Freitag, 28. Dezember 2012

Das Witz-Problem.




Da nun wirklich jedes Käseblatt, jede TV-Station und jeder Radiosender mit irrelevanten Jahresrückblicken nervt, will ich nicht zurück stehen und denke darüber nach, was für mich das Charakteristikum des Jahres 2012 war.

Typisch für das abgelaufene Jahr ist die zunehmende Unfähigkeit Satire als solche zu erkennen.

Die geistlichen Führer und Politgrößen aller Couleur sind dermaßen wahnsinnig geworden, daß die satirischen Standardmethoden, Übertreibung und Ironie, kaum mehr anwendbar sind.
Der reale Irrsinn ist so weit fortgeschritten, daß man ihn gar nicht mehr mit künstlerischen Mitteln überzeichnen kann.

Fassungslos sah man über viele Monate den acht Volldeppen der Republikanischen Partei zu, die sich anschickten zum mächtigsten Menschen des Planeten aufzusteigen.
Acht Eumel, von denen einer verblödeter als der Nächste war. Die auch noch stolz waren auf ihre völlige außenpolitische Ahnungslosigkeit und sich selbst über Verballhornungen von Ländern, die sie noch nie zuvor gehört hatten, amüsierten.
War Herman Cain tatsächlich eine Zeitlang Favorit der Basis für die Präsidentschaftskandidatur, oder hatte ich wieder einen Alptraum?

Cains Top-Analysen:
"OK, Libya. [pause] President Obama supported the uprising, correct? President Obama called for the removal of Gadhafi. I just wanted to make sure we're talking about the same thing before I say, 'Yes, I agreed' or 'No I didn't agree.' I do not agree with the way he handled it for the following reason — nope, that's a different one. [pause] I gotta go back and see. I got all this stuff twirling around in my head. Specifically, what are you asking me that I agree or not disagree with Obama?" (Nov. 14, in response to a question from the Milwaukee Journal Sentinel editorial board)

"We need a leader, not a reader."
(Nov. 17, campaign stop in Nashua, New Hampshire)

"How do you say 'delicious' in Cuban?"
 (Nov. 16, campaign stop in Miami's "Little Havana" neighborhood)

"A poet once said, 'Life can be a challenge, life can seem impossible, but it's never easy when there's so much on the line.'" (Aug. 11 Republican debate)

Reaction: On the surface, there's nothing wrong with that little bit of inspirational fluff, says Dan Amira at New York. But then "you Google the quote and you realize that these words of wisdom were uttered not by a poet, but by disco queen Donna Summer in her song 'The Power of One,'" an obscure number she recorded for Pokémon: The Movie 2000.


"The more toppings a man has on his pizza, I believe the more manly he is…. Because the more manly man is not afraid of abundance.... A manly man don't want it piled high with vegetables! He would call that a sissy pizza."
(Mid-October GQ interview)

"I'm ready for the 'gotcha' questions and they're already starting to come. And when they ask me who is the president of Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan I'm going to say, you know, I don't know. Do you know? And then I'm going to say, 'How's that going to create one job?'"
(Oct. 7 interview with CBN News' David Brody)
 Die armen Bill Maher und Jon Steward - wie sollte man da satirisch noch einen draufsetzen?

 Es war ja eine mäßig bis mittelkomische Aktion Ratzi mit Urin-Fleck auf der Soutane zu fotomontieren und dazu zu verkünden „die undichte Stelle“ sei gefunden.
Aber der richtige Brüller war die zimperlich-beleidigte Reaktion des Stellvertreters Gottes auf Erden, der nichts eiligeres zu tun hatte als seinen Staatsapparat, mit dem er 1,2 Milliarden Katholiken lenkt, in Gang zu setzen, um eine Frankfurter Mini-Redaktion in Hamburg zu verklagen.
Verglichen damit wirkten David und Goliath wie ebenbürtige Gegner.
Daß mit so einer Aktion das diametrale Gegenteil der Absicht (nämlich das Schmähbild aus der Öffentlichkeit zu verbannen) erreicht wurde, hätte jeder Hauptschüler in Neukölln prophezeien können. Entsprechend freute sich die Titanic über einen Auflagenboost mit 100%-Steigerung. Nur der so intellektuelle Vizegott war zu dämlich diesen Milchmädchenzusammenhang zu erkennen.

Jene wahnsinnigen Schreiberlinge aus der katholischen Kirche, die tagtäglich den Untergang der Welt witterten, weil immer mehr „Kotstecher“ ohne „Gummi-Isolatoren für das männliche Gemächt“ in „Homo-Brunft-Kellern“ dem Gomorrhismus verfielen, weil die „Bundestagsschwuchtel“ und der „Urinduscher“ frei rumliefen, weil „Blut- und Homo-Kanzlerin“ Merkel die Kinderschlachtung betreibe.

Die satirische Facebook-Gruppe „Ja, zu Kreuznet!“ wurde bald von beitrittswilligen Katholiken entdeckt, die den dort propagierten Irrsinn von der Erdscheibe ernst nahmen.

Oder mein besonderer Liebling Bischof Tebartz-van-Elst, der sich im Prunk-, Protz- und Prassrausch kostbarste Kleider, eine Privatkapelle und einen Bischofspalast für viele Millionen Euro leistete. Zu den Ärmsten der Welt, notleidenden Indern, flog er upgegraded erster Klasse, inkl. Kaviar, Bett und Champagner.


Herr Tebartz-van-Elst ist bizarrerweise ausgerechnet der Nachfolger des bescheidensten aller deutschen Bischöfe - Franz Kamphaus.
Die Kamphaus-artigen Bischöfe werden von Ratzi systematisch vertrieben.

Die Kirche driftet auseinander - die liberaleren und säkulareren Mitglieder verlassen jedes Jahr in sechsstelliger Zahl die beiden größten christlichen Sekten und am fundamental-traditionalistischen Rand ballt es sich zusammen.

Als Apotheose der konservativen Transformation gilt das Bistum Limburg, welches von 1982 bis 2008 von einem Bischof Franz Kamphaus geleitet wurde, der so integer und menschenfreundlich ist, daß sogar ich ihn mag!
Vor drei Jahren fiel dann der denkbar schwerste Hammer auf den Limburger Dom, indem Ratzinger das diametrale Gegenteil auf den Bischofsstuhl hievte.


Franz-Peter Tebartz-van Elst, jener ultrarechte Spalter, der innerhalb von kurzer Zeit das ganze Bistum gegen sich aufbrachte.

Tebartz-van Elst ist der Schrecken jedes katholischen Laien.

Er ist ultrakonservativ, diffamiert Minderheiten und schockiert zudem noch mit seiner abstoßenden Physionomie. 


Um diesen gagaesken Barock-Kirchenfürsten schart sich nun eine echte Facebook-Fangruppe, die beispielsweise eine mögliche Erhebung TVEs zum Kardinal von Köln diskutiert.
Michael Hesemann Nun, als "Kölner" (was das EB betrifft), würde ich es sehr begrüßen, wenn wir eines Tages einen so sympathischen, jungen und romtreuen Bischof bekommen würden. Noch aber sind wir dem Herrn (und dem sel. JPII) dankbar für Kardinal Meisner! Möge er uns noch viele Jahre erhalten bleiben! Was danach kommt, liegt doch in den Händen Gottes und des Heiligen Vaters, der am besten weiß (und wußte, siehe JPII und Kard. Meisner), was gut für das Erzbistum ist. Als Sohn des Niederrheins hat Msgr. TvE gewiss einen Heimvorteil; und als Sohn Kevelaers noch den Segen der Gottesmutter auf seinem Weg. Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen!

Georg Dietlein Beten wir für unsere Bischöfe. - "Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." (Mt 9,38)

Markus Schmitt Es ist davon auszugehen, dass Kardinal Meisner auf jeden Fall bis nach dem Eucharistischen Kongress in Köln 2013 im Amt bleibt; danach dürfte er spätestens an seinem 80. Geburtstag emeritiert werden. Sicher wäre Bischof Tebartz-van Elst ein guter Nachfolger, aber dass er es wird ist wirklich nicht mehr als ein Gerücht und ziemlich unwahrscheinlich, da er noch viele Jahre lang in Limburg dringend benötigt wird, um das Bistum nach der langen und problematischen Amtszeit seines Vorgängers Bischof Kamphaus wieder auf Kurs zu bringen; genau deshalb wurde er ja in so jungem Alter dorthin geschickt, und das braucht noch Zeit. Man sollte eher daran denken, dass es einen guten Grund hatte, warum Kardinal Meisner sich seinen Vertrauten Dominik Schwaderlapp - ebenfalls in recht jungen Jahren - als Weihbischof erbeten hat... Aber die Entscheidung können wir getrost dem Herrn und dem Heiligen Vater überlassen.
Also wenn das nicht allerfeinste Satire ist!
Es ist allerdings keine Satire.


Letztes Beispiel:

Die Apotheose des Kulturkrieges, der Animositäten zwischen der Islamischen und der Westlichen Welt ist zweifellos das Palästina-Problem.
Ein eigentlich winziger Flecken Erde, der aber zur Keimzelle einer Vielzahl von Kriegen wurde, weil er als „Heiliges Land“ gilt und dort drei Religionen seit 1.200 Jahren aufeinander einschlagen.
Ohne Religion, die ihre jeweiligen Anhänger im absoluten Recht wähnt und nur ihnen und eben nicht den anderen beiden das Land zuspricht, könnte dort seit Jahrtausenden Frieden herrschen.

Und was macht der Papst, wenn er zu Weihnachten seine Ansprache hält und weiß, daß ihm Milliarden Menschen zuhören?

Er empfiehlt den Konfliktparteien noch religiöser zu werden!

Was kann ein Satiremagazin dazu noch sagen?

Der Postillion hat es versucht, aber doch nur das wiedergegeben, was der Stellvertreter Gottes auf Erden, Papst Benedikt XVI, der Pontifex Maximus tatsächlich gesagt hat.
Naher Osten dankt Papst für heißen Tipp: "Mehr Religion genau das, was wir brauchen"

Die Worte von Papst Benedikt XVI. bei der diesjährigen Christmette in Rom verhallten nicht ungehört. Nachdem das Oberhaupt der katholischen Kirche "Gottvergessenheit" als das derzeit drängendste Problem im Nahostkonflikt ausgemacht hatte, bestätigten Israelis und Palästinenser jetzt, dass "mehr Religion" genau das sei, was sie in ihrer derzeitigen Lage am nötigsten brauchen.

[….] Die jüdischen Siedler in der Westbank und in Ostjerusalem sind überzeugt, dass sich der Nahostkonflikt am besten lösen lässt, wenn der Glaube mehr in den Mittelpunkt gerückt wird. "Nur mit dem nötigen Vertrauen in Gott kann es uns gelingen, die Muslime vom Boden unseres gottgegebenen Heiligen Landes zu vertreiben", so der ultraorthodoxe Rabbi David Mizrachi. […] Zuspruch erhielt Papst Benedikt XVI. auch von der US-amerikanischen Waffenlobby NRA. Ein Sprecher sagte: "Endlich einer, der weiß, wie man Probleme löst: Man muss Feuer mit Feuer bekämpfen, die Zahl der Schusswaffenopfer durch noch mehr Waffen reduzieren und religiös geprägte Konflikte mit noch mehr Glauben befrieden."
(Postillion 26.12.12)
Postillion, Vatikan, …das klingt inzwischen völlig gleich.

Die positive Meldung zur Nacht:

HURRAH!

US-Haushaltsdrama und Weltrezession sind ausgestanden; eine höhere Macht hat eingegriffen.
Sämtliche Republikaner-Abgeordnete fügen sich nun ergeben.
Westerwelle widmet sich Amerika und der Welt.
"Ich bin sicher, dass sich alle Entscheidungsträger in den USA ihrer Verantwortung für ihr Land und auch für die Weltwirtschaft bewusst sind", erklärte Westerwelle am Freitag SPIEGEL ONLINE. Zugleich verwies er auf die Notwendigkeit, bei einem Kompromiss die Schulden des US-Etats zu begrenzen. "Wir begrüßen, dass in Washington Einigkeit darüber herrscht, dass eine Konsolidierung des Haushalts geschafft werden soll", so Westerwelle weiter.
"Guido befiehl, wir folgen!" ist ja auch seit 2009 das offizielle Motto der UN.
 Sofort wurde erkannt, daß Deutschland nie zuvor einen so weisen Staatsmann hervorgebracht hatte!

Satire? 
Oder hat "Das, was ich sage, zählt"-Gu-ido wirklich Obama und Boehner Ratschläge gegeben?

Ich weiß es wirklich nicht mehr.



Nachtrag:

Einen extrem grotesken Fall von Realsatireproduktion habe ich glatt vergessen:
Eva Doppelbauers tägliche Gloria-Global Moderationen auf Gloria-TV:

Zum Beispiel diese Sendung


Oder diese hier

Wie soll Kalkofe das übertreffen?

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Rätsel Mensch



Als kleine affenartige Spezies mit sehr eingeschränkten Sinnen und einer (kosmisch betrachtet) erbärmlich kurzen Lebensspanne begreifen wir natürlich vieles nicht.
 
Was war vor dem Urknall und was wird in zehn Milliarden Jahren sein, wenn unser Sonnensystem längst aufgelöst ist?
 Wir planetar gebundenen Eintagsfliegen mit gerade mal drei Pfund Gehirn sind mit solchen Fragen überfordert.
Warum sollten wir auch alles wissen und verstehen?
Reine Hybris ist es für die Phänomene, die einem unerklärlich erscheinen eine Gottheit zu postulieren.
Für ein Pantoffeltierchen mag das Lösen einer Differentialgleichung weit außerhalb des geistigen Horizonts liegen. Deswegen ist Mathematik aber nicht göttlichen Ursprungs.

Für unsere Hirne ist unsere Lebenspanne ohnehin komplex genug.
 Es gibt unendlich viele Variablen, die wir bedenken können und es gibt viele Konstanten, an denen wir uns ausrichten können.
Die elementarste Konstante ist unsere eigene Endlichkeit; wir alle sterben.
LIFE SUCKS.......and THEN YOU DIE!
Bzw.
Das Leben ist eine sexuell übertragene Krankheit mit 100% tödlichem Ausgang.
Sich über den eigenen Tod zu wundern, vor ihm fliehen zu wollen, ihn zu tabuisieren, ist ungefähr so sinnvoll wie der Versuch die Erdanziehungskraft mit Akupunktur zu bekämpfen.

Ich staune immer wieder, daß neu erscheinende Bücher zum Thema als großer Tabubruch oder bahnbrechende Enthüllungen verstanden werden.

Gerade gibt es zwei recht neue Werke, von denen ich insbesondere das erste unbedingt empfehle.
Constanze Kleis
Sterben Sie bloß nicht im Sommer
Dumont, 224 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8321-9657-8

Martina Rosenberg
Wenn die Pflege der kranken Eltern zur Zerreißprobe wird
Random House, 256 Seiten, ISBN: 978-3-7645-0468-7
 Schon lange bin ich der Meinung, daß das politische Versagen des Bundestags nirgendwo so eklatant wie bei der Pflege am Ende des Lebens ist. Claus Fussek publiziert und informiert dazu seit 30 Jahren. Ohne Effekt. Für alte/kranke Leute gilt das Grundgesetz scheinbar gar nicht mehr.
Es ist der Preis des Fortschritts: Je weiter sich die medizinischen Fertigkeiten entwickeln, desto mehr Krankheiten und Unannehmlichkeiten erleben wir im präfinalen Zustand. 
Unsere Urgroßeltern waren nie so krank wie wir es als Geronten sein werden. 
Ganz einfach weil sie schon lange tot waren, bevor Herzklappen ausfielen, sich Alterskrebse entwickelten und Demenz zuschlug.

Professionelle Selbstinszenierer und Schwätzer wie Frau Käßmann werden populär damit einen rationalen Umgang mit dem Lebensende zu verdammen.
Ihre Totschlagworte in Talkshows lauten „Palliativmedizin“ und „Hospizbewegung.“

Tatsächlich werden in Deutschland wie verrückt Sterbehospize eingeweiht.
 Kinderhospize gibt es inzwischen so viele, daß sie anfangen erbittert um die Insassen zu konkurrieren.

Interessant daran ist, daß Hospize die teuerste Möglichkeit sind sein Lebensende abzusitzen und gleichzeitig die Unbeliebteste.
Niemand will „ins Heim“.
 In der weit überwiegenden Zahl der Fälle krallen sich die Menschen (verständlicherweise) an ihre gewohnte Umgebung und wollen zu Hause sterben.
 Es passiert aber das Gegenteil, weil Personen wie Daniel Bahr und Ursula von der Leyen die häusliche Pflege missachten.
Die Pflegesätze für Menschen, die ihre Angehörigen in den eigenen vier Wänden pflegen betragen nur 1/3 bis ½ von der Summe, die man stattdessen für „Sachleistungen“ bekäme.
Stationäre Pflege kostet sogar ein Vielfaches. Es entsteht ein Markt. Betreiber von Pflegeheimen können wie Ulrich Marseille (Marseille-Kliniken AG), Eugen Münch (Röhn-Kliniken) oder Bernard Broermann (Asklepios/Helios) zu Milliardären werden.
Ich hätte die 2,7 Milliarden Euro, die beispielsweise allein Herr Broermann laut Manager-Magazin sein Eigen nennt (konservativ geschätzt) lieber in den Händen der Patienten und Pflegebedürftigen gesehen, um ihnen dabei zu helfen zuhause zu bleiben.

Rätsel Mensch. 
Man soll und darf nicht sterben, aber wenn man schon stirbt, soll das möglichst lang hingezogen werden und weitab der Öffentlichkeit in Pflegeheimen passieren. Die Zukunft hat schon begonnen: Lästige pflegebedürftige Alte werden ins Ausland abgeschoben - aus den Augen, aus dem Sinn. Danke an die Christliche Bundesregierung.

Daß Individuen mit der individuellsten Angelegenheit überhaupt, nämlich dem eigenen Leben womöglich ganz anders umgehen wollen, ist in der veröffentlichten Diskussion nicht vorgesehen.

Beim Thema Sterbehilfe und Patientenverfügung reagieren Journaille und politische Klasse bemerkenswert unterkomplex; setzen einfach voraus, daß Suizide zu ächten und zu vermeiden sind.
Warum eigentlich?

SZ-Journalistin Nina von Hardenberg, die zu dem Thema schon enormen Unsinn verzapft hat, würdigt heute im Leitartikel der Süddeutschen den Leutheusser-Schnarrenberger-Gesetzentwurf für ein Verbot der Suizidhilfe.

Daß überhaupt eine andere Meinung möglich sein könnte, kommt ihr gar nicht erst in den Sinn - und das ist noch eine relativ liberale Stimme.
In einem Land wie Deutschland, das aufgrund seiner Geschichte ein besonders sensibles Verhältnis zum Thema Sterbehilfe hat, reicht eine moralische Begründung aus. Man muss die Umtriebe des Hamburger Ex-Senators Roger Kusch nicht billigen, der sich darin gefällt, in Altersheimen Sterbeautomaten vorzustellen. Man muss auch den deutschen Ableger der Sterbehilfeorganisation Dignitas nicht tolerieren, die lebensmüde Menschen in die Schweiz vermittelt. Solche Organisationen gehen mit der Not der Menschen zynisch um. Sie bieten scheinbar einfache Lösungen an, und senden damit ein fatales Signal an alle, die mit Lebenskrisen kämpfen.
(N.v.H. 27.12.12)
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es ist zynisch leidende Menschen mit dem Wunsch zu sterben allein zu lassen und ihnen NICHT dabei zu helfen. Es ist zynisch Dignitas zu verbieten und Menschen zum Leben zu verurteilen.
Wem es wirklich darum geht, die Zahl der Suizide in Deutschland zu senken, der muss ohnehin an anderer Stelle ansetzen. Es sind vor allem die Gesunden, die im Suizid eine einfache Lösung sehen, um einem Siechtum zu entkommen. Aus vielen Studien aber weiß man, dass Schmerzen nur selten der wichtigste Grund sind, warum Menschen sterben wollen. Meist steht vor dem Suizidwunsch der soziale Tod. Wenn Menschen niemanden mehr haben, der sie anruft und dessen Leben sie verfolgen können - und sei es auch nur in Gedanken - dann verlieren sie den Lebensmut. Wer also Suizide verhindern will, der muss hier ansetzen.
(N.v.H. 27.12.12) 
Wenn ich mir das ungeheure Leiden ansehe, das Sterben heutzutage so oft bedeutet, komme ich zu dem diametral gegenteiligen Schluß: Es sollte darum gehen die Zahl der selbstbestimmten Suizide zu erhöhen.
Ich habe in meinem Leben bisher dreimal aus allernächster Nähe (einmal über mehrere Monate, einmal sogar über drei Jahre, in einem dritten Fall überlebte die Person) qualvolle Sterbeprozesse miterlebt.
Todesursache war jeweils die Häufigste, die es gibt: Herz-Kreislauferkrankung. 
Klingt harmlos, ist es aber nicht. Die Herzschwäche führt dazu, daß die Lunge nicht mehr richtig arbeitet und das Perikard voll Wasser läuft. Man ertrinkt innerlich.
 Es kommt zu einem unendlichen Ersticken, permanenter Luftnot. Auf all die Nebenwirkungen, wie das Versagen des Verdauungssystems will ich an dieser Stelle nicht eingehen.

Wer mir im Brustton des moralischen Gutmenschentums erklärt „es“ gehe darum die Anzahl der Suizide zu senken, weiß offensichtlich nicht wovon er redet.
Der Suizidwunsch entsteht auch keinesfalls immer aus „sozialer Not“ wie es von Hardenberg suggeriert. Auch die sozial umsorgtesten Menschen müssen eines Tages sterben und dann wird es leider sehr oft hässlich.

Im Übrigen ist es eine Anmaßung die Begründungen für einen Suizidwunsch moralisch zu bewerten.

Das geht weder Frau von Hardenberg, noch Frau Leutheusser-Schnarrenberger, noch Frau Käßmann irgendetwas an.
Es wird immer Menschen geben, die aus kaum nachzuvollziehenden Gründen sterben möchten.
Entscheidend ist ihr Wunsch und nicht, ob dieser verständlich ist.
Es sollte ein generelles Menschenrecht auf Sterbehilfe geben.
Für sehr viele Bürger wäre das eine ungeheure Erleichterung.
Das gilt auch für „partielles Sterben.“
Wenn sich ein gesunder Mensch morgen ein Bein amputieren lassen möchte, weil er es nicht als zu seinem Körper gehörig empfindet, ist es moralisch nicht am Gesetzgeber dies zu verbieten.

Beeindruckt war ich heute aber auch von der sprachlichen Perfidie des Hamburger Erzbischofs Thissen.
Wenn man bedenkt, daß er über viele Jahre eine staatlich finanzierte Rhetorik-Ausbildung (vulgo: „Theologiestudium“) genossen hat, ist sein Ausfall umso erschreckender.
Hamburgs Erzbischof Werner Thissen nannte die Rüstungsexporte "organisierte Sterbehilfe". Die Welt sei "voll von Gewalt, und wir in Deutschland tragen dazu bei", sagte Thissen in seiner Weihnachtspredigt im Hamburger St.-Marien-Dom. Er fügte hinzu: "Panzer und anderes Kriegsmaterial verkaufen wir zum Fest des Friedens in den Süden."
Er geißelt (zu Recht) Waffenexporte, die aber erlaubt sind und gerade von seinen christlichen Parteien gefördert werden, indem das Wort „Sterbehilfe“ und damit ein Humanistisches Recht abfällig benutzt.

Eine der übelsten Machenschaften, die es überhaupt gibt, nämlich den organisierten Waffenhandel, wirft der Hamburger Metropolit mal eben in einen Topf mit einem Akt, den eigentlich schon die Nächstenliebe gebieten sollte.

Aber was versteht schon ein Bischof von Nächstenliebe?