Dienstag, 8. September 2026

Lethargie in Berlin

Man wünscht sich weniger Populismus und Aktionismus von „der Politik“.

Man hätte lieber Politiker, die mit kühlem Kopf entscheiden, die erst einmal nachdenken, bevor sie irgendwelche vorschnellen martialischen Ansagen in die Welt hinausmerzen.

Noch erstaunlicher sind aber jahrelange Ignoranz und Untätigkeit in Berlin. Der vorgestrige, wieder sehr sehenswerte Presseclub zum Thema „Drohnen, Sprengstoff, Sabotage: Wie reagieren auf Russlands Angriffe?“ wies erstaunt daraufhin, wie seit sechs Jahren, spätestens ab dem Februar 2022 landauf, landab gefordert wird, Deutschland müsse eine Drohnenabwehr aufbauen. Fähig werden, Drohnen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu stoppen. Das Zuständigkeitschaos müsse dringend beendet werden.

Geschehen ist aber so gut wie nichts. Nach anderthalb Jahren im Amt hat der zuständige Innenminister nur eine markige Ansage, aber keine Taten vorzuweisen.

„Laut einer Analyse, die dem WDR, NDR und der SZ vorliegt, haben die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern allein im laufenden Jahr 165 Sabotageverdachtsfälle registriert.“ Die Bundesregierung reagiert darauf mit einem knackigen Schulterzucken. Ihr gelang es nicht, auch nur eine einzige dieser Drohnen abzufangen. Nur ein couragierter Busfahrer, der zufällig am Leipziger Flughafen spazierte, konnte bisher eine der hunderten russischen Drohnen mit einen geschickten Fußkick abfangen.

[….] Am Flughafen Leipzig/Halle stoppte kein Abwehrsystem die Sprengstoff-Drohne, sondern ein Mann im Nachtdienst. Jetzt ermittelt die Bundesanwaltschaft.

Ein Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle hat eine mit Sprengstoff bestückte Drohne mit einem Fußtritt aus der Luft geholt. Nach Angaben des sächsischen Landeskriminalamts bemerkte er das Fluggerät in der Nacht zum Mittwoch auf der Start- und Landebahn "Südpiste". Es befand sich demnach nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Die Bundespolizei untersuchte den Gegenstand anschließend mit einem Sprengstoffroboter und entfernte den Zünder.  [….]

(T-online.de, 06.08.2026)

Ein ähnliches Bild beim Klimaschutz und der gleichzeitig notwendigen Klimaanpassung. Zu den 15.000 Hitzetote dieses Sommers in Deutschland schweigt der Kanzler. Offenbar sieht niemand im Kanzleramt Handlungsbedarf. Keine Notwendigkeit Kindergärten, Schulen, Altersheime, Pflegeeinrichtungen, Kurkliniken und Krankenhäuser mit Klimaanlagen auszustatten. Wo andere Länder, wie Frankreich, längst gehandelt haben, herrscht in Deutschland einfach nur Lethargie.

Die Großstädte Paris, London, Kopenhagen werden massiv transformiert.

Sogar Warschau wurde in den letzten Jahren großflächig entsiegelt und mit Bäumen bepflanzt, um die Bewohner vor Hitze zu schützen und die Lebensqualität zu verbessern.

[….]  Bäume. Auf einmal ist die Innenstadt voll davon. Links und rechts der Marszałkowska wechseln sich Laubbäume mit Blumenbeeten und Büschen ab. In der Mitte wurde eine weitere Allee aus Ulmen und Linden angelegt, sie begleitet die Straßenbahn. Neben dem breiten Fußweg verläuft nun auch ein großzügiger Radweg. Die Autofahrer mussten Platz abgeben, jeweils zweispurig in jede Richtung dürfen sie trotzdem noch fahren.

Und es gibt Sitzbänke. Alle paar Meter. Ganz klassische, manchmal einzelne Stühle, dann wieder ganze Sitzlandschaften. Alle besetzt. Als hätten knapp zwei Millionen Hauptstadtbewohner nur darauf gewartet, sich endlich mal im trubeligen Zentrum gegenüber vom Warschauer Kulturpalast in den Schatten neuer Bäume setzen zu können. Die neu gepflanzten Bäume sind bis zu zehn Meter hoch und können schon allein stehen, ohne Stützen.

Gefühlt begegnet man täglich einer neuen Pflanze [….]

(Viktoria Großmann, 30.08.2026)

Nur in Merzland passiert rein gar nichts. Wie auch bei Wärmepumpen, E-Mobilität und Digitalisierung, reagiert Berlin mit maximaler Schläfrigkeit auf die sich rasant verändernde Welt.

Friedrich, der Lethargische tut nichts. Jedenfalls nicht, das Notwendige.

Da passt es perfekt ins Bild, wie Deutschlands Schüler im internationalen Vergleich weiter massiv verblöden, weil die notwendigen Investitionen ins Bildungssystem ausbleiben.

[….] Das Smartphone, speziell: Social Media ruiniert die Lesekompetenz, die Schere zwischen stärkeren und schwächeren Schüler*innen vergrößert sich – und was dabei alles andere als hilfreich ist: ein früh aussortierendes Schulsystem. Das sind vielleicht die bemerkenswertesten Ergebnisse der neuen Pisa-Studie der Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD. Deutschland schneidet in den drei getesteten Feldern Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz, wie auch schon bei der letzten Pisa-Erhebung 2022, in etwa beim Durchschnittswert der rund 90 teilnehmenden Länder ab – am schlechtesten mit Platz 26 in Mathematik.

Allerdings sind die Ergebnisse so schlecht wie noch nie: Rund 20 Prozent der 15-Jährigen erreicht in allen drei getesteten Kompetenzen nicht mal mehr ein Basisniveau – also etwa das Verstehen einfacher Texte. In den Naturwissenschaften liegt man erstmals seit 2006 knapp unter dem OECD-Durchschnitt.

„So schlecht wie noch nie“, fasste Studienleiter Samuel Greiff von der Technischen Universität München die Ergebnisse am Dienstag zusammen. In Mathematik bedeuteten fehlende Basiskompetenzen etwa, dass „Jugendliche keine einfache Prozentrechnung mehr durchführen können, zum Beispiel, um herauszufinden, ob sich ein Rabatt im Supermarkt lohnt“.

„Ohne Zweifel besorgniserregend“ nannte auch Bildungsministerin Karin Prien (CDU) die Ergebnisse. Aus deutscher Sicht sei insbesondere beunruhigend, dass es einen anhaltend stabilen „Trend nach unten“ gebe und „die soziale Schere weiter aufgehe“. [….] Am größten sind die Leistungsunterschiede – sprich: am ungerechtesten sind die Schulsysteme – in Luxemburg und den USA. Aber auch Deutschland kommt nicht gut weg: [….] Als Gegenbeispiel nennen die Bildungsforscher*innen Finnland oder Island, wo die Schulwahl fast überhaupt keinen Einfluss auf das Abschneiden der Jugendlichen hat. In beiden Ländern lernen Kinder, im Gegensatz zum deutschen Schulsystem, lange gemeinsam.

Ein bisschen Licht im langen Pisa-Schatten 2025 wollte die Bildungsministerin dann aber doch noch erkennen: Anders als vor 25 Jahren sei man „nicht mehr überrascht“ von den schlechten Ergebnissen und wisse, was zu tun sei. [….] 

(Anna Klöpper, 08.09.2026)

Super. Immerhin keine Überraschung. Wir wissen seit 25 Jahren, wie dysfunktional das deutsche Bildungssystem ist. Da können wir also beruhigt weiterhin untätig die Hände in den Schoß legen.


Noch ein Thema, das beim Kanzler der Milliardäre und Fossillobbyisten keine Priorität genießt. Dieser Kanzler kann es einfach nicht.

Mit sicherem Griff ins Klo sucht er die falschen Themen und vernachlässigt das wirklich Wichtige.

[….] Bildung muss endlich Priorität haben[….] Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden im Lesen und Rechnen schlechter ab denn je. Für Bund und Länder gibt es keine Ausreden mehr. Denn im Ausland läuft es besser. [….] Das ist bedenklich. Denn es bedeutet, dass es eine historisch hohe Zahl an Kindern im Land gibt, die im Alltag oder im späteren Berufsleben erhebliche Probleme haben dürften. Und dass im Bildungssystem in seiner jetzigen Form zu viele Talente verloren gehen, auf die Deutschland aber nicht verzichten kann. Die Wirtschaft im demografischen Wandel braucht gut gebildeten Nachwuchs, klar. Aber vor allem benötigt unsere Gesellschaft aufgeklärte junge Menschen, die die Demokratie mit Leben füllen.

Die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie sind besonders deshalb erschreckend, weil sie alles andere als überraschend kommen, sie schreiben einen klaren Trend fort: Zieht man Linien zwischen den deutschen Testwerten von 2012 bis 2025, dann fallen diese seither konstant ab. Die entscheidende Frage ist also: Warum haben die zuständigen Politiker es so lange nicht geschafft, dieses einfache Liniendiagramm richtig zu interpretieren und entsprechend zu handeln? [….]

(Vinzent-Vitus Leitgeb, 08.09.2026)

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