Sonntag, 3. Juli 2022

Feinderkennung

Der vom genialen Wolfgang Menge kreierte Alfred Tetzlaff war so ein kleines Würstchen. Konservativ, xenophob, besserwisserisch und zutiefst heuchlerisch.

Er verachtete Arbeiter und noch mehr diejenigen, die für Arbeitnehmerrechte eintraten. Seine ganze Bewunderung galt der Oberschicht. Direktoren, dem Geldadel, der Aristokratie oder auch hohen Militärs. Er blickte auf Arme herab, adorierte Reichtum. Dabei hatte er selbst nur einen schlecht bezahlten Job, war ungebildet und lebte in dem Haus, das seine Frau geerbt hatte.

Er selbst war der geborene Untertan, der zu keinerlei Solidarität gegenüber seiner eigenen „sozialen Schicht“ fähig war, sich irrational für etwas Besseres hielt und stets bereit war, nach oben zu buckeln, servil die Hintern seiner Vorgesetzten zu küssen.

Das reaktionäre Spießertum des Kleinstbürgers faszinierte uns alle so sehr, daß Ein Herz und eine Seele von 1973 bis 1976 ein Straßenfeger war.

Der Charakter schien grotesk überzeichnet zu sein, so daß man ihn herzlich auslachte. Dabei gab und gibt es bedauerlicherweise viel mehr Tetzlaffs in unserer Welt, als uns lieb sein kann.

Heute staune ich, wie unkritisch Jugendliche bei Amazon bestellen, bei Lidl und Aldi einkaufen, Techmilliardäre wie Musk bewundern.

Social-Media-Milliardäre des Kardashian-Typs leben nicht aus eigener Kraft ihren ausbeuterischen Lifestyle, sondern werden von Abermillionen Followern für ihren Reichtum bewundert. Wenn sie einen neuen Rolls Royce, Diamantschmuck, Handtaschen im Wert einer Eigentumswohnung oder einen Privatjet präsentieren, hagelt es Millionen Likes von all den armen Schluckern, die sich so etwas nie im Leben leisten können werden.

Natürlich ist jeder von uns partiell den Superreichen ausgeliefert. Es lässt sich kaum vermeiden, durch sein eigenes Verhalten Gates, Musk, Bezos, Zuckerberg, Schwarz, Albrecht und Co immer mehr Geld zuzuschaufeln.

Aber ich werde nie verstehen, wieso sich nicht viel mehr Menschen im Alltag wenigstens ein bißchen um Alternativen bemühen.

Muss man bei der Wohnungssuche oder beim Online-Preisvergleich ausgerechnet auf Portale zurückgreifen, die den ultrarechten Schwurbler Döpfner reicher machen?     Immowelt.de & immonet, Stepstone, Meinestadt, idealo.de, kaufDa, Bonial, finanzen.net und viele andere mehr gehören dem Axel-Springer-Konzern. Das ist aber nicht bloß irgendeine Firma, die mir zufällig etwas unsympathisch ist, sondern BILD, WELT, Döpfner und Reichelt sägen an unserer Demokratie, verbreiten Fake-News und Covidiotie.

Man muss weder ein Buch, noch ein Hemd oder ein USB-Kabel bei Amazon kaufen.  Es ist völlig unangebracht, Steuerflüchtlinge und Umweltsäue bei ihrem Tun auch noch zu unterstützen, wenn es Alternativen gibt.

Ich kaufe grundsätzlich niemals bei Discountern, weil ich regionale Händler und Produzenten unterstützen will. Natürlich verstehe ich, in einer privilegierten Lage zu sein. Ich muss nur für eine Person einkaufen und lebe mitten in einer Millionenstadt, in der ich die freie Auswahl habe.

Hätte ich sieben Kinder, lebte von Grundsicherung und das in einem Minikaff, in dem ein Lidl im Umkreis von zehn Kilomatern der einzige Supermarkt ist, würde ich notgedrungen auch dort einkaufen.

Aber dazwischen gibt es viel grau; viele Leute, die in den Discounter gehen, weil sie bequem sind, nicht nachdenken oder schlicht geizig sind.

Ich bin es leid, von meinen Lieblingspolitmagazinen das 197. mal Horrorgeschichten über Gammel- oder Separatorenfleisch zu hören.

Was erwarten die Leute denn, wenn sie ein Kilo Tiefkühl-Lasagne für 99 Cent kaufen? Daß das aus glücklichen Kobe-Rindern, die ihr Leben lang gestreichelt, massiert und liebevoll umhegt wurden, hergestellt wurde? Oder ist es wahrscheinlicher, daß da ein paar alte Hunde und Pferde vom Abdecker mit verwurstet wurden?

Naomi Kleins „No Logo“ erschien vor 22 Jahren und die weltweiten Verbraucher und Wähler haben immer noch nicht begriffen, daß sie eine gewaltige Marktmacht ausüben mit ihren alltäglichen Entscheidungen.

Es ist zum Verzweifeln.

[…] Im Würgegriff der Feinde der Menschheit

Das Supreme-Court-Urteil gegen effektiven Klimaschutz in den USA ist ein Symptom für ein viel größeres Problem: die unglaubliche, globale Macht der Branchen, die uns in den Untergang führen.

[…] Diese Woche hat diese globale, dezentrale, aber extrem effektive Verschwörung in den USA deutlicher, als sie das sonst tut, ihr Gesicht gezeigt. Die Karten liegen auf dem Tisch. Aber die Menschheit reagiert nicht. Bislang. In den USA wurde deutlich, worauf die sogenannten Konservativen dort, die in Wahrheit primär willfährige Handlanger der US-Öl-, Gas- und Kohleindustrie sind, seit vielen Jahren hinarbeiten: auf die Möglichkeit nämlich, ihre planeten- und damit zivilisationszerstörenden Geschäftsmodelle vor möglichst jeder Einschränkung zu beschützen.  […]

(Christian Stöcker, 07.03.2022)

Wir sind diesen Weltenzerstörern eben nicht hilflos ausgeliefert, sondern könnten wählen gehen, unsere Konsumgewohnheiten ändern, weniger Kinder bekommen, gezielter einkaufen, nachhaltiger leben, uns informieren, handeln – und all das ohne FFF-artig mit Superkleber auf einer Straßenkreuzung fixiert zu werden.

Es wäre nicht notwendig gewesen, daß die Erstwähler 2021 die FDP zur zweitstärksten Partei erkoren.

Samstag, 2. Juli 2022

Ausländer einbürgern!

Es fällt auch CDU-affineren Menschen als mir inzwischen schwer, überhaupt noch irgendeinen Politbereich zu finden, in dem die Union keinen schweren Schaden anrichtete und ansatzweise richtig lag.

16 Jahren CDU führten Deutschland auf’s Abstellgleis. Ideologische Verbohrtheit, bornierter Umgang mit Fakten, Lobbyhörigkeit, sowie Faulheit und generelle Unfähigkeit verschonten kein CDUCSUFDP-geführtes Ministerium. Scheuer, Spahn, Karliczek, AKK, Altmaier, Seehofer – was konnte man da anderes erwarten?

Europapolitik, Bundeswehr, Bildung, Bildung, Gesundheitspolitik, Corona, Energie, Steuern, Klima – die Konservativen führten stets in die ganz falsche Richtung und so ergibt sich für das Jahr 2022 eine verlässliche politische Richtschnur: Tue immer das Gegenteil dessen, was Söder, Merz und Lindner wollen.

Unglücklicherweise sitzt die FDP in der Ampel und zwingt dadurch auch die Scholz-Regierung immer wieder in hepatistisgelbe Sackgassen, die sich schnell als teure Fehler herausstellen – Tankrabatt, Blockade Tempolimit, Verhinderung präventiver Corona-Politik, Verbrennungsmotorwahn.

Dieses Jahr fällt uns besonders der über Jahrzehnte populärste CDUCSU-Markenkern vor die Füße. Ihre xenophobe Einwanderungspolitik, die stets von völkischen Wahngedanken, „deutscher Leitkultur“, Asylbekämpfung, Abwehr, Obergrenzen, Mauern, Grenzschließungen, Frontex, Hürden und Verboten gekennzeichnet war.  Das mochten die Wähler. Man wollte deutschblondblauäugig bleiben, keine Dunkelhäutigen in der U-Bahn sehen, nicht von einem syrischen Kardiologen untersucht werden und jeder Handwerker sollte akzentfrei deutsch sprechen.

Diese Haltung war immer kleinkariert, unsympathisch und vor allem zutiefst unmoralisch. Exportmeister Deutschland verdiente prächtig an einer Politik, die weltweit Millionen Menschen zwang ihre Heimat zu verlassen. Aber wehe, sie wollten zu uns kommen! Merkel und OBERGRENZE-Seehofer gaben Milliarden aus, um Pushbacks zu finanzieren, Kinder im Mittelmeer zu ersäufen und Potentaten in der Türkei und Libyen Migranten festhalten und misshandeln zu lassen.

Es war eine zutiefst abstoßende Politik, die vielfach noch in Kraft ist. LGBTIQ-Flüchtlinge werden abgeschoben, seit Jahren integrierte Bürger Deutschlands aus ihren Familien gerissen und in Nacht- und Nebelaktion wie Vieh in für sie fremde Länder geflogen.

Konservative Politiker – und AfDioten sowieso – empfinden kein Mitleid, agieren aus Fernstenhass. Unvergessen, wie sehr sich der fromme Katholik Horst Seehofer als Integrationsminister kehlig lachend freute, an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abzuschieben. Es war der pure Sadismus. Mindestens einer der Abgeschobenen wurde, wie erwartet dort von den Taliban umgebracht, mehrere andere kehrten unter aberwitzigen Strapazen nach Deutschland zurück.

Ich bezweifele sehr, daß die Linder/Buschmann/Wissing-FDP zu mehr Mitgefühl in der Lage ist. Aber immerhin sind die Eitergelben in gesellschaftspolitischen Fragen etwas weniger verbohrt als Merz und Söder.

Sie begreifen, welch katastrophalen ökonomischen Schaden der Fachkräftemangel anrichtet. Kaum ein Bereich ist nicht betroffen. Öffentliche Schwimmbäder müssen schließen, Bäcker finden keine Verkäufer, Airlines können ihre Passagiere nicht abfertigen, Krankenhäuser müssen Stationen schließen und Operationen verschieben. Lieferdienste finden keine Fahrer, Container können nicht transportiert werden, weil die Logistikunternehmen ihre LKWs nicht mehr besetzen können, Gastronomen sind verzweifelt, Friseure müssen Kunden vertrösten und auf Handwerkertermine müssen wir monatelang warten.

Sicher, einiges ist hausgemacht. Bäcker in Not, die ihre eigenen Filialen nicht weiter betreiben können, weil sie kein Personal finden, können im Jahr 2022 nicht mehr erwarten, für einen Knochenjob, bei dem man sieben Tage die Woche um 3.00 Uhr morgens aufstehen muss, begeisterte Lehrlinge zu finden, wenn sie unter 10 Euro Lohn zahlen. Gastronomen dürfen sich nicht wundern, wenn 2022 auf ein Fingerschnippen nicht alle Kellner begeistert zurückkommen, die sie bis 2020 als Hilfskräfte beschäftigten und ohne mit der Wimper zu zucken feuerten, als die Geschäfte schwierig wurden.

Man liest durchaus auch von alteingesessenen Inhaber-geführten Hamburger Unternehmen (Budnikowski, Wempe, Niemerszein, um ein paar zu nennen), die besser durch die Not kommen, weil sie lange erkannt haben, daß ihre Mitarbeiter ihr eigentliches Kapital und keine Verschiebemasse sind. Juwelier Wempe musste seine 34 Filialen allesamt wegen Corona schließen, erhöhte aber im April 2020 und April 2021 wie jedes Jahr die Löhne, behielt alle Verkäufer und Uhrmacher, schickte niemand in Kurzarbeit. Dafür musste die Inhaberfamilie tief in die Tasche greifen, weiterhin die horrenden Ladenmieten zahlen, ohne Umsatz zu machen. Aber es war letztendlich natürlich ein Vorteil, weil die Mitarbeiter froh waren, wertgeschätzt zu werden, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und voll motiviert starten konnten, sobald es die Coronamaßnahmen wieder zuließen. Merz/Lindner-affine Börsen-notierte Firmen, die als erstes die Personalkosten senkten und ihre Angestellten an die Luft setzten, haben genau wie unfreundliche Gastronomen und lausige Handwerksmeister, nun ein Problem weiter zu arbeiten, weil das Personal fehlt.

So lange es eine enorme Arbeitslosigkeit gab, um die Arbeitsplätze gekämpft wurde, konnten sich ausbeuterische Unternehmer leisten, die Mitarbeiter zu drangsalieren und mies zu bezahlen. Die Zeiten sind aber vorbei und die geburtenstarken Jahrgänge beginnen gerade erst, sich in die Rente zu verabschieden. Dann wird es düster und selbst die mitarbeiterfreundlichen, weitsichtigen Familienunternehmen werden den Personalmangel nicht mehr kompensieren können.

[…] FDP-Fraktionschef Dürr fordert breite Einwanderung von Arbeitskräften

In Deutschland gibt es einen Mangel an Arbeitskräften. Als Antwort darauf will FDP-Fraktionschef Christian Dürr mehr Einwanderung ermöglichen. Der früheren Regierung macht er Vorwürfe. Es seien sogar Hunderttausende von Menschen aus dem Arbeitsmarkt ferngehalten worden, die seit Jahren in Deutschland leben. „Das Gegenteil muss der Fall sein. Heute muss die Devise lauten: Jeder,  der von seiner eigenen Hände Arbeit leben kann, muss sofort arbeiten dürfen“, forderte Dürr. Da habe die von der Union geführte Regierung einen historischen Fehler gemacht. […]

(RND, 02.07.2022)

Niemand kann mir vorwerfen FDPphile Ansichten zu vertreten, aber in diesem Punkt hat Christian Dürr selbstverständlich vollkommen Recht und wird sollten alle froh sein die Ampel zu haben, die diese Erkenntnisse auch umsetzen kann, weil keine fanatisch ausländerfeindlichen CSUCDU-Minister am Tisch sitzen.

Ja, alle in Deutschland lebenden „Ausländer“ müssen sofort unbürokratisch eine Arbeitserlaubnis bekommen. Sinnvollerweise streicht man generell die Notwendigkeit, eine Arbeitserlaubnis vorzulegen, ermöglicht damit all den mies bezahlten Menschen in der Gastronomie, dem Reinigungsgewerbe oder der Pflege, zu guten Bedingungen zu arbeiten, weil die Chefs sie nicht mehr aufgrund eines illegalen Status erpressen können.

Die hier lebende Migranten müssen einen unkomplizierten dauerhaften Aufenthaltsstatus bekommen, ihre außerhalb Deutschlands erworbenen Abschlüsse müssen anerkannt werden. Ich kenne einen 49-Jährigen iranischen Internisten, der über 20 Jahre im Krankenhaus tätig war; davon zwei Jahre in Kanada, so daß er fließend englisch spricht und ich mich mit ihm unterhalten kann. Er lebt seit drei Jahren in Hamburg und bewohnt nach einer sehr unerfreulichen zweijährigen Phase des Papierkriegs in einer Sammelunterkunft, nun endlich seine eigene Wohnung. Sein deutsch ist inzwischen recht gut. Natürlich ist es in dem Beruf unumgänglich deutsch zu sprechen. Aber er sitzt immer noch 24 Stunden pro Tag in seiner Bude unweit der Uniklinik und muss für medizinische Abschlüsse büffeln, die er erst mal nachholen muss, bevor er im Krankenhaus angestellt werden kann. Warum? Sollte es nicht für das riesige UKE mit über 10.000 angestellten Medizinern und Pflegern, das aber dennoch unter drastischer Personalnot leidet, möglich sein, so einen erfahrenen Arzt, der nur eins möchte, nämlich wieder arbeiten, in irgendeiner Weise zu beschäftigen?

Nicht nur die Gesellschaft muss umdenken, nicht nur die Arbeitgeber müssen umdenken, nicht nur einzelne Regierungspolitiker müssen das begreifen. Es ist auch wichtig, ganz undeutsch, großzügig und pauschal Rechtssicherheit zu schaffen.

Und nebenbei bemerkt, liegt mein Einbürgerungsantrag seit Jahren in der Hamburger Innenbehörde und verstaubt. Personalmangel. Die zuständige Mitarbeiterin ist nicht mehr erreichbar, aber die einzelnen Fälle dürfen auch nicht an andere Mitarbeiter weitergegeben werden. Ich sage es noch mal: Ich wurde vor über einem halben Jahrhundert  in Hamburg geboren, habe eine deutsche Mutter, Abitur und Uniabschluss in Deutschland, ich bin kein Sozialhilfeempfänger, habe nie Transferleistungen bezogen, habe eine saubere Weste bei Polizei und Schufa. Aber einen deutschen Pass habe ich nicht.

Ich konnte alle Unterlagen, um die die Einbürgerungsbehörde bat, problemlos vorlegen, habe nachweisen können, wo am 01.01.1950 meine deutsche Großmutter lebte – auch das begehrte man zu wissen – und da deutsch meine Muttersprache ist, verstehe ich sogar alle Formulare. Kann präzise antworten.

Aber Deutschland funktioniert einfach nicht mehr. So wie man in Berlin keinen Termin beim Ortsamt bekommt, so wie kein Zug pünktlich fährt, so wie die Airports die Passagiere nicht abfertigen können, so wie die Digitalisierung vor 20 Jahren stehen blieb, schläft auch meine Sachbearbeiterin für mein Einbürgerungsbegehren seit Jahren.

[…]  Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will nach eigenen Worten das Verbot der Mehrstaatlichkeit überwinden. Bei einer Jubiläumsveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Stipendien- und Mentoringprogramms „Geh deinen Weg“ der Deutschlandstiftung Integration in Berlin sagte er, 50 Prozent der Einbürgerungen fänden mit Hinnahme der Mehrstaatlichkeit statt und es sei schwer zu erklären, warum es bei den anderen nicht so sei. Es sei oft schwierig, die letzte Verbindung zum Herkunftsland zu kappen, sagte Scholz. „Und die Wahrheit ist: Wo man sich zu Hause fühlt, das entscheidet das Leben.“ Das sei eine Loyalität, die aus einem selbst erwachsen müsse. Deshalb sei es richtig, das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht mit dieser Perspektive zu modernisieren. Er wolle das Staatsangehörigkeitsrecht auf den modernsten Stand weltweit bringen. […]

(Migazin, 21.06.2022)

Der Bundeskanzler bohrt dicke Bretter, vertrat diese Ansicht schon offensiv, als er 2011 Hamburger Bürgermeister wurde, lud alle in Hamburg lebenden Ausländer – auch mich – mit einem persönlich Brief ein, sich einbürgern zu lassen.

In Berlin scheiterte er freilich bisher am Widerstand der CDU- und CSU-Minister, die nach wie vor eine generelle Doppelstaatlichkeit ablehnen.

Inzwischen dürfte es dafür endlich eine Mehrheit im Bundestag und im Bundeskabinett geben.

Aber der Bundesrat wird sich sperren. Dort fehlen die Mehrheiten. Das liegt insbesondere an den Grünen, die in mehreren Bundesländern trotz liberalerer Mehrheiten, die CDU ins Boot holten. Allein 17 Stimmen fehlen für dieses Vorhaben durch die schwarzgrünen Regierungen in Hessen (5), Baden Württemberg (6) und NRW (6).

Freitag, 1. Juli 2022

Impudenz des Monats Juni 2022

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren. 

Das January-6th-committee leistet erstaunliche gute Arbeit.  Es ist eine Sache, tausende Interviews zu führen, unendliche Massen von Akten zu sichten und daraus ein Bild der wahren Geschehnisse und der Hintergründe zu entwickeln. Auf einem ganz anderen Blatt steht die didaktische Aufgabe, die Ergebnisse so der Öffentlichkeit zu präsentieren, daß sie interessiert bleibt und die Zusammenhänge versteht. Die Darstellung muss so ausführlich und präzise sein, daß auch Deppen selbstständig zu den richtigen Schlüssen kommen, darf andererseits nicht so detailliert und ausufernd sein, um das Publikum zu verwirren oder zu überfordern. Es muss sich zudem auf einem Climax zubewegen. Die Schock-Nachrichten dürfen nicht nur am Anfang stehen, damit die TV-Zuschauer am Ball bleiben und sich kontinuierlich mit der Trumpschen Shitshow beschäftigen mögen. 

Dramaturgisch wird das hervorragend gelöst, man will am Ball bleiben und mutmaßt mit, welche Enthüllungen wohl als nächstes folgen. Was wissen die Komitee-Mitglieder noch und worauf wollen sie hinaus?

Werden wir in den nächsten Sitzungen Belege dafür präsentiert bekommen, daß Trump über seinen Stabschef Mark Maedows involviert war, als seine best buddies Rudy Giuliani, Mike Flynn  und Roger Stone die rechtsradikalen paramilitärischen Schläger (far-right militia groups) der „proud boys“ und „oath keepers“ mit einem bewaffneten Umsturz (seditious coup) beauftragten?

[….] So the phone calls that Hutchinson describes between Meadows, Stone and Flynn are important, if unresolved, for this reason. While we don't know what Meadows may have said to Stone and Flynn, what we do know is that Stone and Flynn both have extensive contacts to far-right militia groups that were intimately involved in the attack on the Capitol. And I want to stress that those contacts are what they are, and we don't know if those contacts are - have any anything incriminating about them, right? And we may find out more about them, and we may not. And that will come in the fullness of time.  But it is without dispute that in the run up to January 6, there were two pre-January 6 big pro-Trump rallies in Washington, and one was in November, and one was in December. And Stone and Flynn both played very active roles in speaking at those events and in pushing the big lie that there was fraud in the election and then, you know, taking part in, you know, kind of the support of Trump's overarching message that he should stay in power. And at those events, Stone and Flynn were often accompanied by members of the Proud Boys, the Oath Keepers and a third group which we will probably hear more about soon called the 1st Amendment Praetorian, who served as both kind of personal bodyguards for them and did event security for the larger rallies. On January 6 itself, Roger Stone was guarded by a contingent of Oath Keepers.  [….] 

(Alan Feuer, NYT, 30.06.2022)

Ich glaube nach wie vor nicht an große parteipolitische Auswirkungen dieser Enthüllungen.

Diejenigen, die entsetzt über die kriminelle Energie der QTrumpliKKKans sind, haben auch vorher nie GOP gewählt. Die indolenten Nichtwähler, werden sich nur in ihrer ablehnenden „die da oben sich alle korrupt“-Haltung bestätigt fühlen und die Trump-Fans hören gar nichts vom Committee oder werden von „Truth Social“ und „Fox“ effektiv dahingehend gehirngewaschen, daß sie die Vorwürfe gegen ihren orangen Messias nicht glauben.

 

Nun gibt es aber einen weiteren Twist. Im Schatten der ungeheuerlichen Ermittlungen im Kapitol, prügelt die erzkonservative 6:3-Mehrheit im US-Supreme Court (SCOTUS) eine hanebüchen mittelalterliche Entscheidungen nach der nächsten durch.


 Die durch Trumps drei ultrarechten und ultra-unseriösen Jura-Clowns verstärke Judikative, zeigt dabei klar ihre Zugehörigkeit zu einem Todeskult.

Sie votierten für mehr Waffen auf den Straßen, mehr tote Frauen bei Hinterhofabtreibungen, religiöse Indoktrinierung von Schülern und gestern auch noch für die Kastrierung der Umweltbehörde, damit sie nicht mehr gegen die Erderwärmung agieren kann.

Diese sechs antihumanistischen Rechtsextremisten des SCOTUS, die nun auch noch die Ehe für alle, das Recht auf Verhütungsmittel und die Legalisierung von Cannabis kassieren wollen, sind die Blödmänner des Monats.


Natürlich sind sie bösartige Fanatiker, aber das ist für GOPer kein Nachteil. Die sechs mittelalterlichen MAGAs steigern sich aber gerade in so einen politischen Machtrausch hinein, daß sie die Mehrheitsverhältnisse im Land vergessen. 

Sie haben offensichtlich die 50:50-Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft vor Augen, glauben also, von einer Hälfte bejubelt zu werden und daß 50% Unterstützung aufgrund der drastisch die Republikaner bevorzugenden Wahlrechts allemal ausreicht, um ihrer Partei den totalen Durchmarsch in beiden Parlamentskammern zu ermöglichen, wenn es im November zu den Midterms kommt. Offenbar unterstützen sie auch weitergehende Versuche, Demokraten von den Wahlurnen fernzuhalten.

Bei den Wahlen gibt es aber in Wahrheit eher einen 33%:33%:33%-Situation. Ein Drittel QTrumpliKKKans, ein Drittel Trump-Gegner und ein Drittel Desinteressierte, die ohnehin nie wählen gehen.

Die letzten SCOTUS-Entscheidungen greifen aber derartig extrem in das Leben aller ein und sind so enorm unpopulär, daß sie viele Nichtwähler motivieren könnten, sich doch für die Wahl zu registrieren und trotz ihrer Wut auf die hohen Benzinpreise und die Rezession, den verschnarchten Joe Biden zu unterstützen.

Bisher setzte sich Trumpmerica bei Wahlen durch, weil 100 Millionen Idioten zu bequem waren, zu wählen. Sie dachten, Hillary Clinton oder Donald Trump mache für sie keinen Unterschied, es betreffe ihr Leben gar nicht, welche Partei in Washington regiere.

Das war selbstverständlich sagenhaft dumm und unverzeihlich. Aber vielleicht überzieht der Scotus gerade so extrem, daß sich doch ein paar mehr lethargische Breitärsche von ihrem Sofa erheben, um ihre Stimme gegen die GOP abzugeben.

Joe Biden war ganz offensichtlich der richtige Kandidat, um die Wahl gegen Trump zu gewinnen. Aber er ist mit seinen knapp 100 Jahren der falsche Präsident, kann den Bedeutungsverlust der USA nicht aufhalten, sich nicht im Kongress durchsetzen und schon gar nicht die jungen Amerikaner mitreißen.

Ales spricht bisher dafür, daß er vom verblödeten Urnenpöbel am 08.11.2022 eine herbe Klatsche bekommen wird und der lügende Kriminelle Kevin McCarthy wieder als Speaker, die Nr. Drei der USA wird. Sollte das passieren, verliere ich endgültig mein Mitleid mit „den Amerikanern“. Wer diesen Republikanern erneut eine Mehrheit gibt, hat alles Schlechte verdient. 

Aber der Supreme Court gießt gerade überraschend viel Wasser auf die demokratischen Wahlkampfmühlen.

Mögen sich die Impudenzen weiterhin so parteitaktisch dämlich verhalten.


 

Donnerstag, 30. Juni 2022

Die Zeit spielt für Putin.

Die russische Armee kommt  - langsam, aber stetig – voran. Die Material-Übermacht der östlichen Seite kann offenbar nicht vom Westen kompensiert werden.

[…] Lyssytschansk ist das nächste wichtige Ziel der russischen Truppen, nachdem sie die Nachbarstadt Sjewjerodonezk nach wochenlangen Gefechten am Wochenende gänzlich eingenommen hatten. Die Region Luhansk, eine der beiden Teilregionen des Donbass, steht damit nahezu vollständig unter russischer Kontrolle. Sollten die russischen Truppen auch Lyssytschansk einnehmen, könnten sie anschließend Kramatorsk und Slowjansk in der zweiten Donbass-Teilregion Donezk ins Visier nehmen. Slowjansk ist ebenfalls bereits Ziel heftiger russischer Luftangriffe. […]

(Merkur, 30.06.2022)

Mutmaßlich hatte sich Putin erhofft, inzwischen längst die gesamte Ukraine zu kontrollieren und viel weniger Verluste gemacht zu haben. Aber da die Kämpfe ausschließlich auf Ukrainischem Gebiet toben, werden keine russischen Zivilisten massakriert, keine russischen Städte zerstört.

Die Kreml-Propaganda kann nun richtig wirken. In der Ukraine leben mehr als acht Millionen Russen, fast 20% der Gesamtbevölkerung. Fast alle Ukrainer sprechen russisch oder Surschyk, die weit verbreitete mündliche Mischform von Ukrainisch und Russisch. Die massive Unterdrückung der Russen durch die Ukrainische Regierung war bisher weitgehend eine Propaganda-Lüge des Kremls, aber Selenskyj tut Putin nun den Gefallen, diese Vorwürfe wahr zu machen.

Russische Sprache wird verboten, russische Literatur verschwindet aus dem Unterricht. Sogar russische Musik wird verbannt. Alles Russische wird demoliert.

[…] Allein in Kiew sollen, so Klitschko, 60 weitere Gedenkstätten, die an Russland und die Sowjetunion erinnern, verschwinden, viele weitere an anderen Orten in der Ukraine. "Wir müssen den Feind und den russischen Besatzer aus unserem Land vertreiben."  Viele ukrainische Gemeinden sind außerdem dabei, Straßen umzubenennen, die an Russland erinnern. In Dnipro wird die Straße der 30. Irkutsk-Division ab sofort Straße der ukrainischen Soldaten heißen. In Kiew sollen 60 Straßen umbenannt werden, darunter auch der Leo-Tolstoi-Platz und die gleichnamige U-Bahn-Station. Im Dorf Fontanka […] entschieden sich die Verantwortlichen […] die Wladimir-Majakowski-Straße in Boris-Johnson-Straße umzubenennen. […]

(SZ, 28.04.2022)

Keine Frage, die dahinter stehende Motive, die ukrainische Wut auf „die Russen“ ist verständlich. Aber solche Aktionen sind dennoch eine große Hilfe für Putin, weil die Millionen russisch-stämmigen Ukrainer, die bisher keinerlei Sympathie für den Kreml-Herrscher verspürten und den Krieg klar verurteilten, in eine unmögliche Lage gebracht werden. Viele sprechen gar kein Ukrainisch und haben ein völlig normales, friedliches Leben als Krankenschwester, Taxifahrer, Chemiker, Lehrerin oder Polizist geführt. Ohne je mit Ukrainern in Konflikt zu geraten.  Und nun dürfen sie nicht mehr die russischen Schriftsteller Lermontow oder Puschkin lesen.

[…] Tatjana Uschik beispielsweise, 61, die einst in der Werbung und der Architektur arbeitete und in einem der schwer bombardierten Hochhausviertel lebt, hat eine wahre Entfreundungswelle auf Facebook erlebt, einige Nachbarn und Bekannte reden nicht mehr mit ihr. "Aber was soll ich tun? Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in Sankt Petersburg, ich bin am Baikalsee aufgewachsen und habe 21 Jahre lang in Russland gelebt", sagt sie: "Russland ist der Aggressor, keine Frage, aber ich kann Russland nicht hassen."  Dabei hat sie diesen Aggressor selbst erlebt - und auch, wie man sich in Russland selbst belügt. Nach Kriegsbeginn beglückwünschten sie russische Freunde in den sozialen Medien: Ihre Befreiung von den Faschisten in Kiew sei nur noch eine Frage der Zeit, schrieben sie. "Welche Befreiung?, habe ich geantwortet: Über uns kreisen die Kampfflugzeuge, wir werden angegriffen!"   Mindestens ebenso verzweifelt aber ist sie angesichts der fortschreitenden Ausbreitung der ukrainischen Sprache zulasten des im Osten lange dominanten Russischen - in Schulen und Hochschulen, Theatern und Filmen, Ämtern und Medien. "Man kann ja nicht mal darüber reden, ob es gut ist, Russisch in Schulen zu verbieten, denn es ist die Sprache des Feindes." Tatjana Uschik spricht kein Ukrainisch, nur Russisch. Für Moskauer Propaganda, für Fake News und Manipulation aus dem Kreml ist sie die ideale Zielgruppe. Ob sie sich Russland enger verbunden fühlt oder dem Westen der Ukraine? Sie zögert nicht: "Natürlich Russland. Ich war nie in Lwiw." […]

(Sonia Zekri, 24.06.2022)

Trotz der Durchhalte-Appelle und der demonstrativen Zuversicht der westlichen Mächtigen auf der Elmau und in Madrid, wird die Bevölkerung zunehmend kriegsmüde.

Die konservativen Medienleute und CDU-Politiker, die Links-AfD-Querfront sowieso, wenden sich gegen die Ampel-Regierung, verspotten die Aufrufe zum Energiesparen. Lindner will keine E-Autos, Wissing blockiert den Ausbau des ÖPNV, rechte Blogs und CDUler hetzen gegen Habeck, machen ihn für die Energiekrise verantwortlich.

Heizung runterdrehen und kürzer zu duschen als unzumutbare Anmaßungen der bösen Linksgrünversifften – ohne auch nur zu erwähnen, daß Putin womöglich auch etwas damit zu tun haben könnte.

Dabei haben wir Hochsommer. Wie kritisch werden Teile des Volkes erst das Energie-Embargo gegen Russland sehen, wenn Benzin vier Euro pro Liter kostet und sie tatsächlich frieren müssen?

Deutschlands Wirtschaft kann – Danke an CDU- und FDP-Wirtschaftsminister unter Angela Merkel – nicht ohne Gas. Und Putin hat Gas. Noch dazu Gas, das sehr viel näher liegt und sehr viel weniger umweltschädlich produziert wird, als die Alternativen.

Die Rufe werden kommen, die Sanktionen gegen Putin zu lockern.

Vermutlich noch dramatischer ist die russische Hand am weltweiten Weizenhandel. Wie wollen wir, „der Westen“, eigentlich Sanktionen gegen Russlands Exporte rechtfertigen, wenn deswegen Millionen Menschen verhungern, während die EU satt und zufrieden auf genügend Weizen-Reserven sitzt, die aber weit überwiegend als Tierfutter und zur Gewinnung von Treibstoff eingesetzt werden?

780 Millionen Tonnen Weizen wurden 2021 weltweit geerntet. Das war schon zu wenig, etwa 20.000 Menschen verhungern jeden Tag. 2022 werden mutmaßlich um die 740 Millionen Tonnen eingefahren.  Aber die Groß-Produzenten USA und Australien liegen weit weg. Ihr Weizen verursacht so viel Transportkosten, daß sich die armen Nord- und Ostafrikanischen Staaten das Korn nicht leisten können. Dadurch werden die russischen und ukrainischen Ernten noch überlebenswichtiger. Aber Putin soll nichts verdienen und die mindestens 25 Millionen Tonnen der ukrainischen Weizenernte von 2021 liegen in Silos, hauptsächlich in Odessa, fest und können nicht abtransportiert werden.

[…] Neben den Kampfhandlungen und ihren Folgen sind die durch Russland blockierten Seehäfen ein ebenso großes Problem für die ukrainische Landwirtschaft. Etwa 25 Million Tonnen Ernte­erträge vom letzten Jahr, die schon kurz vorm Export standen, müssen gezwungenermaßen im Land verbleiben. Hinzu kommen weitere 1,5 Millionen Tonnen Getreide in den erst kürzlich besetzten Gebieten. Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums hat Russland rund 400.000 Tonnen dieses Getreides auf sein Staatsgebiet verbracht habe und versuche jetzt, es zu verkaufen. […]

(Anastasia Magasowa, 30.6.2022)

Die Folge ist eine Hungerkatastrophe, für die Scholz, Biden und Selenskyj einmütig und korrekt Putin verantwortlich machen. Aber wer in Tunesien oder Somalia wird das noch artig zur Kenntnis nehmen, wenn die eigenen Kinder verhungern und der russische Präsident treuherzig anbietet, günstig seinen Weizen zu liefern, das aber bedauerlicherweise nicht zu können, so lange G7 und Nato ihn vom Welthandel abschneiden.

[…] Zumindest mag Putin eine bestimmte Strategie verfolgen mit seinem Krieg, der auch ein Weizenkrieg ist, sagt der US-Geschichtsprofessor Scott Nelson von der Universität Georgia, der in seinen Forschungen dem Weg des Weizens gefolgt ist, […] „Putin versteht die Zusammenhänge zwischen Geopolitik und Wirtschaft erstaunlich gut“, sagt Nelson, beim russischen Präsidenten habe man es mit einem Experten zu tun: Putin habe seine Doktorarbeit über Rohstoffe geschrieben. Die Rolle des Weizens in dem Konflikt könne gar nicht überschätzt werden. Putin habe mit der Ukraine 2011 ein Weizenkartell bilden wollen, das die Weltpreise bestimmen sollte. Als der Plan 2012 am Widerstand des ukrainischen Volkes scheiterte, habe Putin sich zum Überfall auf die Ukraine und zur Annexion der Krim entschieden.  Steigen die Weizenpreise, profitiert Russland als drittgrößter Weizenproduzent der Welt direkt davon. Und Odessa ist für Putin attraktiv, weil der Hafen große Schiffe aufnimmt, die den Transport verbilligen. […]

(SZ, Buch Zwei, 24.06.2022)

Putin hat die meisten Trümpfe in der Hand, denn er verfügt über Gas und Weizen und die logistischen Möglichkeiten beides sofort auszuliefern. Kiew kann das nicht und muss seine Millionen Tonnen Weizen verrotten lassen. Ihren einzigen Seehafen Odessa haben die Ukrainer selbst total vermint. Dort wird für lange Zeit kein Kornfrachter mehr anlegen können.

[…] All das sei Teil von Putins Strategie, sagt [Landwirtschaftsminister Cem] Özdemir, […]. „In Syrien wurde Hunger bewusst als Mittel der Destabilisierung eingesetzt, und so ist es auch hier.“  Dahinter stecke eine Doppelstrategie: Einerseits lasse sich so die Ukraine als Konkurrent ausschalten, schließlich investiere keiner in ein Land, in dem jederzeit eine Rakete einschlagen kann. „Und Ländern in Afrika, Asien oder der arabischen Welt signalisiert man: Wir sind da, wir sind bereit zu liefern, wenn der Westen die Sanktionen aufhebt.“ Das solle so wirken, als wären die Ukraine und der Westen schuld. „Eine völlige Umkehrung von Ursache und Wirkung.“ Seine Befürchtung: Russland könnte irgendwann den Krieg für beendet erklären und dann anbieten, für die schrittweise Rücknahme der Sanktionen auch den Weg für das Getreide frei zu machen. „Genau so ein Deal darf nicht passieren“, sagt Özdemir. „Wir dürfen uns nicht erpressbar machen.“  Es ist ähnlich wie beim Gas. Um dem Kreml Druckmittel zu nehmen, braucht es Alternativen, und das schnell. Wenn der Seeweg für das Getreide blockiert ist, bleibt nur der Landweg, doch der ist kompliziert. Ein Containerschiff der sogenannten Panamax-Kategorie - das sind Schiffe, die gerade noch durch den Panamakanal passen – schafft bis zu 70 000 Tonnen Getreide weg. Es bräuchte mehr als 2000 Lastwagen oder 30 voll beladene Güterzüge, um dieselbe Menge auf Straßen oder Schienen zu transportieren. Einer der möglichen Wege führt über Polen an die Ostsee, vom litauischen Klaipėda etwa ließe sich die ukrainische Ernte verschiffen. Der Haken: Die Bahnen in der Ukraine und in Litauen fahren noch auf der sowjetischen, breiteren Gleisspur. Polen dagegen hat die schmalere westeuropäische. Das Getreide müsste also zweimal umgeladen werden, ehe es den Hafen erreicht. […] Bliebe die Donau, die im äußersten Süden die Ukraine berührt. Vom Hafen in Ismajil aus könnten Schiffe stromaufwärts nach Rumänien fahren und dann über einen Kanal hinunter zum Schwarzmeerhafen Constanţa. Doch die Mengen, die bisher die Ukraine auf dem Seeweg verließen, monatlich fünf Millionen Tonnen, sind für diesen Weg zu groß. […] Außerhalb der Halle regnet es, ein Lastwagen setzt durch eine riesige Pfütze zurück und rangiert in die Halle hinein. Cem Özdemir tritt einen Schritt zur Seite. Der Fahrer ist Ukrainer, ein kleiner Mann mit roten Bäckchen. Verlegen lächelt er Özdemir an. Er mache so einen Trip zum ersten Mal, erklärt der Mann dem Minister. Er tue es für sein Land. Özdemir schaut ihn lange an, schweigt, dann bedankt er sich. Der Bundeslandwirtschaftsminister ringt mit den Tränen. Der Krieg mag im Berliner Regierungsviertel weit weg sein, hier, in der Halle mit dem Kartoffelpüree, wird er Realität.[…] 2000 Kilometer weiter südwestlich, in Nordafrika, überlegen deshalb jetzt schon Menschen, ihre Heimat zu verlassen. […]

(SZ, Buch Zwei, 24.06.2022)

Es ist zum verrückt werden: Während jeden Tag Tausende jeminitische, äthiopische, sudanesische und tschader Kinder verhungern, muss die Ukraine aufhören Weizen anzubauen, weil sie ihn nicht loswerden kann.

[…] Das Mykolajiwer Agrarunternehmen trägt den Namen „Goldener Koloss“, Leiterin ist die 42-jährige Nadiia Iwanowa. Es handelt sich um einen Großbetrieb: Auf zusammen 45 Feldern mit einer Fläche von über 4.000 Hektar bauen sie hier jedes Jahr Sonnenblumen, Weizen, Gerste und andere Feldfrüchte an. Jährlich ernten sie im Schnitt 12 bis 14 Tonnen.   Aber nicht in diesem Jahr.  „Der Krieg hat alles kaputtgemacht. Alle Pläne und Träume“, beginnt Iwanowa das Gespräch. Sie sitzt in ihrem Büro am Schreibtisch, zwei ihrer Kollegen sind dazugekommen. Während sie erzählt, wird sie ständig vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Das ist wenig erstaunlich, denn in ihren Getreidespeichern lagern noch einige tausend Tonnen der Ernte vom Vorjahr, die dringend weiterverkauft werden müssen, um die Silos frei zu machen. In den nächsten Tagen beginnt die erste Ernte dieses Jahres, die man aber nirgendwohin exportieren kann. Und sie lässt sich auch nicht lagern, denn dafür gibt es nicht genügend Platz in den Silos. […]

(Anastasia Magasowa, 30.6.2022)

Putin kann diesen perversen Zustand lange aushalten, weil er skrupellos ist. Aber wie lange kann der Westen dem Verhungern und dem Elend zugucken?

Mittwoch, 29. Juni 2022

Vom Dreiklang zum Zweiklang

Seit Generationen, spätestens seit Watergate vor genau 50 Jahren, spielen sich die großen Skandale in drei aufeinander folgenden Stufen ab.

1)   Etwas Kriminelles oder zumindest Skandalöses passiert.

2)   Journalisten recherchieren und decken den Fall auf, so daß die Öffentlichkeit informiert ist.

3)   Es werden juristische und/oder politische Konsequenzen gezogen. Der Übeltäter wird abgestraft.

Phase Drei beim Watergate-Skandal wurde nach dem Auftauchen der Tonbänder, auf denen Nixons Untaten dokumentiert waren, eingeläutet. Die ungeheuerlichen Vorgänge rund um den Präsidenten führten zu einer schweren Verfassungskrise und einem massiven Vertrauensverlust der US-Bürger in ihr politisches System. Der Chef der Republikaner im Kongress, Senator Barry Goldwater, marschierte schließlich rüber ins Weiße Haus, um dem republikanischen Präsidenten zu erklären, er werde das Impeachmentverfahren politisch nicht überleben. Nixon versuchte sich bei dem Gespräch zuerst mit demonstrativer Zuversicht und guter Laune zu retten, fragte seinen Parteifreund Goldwater auf wie viele Stimmen er im US-Senat zählen könne.  Goldwater antwortete „sieben bis neun, meine jedenfalls nicht!“.

Damit war es aus. Nixon kam seinem offiziellen Rausschmiss zuvor, trat zurück und rettete den Republikanern durch die Amtsübernahme Gerald Fords die Macht.

Ein halbes Jahrhundert später ist die dritte Phase abgeschafft. Das ist ohnehin schon ein tödlicher Hieb für den amerikanischen Staat und die Gesellschaft. Völlige Verzweiflung breitet sich aber aus, weil Phase Eins inzwischen alles sprengt, das man sich in den vierzig Jahren nach Nixon vorstellen konnte.

Die kriminelle Energie, die Nixon akkumuliert in seiner gesamten Präsidentschaft erreichte, schafft Präsident Trump mühelos an einem Tag. Der Betrüger, Lügner, Rassist, Vergewaltiger, Sadist, Psychopath, Erpresser, schickte einen bewaffneten Mob ins Kapitol, um seinen eigenen Vize zu lynchen, sorgte persönlich dafür, daß die Metalldetektoren deaktiviert wurden, um die automatischen Waffen in den US-Senat zu lassen, wollte sich gar persönlich an die Spitze der Umsturz-Horde setzen und alle US-amerikanischen Institutionen niederreißen. Er ergötzte sich an der Gewalt, war genau informiert, wie seine Capitol Police-Leute niedergerannt und ermordet wurden, weigerte sich über viele Stunden, einzuschreiten.

Bei der gestrigen Sitzung des 1/6-Kommitees, welches die Hintergründe der Erstürmung des US-Kapitols am 06. Januar 2020 untersucht, sagte die eingefleischte Republikanerin und Hardcore-Trumpistin Cassidy Hutchinson aus. Als persönliche Assistentin von Trumps Stabschef Mark Meadows saß sie nur wenige Meter vom Oval Office entfernt, war die Kontaktperson zwischen Regierung und Kongress und damit Ansprechpartnerin jedes Senators und Abgeordneten, der etwas von Trump wollte. Sie war immer anwesend im engsten Zirkel der Macht. Sie rief die Diener, wenn der Fastfood-fressende orange Berserker die Beherrschung verlor und sein Essen gegen die Wände schmiss oder Tischdecken mit allen drauf befindlichen Unterlagen herunter riss.

[…] 1) Hutchinson said she was told that when Trump got back into the presidential limousine, known as the Beast, and was told that he could not join protesters at the Capitol, he lost it. The then-President tried to grab the steering wheel and, when one of his security detail reached to stop him, he grabbed at that man's throat.

2) Trump, in expletive-laden language, urged that people with weapons -- guns, knives and the like -- be let through the magnetometers before his speech to the "Stop the Steal" rally. His goal? Ensure that the photographs and video of the event showed a packed crowd all listening to him. "They're not here to hurt me," Trump reportedly told people.

3) Meadows, when pressed by White House counsel Pat Cipollone, to say something more amid "Hang Mike Pence" chants at the US Capitol responded, according to Hutchinson: "[Trump] thinks Mike deserves it. He doesn't think they are doing anything wrong." [….]

(CNN, 28.06.2022)

Ein US-Präsident, der tobend seinem Fahrer ins Lenkrad greift und versucht die Secret Service-Leute zu würgen, wenn er seinen Willen nicht bekommt.

Es gibt aber eben keine Konsequenzen. Die republikanischen Senatoren und House-Abgeordneten distanzieren sich nicht, Trumps ehemalige Minister schweigen und die hervorragenden Wahlchancen für die Midterms im Herbst werden nicht eingetrübt. Die Spender der GOP spenden weiter und die konservativen Sender senken schon gar nicht die Daumen über ihrem Cult-Leader.

Die wie immer äußerst sehenswerten „panelists“ auf CNN rangen nach den Hutchinson-Enthüllungen wieder einmal nach Worten. „Shocking“, „worse than ever expected“  und „devastating“ wurden inflationär gebraucht. Das habe man sich bis vor einer Stunde nicht vorstellen können. Ein vollkommen „unhinged“ Trump, der das Weißes-Haus-Porzellan und Ketchup-Flaschen gegen die Wand schleudert, sein Personal physisch angreift. Aber nach einer Viertel Stunde  konstatierten sie, das passe eigentlich doch sehr gut ins Bild. Nachdem man das nun gehört habe, gäbe es keinen Grund sich zu wundern. Jeder weiß längst: Trump verfügt über die Impulskontrolle eines debilen Sechsjährigen und ist ein zutiefst bösartiger radikal egomaner Mensch.

[….] Es war genauso schlimm wie befürchtet. Trump hat nicht nur mit zweifelhaften legalen Argumenten versucht, sich an die Macht zu klammern. Er hat auch seine bewaffneten Anhänger zum Kapitol geschickt, um eine friedliche Machtübergabe zu verhindern. Er, der amtierende Präsident, wollte persönlich im Parlamentsgebäude in Washington auftreten, um die Zertifizierung des Siegs seines demokratisch gewählten Nachfolgers zu verhindern.

Trump ging so vor, obwohl ihn seine Rechtsberater gewarnt hatten, das könne wie ein Putsch wirken. Trump war das nicht nur egal - er steuerte geradezu auf diesen Putsch hin. Und er war viel näher daran, sein Ziel zu erreichen, als lange vermutet.

Diese Gewissheit verdankt die Öffentlichkeit dem Mut von Cassidy Hutchinson, damals Assistentin von Trumps Stabschef. Sie hat am Dienstag als Überraschungszeugin vor dem Ausschuss zur Untersuchung des 6. Januar ausgesagt. Hutchinson machte erstmals sichtbar, was sich im inneren Zirkel um den Präsidenten abgespielt hat. Sie zeichnete das Bild eines Wahnwitzigen, der im Zorn seinen Teller voller Ketchup an die Wand schmiss, weil ihm ein Interview seines Justizministers missfiel. Der dem Fahrer im Präsidentenauto ins Lenkrad griff, als sich der Secret Service am 6. Januar weigerte, ihn zum Kapitol zu fahren. […]

(Fabian Fellmann, 29.06.2022)

Allein, die 75 Millionen moralisch völlig verwahrlosten Trump-Wähler stört es nicht. Im Gegenteil, sie finden es mutig und stark, wie er sich durchsetzt.

Sie wollen ihn wieder im Weißen Haus sehen.