In meiner Kindheit hatten wir Bundeskanzler, mit denen meine
Familie richtig zufrieden war. Sie parlierten wunderbares Englisch, wurden in
der Welt respektiert, geschätzt, mit Ehren überhäuft (Friedensnobelpreis) und man
konnte sich auf eins verlassen: Sie machten immer bella figura.
Und dann ab 1982 das Pfälzer Grauen. Dieser
überdimensionierte Klops, der immer grinste, kein Wort englisch sprach, in
schlimmen Sandalen und Strickjacken auftrat, über keinerlei intellektuellen Hintergrund
verfügte, mit Kunst und Kultur nichts am Hut hatte und diese hochnotpeinliche
Fettnapf-Affinität auslebte.
Egal, ob er Staatsgäste in Deutschland empfing, oder
selbst auf Reisen ging: Stets tat er irgendetwas so Unangemessenes, daß man
sich entsetzt mitschämte.
In Indien erkannte er seine Gesprächspartner nicht und
fragte die Dolmetscher immer „wer ist das denn?“, die arme Thatcher trieb er bei
endlosen Saumagen-Fressgelagen zur Verzweiflung und, mein absolutes Highlight:
Kohl in Japan, als er den greisen, als Gott verehrten Tenno Hirohito traf und
jedes Tabu verletzend zu ihm stapfte und jovial seine Prankte auf dessen
Schulter legte, so daß ganz Japan vor Entsetzen über den Frevel erstarrte.
[….] Helmut Kohl, Freund
großer Versöhnungsgesten, hat schon vor seiner Polen-Reise die Gastgeber
verärgert. Er wählte wieder einmal - wie im Eifelstädtchen Bitburg beim Besuch
von US-Präsident Reagan - den falschen Ort zur falschen Zeit. [….] Er
kann es nicht.« Heiner Geißlers bündiges Urteil über Kanzler Kohl hat sich
einmal mehr bestätigt. Noch ehe der CDU-Regierungschef in dieser Woche nach
Polen aufbricht, ist der Erfolg der Reise vertan.
Der Kniefall des
SPD-Kanzlers Willy Brandt im früheren Warschauer Getto war von den Polen als
Sühnegeste angenommen und von den Deutschen gebilligt worden, auch wenn die
Empörung unter Reaktionären groß war.
Der Einfall von Helmut
Kohl, ausgerechnet den Annaberg, für die Polen Symbol des Behauptungswillens
gegen die Deutschen, mit einem Abstecher zu beehren, hat antideutsche
Ressentiments im Gastland aufwallen lassen.
Auch wenn Kohl beteuerte,
es sei ihm um eine »Demonstration nach vorn« gegangen - bei den Polen mußte,
solange ein klares Kohl-Wort zum Verzicht auf die ehemals deutschen Gebiete
jenseits von Oder und Neiße ausbleibt, der Annaberg-Besuch den Argwohn nähren,
der deutsche Kanzler wolle dort Flagge zeigen.
Kohls Umfall bringt nun die
Rechten zu Hause auf. Der Kanzler weicht vom oberschlesischen Annaberg auf das
niederschlesische Gut Kreisau aus, auf dem sich von 1938 an Hitler-Gegner und
Widerstandskämpfer getroffen hatten, der sogenannte Kreisauer Kreis. »Jetzt
sagt der deutsche Mensch«, beklagte ein enger Kohl-Mitarbeiter das Ungeschick
seines Chefs, »da bringen wir die Milliarden, und dann darf der Kanzler nicht
auf den Annaberg.«
Den Verdacht, daß die Polen
nur am Geld der Deutschen, nicht aber an Versöhnung interessiert seien,
verstärkte Kohls Polen-Unterhändler Horst Teltschik noch, als er öffentlich
jammerte: »Die Kontroverse zeigt eigentlich, wie weit weg wir noch von der Aussöhnung
zwischen unseren beiden Völkern sind.«
Seit Bundespräsident
Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation 1985 für
eine Nachkriegsgeneration das Geschichtsbild prägte, versucht Kohl unablässig
seine Korrekturen anzubringen - für die Vorgestrigen. Das Ergebnis: Peinlichkeiten,
Pannen und politische Verwicklungen, wann immer sich der Historiker Helmut Kohl
anschickt, deutsche Geschichte zu bewältigen.
Das stimmungsvolle Bild in
der Kathedrale von Reims vor Augen, wo Konrad Adenauer und Charles de Gaulle
das Kapitel deutsch-französischer Feindschaft abschlossen, greift der Enkel
gierig nach jeder Gelegenheit, nun auch seinerseits Versöhnungen zu inszenieren.
In Israel glaubte Kohl, er
könne als Kanzler der Unbelasteten zur politischen Normalität übergehen. Aber
sein Wort von der »Gnade der späten Geburt« gilt seither als Synonym für den
gescheiterten Versuch einer Flucht vor der Vergangenheit.
In Bitburg wollte Kohl über
Gräbern Hand in Hand mit US-Präsident Ronald Reagan die Freundschaft der
einstigen Kriegsgegner besiegeln - auf einem Friedhof, wo auch Soldaten der
Waffen-SS begraben sind. Kohl brachte Freund Reagan in die größten innenpolitischen
Schwierigkeiten.
Den sowjetischen
Staatspräsidenten Michail Gorbatschow beleidigte der Kanzler durch einen
Vergleich mit dem NS-Propagandisten Goebbels.
Nun ist geschichtslose
Tolpatschigkeit mit einem neuen Namen verbunden: Annaberg. Was als große Geste
angelegt war, endete in großer Verlegenheit - für Gastgeber und Gast. [….]
(DER SPIEGEL, 05.11.1989)
Was haben wir gelitten!
Umso extremer war der Unterschied zur folgenden
Fischer/Schröder-Regierung, die bald in Ost und West, bei Arabern und Israelis
gleichermaßen hochgeschätzt und als Vermittler gewünscht wurde.
Die unglaubliche Symbolik dessen,
daß sich Gerhard Schröder und Jacque Chirac auf verschiedenen EU-Gipfeln
gegenseitig vertraten, daß man sich so gut kannte und sich so sehr vertraute,
daß Chirac für Deutschland und später Schröder für Frankreich eine Stimme
abgab, verursacht immer noch Gänsehaut.
Würden sich heute Paris und
Berlin gegenseitig den Krieg erklären, stünde das Volk auf, um die eigenen
Regierungen abzusetzen. Kein Soldat würde auf Soldaten des Nachbarlandes
schießen.
Merkel hingegen war wieder eine wirklich schlechte
Außenpolitikerin, die Deutschlands Ansehen in der EU während der Finanzkrise
2008/9 gründlich ruinierte und in 16 Jahren bei zahllosen Staatsbesuchen immer
wolkig und vage blieb. Niemand wird sich an bedeutende internationale
Begebenheiten erinnern, die mit dem Namen „Merkel“ verbunden bleiben. Aber,
immerhin; sie trat persönlich bescheiden und gut vorbereitet auf. Man musste
nie befürchten, daß sie, wie der hysterische Westerwelle oder der Provinzler
Kohl, irgendetwas so dämliches tun würde, um sich weltweit für sie zu schämen.
Olaf Scholz war viel zu kurz Kanzler, um viele
internationale Pflöcke einzuschlagen, aber er setzte immerhin eine globale Mindestbesteuerung durch und
hielt nach dem russischen Übergriff auf die Ukraine bemerkenswert gut die EU
zusammen.
Auch Scholz konnte auf Reisen gehen, ohne irgendjemanden
in Deutschland in Spannungen zu versetzen. Er war viel zu fleißig, zu
intelligent und zu besonnen, um sich massiv zu blamieren.
Mit dem Fritzekanzler hingegen, knüpft Deutschland wieder
an 1998 an. Die Kohlschen Peinlichkeiten sind wieder da.
Der Mann hat sich absolut nicht im Griff und ist
jederzeit zu einem Satz der höchsten Idiotie fähig, weil er die Konsequenzen des
von ihm Gesagten, nicht abzuschätzen weiß.
[….] Nach der Jungen Union
kritisiert nun auch eine zweite Parteivereinigung das Politikmanagement der
Regierung Merz hart. Der Arbeitnehmerflügel zieht dabei sogar einen Vergleich
zu einem Hühnerhaufen.
[….] „Jeder, der es gut mit
der Union und dieser Regierung meint, ist jede Woche aufs Neue erstaunt und
entsetzt über die Fettnapfquote“, sagt der CDA-Bundesvorsitzende Dennis Radtke
im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. „Kaum ist die Debatte über das Stadtbild
beendet, diskutieren wir über die Frage, bis zu welchem Alter welche
Medikamente genehmigt werden sollen oder ab wann wir wieder russisches Gas
kaufen können – und das, während in der Ukraine jeden Tag Zivilisten durch
Putins Raketen sterben.“ Es gebe kein Leitmotiv, keinen roten Faden, klagt
Radtke. Stattdessen scheine sich „eher das Prinzip Freestyle durchzusetzen, wo
jeder einfach mal irgendwas raushaut“. Es wäre ratsam, diese ständige
Fortsetzung von „einfach mal machen“ zu stoppen. „Aktuell wirkt jeder
Hühnerhaufen im Vergleich wie ein strukturiertes Gebilde mit klarem Kompass.“
„Einfach mal machen“, das
ist das Motto von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Die Debatte über
Energie aus Russland hatte CDU-Vize Michael Kretschmer, der sächsische
Ministerpräsident, vom Zaun gebrochen. Und es war der Drogenbeauftragte der
Regierung Merz, Hendrik Streeck, der die Frage aufgeworfen hatte, ob man sehr
alten Menschen noch besonders teure Medikamente verordnen sollte. [….]
(Robert Roßmann, SZ, 17.11.2025)
Die enorme Fettnapfquote des Fritzekanzlers ist nicht
gut. Schon gar nicht in einem international so komplexen Umfeld.
Aber es führt kein Weg an der grundsätzlichen Erkenntnis
(die ich auf diesem Blog lange vor seiner Kanzlerschaft immer wieder
darstellte) vorbei: Merz kann es einfach nicht. Er ist mit seinem Job
hoffnungslos überfordert. Intellektuell und charakterlich.
Nein, natürlich bin ich nicht überrascht zu sehen, wie
Merz an seiner Aufgabe scheitert. Das war abzusehen. Offen war nur, ob er mit
der Zeit ein wenig dazulernen könnte, ob er begreift, sich zu zügeln und auch
den übernächsten Schritt zu antizipieren. Das kann man aber nach sechs Monaten Fritzekanzlerschaft
beantworten: Nein, Merz ist nicht lernfähig. Im Gegenteil; es wird schlimmer.
[…] Es war Friedrich Merz,
der Angela Merkel einmal vorgeworfen hat, das Erscheinungsbild ihrer Regierung
sei „grottenschlecht“. Und es war ebenfalls dieser Friedrich Merz, der Olaf
Scholz den Satz entgegengeschleudert hat: „Sie können es nicht.“ Scholz sei ein
„Klempner der Macht“, der sein Handwerk nicht beherrsche. Ganz unabhängig von
der Frage, ob Merz damit recht hatte: Wer andere derart harsch kritisiert,
sollte sein eigenes Handwerk beherrschen. Merz tut das aber offensichtlich
immer noch nicht.
Seit einem halben Jahr ist
der CDU-Chef nun Kanzler. Aber man bekommt den Eindruck, dass der Abstand
zwischen den Pannen nicht größer, sondern kleiner wird. Beinahe im Wochentakt
geht etwas schief. Zuletzt der Umgang mit den Syrien-Äußerungen des Außenministers
und die Stadtbild-Debatte, die Merz spontan, angreifbar unpräzise und ohne
Strategie losgetreten hatte. Und jetzt das Fiasko auf dem Deutschlandtag der
Jungen Union. Mit seinem grottenschlechten Agieren im Rentenstreit hat Merz die
Koalition in die nächsten Turbulenzen geführt. Wobei „führen“ hier eigentlich
das falsche Verb ist. Er hat sie hineinschlittern lassen.
Seit Monaten hatten die
Jungen in der Union darauf hingewiesen, dass ihrer Ansicht nach der
Rentengesetzentwurf der Sozialdemokratin Bärbel Bas über den Koalitionsvertrag
hinausgeht. Und dass es dabei um enorme Mehrkosten von 115 Milliarden Euro
gehe. Die Jungen haben ihren Ärger darüber erst intern, dann in aller
Deutlichkeit auch öffentlich kundgetan. Jeder wusste, dass es auf dem
Deutschlandtag zu einem Showdown kommen würde, wenn Merz, sein
Kanzleramtsminister Thorsten Frei und Unionsfraktionschef Jens Spahn den Streit
nicht vorher eindämmen. Aber das Trio hat auch dieses Mal versagt. [….]
(Robert Roßmann, 16.11.2025)
Es passiert nicht häufig, aber ich füge mich der
Mehrheitsmeinung und bezweifele, daß diese Koalition mit diesem Kanzler bis
2029 hält.
Das Quintett an den CDU-Scharnieren der Macht – Kanzler Merz,
Fraktionschef Spahn, General Linnemann, Kanzleramtsminister Frei,
Staatsminister Meister – erweist sich als zu dumm. So schlicht muss man
es leider ausdrücken.
JU-Chef Johannes Winkel und Redding führen bei einer
Koalitionsmehrheit von 12 Stimmen eine Gruppe von 18 Abgeordneten an, die unter
keinem Umständen dem Rentenpaket zustimmen will, während Merz sich festgelegt
hat, nichts zu ändern. Das dumme Quintett ist, wieder einmal, völlig
unvorbereitet und ratlos, wie der Zug gegen die Wand, aufgehalten werden soll.
[…] Winkel und Pascal
Reddig, Vorsitzender der Jungen Gruppe der Union im Bundestag, wissen im
Rentenstreit die Junge Union geschlossen hinter sich. Die Delegierten der
größten deutschen Nachwuchsorganisation beschlossen den Leitantrag zur
Generationengerechtigkeit am Wochenende mit 100 Prozent Zustimmung. Reddig
bekam den meisten Applaus für den Satz, mit dem er das Nein zum Rentenpaket
ohne Änderungen bekräftigte: »Ihr könnt euch darauf verlassen: Wir bleiben in
dieser Frage stehen.«
Und nun? Die Lage ist
verfahren, alle Akteure beharren auf ihrer Position – auch Winkel und Reddig
können jetzt eigentlich nicht mehr einknicken. Damit steuert die Koalition auf
einen Abgrund zu. Einen einfachen Ausweg gibt es nicht mehr für Merz. Am Montag nutzte der Kanzler den
Wirtschaftsgipfel der »Süddeutschen Zeitung« für die nächste Spitze gegen
Winkels Leute. Er stellte fest, dass er bei der »SZ« freundlicher empfangen
worden sei als bei der Jungen Union. [….]
(SPIEGEL, 17.11.2025)
Der Fritzekanzler hat keine Mehrheit mehr und keine Rückendeckung in der Partei.
Nach sechs Monaten. Das dürfte Rekord sein. Die Stimmung wird sich weiter
verschlechtern. Denn die großen politischen Brocken kommen noch. Die fünf Landtagswahlen
in 2026 kommen noch. Aber schon jetzt ist die Lage innerhalb der CDU maximal
verfahren.
[….] Für Dagmar Schmidt,
Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, ist der Rentenstreit das Problem
der Unionsfraktion. Die Junge Gruppe trete als „eigenständig agierende Kraft
auf, die Machtspiele treibt, statt Verantwortung für Deutschland zu
übernehmen“, so Schmidt zur taz. Die SPD erwarte, dass die Unionsfraktion, „wie
im Koalitionsvertrag vereinbart, zum schwarz-roten Rentenkompromiss steht“.
[….] Unterstützung erhält Merz von CSU-Chef Markus Söder. „Verschieben ist
Unsinn“, so der bayerische Ministerpräsident. Söder bangt um die Mütterrente,
ein Herzensanliegen der CSU. Die gehört zu dem Rentenpaket ebenso wie die
Aktivrente, mit der Rentner*innen zum freiwilligen längeren Arbeiten bewegt
werden sollen, und die Frühstartrente für Kinder. Beides will die CDU unbedingt
umsetzen. Merz will das Rentenpaket, das vom Kabinett bereits beschlossen ist,
schnell durch den Bundestag bringen. Am Samstag hatte er das auch der JU noch
einmal deutlich gemacht. Merz zeigte klare Kante. […]
(taz,
17.11.2025)
Das Kernproblem ist das Quintett der Dummen; Merz
verbockt es selbst immer wieder, weil er nicht regieren kann!
[…] Ein Debakel mit Ansage
Kanzler Merz demonstriert
wieder einmal, dass er die Kunst der Regierungsführung nicht beherrscht. Für
die Reformfähigkeit verheißt das nichts Gutes.
Friedrich Merz dürfte der
„Deutschlandtag“ der Jungen Union (JU) lange in Erinnerung bleiben. Noch nie
wurde dem Kanzler in Anwesenheit und auf offener Bühne so klar vorgeführt, dass
er dabei ist, seine größten Unterstützer zu verlieren. Die JU, das waren
bislang mehrheitlich Merz-Ultras. Noch vor einem Jahr war Merz hier als
künftiger Kanzler frenetisch gefeiert worden. Jetzt: kritische Nachfragen, kein
Beifall, eisiges Schweigen. Aus zwei Gründen kann einen das nicht kalt lassen:
Merz hat diese Mischung aus Wut und Enttäuschung und die damit eingehende
Verhärtung bei der Jungen Union erstens selbst mit produziert. Und damit, nur
kurz nach Stadtbild-Äußerungen und Syrien-Debatte, wieder einmal gezeigt, dass
er das Handwerk des Regierens nicht beherrscht.
Was in diesem Fall zweitens die ohnehin angeschlagene Koalition in eine
fulminante Regierungskrise führen könnte. [….]
(Sabine am Orde, 17.11.2025)