Fußball-Minaretten liegt mitten im schwulsten Viertel, St. Georg; besser bekannt als St. Gayorg.


Dort leben Hipster, DINKS und jede Menge Schwule inmitten von Häuserzeile, die von Regenbogenfahnen geschmückt sind.
St. Gayorg ist wirklich „divers“; sogar der der katholische Mariendom, Sitz des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße liegt mitten in St Gayorg, nur ein paar Häuser von der Zentrumsmoschee entfernt und genau gegenüber einer Homo-Lederbar.

Vielleicht haben sich die Pinneberger Türken ein etwas angemesseneres Umfeld für ihre Moschee erhofft. Und dann das: Gegenüber eröffnete ein Puff.
Strenggläubige Muslime mußten angeblich sogar schon entblößte Busen durch die Fenster ansehen! Schock schwere Not.

[…..] Seref Ciftci steht vor Pinnebergs einziger Moschee. In einer ruhigen Gegend. Trotzdem zentral gelegen. Die Adresse des Gotteshauses: Friedenstraße 11. Passt zum Anspruch Ciftcis, der nicht müde wird, das Miteinander zu betonen. Und doch herrscht derzeit mächtig Unfrieden in der türkisch-islamischen Gemeinde, deren Vorsteher er ist. Grund sind Nachbarn. Unerwünschte Nachbarn. Das Gebäude gegenüber ist auf dem ersten Blick ein ganz normales zweigeschossiges Wohnhaus, das früher zu einer Autowerkstatt gehörte. Das Problem: Frauen bieten dort Sex gegen Bezahlung an.
Ciftci will das nicht länger hinnehmen. Er berichtet von entblößten Brüsten am Fenster, hat sich bereits bei Bürgermeisterin Urte Steinberg beklagt – und kündigt an, gegen das Etablissement mobil zu machen. "Wenn es nicht anders geht, werden wir Nachbarn ansprechen", sagt er. Kein Rotlicht vorm Gotteshaus, so der Appell. Einer, der sich nicht auf seine Glaubensrichtung beschränke: "So etwas kann ich mir auch vor einer christlichen Kirche nicht vorstellen", sagt Ciftci. […..]

Willkommen in der Realität, liebe Pinneberger Muslime.
Es freut mich zu sehen, daß Ihr genauso spießig geworden seid, wie man es den anderen Pinnebergern immer unterstellt.
Auch die Ur-Pinneberger kämpfen gegen ein Bordell.

[….] Die türkisch-islamische Gemeinde ist mit ihrer Wut nicht allein. Auch an der Mühlenstraße, gegenüber einem zweiten in der Straße beheimateten Bordell, herrscht Unruhe. Anwohner haben sich mit einem Schreiben an Stadtverwaltung und Politik gewandt. Geht es nach dem Gesetzgeber, gibt es bald klarere Verhältnisse. Künftig soll es eine Meldepflicht für Prostituierte geben. […..]

In ihrer Bigotterie sind eben alle Spießer gleich.
Wer kein Bordell im Stadtviertel will, sollte aufhören diese Orte als Freier aufzusuchen.
Würden die Pinneberger Männer nicht so gern ins Bordell gehen, würden die sich dort auch nicht rechnen.

Man fragt sich wo die vielen Muslimischen Männer in St. Pauli (Migrantenanteil 36,3%) eigentlich hingucken.
Der ganze Stadtteil rund um die Reeperbahn ist schließlich ein einziger (und weltbekannter) Rotlichtbezirk.
In Hamburg-St. Georg ist heute eine riesige Party. Die ganze Woche ist in der Innenstadt Party, weil LGBTIs und Wohlgesinnte zum CSD rufen.

Drei Jahrzehnte Co-Existenz von türkischer Gemeinde und „Queer-Gemeinde“ in St Gayorg haben dazu geführt, daß man sich gegenseitig kennengelernt hat.
Als Konsequenz beteiligt sich der türkische Moschee-Verband gleich selbst am CSD.

Dieser Vorstoß sorgte für Aufsehen: Hamburgs Türkische Gemeinde unterstützt erstmals den Christopher Street Day (CSD), will so ein Zeichen für Schwule und Lesben setzen. […..]
„Wir haben aber auch nicht den Anspruch, für alle türkischstämmigen Mitbürger sprechen zu können“, sagt die Vorsitzende, Nebahat Güclü. Das tun andere – und von denen kommt nun überraschender Zuspruch.
„Wir von der Schura Hamburg unterstützen das Vorhaben der Türkischen Gemeinde, sich Diskriminierung entgegenzustellen“, sagt der Vorsitzende Mustafa Yoldas zur MOPO. „Auch wir Muslime müssen uns mit den gesellschaftlichen Realitäten auseinandersetzen.“
Man müsse akzeptieren, dass es in dieser Gesellschaft eine breite Vielfalt an Partnerschaften und Lebensformen außerhalb der klassischen Ehe zwischen Mann und Frau gebe. „Wichtig ist, dass man sich respektiert.“


Offensichtlich sind türkische Muslime in Deutschland genauso wie alle anderen Deutschen unterteilt in Spießer und aufgeschlossenere Menschen.
Die einen leben in Pinneberg und die anderen leben in St Georg zwischen lauter Schwulen und feiern einfach mit.

Freitag, 5. August 2016

Aktiver Bodensatz.



Der Hotelier August Baron von Finck, 86, seit 1999 in die Schweiz übergesiedelt, laut Forbes mindestens 7,7 Milliarden Euro schwer, ist richtig, richtig rechts.

Überliefert ist sein Spruch: "Wenn der Staat so weitermacht, wird er uns alle zum Schluss dann doch vernichten." Der Bankier Ferdinand Graf von Galen hat Fincks politischen Standort mal auf eine sehr schlichte Formel gebracht: "Rechts vom Gustl steht bloß noch Dschingis Khan".
Das ist vielleicht auch ein bisschen übertrieben. Der frühere Hoffnungsträger der Münchner FDP beispielsweise, der unglückliche Manfred Brunner, erhielt zwar von Finck in den neunziger Jahren umgerechnet 4,3 Millionen Euro (angeblich für die Parteiarbeit des neugegründeten rechtslastigen Bundes Freier Bürger), aber Brunner ist kein Mongolenherrscher.
Als Edmund Stoiber 2002 Kanzlerkandidat war, ließ Finck der CSU über in der Öffentlichkeit kaum bekannte Firmen, mehr als anderthalb Millionen Euro zukommen; im Landtagswahlkampf 2008 spendete er 820.000 Euro an die CSU.

Mit genügend Geld kann sich ein Rechter in Deutschland eine Menge Einfluss erkaufen – solange es Parteien gibt, die sich gern kaufen lassen.

Das Problem ist hauptsächlich die Nullthemenpartei FDP, die in Wahrheit bloß ein vom Höchstbietenden zu mietender Lobbyverein ist.

Ein gutes Geschäft auch für die Käufer. So mußte FDP-„Spender“ Baron von Finck lediglich 1,2 Millionen Euro an die FDP-Parteikasse überweisen, um für seine Hotels eine Steuerermäßigung von über einer Milliarde Euro pro Jahr zu erhalten.

Glücklicherweise sind die meisten Ultrarechten nicht derartig reich und noch glücklicher können die Deutschen sein, weil die FDP ihre gerechte Strafe bekam und aus dem Bundestag flog.

Millionen andere Rechte, die Juden, Sozis, „Zigeuner“, Türken, Schwule, „Neger“, Grüne, Emanzen, Behinderte oder Obdachlose hassen, wurden in den vergangenen bundesrepublikanischen Dekaden von CDU und CSU absorbiert.

Sie konnten an ihren Stammtischen und in den Ortsvereinen beim Bier verbal die Sau rauslassen und sich rotnasig gegenseitig zulallen, daß beim Adolf doch nicht alles schlecht war.
 Lesben müßten sie es nur mal ordentlich besorgen.
 Und der heutigen Jugend gebühre mal eine ordentliche Tracht Prügel.
Dieser braune Bodensatz wurde bei der Unionsstange gehalten, weil es immer ein paar prominente CDUCSUler gab, die xenophob, völkisch, homophob und misogyn genug dachten, um die Hobbynazis genügend verbal zu triggern, damit sie bei der Union ihr Wahlkreuz machten.
Eine WinWin-Situation, denn die kackbraunen Parteibojen wie Erika Steinbach oder Roland Koch oder Norbert Geis konnten immer noch die paar entscheidenden Prozentpunkte mehr an die Wahlurnen holen, um die Regierungsverantwortung zu übernehmen.
Die ganz Rechten waren damit in der Tat neutralisiert. Sie waren ob der Selbstwahrnehmung zu den Wahlsiegern zu gehören, satt und zufrieden, begnügten sich fürderhin wieder mit Saufen und Stammtischen, bis sie wieder brav zur nächsten Wahl auftauchten.
Andererseits konnte die bizarren Rechten innerhalb der C-Parteien zwar Lärm machen, aber die Hupkas und Czajas konnten sich letztendlich doch nicht durchsetzen. So herrschte dann wieder Ruhe bis zur nächsten Wahl

Leider funktioniert dieses Stillhaltesystem inzwischen nicht mehr, weil zum Beispiel der Integrator Strauß fehlt.
„Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben!“

Straußens Epigonen wie Söder oder Scheuer hauen zwar kontinuierlich rechte Verbal-Trigger raus, um die ganze Rechten anzulocken, aber sie sind so unattraktiv, daß sie rechten Zulauf nicht an die Partei binden können.

Zu allem Übel gibt es inzwischen Internet und soziale Medien,  so daß der Rechte von heute seine ihm immanente persönliche Häßlichkeit jeden Tag in die Welt hinausposaunen kann. Damit generiert er sogar eine sich selbst verstärkende inzestuöse Informationsblase im Netz.
So einen richtigen menschenfeindlichen Kracher kann er jetzt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute vom Stapel lassen. Muß nicht warten bis beim nächsten CSU-Stammtisch in vier Wochen der Durchschnittspromillewert auf >5 gestiegen ist und man die richtig derben Klopfer vom Stapel lassen kann.

Durch Twitter und Facebook herrscht beim Hobbyhitler von nebenan jeden Tag innerer Reichsparteitag.

Der rechte Bodensatz ist nun nicht mehr leise, sondern laut.
Er wird auch nicht nur gelegentlich im privaten Umfeld verbal aktiv, sondern pestet rund um die Uhr vor sich hin.
Mit Trump und der AfD gibt es sogar spezielle neue Anziehungspunkte, die das Kackbraun noch wesentlich strahlender und konzentrierter als CDU und CSU verbreiten.

Welcher frauenverachtende Furzkopp hält sich schon an Joachim Herrmann, bei dem er wochenlang warten muß, bis der mal wieder einen Spruch über „wunderbare Neger“ raushaut, wenn Alexander Gauland und Donald Trump stündlich solche Klopfer bringen?

Da strebt der AfD-Fan bald nach Eskalation, wenn das verbale Um-sich-schlagen zu seiner Normalität gehört.
Wer sich ein Jahr lang wichsend Internetpornos reinzieht, ejakuliert auch nicht mehr, sobald eine blanke Brust gezeigt wird.
Da muß krasseres Zeug her und so ergießt sich der Rechte von heute gerne mal gleich ins nächste Flüchtlingslager.

Unglücklicherweise wirken die Konzentrationen von menschlichem Abschaum wie schwarzbraune Löcher und ziehen immer mehr Gehirngelähmte an.
Da bekommt dann die AfD auch mal 24%, da schicken sich Trump und Le Pen an Präsident zu werden.
Da gibt es dann keine Garantie mehr, daß auch solche Leute an der Regierung nicht den Selbstzerstörungsknopf drücken.
Und dann sehne sogar ich mich nach Strauß zurück.

Donnerstag, 4. August 2016

Hintergrundrauschen



Dutzende SPD-Parteimitglieder haben ihre Parteibücher zurückgegeben, weil sie so wütend sind.
Grund ihres Zorns ist Petra Hinz, 54, seit 2005 Bundestagsabgeordnete aus Essen, die dreist ihren Lebenslauf frisiert hatte.

Sehr unangenehme Geschichte für die Genossen, die schon genügend Ärger mit Zickzack-Sigi haben, der sich zuletzt mit der Edeka-Affäre und der sinnlosen Elektroauto-Prämie blamierte. Letzteres scheint sich zum Totalflopp auszuweiten.

Frau Hinz gab inzwischen ihre Parteiämter ab, kommt aber nicht dem Wunsch der SPD nach auch auf ihr Bundestagsmandat zu verzichten.
Sie meldet sich krank, ihr Büro ist verwaist, aber ihren Sitz und die Diäten behält sie.

In den sozialen Netzwerken wächst sich das natürlich zum Anti-SPD-Shitstorm aus.
Wieder so eine raffgierige nutzlose Politikerin, die sich nur auf Steuerzahlerkosten bereichern will, tönt es auf Twitter und Co.
Das ist Wasser auf die Mühlen der AfD.

Der Anti-Hinz-Shitstorm zeigt dabei zweierlei.

Der Urnenpöbel denkt Geld in Dienstwagen-Einheiten.
Wenn Politiker sich Vorteile von ein paar Tausend Euro verschaffen, ist das genau die Größenordnung, in der die meisten Wähler auch denken können.
Da wird der eigenen Phantasie kaum etwas abverlangt und die Aufregung über „die Raffkes“ ist enorm.
Dabei sind die Diäten der Frau Hinz nur winzige Beträge im Vergleich zu den Milliarden, die zum Beispiel Energie-intensive Industrie oder dem Atom-Oligopol zugeschoben werden.
Die Milliarden, die Milliardären und Millionären durch die niedrige Kapitalertragssteuer zugeschanzt werden, die von der Bundeswehr durch Rüstungslobby-freundliche Verträge verlorenen Milliarden, die Milliarden für „notleidende Banker“, die 200 Milliarden Euro, die durch Steuerflucht verloren gehen verloren, weil einfach keine Steuerfahnder eingestellt werden, um nach Schwarzgeld zu fahnden und vieles andere mehr, stören den modernen Facebooker offensichtlich gar nicht.

Zweitens zeigt die Aufregung um Frau Hinz eine massive Unkenntnis unserer Verfassung.
Parteien können unliebsamen Parlamentariern nicht das Mandat entziehen. Zum Glück!

"Was aber tun, wenn Hinz einfach bleibt? Die Antwort ist einfach: Dann bleibt sie. Die Fraktion müsste sie zwar verlassen. Sie würde aber als fraktionslose Abgeordnete in den hintersten Reihen des Bundestages einen Einzelplatz zugewiesen bekommen. Sie würde ihr Büro behalten und noch ein Jahr länger ihre Abgeordnetendiäten bekommen.
Viele empfinden das als ungerecht. Hinz hat mit einem falschen Lebenslauf ihre Wähler betrogen. Hat eine Kompetenz vorgegaukelt, die sie - zumindest auf dem Papier - nicht hat. Das müsste doch Grund genug sein, ihr das Mandat zu entziehen. Für jeden Arbeitnehmer wäre es ein Kündigungsgrund, wenn er gegenüber dem Arbeitgeber im Lebenslauf falsche Angaben macht.
Mag sein. Ein Abgeordnetenmandat aber ist eben kein normaler Job mit geregelten Arbeitszeiten und Vorgesetzen, die einem sagen, was zu tun und zu lassen ist. Das Mandat ist vom Grundgesetz besonders geschützt. Wer es durch Wahl erwirbt, der behält es mindestens bis zur nächsten Wahl.

Hinz schadet der Demokratie und insbesondere auch der SPD. Deswegen sollte sie unbedingt gehen.
Ich will aber nicht, daß eine Partei das Recht bekommt einzelne nicht mehr genehme Abgeordnete aus dem Parlament zu entfernen.
Das wäre schlimmer, als in diesem einen Fall so eine Person weiter erdulden zu müssen.

Unter den Zehntausenden Abgeordneten, die in bundesrepublikanischen Parlamenten saßen, gab es immer mal wieder Totalausfälle.
Solche Vögel wie Erika Steinbach, Norbert Geis oder Heinrich Lummer sollten lieber nicht im Bundestag zum allgemeinen Mitschämen aktiv (gewesen) sein.
Aber unsere Demokratie kann das besser aushalten, als eine Erdogansche Abstrafung von Parlamentariern, die aus der Reihe tanzen.

Neu ist das im Übrigen nicht.
Kurt Neumann (1996 aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen) und Carl-Eduard von Bismarck (ab 2003 mehrere Jahre für die CDU als Phantomabgeordneter im Bundestag, ohne jemals zu einer Parlamentssitzung zu erscheinen oder im Wahlkreis erreichbar zu sein) waren noch viel peinlicher.
Hinz hat wenigstens fleißig gearbeitet.

Jürgen Möllemann behielt sein Bundestagsmandat bis zu seinem Suizid im Juni 2003, nachdem er im Februar aus der FDP und der Fraktion ausgetreten (worden) war.
Peter Gauweiler galt Jahre als faulster Abgeordneter, hatte die geringsten Anwesenheitszeiten und gleichzeitig mit über einer Million Euro jährlich die höchsten Nebeneinkünfte bis er im März 2015 doch noch sein Bundestagsmandat abgab.
Martin Hohmann war selbst der CDU zu rechtsradikal und wurde 2003 aus der Partei ausgeschlossen, blieb aber dennoch bis zur Bundestagswahl 2005 einfach im Bundestag sitzen.

Das sind ärgerliche Fälle.

Aber ich halte als Demokrat lieber ein halbes Dutzend von solchen faulen Äpfeln aus, als daß ich irgendwelchen Parteigremien das Recht gebe nach ihrem Gutdünken Volksvertreter aus dem Parlament zu schmeißen und den §38 GG opfere.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Art 38
(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Mittwoch, 3. August 2016

Desaparecidos



Diese ständigen Wahlen, der Wahlkampf und selbst wenn man an die Macht bekommen ist, muß man dennoch alle anderen berücksichtigen, die entweder auf ihren Minderheitenrechen bestehen, oder einen sogar kritisieren.
Das nervt

Das nervt natürlich umso mehr, je länger man regiert.
Hat man die erste Dekade an der Macht hinter sich ist dann auch langsam mal Schluß mit dem Theater.
Da ziehen Erdogan und Putin inzwischen auch andere Saiten auf für die ewigen Querulanten, die immer noch nicht verstanden haben, daß sie sich mit Bejubeln der Staatsführung begnügen sollen.

In Südamerika und Spanien entwickelten sich mehrere faschistisch-katholische Diktaturamalgame, die einen sehr pragmatischen Weg fanden mit den Lümmeln umzugehen, die immer rummeckerten.

Kritiker der Regierung lösten sich auf wundersame Weise einfach in Luft auf.
Einige wurden verhaftet, andere vorgeladen, aber die meisten verschwanden einfach über Nacht. Und keiner wurde wiedergesehen.

Der Begriff Detenidos desaparecidos (verschwundene Gefangene) wurde Mitte der 1960er Jahre geprägt, als in Guatemala immer mehr Menschen „verschwanden“. Sie wurden in Nacht- und Nebelaktionen abgeholt, gefoltert und dann halbtot oder halblebendig aus großer Höhe von Hubschraubern aus ins Meer geworfen.

Nach vielen Jahren der Militärherrschaft und einer durch den Versuch einer Bodenreform ausgelösten Serie von Putschen und Gegenputschen ging die Macht in Guatemala 1966 in die Hand einer Zivilregierung über. Scheinbar. Hinter den Kulissen aber behielten die Militärs das Heft in der Hand, konnten und wollten gegen die Opposition jedoch nicht mehr so offen vorgehen wie bisher. Neben demokratischen Parteien gab es inzwischen auch Guerilla-Gruppen, die mit der Waffe in der Hand eine Bodenreform und das Ende der Unterdrückung der indianischen Bevölkerungsmehrheit durchsetzen wollten. Hinter der Fassade der Zivilregierung schlug das Militär nun mit verdeckten Mitteln noch massiver zu als zuvor und setzte als Maßnahme des Terrors neben Massenexekutionen auch schlagartig das systematische „Verschwindenlassen“ ein. Allein in den ersten zehn Jahren „verschwanden“ 20 000 Menschen spurlos, später kamen noch zehntausende weitere dazu. Der Machtkampf endete erst 1996 unter dem Druck der Vereinten Nationen mit einem Friedensabkommen zwischen Regierung und Befreiungsbewegung.
Bis dahin hatte der Konflikt 200 000 Menschenleben gefordert - die meisten fielen dem „Verschwindenlassen“ und extralegalen Hinrichtungen durch Regierungstruppen zum Opfer. Die Aufklärung des Schicksals der „Verschwundenen“ wird bis heute behindert, die Täter kamen straffrei davon und haben ihre Methoden noch immer nicht völlig aufgegeben: Auch aus jüngerer Zeit gibt es Berichte über einzelne neue Fälle von „Verschwundenen“ in Guatemala.
Einen zusätzlichen Anstoß für die Verbreitung des „Verschwindenlassens“ gaben später die Militärdiktaturen in Chile (1973 -1990) und Argentinien (1976 - 1983). Chile hatte sich unter dem Präsidenten Salvador Allende ab 1970 zu einem reformfreudigen Experimentierfeld für neue Gesellschaftsmodelle entwickelt. Zahlreiche oppositionelle Demokraten aus vielen Ländern Lateinamerikas suchten hier nach einem demokratischen und gewaltfreien Ausweg aus der Misere in ihren Ländern, denn nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation lebte damals über die Hälfte der Gesamtbevölkerung Lateinamerikas unterhalb der Armutsgrenze. Der langfristig vorbereitete, blutige Militärputsch des Generals Augusto Pinochet Ugarte fand am 11. September 1973 mit Unterstützung aus dem Ausland statt. Vom ersten Tag an verfolgte Pinochet eine planmäßige „Säuberung“ des Landes von Anhängern der vorangegangenen Regierung, Gewerkschaftlern, Künstlern, kritischen Journalisten oder sonst wie verdächtigen Demokraten. Um jeden Widerstand zu ersticken, setzte er dabei sowohl öffentlich sichtbare Machtdemonstrationen als auch vernebelte Verfolgungsmethoden ein.

Immer freudig dabei die katholische Kirche, die während der faschistischen Franco-Diktatur sogar noch einen perfiden Schritt weiterging.
Die spanische RKK hatte 1953 ein Konkordat mit Franco geschlossen, aber schon vorher mit ihrem national-Katholischen Weg klar Position gegen Republikaner und Demokraten bezogen. Der im Mai 1992 durch Papst Johannes Paul II. selig- und am 6. Oktober 2002 heiliggesproche Opus-Dei-Gründer Josémaría Escrivá de Balaguer war glühender Faschist und Franco-Bewunderer.
Der Franco-Staat ließ während der 39 Jahre seiner Existenz Hunderttausende Menschen bei Säuberungen „verschwinden.“

Die Zahl der politisch motivierten Hinrichtungen ging in die Hunderttausende. Bernecker gibt die Zahl derer, die im franquistischen Spanien zwischen 1936 und 1944 durch politischen Mord und Justizverbrechen ums Leben kamen, mit bis zu 400.000 Menschen an. [….]
 Allein für Andalusien wird neuerdings die Zahl der „verschwundenen“ Republikaner mit 70.000 angegeben.
(Wikipedia)

Die RKK bereicherte sich an dem Elend, indem die während der Franco-Diktatur hunderttausende Kinder aus nicht linientreuen Familien regelrecht verkaufte, um sich a) zu bereichern und b) nationalkatholische Faschisten aus ihnen zu machen.

Einzige Anlaufstelle [für ungewollt Schwangere in Irland] waren der Bon Secours order, also ein katholischer Frauenorden, der die Schwangeren demütigte und ausbeutete.
Wie ihre lieben frommen Schwestern in Spanien sahen sie in den „gefallen Mädchen“ zunächst einmal eine Chance ordentlich Reibach zu machen.
Sie raubten den Frauen ihre Babys und verkauften sie gewinnbringend nach Amerika.

Die Verhältnisse in Österreich waren nicht anders und in Spanien betrieben dem faschistischen Regime treu ergebene Nonnen im 20. Jahrhundert sogar massenhaften Kindesraub und Menschenhandel. Sie sollen bis zu 300.000 Babies verkauft haben.  (……..)

Die Magdalenen-Heime - benannt nach der biblischen Figur der ehemaligen Prostituierten Maria Magdalena, der Jesus ihre Sünden verzieh - wurden im 19. Jahrhundert in Irland als Zuflucht für in Ungnade gefallene Frauen gegründet. Anfang des 20. Jahrhunderts übernahm die katholische Kirche diese Einrichtungen und führte strenge Regeln ein. Die Aufsicht unterstand den Barmherzigen Schwestern (Sisters of Mercy), die die jungen Frauen zu bis zu zehn Stunden unbezahlter täglicher Arbeit zwangen. Der sonst so heilige Sonntag bildete keine Ausnahme. Hunger, Prügel und sexueller Missbrauch führten zu zahlreichen Ausbrüchen und in den 50er- und 60er-Jahren auch zu Aufständen.

Auch wenn Nonnen keine Kinder oder Kranke in die Finger bekommen, stehen sie gern auf der Seite der Brutalen.
Beispiel Syrien. Dort ist die katholische Kirche eine der letzten und wichtigsten Stützen des Assad-Regimes. Daß Hunderttausende gekillt werden, teilweise sogar vergast wurden, stört nicht weiter.

Wie aber auch in den vielen anderen katholischen Kinderheimen, wurden uneheliche Kinder grundsätzlich als würdelose Sünder behandelt, die man vor allem zu schlagen und misshandeln hatte.
Natürlich wurde dabei auch gelegentlich ein Balg totgeschlagen.
Viele andere Gören ließen die frommen Nonnen einfach verhungern.

Das Praktische am „Verschwindenlassen“ und „Kinderverkaufen“ ist außer dem Geldsegen und dem Verstummen der Opposition, daß niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird.
Die spanische RKK genießt weiterhin ihre Privilegien und wird nach den Jahrzehntelangen Gräueln nach wie vor als moralische Institution anerkannt.
Während der argentinischen Militärdiktatur 1976-1983 verschwanden mindestens 30.000 Menschen. Der Chef des Jesuitenordens war damals ein gewisser Jorge Mario Bergoglio, der aber offensichtlich keinen Grund sah die Junta zu kritisieren.

Viele Regime morden, aber das „Verschwindenlassen“ ist eine besonders perfide Methode, da die Angehörigen der Opfer für immer im Unklaren gelassen werden.
Sie kennen keine Gräber, wissen nicht, wie lange ihre Kinder noch lebten, wie sie gefoltert wurden.


Diese Methoden sind noch nicht vergessen, noch nicht aus der Mode.

Im Zuge der "Säuberungswelle" nach dem Putschversuch in der Türkei sind Tausende Menschen festgenommen worden. Doch was ist mit ihnen passiert? Laut Amnesty International ist das Schicksal vieler Gefangener unklar - insbesondere das der mutmaßlichen Rädelsführer.
Mehr als zwei Wochen nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei ist nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International der Verbleib vieler Gefangener noch immer unklar. Vor allem sei unbekannt, wo die mutmaßlichen Rädelsführer des Putsches hingebracht worden seien, sagte der Türkei-Experte der Organisation, Andrew Gardner, der Deutschen Presse-Agentur.

19.000 Menschen wurden nach dem Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan festgenommen. Gegen mehr als 10.100 von ihnen ergingen Haftbefehle. So lauten jedenfalls die offiziellen Zahlen.
Doch wo genau werden sie festgehalten? [….]
Ausländische Beobachter lässt die Türkei bisher nicht zu den Gefangenen oder wenigstens in die großen Sammelstellen für mutmaßliche Putschisten vor. Mehrere internationale Diplomaten hatten in den vergangenen Tagen versucht, sich in Ankara ein Bild von der Lage zu machen. Aufnahmen von mit Kabelbindern gefesselten Soldaten, die am Boden einer Reithalle knien mussten, hatten die internationalen Gesandten aufgeschreckt. Trotz Diplomatenausweisen wurden sie sowohl an der Halle des örtlichen Reitclubs als auch an der Sporthalle der Polizeiakademie in Ankara schroff abgewiesen, berichtete ein westlicher Botschafter SPIEGEL ONLINE.