Mittwoch, 27. Mai 2026

Die alten Methoden sind besser – Teil II

Vom Glück der frühen Geburt berichtete ich vorgestern. Der analoge Mensch kapiert mehr: Auf Papier gedruckte Texte werden besser verstanden, man lernt effektiver, wenn man mit der Hand schreibt, Zusammenhänge bleiben nachhaltiger im Gedächtnis, wenn man nicht kontinuierlich das Klugtelefon zur Nachhilfe benutzt.

Das Textverständnis, das Schreiben wird ausgefeilter, wenn man viele gedruckte Texte liest. Das Stilgefühl geht verloren, wenn man KI-generierte Texte konsumiert und immer nur kleine Zusammenfassungen konsumiert.

An dieser Stelle sei ein Artikel aus dem vorletzten SPIEGEL empfohlen, der erklärt, wieso KI und Large Language Models (LLMs) nicht in der Lage sind, witzig zu sein.

Selbstverständlich wird die KI nicht aufzuhalten sein, selbstverständlich kommen die Zeiten nicht zurück, in denen jeder mit der Hand schrieb und man nur auf Papier gedruckte Informationen verarbeitete.

Ich glaube ohnehin nicht an eine noch wesentlich länger währende Zukunft des Homo Sapiens. Das nächste Jahrhundert wird diese Spezies meiner Ansicht nach nicht erleben.

Als Antinatalist, der mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, kommt mir das entgegen. Wer sich hingegen um den Fortbestand seiner eigenen egoistischen Gene sorgt, oder sich womöglich schon reproduziert hat, sieht das mutmaßlich anders.

Vielleicht irre ich mich und die Menschheit wird in hundert Jahren prosperieren; ich werde es sicher nicht erleben. Aber wenn es so käme, wären die „digital immigrants“, die letzten Vertreter des analogen Zeitalters ausgestorben. Die Menschen werden nicht vergleichen können und daher keinen Verlust empfinden, wenn niemand mehr alle Rechtschreibregeln beherrscht, mit einem Füller schreiben kann, auf stilistische Feinheiten in Texten reagiert.

Es wird Lebensqualität verloren gegangen sein, die niemand vermissen wird.

Dazu gehört für mich auch Musikverständnis. Es ist eine Unsitte, daß durch die allgegenwärtigen Streamingdienste heute jeder Song nur zwei Klicks entfernt ist und in Sekundenbruchteilen beurteilt wird, ohne den Sänger, den Produzenten, das Album, das Konzept, das Cover zu kennen. Ich alter Sack glaube ernsthaft, daß deswegen so viel zeitgenössische Musik so schlecht ist. Es wird für den ganz schnellen Erfolg einzelner kurzer Stücke produziert. Eingängliche Bass-lines, die Hooks werden primitiver.

„Konzeptalben“ sterben aus, weil ohnehin nur noch einzelne Schnipsel „zu meiner playlist geadded“ werden. Zum Glück gibt es für Dinosaurier wie mich noch genügend Musiker, die sich dem Trend widersetzen, so daß ich immer wieder Neues entdecken kann, das mich erfreut.

Aber ich empfinde viel Wehmut für die Zeiten, als man sich neue Popmusik noch mit erheblich mehr Mühe erarbeitete und sie daher auch viel mehr würdigte. Es war nicht alles über die Ohrstecker verfügbar, sondern erforderte technischen und logistischen Aufwand!

(….)  Schon bevor ich 16 wurde, [und noch keinen eigenen Plattenspieler hatte] kaufte ich mir Schallplatten, beispielsweise genau vor 40 Jahren, zum Erscheinungsdatum im März 1983, „The Hurting“ (Tears for Fears), die ich aber meinem Alter entsprechend keinesfalls immer in Gegenwart meiner Mutter im Wohnzimmer hören wollte. Also fuhr ich mit meiner Schallplatte und Leercassetten zu meiner liebsten Schulfreundin, die bereits einen eigenen Plattenspieler besaß und ließ mir dort alles überspielen. So wie ich schon zuvor meine Lieblingsmusik in der Zeit; Helen Schneider, Kate Bush, David Bowie, Depeche Mode und The Cure; immer auf Cassette umformatieren musste, um sie in meinem Zimmer hören zu können.

Eine Single-Platte kostete sechs D-Mark, Langspielplatten an die 20 DM. Kein Pappenstiel für Taschengeld-abhängige Jung-Teenager. Man musste darauf sparen. Zudem war es nicht unbedingt leicht, die Objekte der Begierde überhaupt zu bekommen. Zunächst einmal musste man sich durch Zeitschriften informieren und dann mit Bus und Bahn durch die Stadt fahren, die wenigen guten Plattengeschäfte aufsuchen, in die Alben reinhören und hoffen, daß noch ein Exemplar da war. Das erforderte oft viele Anläufe, viele Stunden Bahnfahrt und viele vergebliche Stunden Stöberei.

Für die Generation Klugtelefon mag das extrem umständlich klingen, aber der Gedanke kam mir logischerweise nie, weil ich es nicht anders kannte. Auch a posteriori möchte ich die Erfahrung nicht missen, da wir unsere neuen Schätze eben auch wie einen echten Schatz schätzten. Ich erinnere mich an eine Verabredung mit einer Mitschülerin, die vorher noch nie bei mir war, so daß ich üblicherweise einigen Aufwand betrieben hätte, um es ihr angenehm zu machen. An dem Tag bekam ich aber die lang ersehnte „The Head in the Door“ (The Cure, 1985), so daß ausführliche Untersuchungen des Covers, Lesen der Texte und ununterbrochenes Hören notwendig wurde.

Ich weiß noch genau, wie ich mich entschuldigte, nicht fragen zu können, was meine Besucherin gerne hören würde, aber nun müsse ich nun einmal ununterbrochen „in between days“ und „close to me“ hören. Aber selbstverständlich akzeptierte sie das, da es ihr auch immer so mit einer neuen Platte ginge; damit beschäftige man sich über Tage intensiv.(……..)

Heute gehöre ich zu den Alten, die sogar noch älter sind, als meine Eltern zu dem Zeitpunkt, als ich sie erstmals nicht mehr als totale Autorität akzeptierte.

Akustische Verbrechen wie Max Giesinger und Philipp Poisel können heute geschehen, weil die universelle, billige und superschnelle Verfügbarkeit jeder Musik das Urteilsvermögen der jungen Generation zerstört haben.

Daß ich vor 40 Jahren ein großen Aufwand für eine neue Schallplatte trieb und mich tagelang intensiv nach dem Kauf damit beschäftigte, korrespondierte mit den Ebenen der Plattenfirmen und der Künstler. Schallplatten waren ihre Haupteinnahmequelle und dementsprechend viel Mühe steckten auch die Musiker in ein neues Album. Sie wußten, es würde von jedem Käufer auf Herz und Nieren geprüft. Heute kommt das Geld durch Konzerte und Merchandising rein. Ein Popmusiker ist nicht mehr auf die Verkaufszahlen seiner CDs angewiesen. 12 ausgefeilte Songs aufwändig zu produzieren, ist pure Verschwendung. Ein radiotauglicher Track reicht. Der Rest wird lieblos zusammengesampelt, um das Album zu füllen. Die Konsumenten downloaden ohnehin nur das eine Lied. Da alle vernetzt sind, mögen ohnehin alle dasselbe. Social Media nivelliert die Jugend nicht nur optisch, sondern auch in jeder anderen geschmacklichen Hinsicht. (…….)

(Die Alten von heute, 07.04.2023)

Weil die enorme Arbeit, die Musiker in ein Album stecken, ohnehin nicht mehr gewürdigt werden, sind Vinyl-Platten und CDs kaum noch ein wirtschaftlicher Faktor. GenZ versteht nicht, wieso man 20 Euro oder mehr für ein haptisches Ding ausgeben soll, wenn die darauf gepressten Töne ohnehin quasi kostenlos zur Verfügung stehen.

Daher beschwert sich GenZ auch laut lamentierend über Paywalls für ausgezeichneten Journalismus. Ihre ausgeprägte Gratis-Mentalität ist nichts anderes, als eine widerliche Missachtung der Leistung, des Könnens, der Mühe, der Arbeit Dritter.

Presseartikel haben aber eben nicht die gleiche Qualität, wenn sie ein Praktikant durch KI und Wikipedia zusammenbastelt – verglichen mit einem investigativen Journalisten, der recherchiert und alles nach dem Zwei-Quellen-Prinzip überprüft.

So wandert guter Journalismus heute in die Nische und wird immer teurer. Oder stirbt aus. Ein Alptraumszenario, denn so steht es Algorithmen und KI frei, das Volk nach Belieben zu manipulieren.

Musiker, die nicht verhungern wollen, suchen sich andere Einnahmequellen. Merchandising und Mega-Tourneen, wenn man schon berühmt ist. Anderenfalls Patreon und OnlyFans.

Man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Aber es nimmt gelegentlich erbärmliche Formen an, wenn alte und wirklich nicht gesunde Künstler aus purer Geldnot zu Tourneen und Auftritten gezwungen werden, weil über die Tonträger kein Cent mehr reinkommt.

Aber auch die ganz großen Stars stoßen an Grenzen in einem System, das ohne Plattenverkäufe läuft und somit eine permanente Geringschätzung der Hörer für ihre Stars darstellt. Konzerttickets werden derartig teuer, daß selbst die ganz Großen sie nicht mehr alle loswerden.

[…] Sein erster Tourstopp in Europa ist nicht ausverkauft. Ist Harry Styles schon in seiner »Flop-Era«? […] Was, wenn niemand kommt?

Keine Sorge, Harry: Natürlich kam jemand! Und doch wurde vor dem Auftakt seiner »Together Together«-Tour in Amsterdam getuschelt. In nahezu jeder Kategorie gab es am Tag des Konzerts noch Tickets zu kaufen. Auf TikTok berichteten  Fans , sie hätten aus »Produktionsgründen« bessere Plätze zugewiesen bekommen. Andere klagten, sie würden ihre Karten nicht mehr  loswerden  – und wenn, dann deutlich unter dem Originalpreis.  [….]

(SPIEGEL, 18.05.2026)

Megastar Styles wird es verkraften. Seine Tour findet statt, in Amsterdam gibt er gleich zehn Shows.

Andere müssen klammheimlich ihre gesamten Tourpläne begraben.

[…] Live-Konzerte in den USA kosten Fans oftmals ein kleines Vermögen. Immer häufiger sagen Künstler ihre Auftritte ab. Möglicherweise liegt das an schlechten Verkaufszahlen. […] In den USA gibt es schon einen neuen Begriff für das Phänomen: Das "blue dot fever" - das Blaue-Punkte-Fieber - gehe um. Das Phänomen ist benannt nach den blauen Punkten, mit denen Ticketplattformen freie Sitze markieren. Die These: Mehr Konzerte würden abgesagt, weil nicht genug Tickets verkauft worden seien. Nur wenige Acts räumen das freimütig ein, so wie die Pussycat Dolls. Sie gaben für die kürzlich abgesagten US-Konzerte ihrer Revival-Tour halbwegs deutlich zu: Man habe sich den US-Teil der Tour ehrlich angesehen und alle bis auf ein Konzert gestrichen. Die Konzerte in Europa hingegen finden statt.

Musiker wie Meghan Trainor, Post Malone oder Zayn Malik nannten dagegen andere Gründe für kurzfristige Absagen. Fans und Experten spekulieren trotzdem, ob Ticketverkäufe eine Rolle gespielt haben. […] Die Theorie von Musikjournalist Chris Willman: Topstars wie Billie Eilish oder Taylor Swift könnten zwar fast jeden Preis verlangen, aber wer nicht in der absoluten Top-Liga spiele, verkalkuliere sich schneller mal - mit der Höhe der Ticketpreise, der Größe der Halle oder der Zahl der interessierten Fans, sagte er bei Entertainment Tonight.

Die Konzertpreise in den USA sind hoch: Im Schnitt zahlt man mittlerweile für erfolgreiche Künstler nach Pollstar-Daten mehr als 130 US Dollar pro Ticket, für Superstars sind ein paar Hundert Dollar keine Seltenheit - und bei begehrten Tickets bestimmt immer öfter die Nachfrage den Preis, das sogenannte dynamic pricing. […]

 (Tagesschau, 25.05.2026)


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