Samstag, 23. November 2013

Das Käßmann-Rätsel.



Wie bei Guttenbergs und Wulffs in ihrer jeweiligen Zeit vor dem Sturz in den Abgrund, ist Margot Käßmann unausrottbar positiv konnotiert. Jeder berichtet nur voller Wohlwollen von ihr, zitiert ihre dümmlichsten Plattitüden, als ob es sich um Einsteinsche Geistesblitze handelte.

„Nichts ist gut in Afghanistan!“ - so lautete der Slogan der Populistin Bizarra Käßmann.

Mit solchen Sprüchen macht man sich natürlich beliebt beim Volk - denn wer würde den Militäreinsatz am Hindukusch nicht lieber heute als morgen beenden?

Eine Menge Afghanistan-Experten und Vertreter von Hilfsorganisationen ärgerten sich gar sehr über die Talkshow-affine Ex-Oberbischöfin.
 Was sie denn stattdessen in Afghanistan tun würde, fragte man sie öffentlich.
Wenig überraschenderweise hatte Käßmann darauf aber keine Antwort und gab nur Allgemeinplätzchen ab. 
Sie würde mit den Taliban reden und gemeinsam mit ihnen beten.

Schade eigentlich, daß der damalige Superverteidigungsminister Guttenberg zu beschäftigt damit war für Sat1 mit J.B. Kerner eine Modenschau mit seiner Frau als Mannequin in Afghanistan zu inszenieren.
 Ich hätte es gern gesehen, wenn er Frau Käßmann am Hindukusch entsorgt hätte.
Eine Frau in kurzer Bluse mit der Bibel in der Hand wäre sicher gut angekommen bei den Taliban.

In Wahrheit ist es wohl eher so, daß Käßmann genauso wenig von Afghanistan versteht wie die meisten Politiker. [….]

Käßmann ist aber nicht nur im extremsten möglichen Maße mediengeil, dazu auch noch hartnäckig verblödet, sondern auch noch beratungsresistent.
Obwohl in den letzten beiden Jahren ihre populistischen Afghanistanphrasen immer wieder als gröbster Unfug entlarvt wurden, kann sie es nicht unterlassen ihren Erfolgsschlager zu wiederholen. Selbstgerecht schlägt sie sich selbst in einem Leitartikel auf die Schulter.

Und wurde je wirklich gehört, was ihre Präsenz bedeutet hat für Afghaninnen und Afghanen? Wie viele von ihnen starben? Wir wissen es nicht. Wie sie es wahrgenommen haben, dass da fremde Menschen kamen, die ihnen die Demokratie schenken wollten – wir wissen es nicht.  […] Und was hat der Einsatz gebracht, außer einer Lernerfahrung im Kämpfen? Wurde die Freiheit „am Hindukusch verteidigt“? Das darf bezweifelt werden! Der Einsatz hat Leid über viele Familien gebracht – ganz abgesehen davon, dass er die Gesellschaft in zehn Jahren mehr als 17 Milliarden Euro gekostet hat.
[…] Heute verhandeln sowohl die USA als auch Pakistan mit den Taliban, weil ein weiteres Mal deutlich ist: Frieden lässt sich nicht mal eben locker mit Waffengewalt herstellen. Frieden braucht einen langen, extrem mühsamen Weg des Dialogs – selbst mit denen, die wir am liebsten nur bekämpfen wollen. Vielleicht ist das ja eine Art Weihnachtsbotschaft!
Die Taliban haben eine menschenverachtende Ideologie, keine Frage. Auch from­me Muslime fürchten sie aufgrund der brutalen Gewalt, mit der sie meinen, herrschen zu dürfen im Namen des Glaubens. Solcher Fundamentalismus ist irre­geleitet, entsetzlich, menschen- und gottesverachtend. […] Unsere Gebete werden dort bleiben und uns verbinden – in der Hoffnung auf Frieden für ein geschundenes Land.

Taliban sind „gottesverachtend!“ Das wird Mullah Omar und Co jetzt aber schwer beeindrucken, wenn eine deutsche Geistliche das feststellt. Sie muß ja „Allah“ viel besser kennen.
Wie immer bei Käßmann handelt es sich um reine populistische Phrasen ohne die geringsten Lösungsvorschläge oder neue Ideen.
Intellektueller Tiefstand, wie er peinlicher kaum möglich ist. Und so etwas bekomme ich als Abonnent von „Süddeutscher Zeitung“ und „ZEIT“ auch noch doppelt nach Hause geleifert, weil beiden Zeitungen „Chrismon“ beiliegt!
Aber man kennt das aus ihren geradezu debil-doofen Büchern, die allesamt Bestseller wurden:

Margot Kässmann: Mehr als Ja und Amen
Gibt es Jämmerlicheres, als wenn Erwachsene beim Besuch im Kindergarten oder in der Grundschule so tun, als wären sie selbst Kindergartenkinder oder Grundschüler? Dieses literarische Leben auf Kredit, diese geborgte Naivität, dieses Sich-blöd-stellen mit großen Stauneaugen ist der basso continuo von Margot Kässmanns publizistischem Oevre. "Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsauschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze", schreibt sie. Ein unnötiges Buch, von der Konzeption her Kraut und Rüben, in der Ausführung lieblos hingerotzt, ein Buch, dessen Leser sich wie zu Unrecht ans Kreuz geschlagen fühlen müssen.

Margot Käßmann: "Sehnsucht nach Leben"
Zwölf Aufsätzlein der Ex-EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. "Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen", schreibt Margot Käßmann darin. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel, für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid.

Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"
Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"

Wenigstens Scheck spricht aus, was offensichtlich ist: Käßmann steht nackt da. Sie hat ja gar nichts an.
Bei den großen Multiplikatoren ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.
Gerade erst wurde in diesem Blog auf den enormen Einfluss der Programmzeitschriften hingewiesen. Sie haben die größten Reichweiten.
Gestern legte der Branchenprimus „Hörzu“ nach und bot Käßmann Raum für ihre „Gedanken“.
Es kam wie es kommen mußte: Ungeniert stellt sie sich selbst in den Mittelpunkt und garniert das mit inhaltsleeren Floskeln, wie sie in jeder ALDI-Werbung vorkommen; es wimmelt von Begriffen à la „besinnliche Zeit“ und „wunderbare Rituale“.
Ganz schlimm.

Ich mag die Adventszeit. Es ist für mich ein wunderbares Ritual, die erste Kerze am Adventskranz zu entzünden. „Das Licht scheint in die Finsternis“ heißt es im Johannesevangelium. Langsam wird dieses Licht heller. Woche für Woche, bis der Lichterbaum alles erhellt. Solche Rituale finde ich erfüllend. Sie geben dem Leben einen Rhythmus. Und sie feiern den Glauben an ein Gotteskind, das mitten in die Welt kam. [….] In der Adventszeit ist es mir wichtig, Zeiten der Ruhe zu finden. Der Morgen am Tisch, an dem eine Geschichte gelesen wird. Das Überlegen wem ich was schenken könnte. [….] Oft habe ich den Eindruck, in diesen dunklen Tagen, wenn wir eine CD mit Chorälen von Bach hören oder auch ganz neue Adventslieder, dann schaffen wir es eher, den tiefen Gedanken des Lebens Raum zu geben als in der Sommerhitze, bei Grillwürstchen und Schwimmbadlaune.
(M. Käßmann, Hörzu, 22.11.13, s.9)

Erstaunlich nur, daß noch nie ein „tiefer Gedanke“ des Raumes den Weg in Käßmanns Kopf fand.

Wann schreit endlich mal eine seriöse Stimme AUSSER DENIS SCHECK heraus „Das ist alles Schwachsinn, was Käßmann von sich gibt“? Die Frau hat keinerlei Kompetenz.

Mal sehen was SPIEGEL ONLINE bietet; die Jungs und Mädels des Sturmgeschützes der Demokratie können möglicherweise ein bißchen weiter als bis zur eigenen Nasenspitze denken.

Zehn, die Minister werden sollten!
Falls sich Union und SPD auf eine Koalition einigen, werden die Parteien unter sich ausmachen, wer im Kabinett sitzt. Seiteneinsteiger haben kaum Chancen. Muss das sein? SPIEGEL ONLINE zeigt, wer gut in die Ministerriege passen würde, wenn es allein nach Kompetenz ginge. [….]
Familie und Jugend: Margot Käßmann
Moralische Instanzen gibt es nur noch wenige in Deutschland – eine von ihnen ist Margot Käßmann. Und das, obwohl die frühere Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche im Februar 2010 wegen einer Trunkenheitsfahrt alle Ämter niederlegte. Doch gerade wegen dieser konsequenten Haltung scheint sich Käßmann, 55, bei vielen Deutschen große Glaubwürdigkeit bewahrt zu haben. Ihre liberale Haltung in vielen gesellschaftlichen Fragen hat ihr im konservativen Lager viel Kritik eingebracht, gleichzeitig wird die vierfache Mutter Käßmann auch dort als Vorbild einer modernen Frau geschätzt.

Ich kann nicht mehr…………

Freitag, 22. November 2013

Berlin, Berlin!



Der neue Bundestag arbeitet zwar nicht, obwohl schon zwei Monate seit der Bundestagswahl vergangen sind, aber das neue Parlament hat durchaus seine sympathischen Seiten. Es glänzt nämlich durch die Abwesenheit einiger der schlimmsten Politbrechmittel: Kein Geis, kein Brüderle, kein Thierse.

Letzter war wegen Religiotismus im Endstadium, fortschreitender Bösartigkeit und massiver Faktenallergie zum „Jahresendhonk“ erkoren worden.

Der Pöbler aus Berlin verabschiedet sich aus dem Jahr 2012, indem er als Apologet der Nächstenliebe noch mal ordentlich über die Zugezogenen herzieht.

Alles voller Schwaben in Thierses Kiez; das kann er auch nicht ab.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat das alltägliche Zusammenleben mit zugezogenen Schwaben in dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg als mitunter "strapaziös" bezeichnet. "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind – und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche".
[…] Thierse konkretisierte, er ärgere sich, wenn er etwa beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gebe, sondern Wecken. "Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen."  […] Ebenso störe es ihn, wenn ihm in Geschäften "Pflaumendatschi" angeboten würden. "Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen", sagte Thierse der Zeitung. Angesichts dieser Zustände werde er "wirklich zum Verteidiger des berlinerischen Deutsch."

Es ist an der Zeit, daß Thierse sich als Kreuznet-Autor outet.

Muß er sich mit den Xenophoben gemein machen?

In meiner Partei verursacht er mir inzwischen schwere Magengeschwüre.
Die „Schwaben“ (dazu zählen in Berlin alle nicht Eingeborenen vom Kieler bis zum Rosenheimer) sind wenig amused über den keifenden Katholiken. […..]

Womöglich gibt es eine Erklärung für Thierses Geisteszustand.
Er, der überall in Deutschland die Christlichen Kirchen erblühen sieht, lebt ausgerechnet mitten in einer Stadt, die so offensichtlich nicht vom christlichen Leben dominiert ist.
Thierses Vorgesetzte gruseln sich gar sehr.

Berlin ist nach Worten des Präsidenten des Päpstlichen Kulturrats, Gianfranco Kardinal Ravasi (Foto), in religiösen Dingen «fast so etwas wie eine Wüste». Das Christentum befinde sich in der deutschen Hauptstadt «wirklich in der Defensive», sagte der Kardinal im Interview mit der Tageszeitung «Die Welt». Berlin gehöre «zu den Städten in Europa, in denen die Säkularisierung am weitesten fortgeschritten ist«, so Ravasi. Dabei sei es »üblich geworden, sich auf die vorletzten Fragen zu konzentrieren«. Er selbst wolle hingegen bei einem Dialogforum dort grundsätzliche Fragen erörtern, etwa »nach Leben und Tod, nach der Wahrheit, nach der Bioethik«.
[….]  Ravasi nannte im Gespräch mit der »Welt« das Christentum die europäische »Muttersprache« auch für diejenigen, die es ablehnten. Ohne Christentum seien auch Nietzsche und Voltaire nicht zu verstehen, sagte er unter Bezug auf den Lyriker T. S. Eliot. »Wenn wir diese Muttersprache verlernen, dann verlieren wir unsere Identität«, sagte Ravasi. »Wir haben heute keine klare kulturelle Identität mehr.«

Doofe Sache mit der Säkularisierung.
Die Menschheit wird immer urbaner und damit verschwindet die Religion.
So denkt sich das jedenfalls resignierend der Europäische Christ.
Wahr ist es allerdings nicht. Außer in Europa werden die Megacities sogar immer religiöser. Dort ist allerdings auch das religiotische Angebot attraktiver. Aber was will man mit einer konservativen Altherrenkirche à la RKK-Berlin?

Aus der Erfahrung der westlichen Industrialisierung heraus hatte sich in der Stadtforschung die Säkularisierung als Moderne-Indikator etabliert. Religiös geprägte Städte wie Rio, Istanbul oder Lagos standen deshalb lange im Ruf, den Schritt in die Gegenwart noch vor sich haben.
Ende des 20. Jahrhunderts legten die wirtschaftlichen Wachstumsraten der jeweiligen Länder jedoch den Verdacht nahe, dass Modernisierung vielleicht doch nicht in jedem Fall ein Säkularisierungsprozess ist, wie auch Georg Simmel angenommen hatte. Der Ausgangswert war falsch: Die frühen Soziologen hatten die säkulare Großstadt Berlin zum Standard der modernen Stadt erhoben, dabei war Berlin immer ein Sonderfall: Bis heute gilt es als am wenigsten religiöse Großstadt des Planeten. In Kairo hingegen hat sich die Bevölkerung in den letzten 40 Jahren verdoppelt, die Zahl der Moscheen jedoch vervierfacht.
Erst als Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr zu übersehen war, dass die Megacities in den Schwellenländern ihren rasanten Bevölkerungszuwachs entschieden anders organisierten als von den ehemaligen Kolonialherren verordnet, holten die westlichen Urbanisten die Notizhefte heraus und fingen an mitzuschreiben.
Am Wochenende wurde bei einer Konferenz im Berliner Haus der Kulturen der Welt das Buch 'Global Prayers - Contemporary Manifestations of the Religious in the City' diskutiert, der Abschlussbericht des gleichnamigen Forschungsprojektes, das sich vorgenommen hatte, den blinden Fleck der zeitgenössischen Urbanistik zu beseitigen: die Religion.
 (SZ vom 21.11.2013)

Dann forscht mal schön, liebe Urbanistiker in Berlin.
Dort in der Terra Incognita dürftet ihr allerdings wenig Anschauungsunterricht genießen.
Der Berliner ist mit anderen Dingen beschäftigt, für die es andernorts die Religion bedarf:
ER pflegt sein „wir sind besser als die“-Gefühl, in dem er Zugereisten grundsätzlich den gestreckten Mittelfinger zeigt.

'Haut ab' - so empfängt man Touristen in Berlin. [….]
An einem noch klaren Herbstmorgen, in der Rykestraße mit ihren breiten Bürgersteigen und dem flüchtigen Duft aus einem asiatischen Restaurant in der Luft, beginnt der Kleinkrieg. Völlig unerwartet.
Eine Gruppe von zehn, zwölf Menschen - Journalisten, Politiker, Künstler, einige von ihnen aus Deutschland, die anderen aus Israel - gehen mit einem Stadtplaner das Pflaster hinunter. Sie sind zu einer deutsch-israelischen Konferenz nach Berlin gekommen und lassen sich erklären, wie sich Prenzlauer Berg verändert hat. So wie das so vielen Gruppen aus Spanien, Italien und Griechenland erklärt wird - und nein, um diese Frage gleich zu beantworten, an diesem Morgen hat all das, was nun passiert, nichts damit zu tun, dass es auch ein paar Israelis sind, die sich die Rykestraße zeigen lassen. Sie sind: 'Touristen'. Allein deshalb werden sie verachtet. Sie sollen sich schleichen, wo immer sie auch herkommen, und wenn nur West-Berlin ihre Heimat ist, auch das ist hier ja irgendwie schlimm.
Die Jungs und Mädchen, die ein bisschen betrunken auf einem Boule-Platz an der Rykestraße wie spielende Löwenjunge lauern, sie richten sich auf zum Revierkampf, als die Gruppe der Berlin-Gäste an ihren Parkbänken vorbeizieht. Sie pöbeln gegen die, die sie für Fremde halten, machen sich wichtig, schubsen und wollen die Menschen, die sich für Berlin interessieren, aus Berlin vertreiben. Weil die eben Touristen sind. Was an diesem schönen Morgen in Prenzlauer Berg passiert, ist lächerlich. Und leider abstoßend.
'Haut ab.' Unvorstellbar in New York und London, oder?
Einige Zeit später kann sich Ares Kalandides, der Stadtführer und Stadtplaner, der mit den Gästen an den Pöblern vorbeizog, immer noch nicht beruhigen. Er wohnt hier, gleich um die Ecke der Rykestraße, und er sagt: 'Es war so, als ob ich abends nach Hause komme, und da sitzt einer in meinem Wohnzimmer und beschimpft mich.' So hat es ihn zusammenfahren lassen, und: 'Ich fand es bedrohlich.'
[….] Er sagt: 'Es gibt ein Klima in Berlin, das es erlaubt, Touristen grundsätzlich zu beschimpfen, das ist salonfähig, und die jungen Leute an der Rykestraße, die leicht angetrunkenen Zwanzigjährigen, haben das kollektive Unterbewusstsein ausgedrückt. So einfach ist das.'
Schwierig, Weltstadt zu sein, wenn man die Welt nicht mal zu Besuch haben will.
[….] Zu diesem Spiel gehört auch, dass im Frühjahr Spätzle auf Käthe Kollwitz geworfen wurden, auf das Denkmal auf dem Platz, der ihren Namen trägt. Manche kannten die Künstlerin, die Bildhauerin, ja damals noch, sie wohnte hier mit ihrem Mann, einem Armenarzt. Thierses alter Nachbar zum Beispiel, der den schönen Namen Herr Schätzchen trug, hatte sie noch erlebt, und erzählte Thierse von Kollwitz.
 (Jochen Arntz, SZ vom 22.11.2013)

Donnerstag, 21. November 2013

Polizei, Osterei!



 
Ich bin so froh, daß ich vor dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes 1989/90 in einigen dieser Länder war – wenn auch viel zu kurz.
Aber man kann sich heute wohl nicht mehr das Gefühl vorstellen, wie es als Westtourist in Rumänien, Russland oder der DDR war, wenn man es nicht erlebt hat. Selbst im Gulaschkommunistischen Ungarn war es für mich als Ami nicht sehr schwer die Geheimdienstler zu bemerken, die einem irgendwie immer folgten.
In diesen Staaten bedeutete „Polizei“ zunächst einmal nichts Gutes. Ohne das wirklich beurteilen zu können, war für mich das Gefühl der Willkür am Bedrohlichsten. Man wußte einfach nicht was einen erwartet und konnte sich auf kein Rechtssystem stützen, das einen geschützt hätte.
Ich habe mal auf einem Schiff mit einem Russischen Polizeioffizier einige Gläser Vodka getrunken und dann lange über die damals gerade aktuelle britische Popmusik gesprochen. Ein hochgebildeter und sympathischer Typ war das, vor dem sich tagsüber alle anderen fürchteten. Er hatte eben seine Rolle zu spielen und konnte durchaus genießen mit mir ein paar deutsche Filterzigaretten zu rauchen und ein bißchen zu schwatzen.
Das hieß aber nicht, daß man dem nächsten Offizier einfach ein Päckchen „Prince Denmark“ zustecken konnte und dann ein lockeres Gespräch führen konnte.
Der hätte sich auch (zu Recht) über die Überheblichkeit ärgern können und einem die größten Schwierigkeiten machen können.

Heute gibt es solche Polizeistaaten mit Willkürgewalt gegen Ausländer in Europa kaum noch.
Weißrussland mit seinem homophob-bizarren „Führer“ Lukachenko ist die Ausnahme.
Da wird durchaus noch gefoltert und Regimekritiker verschwinden mal aus Nimmerwiedersehen. Sollte sich doch mal ein oppositionelles Grüppchen zusammenfinden, wird es niedergeknüppelt.
Technisches Knowhow kommt aus Deutschland. Einem notorischen Lügner wie dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble sind die Menschenrechte ohnehin ein Dorn im Auge.

Deutschland rüstete weißrussische Polizei aus
Zu den Hilfsleistungen Deutschlands an die weißrussische Polizei werden immer neue Details bekannt: Einem Bericht nach hat die Regierung über Jahre hinweg Geld auch für die Ausstattung der Bereitschaftspolizei des Landes zur Verfügung gestellt.   Das Bundesinnenministerium habe bestätigt, dass zwischen 2009 und 2010 rund 41.200 Euro für Computer- und Videotechnik an Weißrussland gingen, berichtete die Bild. Zudem soll das Ministerium von 2008 bis 2011 mindestens eine Hundertschaft der Polizei mit Körperschutzausstattung ausgerüstet haben, dazu hätten auch Schlagstöcke gehört.   Schon die Ausbildungshilfe Deutschlands für die weißrussische Polizei hatte unter Oppositionspolitikern erheblichen Unmut erzeugt. Am Wochenende war bekannt geworden, dass die deutsche Bundespolizei und das Bundeskriminalamt auf Veranlassung der Bundesregierung seit 2008 weißrussische Sicherheitskräfte geschult hatten, unter anderem Angehörige des Grenzschutzes. […] Bezahlt habe Deutschland demnach unter anderem Digitalkameras, Diktiergeräte und Laptops. Das nötige Geld dafür sei auf ein Konto der Deutschen Botschaft in Minsk überwiesen worden.

In anderen Teilen der Welt gibt es zur Freude des Christlichen Innenministers Friedrich – er vergab Jobs im Ministerium ausschließlich an gläubige Christen – genügend undemokratische Staaten, die sich eine Willkürpolizei leisten, um nach Herzenslust foltern und verfolgen zu können.
Da hilft Merkels Regierung gern.

Mit Ausbildung und Ausrüstung unterstützt das Bundeskriminalamt eine berüchtigte Spezialtruppe in Kenia. [….]
Die Männer töten routiniert, ungestraft und systematisch, das alles ist bekannt und belegt. So ist es in einem Bericht der Vereinten Nationen nachzulesen. Und eben diese Männer kamen nun mit einem weißen Geländewagen angefahren, um den Islamisten Mohammed Abdulmalik zu holen. Es waren Angehörige der Anti Terrorism Police Unit (ATPU), einer Spezialeinheit der kenianischen Polizei. Zwei Wochen lang hielten sie Abdulmalik fest, prügelten und verhörten ihn zu Attentatsplänen, an denen er angeblich beteiligt war. Dann fuhren sie ihn zum Flughafen der Hauptstadt Nairobi, übergaben ihn an US-Beamte. Alltag im amerikanischen Kampf gegen den Terror. Alltag in einem Kampf, in dem rechtsstaatliche Prinzipien allzu oft nebensächlich werden.
[….] Organisiert wird der Kampf in Afrika von Stuttgart-Möhringen aus - dort nämlich sitzt Africom, das amerikanische Oberkommando für Afrika. In Baden-Württemberg wird über Drohneneinsätze bestimmt, über Missionen von Spezialeinheiten und Agenten - und die Aufrüstung der afrikanischen Partner. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat die kenianische Polizei in den vergangenen drei Jahren mit mindestens 17 Fortbildungen - etwa zum Thema 'Terrorismusbekämpfung' - unterstützt; zuletzt etwa auf einem dreitägigen Workshop im August - Kosten: 30000 Euro. Obendrein gab es mehrmals Geschenke aus Deutschland: weiße Jeeps, Marke Nissan, jene Art von Fahrzeugen, für die Kenias Antiterrorpolizei berüchtigt ist. Warum liefert die Bundesregierung Fahrzeuge für Folterer und bildet eine Truppe fort, die sich laut dem UN-Sonderberichterstatter über außergerichtliche Hinrichtungen, Philip Alston, längst ein 'eigenes Recht' geschaffen hat? [….]
 (SZ vom 21.11.2013)

Grundsätzliches Polizeibashing in Deutschland lehne ich ab.
Ich finde es regelrecht lächerlich, wie sich organisierte Linke an den „Bullenschweinen“ abreagieren. Als ob der einzelne Polizist etwas dafür könnte, wie der Staat seine Interessen durchdrückt.
Und so abgedroschen es klingt: Ja, auch ich war schon in Situationen, in denen ich sehr froh war, daß Polizisten vor Ort waren.

Das bedeutet aber nicht, daß in Deutschland alles wunderbar läuft bei Justiz und Polizei.
Wenn man punkig, dunkelhäutig oder irgendwie links wirkt, muß man nicht unbedingt damit rechnen völlig gerecht behandelt zu werden. Da tun sich Abgründe auf.

Mir war völlig entgangen, dass Oury Jallohs Unterstützer schon vor Jahren aus eigener Tasche einen Gutachter bezahlen mussten, um feststellen zu lassen, dass der Kopf des Opfers eingeschlagen war. Letzte Woche bekanntlich der große Knall: Ein an Händen und Füßen Gefesselter kann sich mit einem nicht vorhandenen Feuerzeug gar nicht selbst anzünden.
Wieder mussten die Unterstützer etliche Tausend Euro sammeln, um den Gutachter zu bezahlen, der so etwas wissenschaftlich nachweisen kann.
Letztlich hat sich das viele Geld aber gelohnt, denn nun: Das Gericht zeigt sich „überrascht“. Dass ein deutsches Gericht von so etwas überrascht wird, überrascht mich nicht mehr. Nachdem Marwa El-Sherbini 2009 im Landgericht Dresden ermordet worden war, las ich sämtliche zugängliche Materialien, inklusive Auszüge aus dem der Tat vorausgehenden rassistischen Hassbrief des Täters an das Gericht.
Nach diesem Brief konnte man einfach nicht ahnen, dass von dem Mann eine Gefahr ausging – jedenfalls nicht, wenn es um eine rassistische Gefahr geht und man den deutschen Strafverfolgungsorganen angehört. Die sind nämlich nicht nur auf dem rechten Auge blind, sondern haben gerade für Mord einen ganz schlechten Riecher. Und die Ohren sind auch nicht geputzt.
Erst vor knapp zwei Monaten wurde im NSU-Prozess über einen der Morde bekannt: Der Betreiber eines Internetcafés wurde erschossen und lag in einer Blutlache am Boden. Ein Angehöriger des hessischen Verfassungsschutzes surfte derweil – zufällig! – in exakt demselben Internetcafé. Er bemerkte nichts. Als er gehen wollte, konnte er den Betreiber nicht finden (klar, der war ja tot) und legte 50 Cent auf die Theke, hinter der der Tote lag. In erwähnter Blutlache.
Dieser Verfassungsschützer, in dessen Gegenwart jemand erschossen wird, den er nachher nicht in seiner Blutlache liegen sieht, passt exakt zu einem Polizisten, der nicht bemerkt, dass jemand mit einem Kanister Benzin und einem Feuerzeug in eine Zelle geht, passt zu einem Pathologen, der nicht merkt, dass der verstorbene Gefangene einen zertrümmerten Schädel hat, passt zu einem Richter, der davon überrascht wird.
Wie dumm sind Beamte? […………………..]