Mittwoch, 6. April 2022

Einwanderer willkommen!

Heute war ich zu einer Routine-Vorsorge beim Arzt. Genauer gesagt, einer Ärztin, da der mir seit 35 Jahren vertraute Praxisinhaber in Rente gegangen ist. Nun sind da nur noch Ärztinnen. Das passt ins Bild; sind doch inzwischen zwei Drittel der Medizin-Studierenden Frauen.

Es ist allerdings wie bei den Köchen – mögen auch die große Mehrzahl Frauen sein; die Chefärzte und Chefköche sind nahezu ausschließlich Männer.

Die neue Praxisinhaberin ist Iranerin; als Kind nach Deutschlang eingewandert.  Auch das passt wunderbar ins Klischee der intellektuellen im Ausland lebenden Iraner. Sie scheinen alle Akademiker zu sein und zwar in Fachgebieten, wie Architektur, Mathematik oder Medizin, die man nicht zwingend nur in Deutschland ausüben kann.

Xenophobie sollte genauso wenig wie Islamophobie einen Platz in unserer Gesellschaft haben.

(….) Pauschalisierungen aufgrund von Rasse oder Religion sind ohnehin absurd, weil der soziokulturelle Hintergrund, die Bildung und Wohlstand eher ein Indikator für Kriminalität sind.

Islamophobe Hetzer, die alle deutschen Probleme mit Kriminalität auf „den Islam“ schieben, kann man ganz leicht mit dem Gegenbeispiel Iran zu fassen bekommen.  Es gibt de facto keine Kriminalität oder Integrationsproblematik durch Iraner in Deutschland, obwohl sie weitüberwiegend ebenfalls Muslime sind.

Wieso das so ist, lässt sich leicht erklären. Während in den 1960er Jahren die am schlechtesten gebildeten Türken als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, waren es im Zuge der Ayatollah-Revolution von 1979 in erster Linie Intellektuelle und Akademiker, die aus dem Iran nach Deutschland flohen.

Daher  sind typische Berufe von Deutsch-Iranern heute auch Architekt oder Chirurg. Natürlich gibt es mit „denen“ keine Probleme, obwohl sie dem Islam angehören. (…)

(Rage Of White Men, 17.02.2018)

Die beiden Corona-Jahre haben es noch einmal überdeutlich klar gemacht: Wir haben in Deutschland ein massives Arbeitskräftemangel-Problem.

Sogar der nicht eben als Migranten-freundlich bekannte Frank Plasberg setzte  auf dieses Thema.

[….]  Die neue Arbeiter-Losigkeit: Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?  Ob Pflegekraft, Kellnerin oder Handwerker – überall fehlen in Deutschland Fachkräfte. Die Unis sind voll, der Handwerker-Markt ist leer. Und das trotz oft guter Bezahlung. Was tun? Sind Fachkräfte aus dem Ausland die Lösung, die Menschen aus der Ukraine eine Hilfe? […]

(Hart, aber fair, 04.04.2022)

Mir behagt das ganze Konzept von Nationen nicht. Ginge es nach mir, würden alle Einreisebeschränkungen fallen. Es ist absurd, daß Menschen enorme Rechte und Privilegien nur aus dem Zufall ihres Geburtsortes ableiten.

Aber ich weiß natürlich, daß meine Position nicht mehrheitsfähig ist, weil die allermeisten Menschen an ihren patriotischen und nationalen Gefühlen festhängen. Ein globales Problem, das sich keineswegs auf Extrempatrioten (USA, Frankreich) beschränkt. Ohne den enormen Patriotismus und das Nationalgefühl der Russen und Ukrainer hätten wir vermutlich einen großen Krieg weniger.

Wer aber nicht aufgrund moralischer und humanitärer Prinzipien Migranten willkommen heißt, könnte sich vielleicht von ökonomischen Überlegungen überzeugen lassen.

Die Einschläge des allgemeinen Personalmangels kommen immer näher.

Olivia Jones macht gerade für die Reeperbahn eine „Seitenwechsel“-Kampagne, weil das weltberühmte Hamburger Nachtleben nach den zwei Coronajahren durch fehlende Mitarbeiter in der Gastronomie nicht wieder anläuft.

Restaurants sind nur halbvoll, weil es keine Kellner gibt.

Ich erhielt gerade die vierte Vattenfall-Mahnung, weil ich bei einem Grundversorgungsvertrag 154,07 Euro im Rückstand bin. Es geht um eine Wohnung im Hamburger Osten, deren Bewohner sich offenbar nicht bei dem Stromversorger angemeldet hat. Daher wendet sich Vattenfall nun an mich, den angeblichen Wohnungseigentümer. Kleines Problem am Rande: Ich habe damit nichts zu tun. Die Wohnung gehört mir nicht! Erst fand ich es noch ganz lustig. Als ich gestern das vierte mal eine halbe Stunde in der Vattenfall-Warteschleife hing, um das aufzuklären, war ich langsam genervt. Schließlich geriet ich doch an einen lebendigen Mitarbeiter, der den Vorgang auch auf seinem Computer fand; ‚ich sehe, Sie sind nicht der Wohnungseigentümer, das wurde zuletzt am 25.03. hier eingetragen.‘

Wieso ich denn weiterhin Rechnungen bekäme, begehrte ich zu wissen. Antwort: Die Vattenfall-Zentrale leidet unter so großem Personalmangel, daß es bei der Bearbeitung der telefonisch aufgenommenen Vorgänge Monate Verzug gibt.

Im Januar habe ich schriftlich meinen Mobiltelefonvertrag zu Willy.tel verlegt. Bis heute ist nichts passiert, weil die Jungs komplett überlastet sind.

Butter-Lindner, das Berliner Delikatessengeschäft mit vielen Filialen in Hamburg, musste im Dezember 2021 wegen Verkäufermangels ausgerechnet die Filiale schließen, in der ich jeden Freitag einkaufte. Eine absurde Angelegenheit an dem extrem belebten Standort unmittelbar in der Umsatz-stärksten Zeit.

[….] Acht Filialen betreibt das Feinkostunternehmen, das zunächst unter dem Namen Butter Lindner mit Molkereiprodukten bekannt wurde, inzwischen in Hamburg. Zumindest in Winterhude müssen die Kunden auf den Service bis auf Weiteres verzichten. Das Unternehmen hat die Filiale am Mühlenkamp geschlossen – unmittelbar vor dem einträglichen Weihnachtsgeschäft.  Ein Schild im Schaufenster liefert die Begründung: Es fehlt an Fachkräften. „Dieses Lindner Feinkostgeschäft ist von der angespannten Arbeitsmarktsituation betroffen“, steht da zu lesen. „Unsere engagierte Suche nach qualifizierten Mitarbeitern/innen hat leider einen Engpass nicht vermeiden können. Ohne genügend geeignete Fachkräfte können wir mit unserem umfassenden Feinkostangebot nicht angemessen für Sie da sein.“ Es ist ein Paukenschlag für den Hamburger Einzelhandel, dass ein Geschäft wegen Personalmangels gleich schließen muss. „Es war für uns das letzte Mittel, und die Schließung tut uns sehr weh“, sagt Claudia Mehrl, Sprecherin der Lindner Feinkostläden mit Hauptsitz in Berlin. [….]

(Abendblatt, 04.12.2021)

Der Laden brummte, aber Mitte März 2022 kam dann das endgültige Aus. Lindner war nicht in der Lage Personal zu finden, schließt nun für immer.

Die Situation in der Gastronomie, im Handwerk, im Verkauf, in der Pflege zeigt, daß Deutschland eben nicht nur auf intellektuelle Inder und Iraner angewiesen ist, sondern inzwischen quer durch alle Branchen durch fehlende Mitarbeiter schwere Verluste eingefahren werden.

Nicht nur sollten wir also bei all dem Horror durch Putins Krieg, großzügig alle Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen, sondern endlich auch die von Belarus bis Lesbos gestrandeten Flüchtlinge, aus dem Nahen Osten, Afrika und Afghanistan willkommen heißen. Wir brauchen Menschen mit allen Qualifikationsgraden. Auch die Unqualifizierten. Spätestens in der zweiten Generation zahlt es sich aus.

[….]  Die Wirtschaftswissenschaftlerinnen Doris Oberdabernig und Alyssa Schneebaum haben herausgefunden, dass die Nachfahren von Einwanderern in vielen europäischen Ländern, inklusive Deutschland, im Vergleich mit einheimischen Altersgenossen, deren Eltern denselben Bildungsstand hatten, viel besser abschneiden. »Die Bildungslücke zwischen Einheimischen und Einwanderern ist in den beiden letzten Generationen kleiner geworden«, schreiben die Autorinnen. »Setzt sich dieser Prozess in den nächsten Generationen fort, dann werden Personen mit Migrationshintergrund bald einen vergleichbaren Bildungsstand aufweisen wie die einheimische Bevölkerung.« Eine amerikanische Untersuchung von Wirtschaftswissenschaftlern aus Princeton und Stanford kam zu einem ähnlich optimistischen Ergebnis. Die Löhne von Einwanderern aus allen Herkunftsländern stiegen in den letzten 100 Jahren von Generation zu Generation rasch an. Die meisten Beobachter, so schlussfolgern die Autoren, »unterschätzen den langfristigen Erfolg von Immigranten«. [….]

(Prof. Yascha Mounk, Der Spiegel Nr.14, 02.04.2022, s.44)

Dienstag, 5. April 2022

Hinterher ist man immer schlauer

Das ist wirklich einem Arbeitskollegen meines Vaters so passiert.

Er hatte eine deutlich jüngere Frau geheiratet und deren dämliche Freundinnen hingen ständig bei ihnen rum. Eine davon war eine hoffnungslos chaotische Person. Schule abgebrochen, dem Alkohol zugetan, alle drei Tage eine neue Affäre. Eines Tages erschien sie völlig aufgelöst, war schwanger und pleite. Wer der Kindsvater sein könnte, war unklar. Was sie denn nur tun solle.  Da sie nicht im Entferntesten in der Lage war, auch nur für sich selbst zu sorgen, empfahl ihr der Kollege meines Vaters, rational abwägend, lieber abzutreiben.  Man verlor sich aus den Augen bis einige Jahre später die junge Dame wieder bei ihnen klingelte, einen entzückenden drei-jährigen Jungen an der Hand hielt und mit den Ratgebern von früher abrechnete: „Kevin ist mein ein und alles! Das liebste Kind der Welt und IHR WOLLTET DAMALS, DASS ICH IHN TÖTE!“

Die Moral von der Geschichte: Rate niemals einer Schwangeren, was sie tun soll. Man kann es nur falsch machen.

Inzwischen habe ich eine ähnliche Story mit ganz anderen Protagonisten gehört. Die Bekannte der Cousine meiner Nachbarin. Oder so. Vielleicht kommt es öfter vor, daß  mit der Entscheidung für oder wider Kind, schlecht beratene Frauen sich später bitter beklagen. Vielleicht ist es auch nur ein urbaner Mythos wie die Spinne in der Yucca-Palme.

Die vollkommen wahnsinnigen US-Republikaner mit ihrem „Don’t say gay“-Gesetz und ihrem Vorhaben, Schwangerschaftsunterbrechungen unter drakonische Strafen zu stellen, stellen diese Grundsatzfragen wieder auf die Tagesordnung. Weiße alte Männer sollen über den Körper einer jungen Frau entscheiden. Ich hatte schon vor Jahrzehnten gedacht, die Moraldebatte über Abtreibungen wäre endgültig entschieden.

Drei Aspekte sind und waren dabei für mich immer entscheidend:

1.) Was mit ihrem Uterus zu geschehen hat, geht nur die Besitzerin des Organs etwas an.

2.) Weltweit zeigen die Erfahrungen, daß es bei liberalen Gesetzen und offener Sexualaufklärung sehr viel weniger Abtreibungen gibt, als bei drakonischen Gesetzen, weil dadurch Schwangere so unter Druck gesetzt werden, daß sie sich nur noch darauf konzentrieren, wie man einen Abbruch überhaupt bewerkstelligen kann.

3.)  Bei einer Schwangerschaftsunterbrechung wird eben kein Kind getötet, sondern ein kleiner Zellhaufen nistet sich nicht an einer bestimmten Stelle ein. Das ist ein völlig natürlicher Vorgang. Daher heißt es auch „Gott ist der größte Abtreiber.

Den Christen sei an dieser Stelle ins Stammbuch geschrieben, daß auch die meisten menschlichen Embryonen ganz natürlich absterben, bevor sie geboren werden. Das hat Gott so eingerichtet.

Gott ist somit der größte Abtreiber überhaupt. Letztendlich läßt er 9 Embryos absterben, um ein Kind zu erzeugen

How many embryos and fetuses never make it to birth?  How many babies die in natural childbirth?  How many infants die before reaching age five?  The statistics are not good.  The most hazardous journey of life is the first few months. According to the calculations of Gregory Paul (see his published articles here), who used the best figures from embryology and neonatal doctors, as few as one-quarter of all conceptions avoid reabsorption or miscarriage, and of those fetuses that do make it to full-term, another large percentage die during natural childbirth.  It’s obvious that embryos are not well-designed for making it to infancy.  The female body was not well-designed for childbirth, either, since the ratio of fetal skull size to female hip size doesn’t make for great odds for the mother.  Every year, more than half a million women die in pregnancy or childbirth.  Natural evolution, not religion, explains the tough compromises forced on the human body, and why few embryos make it to infancy and so many mothers die in the process.   Although the odds of a fertilized egg making it to a live birth are less than 1 in 5, another hazardous journey through infancy lies ahead.  Before modern medicine, around 20% of children in England and the United States died before the age of five, and that number was much higher in pre-industrial societies.  For most of the existence of our human species, over the past one hundred thousand years or so, probably only around half of all born babies reached the age of five.  All these poor odds add up to the fact that for most of human existence there had to be 10 pregnancies or more to guarantee the life of a single five year old child.

(John Schock, 27.04.2011)

Die Geschichte des Arbeitskollegen meines Vaters habe ich immer in diesem Sinne verstanden. Es ist ein unlauterer und ungerechter Vorwurf, irgendjemand habe dafür plädiert, den kleinen süßen Kevin zu töten. Genau das ist nie passiert, denn als es um die Frage „Abbruch oder nicht“ ging, existierte kein Leben, kein Kind, kein Kevin. Man diskutierte in einem ganz anderen System.

Sobald Kevin da ist, erübrigt und verbietet sich selbstverständlich sofort jede Erörterung, ob er leben darf.

Kein halbwegs anständiger Mensch würde sich anmaßen, über das Lebensrecht eines existierenden Homo Sapiens zu diskutieren.

Allein schon das Wissen um Kevin verunmöglicht rückwirkend die Ratschläge zum Thema Abtreibung zu rekapitulieren.

Jede diesbezügliche Überlegung gehört in die Zeit, als niemand eine Vorstellung von Kevin haben konnte, weil er schlicht nicht existierte. Dabei ist es unmöglich einen ganz genauen Zeitpunkt anzugeben, an dem ein Zellhaufen, wie er etwa in einem Ejakulat existiert, ein lebensfähiger Kevin geworden ist.

In dieser Geschichte gibt es Parallelen zum Umgang mit Wladimir Putin. Abgesehen von seinen Fans und Freunden unter Europas Rechtspopulisten, müssen sich auch der Nazi-Hetze völlig unverdächtige Politiker wie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier heute heftiger Vorwürfe erwehren.

[….] Die Russland-Politik von Ex-Kanzlerin Merkel steht in der Kritik. Nach dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj wirft auch Polens Regierungschef Morawiecki ihr schwere Fehler vor. Nun verteidigte Merkel sich.  Altkanzlerin Angela Merkel hat sich trotz massiver Kritik des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hinter die Entscheidung gestellt, die Ukraine 2008 nicht in die NATO aufzunehmen. "Bundeskanzlerin a.D. Dr. Angela Merkel steht zu ihren Entscheidungen im Zusammenhang mit dem NATO-Gipfel 2008 in Bukarest", teilte eine Sprecherin Merkels der Nachrichtenagentur dpa mit. [….]

(Tagesschau, 04.04.2022)

Anders als die ehemalige Kanzlerin, die ihre frühere Haltung rechtfertigt, gibt sich ihr ehemaliger Außenminister fürchterlich zerknirscht.

[….]  Ein Staatsoberhaupt in der Defensive. Denn seine Entscheidungen aus der Vergangenheit holen ihn ein: „Mein Festhalten an Nord Stream 2, das war eindeutig ein Fehler“, erklärte er bereits am Montag mit Blick auf die deutsch-russische Gaspipeline durch die Ostsee. „Wir haben an Brücken festgehalten, an die Russland nicht mehr geglaubt hat und vor denen unsere Partner uns gewarnt haben.“ Seine Einschätzung sei gewesen, dass Putin nicht den kompletten wirtschaftlichen, politischen und moralischen Ruin seines Landes für seinen imperialen Wahn in Kauf nehmen werde. „Da habe ich mich, wie andere auch, geirrt.“  Am Dienstagmorgen setzte Steinmeier seine „Beichte“ im ZDF-Morgenmagazin fort. „Wir müssen unterscheiden zwischen dem Putin, der 2001 im Deutschen Bundestag geredet hat, der den Eindruck erweckt hat, es gebe die Chance für einen gemeinsamen Weg zur Freiheit, Demokratie und zur Beachtung der Menschenrechte, und dem eingebunkerten Kriegstreiber Putin des Jahres 2022“, warb der ehemalige SPD-Politiker für Verständnis.  Dann aber räumte Steinmeier ein: „Das wirklich Traurige ist, dass wir in vielen Punkten gescheitert sind.“ Dies betreffe den vergeblichen Versuch, Russland in eine europäische Sicherheitsarchitektur einzubinden, ebenso wie jenen, demokratische Werte in Russland voranzutreiben. „Das ist eine bittere Bilanz, vor der wir stehen“, fuhr der 66-Jährige fort.  […..]

(MOPO, 05.04.2022)

Bekanntlich war ich nie ein Fand von Merkel und Steinmeier. Den Bundespräsidenten habe ich stets wegen seiner abstrusen Frömmigkeit kritisiert und Merkel war ohnehin 15 Jahre die böse Nemesis dieses Blogs.

Aber bei aller Lust an Häme; Botschafter Melnyks Attacken auf den deutschen Bundespräsidenten sind ungeheuerlich. Steinmeier sollte sich solche Ausfälle nicht von Nazi-Fan Melnyk gefallen lassen.  Es ist sehr billige Häme, nun von Vorwürfen ätzende Händeschüttel-Bilder deutscher Regierungspolitiker mit Putin auszugraben.

Lächerlich. Mit guten Freunden ist es leicht politische Kontakte zu halten. Aber noch viel wichtiger ist es, daß Kanzler, Minister und Präsident Kontakt zu den feindlich gesinnten Mächten halten.  Man sollte Politiker nicht dafür kritisieren, ihre Arbeit getan zu haben.

Aber es gibt auch den Kevin-Aspekt. Dem 2022er Putin, der alle Beziehungen zertrümmert, Kriege anzettelt, Butscha verantwortet, die Europäische Friedensordnung vom Tisch fegt, würden Merkel und Steinmeier nicht die Hand reichen.

Der gegenwärtige Kreml-Herrscher hat sich selbst so weit außerhalb unserer Anstandsregeln abgestellt, daß ihn kein westlicher Politiker bei Verstand als Partner oder auch nur Partnerschaft-tauglich betrachtet.

Der 2000er Putin hingegen war ein Mann, mit dem man sich vorstellen konnte, eine enge europäische Kooperation einzugehen und selbstverständlich war es damals vollkommen richtig auch genau das zu versuchen.

Hätte das funktioniert, wäre es womöglich nie zu den russisch-westeuropäischen Krisen 2008, 2014 und 2022 gekommen. Wir hätten alle profitiert.

A posteriori ist es leicht, zu behaupten, dafür habe es nie eine Chance gegeben, denn nun existiert der Ukraine-Krieg-Putin. Mit dem Wissen von heute darf man aber nicht die durchaus fruchtbare deutsch-französisch-russische Friedens-Zusammenarbeit von 2003 beurteilen, weil damals kein Horror-Wladimir existierte.

Wie auf dem Weg vom irrelevanten Zellklumpen zum realen Kevin, kann niemand genau sagen, wann aus dem kooperativen Putin, der Paria wurde, mit dem man nichts mehr zu tun haben will.

Ich bin sehr skeptisch, wenn ich heute höre „Putin habe ich nie getraut; der wollte doch immer Krieg!“  Es handelt sich vermutlich um Autosuggestion, wenn jemand heute glaubt, den Ukraine-Krieg von 2022 seit 20 Jahren vorausgesehen zu haben.

Es gibt psychologische Untersuchungen darüber, wieso Menschen so gern Quizshows sehen. Sie fühlen sich klug und den Kandidaten überlegen, weil sie sich bei den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten kurz nach der Auflösung der Richtigen selbst suggerieren, sie hätten auch richtig gelegen. Dadurch hält man sich für gebildet, auch wenn man eigentlich die a posteriori so logisch erscheinende Antwort eben nicht gewußt hätte. Ein solche Show funktioniert aber nicht, ohne Multiple-Choice; ohne Auflösung, weil man sich dann nicht schlauer fühlen würde als man ist.

Ich erinnere mich nicht, daß einer der „ich habe es doch immer gewußt“-triumphierenden Putin-Verächter in Parteien und Presse, 2008 oder 2014  lautstark dafür plädiert hätte, die Bundeswehr um 100 Milliarden Euro aufzurüsten, NATO-Truppen an der Ostgrenze zu stationieren, die Wehrpflicht zu behalten und einen ökonomischen Einbruch von 10% zu befürworten, damit man von russischen Öl-, Gas- und Kohle-Lieferungen unabhängig wird.

Haben die NATO-Einsatz-fordernden WELT-Journalisten etwa in den letzten Jahren auf Flüge und Benzin verzichtet, die Wintermonate ohne zu heizen in Daunenjacken verbracht? Haben sie ihre Netrebko-CDs geschreddert und Schalke04-Spiele wegen des Gazprom-Logos boykottiert?

Montag, 4. April 2022

Putins Helfer

Gestern hatte ich auf Russlands Unterstützung in Afrika, dem Nahen Osten und Asien hingewiesen. Nach Butscha sollte man meinen, die Putin-Fans in der deutschen Öffentlichkeit und der Medienlandschaft wären inzwischen ziemlich still. Das stimmt bedingt.

Das Linke Betonkopflager, beispielsweise Wagenknecht und Lafontaine, ist ziemlich abgetaucht; weist nicht mehr daraufhin, daß NATO und USA noch schlimmer wären. (Warum eigentlich nicht? GWB hat mit seinen völkerrechtswidrigen Angriffskriegen immer noch deutlich mehr Unschuldige auf dem Gewissen als Putin, viele US-amerikanische Kriegsverbrechen sind dokumentiert.) Aber Whataboutism fliegt einem um die Ohren, wenn die Gräuel-Bilder gerade noch so frisch sind, weil Whataboutism nur ablenken kann und nicht des einen Verbrechen mit den Untaten anderer rechtfertigen kann.

Gar nicht verwunderlich sind die Volten aus dem rechtsextremen Verschwörungstheoretiker-Lager. Nazi-Blogger David Berger übernimmt für seine PP-Plattform beispielsweise die Lügen der Covidioten-Hetzsammelseite „Unser Mitteleuropa“. Demnach sei das „Massaker von Butscha nur ein Fakenews-Märchen“. Zitiert wird unter anderem der rechtsextreme ehemalige NPD-Aktivist Carsten Jahn vom „Team Heimat“, der „Beweise“ dafür gefunden haben will, es handelte sich um eine „False-Flag-Aktion“ der berüchtigten Ukrainischen Asow-Neonazis.

Genau das hatte ich aus dieser Ecke erwartet. Wer derartig moralisch verkommen ist, ergötzt sich generell an Massakern, saugt begierig propagandistischen Honig aus Tod und Terror. Werden Massaker von den eigenen Leuten angerichtet, dichtet man es flugs in eine False-Flag-Story um. Das kennen wir von den rechtsextremen Trump-Parlamentariern, die den blutigen Putschversuch vom 06.01.2021 im US-Kapitol planten und dann bei schlechter Presse verkündeten, die Trump-Flaggen und QAnon-Schilder wären von verkleideten Antifa-Aktivisten getragen worden.

Kein Wunder also, daß deutsche Hetzblogger die Methode gleich adaptieren.

Viel gefährlicher sind natürlich die Verstrickungen von US-Toppolitikerin in die Insurrection. Hunderte gewählte Parlamentarier, aber zum Beispiel auch Ginni Thomas, die Ehefrau des ultrarechten Supreme-Court-Richters Clarence Thomas, waren Treiber des Sturms auf die US-Demokratie. 

Wenn David Berger für sich allein in seinem dunklen SM-Keller zwischen Hitler-Büsten und Meth-Pfeifen sitzend, Hassphantasien verbreitete und es nur die üblichen Spinner läsen, müsste man sich wenig Sorgen machen.

Aber diese braunen Medien dringen in die Parlamente vor.  Die AfD übernimmt gern die Putin-freundlichen Lügen, weil sie Russland als eins der letzten Refugien der weißen, christlichen, heterosexuellen, männlichen Macht betrachtet. Aufgrund mannigfacher Komplexe fürchten sich die „Kleinschniedelesken Männchen“ vor Diversität, gleichberechtigten Frauen und Queeren. Sie saugen begierig Desinformationen auf.

Die AfD-Parlamentarier sind begeistert.

[….] "Der russische Staat und staatsnahe Unternehmen, Oligarchen investierten sehr viel Zeit darin, Kontakte zu rechtsextremen und verschwörungsideologischen Milieus im Westen zu unterhalten."

(Julia Smirnova, Analystin ISD Germany)

Auch zu Gunnar Lindemann? Bei der Veranstaltung in Brandenburg ist er an Elsässers Seite. Für die AfD sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus. In seiner Freizeit vertritt er Putins Interessen.  Lindemann bereiste die Krim, Lugansk, Donezk, seit die Gebiete faktisch unter russischer Kontrolle stehen. Bei seinen Besuchen forderte der AfD-Politiker die Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken im Osten des Landes. Die Ukraine setzte ihn auf ihre Sanktionsliste. Vor Publikum verteidigte Lindemann im März mal wieder Russland.

  "Russland betreibt extra die Angriffe so, dass sie versuchen, die Zivilbevölkerung zu schützen."

(Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin)

Das ist gelogen – die Wahrheit sieht so aus.  Bilder wie diese aus Mariupol haben Russlands Ruf ruiniert. Leute wie er wollen das kaschieren: Gunnar Lindemann.  Er greift eine Erzählung auf, die auch im verschwörungsideologischen Milieu weit verbreitet ist. Putin selbst nutzte sie, um die Invasion zu rechtfertigen:

"Mittlerweile kommen natürlich immer mehr Details raus, worüber die westliche Presse versucht zu schweigen. Wir erinnern uns zum Beispiel: Am Anfang des Krieges schon hat Russland gesagt, es gibt Biolabore, Biowaffenlabore in der Ukraine mit der USA zusammen."

(Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin) [….]

(Kontraste, 31.03.2022)

Der Bundestagsabgeordnete Eugen Schmidt, 46, macht ungeniert Propaganda für Putin im Parlament.

Es geht aber noch schlimmer. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, der katholische, antisemitischen Diktator von Ursula von der Leyens Gnaden.

Der Mann aus der konservativen EU-Parteienfamilie verhalf der EU-Kommissionspräsidentin mit den entscheidenden Stimmen ins Amt und im Gegenzug hält sich die stärkste Frau Europas devot zurück, wenn in Ungarn Pressefreiheit und richterliche Unabhängigkeit abgeschafft werden.

Von der Leyen ist geiler auf die konservativen Stimmen Polens und Ungarns, als die deutsche Chemieindustrie auf russisches Erdgas. Sie stört sich nicht nur nicht daran, daß Ungarn sich als größtes Fan-Land Russlands inszeniert, sondern verhindert auch Abmahnungen gen Budapest. Umso intimer schmust Orbán mit Putin.

[….] Wladimir Putin galt als Vorbild von Ungarns Regierungschef Viktor Orbán. Was sich mit dem Ukraine-Krieg als fatal erwies, sagt György Dalos. Der Historiker schätzt die Lage in Ungarn vor der Wahl am Sonntag ein.

t-online: Herr Dalos, Ungarns Regierungschef Viktor Orbán machte aus seiner Verehrung für Wladimir Putin keinen Hehl, nun führt Russland Krieg gegen die Ukraine. Schadet Orbáns Vorgeschichte mit Russlands Präsidenten ihm nun im Wahlkampf?

György Dalos: Viktor Orbáns Flirt mit Wladimir Putin war keine besonders kluge Idee – das ist eine Tatsache. [….] Seine ganze Politik des letzten Jahrzehnts war ein großer Fehler: Ungarn ist ein kleines Land, mit einer derartigen Schaukelstuhlpolitik zwischen den großen Mächten wie der Europäischen Union und Russland war die Gefahr groß, zwischen die Fronten zu geraten. [….] Mein Land ist in dieser Hinsicht extrem von der Europäischen Union abhängig, weswegen Orbáns antieuropäische Politik umso sinnloser erscheint. [….] Wir sind geradezu eine Demokratie ohne Demokraten – wenn ich es auf diese Formel bringen darf. Das Verfassungsgericht, das Parlament und die Behörden, alles wird von Orbán kontrolliert. [….]

(Marc von Lüpke, 03.04.2022)

Es kam wie es kommen musste: Putin-Fanboy Orbán, der sämtliche Medien kontrolliert und alle Wahlgesetze zu seinen Gunsten manipulierte, gewann die gestrige Parlamentswahl haushoch.

Die Frau, die als erste einschreiten sollte, wenn ein EU-Land alle demokratischen Prinzipien abschafft, sich zu einer antisemitischen xenophoben und Putin-anhimmelnden Diktatur aufschwingt, dabei von der EU finanziert wird, schweigt so laut, daß es weh tut: Kein Wort von der Leyens zur „Wahl“ in Ungarn.

Putin-freundliche Naziblogger und AfD-Abgeordnete sind peinlich und schädlich.

Aber viel gefährlicher ist Ursula von der Leyens Appeasement.

Die Personalie von der Leyen, der die SPD aus gutem Grunde nie zustimmte, obwohl damit der mächtigste Posten der EU an eine Deutsche ging, bleibt womöglich die giftigste Hinterlassenschaft der völlig verfehlten 16 Jahre CDU-Kanzlerschaft in Deutschland 2005-2021. Die stellvertretende EU-Parlamentsvorsitzende Katarina Barley (SPD) ist entsetzt.

[….] Barley: Das Versagen der EU beim Schutz ihrer demokratischen Grundwerte wird damit zementiert. Orbán ist ein Antieuropäer, jemand, der Wladimir Putin als seinen Verbündeten betrachtet. Er hat während dieses Wahlkampfes in den staatlichen Sendern antiukrainische Propaganda rauf und runter laufen lassen. Orbán wird eine weitere europäische Integration immer wieder behindern. Für Ungarn bedeutet sein Sieg, dass die demokratischen Standards künftig noch weiter abgebaut werden. [….] Die Schuld liegt bei Orbán, aber die EU hat ihn zu lange gewähren lassen. Orbán hat zum Beispiel die ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten sehr großzügig versorgt und ihnen dann ein vereinfachtes Wahlrecht eingeräumt. Dafür hat er auch europäisches Geld genutzt – das stimmt. Das Schlimmste ist, dass die EU seinem Treiben seit zwölf Jahren zusieht und nichts unternimmt. Sie hat zugeschaut, wie Scheibchen für Scheibchen die Demokratie in Ungarn abgeschafft wurde. Es hat 700 Änderungen des Wahlrechts gegeben, die natürlich alle zum Nutzen von Orbán waren. [….]

SPIEGEL: Seit über einem Jahr hätte die EU-Kommission mit dem Rechtsstaatsmechanismus ein Mittel in der Hand, gegen solche Praktiken vorzugehen. Sie hat es bisher nicht genutzt.

Barley: Das war ein kolossaler Fehler der EU-Kommission. [….]Solange Orbán Mitglied der konservativen Parteienfamilie war, hat man einfach freundlich zugeschaut und ihm auf die Schulter geklopft. Jetzt können wir die Uhr nicht zurückdrehen. Ich würde mir auch wünschen, dass die deutsche Wirtschaft ihren Kurs ändert. Ein Grund, warum Orbán diese Wahl so hoch gewonnen hat, ist auch, dass man in Ungarn sehr gut leben kann. Das hat damit zu tun, dass die deutsche Wirtschaft von seinen autokratischen Methoden profitiert und ihn dadurch stützt. [….]

SPIEGEL: Von seinen Kolleginnen und Kollegen in den Mitgliedstaaten ist Orbán bislang geschont worden. Haben Sie die Hoffnung, dass sich das jetzt ändert?

Barley: Wir sehen ja dort eher einen Nachahmereffekt. Einige Staaten beobachten ganz genau, wie einfach man mit autokratischem Gebaren davonkommt. Deswegen macht die polnische Regierung mit dem Abbau des Rechtsstaats weiter. Deshalb eifert der slowenische Ministerpräsident Janez Janša seinem Vorbild Orbán nach. [….]

(SPON; 04.04.2022)

Sonntag, 3. April 2022

Danke, Olaf Scholz

Wladimir Klitschko stellt klar, für ihn sei Wladimir Putin „klar krank“.

Damit folgt Wladimir seinem Bruder Vitali, der schon 2014 zur Krim-Krise festhielt „Putin ist krank!“

Wladimir Kaminer sagt im ZEIT-Podcast über Wladimir Putin, er könne den Satz "Putin ist verrückt" nicht mehr hören.

Der in Moskau lehrende Ökonom Vla­dis­lav Ino­zem­tsev untersucht, wie Putin verrückt werden konnte.

[…]  Vor dem Krieg waren die meisten Exper­ten, dar­un­ter auch ich, der Ansicht, dass Putin die Ukraine nicht angrei­fen wird, ent­we­der weil er nicht über die not­wen­di­gen stra­te­gi­schen Kräfte verfügt, um das gesamte Land zu beset­zen, oder weil eine mög­li­che mili­tä­ri­sche Nie­der­lage seine Macht zu Hause gefähr­det. Der Beginn der rus­si­schen Offen­sive hat viele Men­schen zu der Annahme ver­an­lasst, dass Putin wahn­sin­nig gewor­den ist und den Sinn für die Rea­li­tät ver­lo­ren hat. Die dama­lige Bun­des­kanz­le­rin Angela Merkel erklärte bereits 2014, dass der rus­si­sche Staats­chef „in einer anderen Welt“ lebt.  Wie konnte das pas­sie­ren? Ich würde dafür drei Haupt­fak­to­ren nennen.  Putin als Opfer seiner eigenen Propaganda[…]  Putin hat sich im Westen getäuscht. […]  Die Put­in­sche Macht­ver­ti­kale funk­tio­niert nicht mehr. […]  

 (Vla­dis­lav Ino­zem­tsev, 20.0.2022)

Der berühmte britische Historiker Ian Kershaw hält die Frage nach Putins Geisteszustand für nicht entscheidend. Denn wäre er es, wären wir im Westen offenkundig auch verrückt, indem wir seit vielen Jahren tumb alle Zeichen ignorieren.

[…..] Es ist nicht so, dass der Westen keine Warnsignale erhalten hätte, wie brutal Putins Regime auf eine vermeintliche Bedrohung reagiert, wie paranoid sein Blick auf die Nato ist und wie er über die Hinwendung der Ukraine zur EU und zur Nato denkt. Fügt man noch die Annahme des Kremls hinzu, dass Russland von westlichen Sanktionen nichts zu befürchten habe, ist der Hintergrund der Invasion so gut wie vollständig.   [….] Zwischen 2004 und 2014 hatte sich die bloße Existenz einer unabhängigen Ukraine in Putins Gedanken immer mehr zu einer Obsession entwickelt. Und seit 2014 waren die Beziehungen der Ukraine zur Nato und zur EU eher enger geworden. Da der Westen die Coronapandemie immer noch nicht ganz hinter sich gelassen und im Debakel in Afghanistan seine Schwäche offenbart hatte, muss Putin geglaubt haben, dass er keine bessere Gelegenheit bekommen würde, das Ukraineproblem relativ unbeschadet zu lösen.  Keiner der vom Putin-Regime gegebenen Hinweise auf eine Gefahr für den Weltfrieden ließ den Westen von seinen engen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland abrücken. Europäische Länder – insbesondere Deutschland – haben zugelassen, dass sie von russischem Gas abhängig wurden. Unterdessen kauften russische Oligarchen derart viele Immobilien in London, dass die Stadt den Spitznamen Londongrad erhielt. Sie ist so etwas wie die Geldwaschanlage der unvorstellbar reichen russischen Elite, die zum Teil Putin nahesteht. Russisches Geld floss in die Kasse der Konservativen Partei und in den Besitz von Zeitungen und führenden englischen Fußballklubs. […..]

(Ian Kershaw, 13.0.2022)

Ich sage nach wie vor, daß Ferndiagnosen über Putins Geisteszustand unseriös sind und kann nicht beantworten, wie rational der Kreml-Herrscher denkt.

Unglücklicherweise sind unter den Herrschern von Groß- und Supermächten immer mal wieder Verrückte. Der mächtigste Mann der Welt vom Januar 2017 bis Januar 2021 ist definitiv geisteskrank. Im Fall Trump gibt es genug Belege.

In Deutschland, das in seiner Geschichte von vielen echten Spinnern (Otto I., Ludwig II., Wilhelm II., Hitler) regiert wurde, glauben offenbar viele Menschen, ein Irrer wäre automatisch auch als Führer illegitim. Gaddafi, Saddam, Kim Jong-Un, Putin – alle irre? Trump, Johnson? Vielleicht sind die alle geisteskrank, aber sie sind/waren die legitimen Regierungschefs, mit denen wir umgehen müssen, weil wir uns nun einmal nicht aussuchen können, wer in einem anderen Land regiert.

 Mich irritiert aber sehr, daß die bellizistische Fraktion Deutschlands, die Putin für „völlig durchgeknallt“ hält und nun wie der ebenfalls offensichtlich dem Wahnsinn anheimgefallene Ukrainische Botschafter Melnyk „all in“ gehen wollen, um am liebsten mit der NATO die russischen Truppen aus der Ukraine vertreiben wollen, so sicher sind, der eben noch als „krank und durchgeknallt“ eingestufte Putin, würde vollkommen rational auf militärischen Druck reagieren. Gegenüber genügend NATO-Feuerkraft würde er sich wie ein Gentleman zurückziehen und keineswegs zu „kranken und durchgeknallten“ Methoden wie A-, B- oder C-Waffen greifen.

Ich kenne Putin nicht persönlich und weiß nicht, ob er „irre“ ist. Aber wäre er es, handelte er so irrational, daß ihm die Folgen seiner Taten nicht interessierten, haben wir alle schon verloren.

Denn dann sind alle Sanktionen, alle wirtschaftliche Maßnahmen und alle Waffenlieferungen zum Scheitern verurteilt, weil man einen Irren, der über tausende Atomsprengköpfe gebietet, nicht aufhalten kann. Eine Niederlage der russischen Truppen in der Ukraine, würde dann unweigerlich in einen Weltkrieg münden.

Ich hoffe also, daß Putin nicht „irre“ und nicht „krank“ ist.

Gegen diese Theorie spricht seine durchaus raffinierte Vorbereitung. Dem wirtschaftlich angeblich so schwachen Russland ist etwas gelungen, von dem USA und EU nur träumen können: es manövrierte China eiskalt aus.

[….]  Die chinesische Führung hat seit Kriegsbeginn klargestellt, dass sie sich nicht von Russland abwenden wird. Druck erscheint daher in der Tat wenig erfolgversprechend.  […..]  China stehe vor einem nicht aufzulösenden Dilemma, sagt der frühere Spitzendiplomat Bilahari Kausikan aus Singapur. Um sich auf seinen Hauptgegner USA konzentrieren zu können, würde eigentlich naheliegen, dass Peking die Beziehungen zu den Europäern zu retten versuche. Doch die Position gegenüber Russland verhindere das. »China hat keine guten Optionen«, schreibt Kausikan.  In diese Situation hat sich die Führung selbst gebracht. Beim Besuch Putins in Peking am 4. Februar verabschiedeten er und Xi Jinping eine gemeinsame Erklärung, die als Gründungsdokument einer autoritären Entente verstanden werden kann. Beide Länder wenden sich darin gegen US-geführte Militärbündnisse in ihrer Nachbarschaft. Die Analystin Yun Sun vom US-Thinktank Stimson Center vermutet, dass Putin den Chinesen damit ausmanövriert habe: Wegen der gemeinsamen Erklärung könne China sich jetzt nicht von Russland abwenden. […..]

(DER SPIEGEL Nr.14, 02.04.2022, s.30f.)

Russland ist auch keineswegs so isoliert, wie es USA und EU gern hätten. Auch die Atom-Macht Indien stellt sich nicht gegen Russland. Hinzukommen 30 (von Putin erfolgreich umgarnte) afrikanische Staaten und zahlreiche Nahost-Monarchien. Die wirtschaftlich mächtigen Asean-Staaten verurteilen zwar offiziell gemeinsam mit dem Westen den Ukraine-Krieg, aber Japan, Indonesien, Südkorea und Co beteiligen sich nicht an Sanktionen gegen Russland.

[….] Die Golfstaaten, von den Energiesorgen des Westens wie beschwingt, halten Europa und den USA in der Ukrainekrise eine doppelte Moral vor. »Ich sehe hier absolut keinen Unterschied zwischen George W. Bushs Invasion im Irak 2003 und Putins Invasion in der Ukraine«, sagt der saudi-arabische Politologe Mansour Almarzoqi. »Riad ist nicht Teil dieses Konflikts und will nicht Teil dieses Konflikts werden.«  Auch wenn sie seit jener Sicherheitsrats-Entscheidung Ende Februar mit dem Westen gestimmt haben – als Brüder im Geiste sollten Europas und Amerikas Politiker die Herrscher am Golf nicht missverstehen. Putin genießt in der arabischen Welt durchaus Sympathien. Und die USA werden noch immer von vielen in der Region als Feind betrachtet, wegen der Invasionen im Irak und in Afghanistan, des Drohnenkriegs und der Ereignisse im Foltergefängnis Abu Ghraib. In konservativen Kreisen steht Putin mit seiner Verachtung für Genderpolitik und Schwulenehe auch für die Ablehnung von Individualismus, Säkularismus und Lebensformen, die aus dieser Sicht für den vermeintlichen Werteverfall des Westens verantwortlich sind.  Und wie in Indien und Südafrika investiert Russland auch im arabischen Raum gezielt in die sozialen Medien und hat damit Erfolg. Was im von Kriegen und Bürgerkriegen heimgesuchten Nahen Osten grundsätzlich gut funktioniert, sind Debatten, die vom Leid der Menschen in der Ukraine ablenken, indem gefragt wird: Aber was ist mit dem Jemen? Was mit Palästina? Das Gefühl, dass weiße und europäische Menschenleben mehr zählen als arabische, ist in der Region nicht zu Unrecht weitverbreitet.   Es grassieren aber auch Fake News und Verschwörungstheorien. Vor allem verfängt russische Propaganda in Kreisen, die sich ohnehin als Teil des antiamerikanischen Lagers verstehen. Das sind allen voran Iran und dessen Verbündete: die Hisbollah im Libanon, die Huthi-Miliz im Jemen und das syrische Regime, das direkt von Moskau unterstützt wird. So sieht man in Damaskus oder in den Vororten Beiruts, wo die Hisbollah stark ist, inzwischen auch Putin-Porträts neben jenen des Hisbollah-Anführers Nasrallah oder des syrischen Präsidenten Assad.  [….]

(DER SPIEGEL Nr.14, 02.04.2022, s. 83)

Diese geopolitischen Vorbereitungen sprechen für eine gar nicht irre, sondern rationale geostrategische Planung Putins.

Das sieht nach einem Mann aus, der nicht blindlings losschlägt, sondern genau kalkuliert.

Aber dann sind da wiederum die Bilder von heute aus Butscha. Die russische Armee zieht sich aus der Kiewer Gegend zurück und hinterlässt Berge von ermordeten Zivilisten.

[….]"21.57 Uhr: Russland will angesichts des Vorwurfs von Kriegsverbrechen im ukrainischen Butscha für Montag eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats einberufen. Das schreibt der Vertreter Russlands bei den Uno, Dmitri Polanski, auf der Plattform Telegram. Bei der Sitzung solle über die »Provokation von ukrainischen Radikalen« diskutiert werden."  [….]

(SPIEGEL Live-Ticker, 03.04.2022)


Das kann Putin nur schwer schaden und wird die letzten Zweifler in Europa mobilisieren.

Wer jetzt noch gegen Waffenlieferungen, auch schwere Waffen für die Ukraine positioniert, erleidet gerade schwer Shitstorms.

In dieser Situation sehe ich schwarz und zwar dunkelschwarz.

Es könnte allerdings auch noch schwärzer, nämlich vantablack sein, wenn der aggressive Dampfplauderer Friedrich Merz oder der unstete Markus Söder oder der intellektuell hoffnungslos überforderte Armin Laschet Bundeskanzler wären.

Ich bin froh, mit Olaf Scholz einen Kanzler zu haben, dem seine extreme Rationalität nicht abzusprechen ist, der nicht aus der Hüfte schießend irgendetwas anordnet, das er nicht vorher gründlich durchdacht hat, der sich nicht vom irren Melnyk treiben lässt. 


 

Samstag, 2. April 2022

Die Hepatitisgelben und ihre Liebe zur Autolobby

Das war schon etwas suboptimal, wie hartnäckig der deutsche Urnenpöbel 16 Jahren lang in Inkarnation der Beharrungskraft ins Kanzleramt wählte, die mit stoischer Geduld Maßnahmen Umsteuerung auf erneuerbare Energien blockierte, jedes Mal sofort in Brüssel intervenierte, wenn Reglungen gegen deutsche spritschluckende PS-Monster geplant wurden.

Nun benötigen wir 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr und stehen ohne Lieferungen aus Russland vor dem ökonomischen Kollaps.

Unheimlich schlau war es auch von Merkels Wirtschaftsminister drei der fünf größten deutschen Raffinerien in die Hände des russischen Staates zu geben.

Ein Treppenwitz der Geschichte, daß ausgerechnet ein Grüner Nachfolger nun auf Betteltour durch die noch menschenrechtsantagonistischeren Golfmonarchien tourte, um bei ihnen Ersatzgas zu besorgen.

Ausgerechnet bei den Despoten in Katar einzukaufen, ist der nächste Treppenwitz der Geschichte, denn die Frauen und Schwulen in Katar können nur davon träumen, so viele Rechte wie in Russland zu genießen.

Außerdem ist Katar ein glühender Unterstützer des Saudischen Angriffskrieges auf den Jemen. Dort starben bisher 370.000 Menschen, Millionen droht der Hungertot.

Robert Habeck muss man allerdings einiges zu Gute halten: Er hat die Miesere nicht angerichtet und er sagt ehrlich, wie schlecht die Entscheidung ist, aber außer seiner Sicht derzeit aus Mangel an Alternativen notwendig und immerhin etwas weniger schlecht, als Putins Gas zu kaufen.

Es ist ja wahr: Wir brauchen immer noch sehr viel Erdgas, also eine ökologisch sehr schlechte Energiequelle. Russisches Gas per Pipeline (Nordstream 2) ist von dieser ökologisch miserablen Methode immerhin noch die am wenigsten Miserable. Alternative Lieferanten sind ökologisch noch schlimmer.

Diese extreme deutsche Erdgas-Abhängigkeit, die uns 16 Jahre CDU-Regierung hinterlassen hat, ist so hanebüchen, daß der aktuelle deutsche Vizekanzler beim Umschichten der Bezugsquellen nur sehr kurzfristige „Lösungen“ anbietet.

Der einzige echte Ausweg ist und bleibt, weniger Gas zu importieren.

Das geht, indem wir ohne die auf der Bremse stehende CDU/CSU mit höchstem Tempo die erneuerbaren Energien ausbauen. Dafür müssen natürlich die Putin-freundlichen Windkraft-Verhinderungsregelungen in Bayern fallen.

Gleichzeitig ist jeder einzelne von uns angehalten, auf Gas und Öl basierende Produkte zu meiden. Die Einsparmöglichkeiten von Privatleuten (heizen, Autofahren, Reisen, Fleischkonsum) werden jeden Tag in der Presse durchdekliniert. Die größten Ressourcenfresser – Kinder und Haustiere – gehören aber zu den großen deutschen Tabus und werden nicht als die Umweltpest bezeichnet, die sie sind.

Es gibt tatsächlich aber auch Maßnahmen, die von eben auf jetzt den Verbrauch fossiler Brennstoffe in Deutschland reduzieren würden. Das Beste: Diese Maßnahmen kosten nichts und sind ohne komplizierte Gesetzespakete umsetzbar.  Tempolimits, autofreie Sonntage oder Verbot innerdeutscher Flüge.

Jede auch nur halbwegs rationale Regierung würde diese Anordnungen als erstes erlassen.

[….] Greenpeace-Verkehrsexperte Tobias Austrup sagte: "Es kann nicht sein, dass in der fünften Kriegswoche das Gewohnheitsrecht von Autobahnrasern für die FDP noch immer wichtiger ist als der einfachste und schnellste Schritt weg von russischem Öl." Deutschland dürfe sich nicht länger von der FDP in "fossile Geiselhaft" nehmen lassen. Ein Tempolimit sei sofort umzusetzen und schränke niemanden unverhältnismäßig ein. Das Umweltbundesamt (UBA) hatte vor drei Wochen verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen, um deutlich sparsamer mit Energie umzugehen. Private Haushalte könnten die Heizung etwas runter drehen, einen wassersparenden Duschkopf einbauen - und weniger und vor allem langsamer mit dem Auto fahren. Verringerten die Autofahrer die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf maximal 100 Kilometer pro Stunde und auf 80 km/h auf Straßen außerorts, spare das rund 2,1 Milliarden Liter fossilen Kraftstoff ein - selbst wenn man davon ausgehe, dass sich nicht alle daran halten und Einzelne schneller unterwegs sind. Das spare immerhin sofort rund 3,8 Prozent des im Verkehrssektor verbrauchten Kraftstoffs.  [….]

(dpa, 31.03.2022)

Unglücklicherweise kann man nur zwei der drei Ampelparteien als „vernünftig“ bezeichnen. Die FDP hingegen wird von irrationalen ideologischen Verrenkungen getrieben und nimmt dafür wie auch bei ihrem destruktiven Covidioten-Kurs gern Tote in Kauf.

[….] Die Bundesregierung hat Maßnahmen zum Energiesparen beschlossen. Ein Tempolimit ist - wieder einmal - nicht dabei. Die FDP blockiert. Und das, obwohl das Tempolimit einfach umsetzbar und gut fürs Klima wäre. Es könnte auch die Abhängigkeit von russischen Öl-Importen reduzieren.  […..]

(Monitor, 25.0.2022)

Dem passionierten Porschefahrer und vor toxischer Männlichkeit strotzendem Christian Lindner sind rationale Maßnahmen so zuwider, daß er noch nicht einmal drüber sprechen will.

[….] Lindner will nicht über Tempolimits und Fleischkonsum diskutieren! Steigende Preise und knappe Ressourcen haben Debatten über einen nachhaltigeren Konsum angeheizt. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will sich nicht daran beteiligen – und verspricht stattdessen neue Hilfen für Unternehmen.  [….]

(Spon, 02.04.2022)

Immerhin ist der Finanzminister darin konsequent, immer nur für das Wohl der Wohlhabenden zu sorgen.

Außerdem kann er sich auf seinen Assistenten Volker Wissing verlassen.

Der Verkehrsminister erläutert dieses Wochenende in einer Interviewkaskade, wieso das Tempolimit auf Autobahnen gar nicht kommen könnte, selbst wenn die FDP sich nicht mehr sperrte: Wir haben gar nicht genügend Verkehrsschilder!

[….] Wissing: [Das Tempolimit] ist eine Maßnahme, die äußerst umstritten ist und die auch sehr stark spaltet. Es bringt nichts, das immer wieder zu diskutieren. Das treibt einen Keil in die Gesellschaft.

MOPO: Wir haben gar nicht den Eindruck, dass ein Tempolimit die Gesellschaft so extrem fordern würde. Ist es im Vergleich nicht eher ein mildes Mittel mit klarer Einsparwirkung?

Wissing: Ich halte nichts davon, es vorübergehend einzuführen. Das ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Man müsste entsprechende Schilder aufstellen, wenn man das für drei Monate macht, und dann wieder abbauen. So viele Schilder haben wir gar nicht auf Lager.  […]

(Mopo, 02.04.2022)

Nein, das erschien nicht am 01.April! Um jede Widerrede gleich zu kontern, präsentiert der Hepatitisgelbe gleich eine Nachfolgeargument:
Wenn wir die Tempolimit-Schilder, die wir gar nicht haben, doch an den Autobahnen aufstellten und dann nach drei Monaten die Tempolimits wieder aufheben, haben wir furchtbar viele Schilder umsonst hergestellt – und das wäre dann ja auch wieder Ressourcenverschwendung!

Impudenz des Monats März 2022

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Auch in Hamburg sieht man jetzt öfter Autos mit einem „UA“-Kennzeichen und hört Ukrainisch im Supermarkt.  Wir sind noch ganz in der Anfangsphase. Wie im Spätsommer 2015 oder im November 1989, als Deutschland Verständnis für die Fluchtursachen hatte und die Syrer/Afghanen/Ossis mit Willkommenspaketen empfing, bevor den Teutonen wieder einfiel, daß sie eigentlich xenophob veranlagt sind und keine Fremden im Land haben wollen.

Ukrainer haben aber den Doppelvorteil, weiß und christlich zu sein; die Ossis waren ja ziemlich durchsäkularisiert und die Flüchtlinge von 2015/16 überwiegend mit dunklerem Teint gesegnet, als der von Kalkweiß bis Schweinchenrosa changierende Merkelbürger.  Deswegen gibt es nun erneut große Hilfsbereitschaft. Viele in Deutschland ankommende Ukrainer bekommen schnell private Wohnungen vermittelt.

Für die auf Lesbos gestrandeten Kriegsflüchtlinge, die dort seit Jahren in elenden Verhältnissen vegetieren müssen, ohne daß ihnen eine einzige Wohnung in Deutschland angeboten wird, dürfte nun endgültig klar sein, welches das ausschlaggebende Kriterium für europäische Asylpolitik ist: Rassismus.

Die Dunklen wollen wir nicht.

[….] Die Hilfe für die Vertriebenen aus der Ukraine zeigt, was Europa kann. Darüber wundern sich vor allem die Flüchtlinge, die seit Jahren auf Lesbos festsitzen.   […..]

(Boris Herrmann, SZ, 31.0.2022)

Einige Organisation halten sich in dieser Flüchtlingskrise bemerkenswert zurück, öffnen nicht ihre Billionen-schweren Geldschränke, stellen keine Wohnungen zur Verfügung: Die Kirchen.

Die deutsche Ober-Evangelin Annette Kurschus kann sich noch nicht mal dazu durchringen, einen der perversesten und sadistischen Kriegstreiber, nämlich Patriarch Kyrill I. zu verurteilen. Ist doch der „Papst“ der 150 Millionen russisch-orthodoxen Christen der offizielle Partner der EKD.

Daher küre ich die christlichen Kirchen zur Impudenz des Monats März 2022.

Wie unter christlicher Ägide mit Flüchtlingen verfahren wird, zeigt sich insbesondere im katholischen Polen, welches von der streng katholischen PiS-Partei regiert wird.

[…..] An der polnischen Grenze sterben Menschen auf der Flucht - an Erschöpfung, Kälte, Hunger, Durst. Wer sich durch die sumpfigen Urwälder von Belarus nach Polen kämpft, ist dem falschen Versprechen des Diktators Alexander Lukaschenko aufgesessen, dass über Minsk ein vergleichsweise sicherer Weg in die EU führt - die Menschen aus dem Irak, Jemen, Syrien oder Afghanistan sowie vielen afrikanischen Ländern hoffen, in Europa ein besseres Leben führen zu können. Stattdessen erwartet sie oft die Brutalität der polnischen Grenzbeamten.  Diese Tragödie geht nicht allein auf Kosten der nationalpopulistischen polnischen PiS-Regierung. Mit ihrem Gerede von einer "hybriden Attacke" durch den belarussischen Diktator gab die EU der stramm rechten Regierung in Warschau den willkommenen Vorwand, mit aller Härte gegen Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika vorzugehen. Die Grenzschützer behandeln die Frauen und Männer, Kinder und Alten wie Angreifer und Staatsfeinde, die brutal abgewehrt werden müssen - und drängt viele von ihnen in illegalen Pushbacks auf die belarussische Seite.  Es sind ein paar Dutzend täglich, die kommen, im Vergleich zu den Hunderttausenden an der ukrainischen Grenze. Der Gegensatz könnte krasser nicht sein. Die polnische Regierung unterscheidet klar in Freund und Feind. […..]

(Viktoria Großmann, SZ, 02.04.2022)

In Deutschland halten sich die Kirchen bei der Finanzierung der Flüchtlingshilfen weiterhin vornehm zurück, wollen nicht auf die russischen Kriegshetzer in Soutanen eingehen.

Aber die deutsche katholische Kirche, eine der größten Immobilienbesitzerinnen, tritt schon einmal prophylaktisch in Erscheinung. Wohnungen günstig an Flüchtlinge vermieten? Niemals! Da baut die berüchtigte „Aachener Grundvermögen“ schon mal vor.  Sie möchte am liebsten nur mit Millionären zu tun haben und errichtet Brandmauern zum armen Plebs.

(…..)  Die „Aachener Grundvermögen“ kaufte die 186 Hafencity-Wohnungen. Die Firma ist eine 100%ige Tochter der „Aachener Siedlungs und Wohnungsgesellschaft“, die wiederum unter anderem den Erzbistümern Köln und Paderborn gehört.

[….] TERRAGON AG: Verkauf von VILVIF Hamburg an Aachener Grundvermögen.  Leuchtturmprojekt im Überseequartier der HafenCity per Forward-Deal veräußert! Aktuell in Umsetzung befindliches Projektvolumen bei insgesamt rund 0,8 Mrd. €! VILVIF Ahrensburg bereits vorzeitig an den Investor übergeben

- Im Rahmen eines Forward-Deals hat die TERRAGON AG, führende Projektentwicklerin im Marktsegment Service-Wohnen für Senioren, gemeinsam mit ihrem Joint Venture Partner Garbe Immobilien-Projekte die Projektentwicklung "VILVIF Hamburg" an die Aachener Grundvermögen Kapitalverwaltungsgesellschaft verkauft. Nach Marktinformation ist es die bisher größte Einzeltransaktion für Service-Wohnen in Deutschland.  [….]

(DGAP, 31.12.2021)

800 Millionen Euro – bei diesen Preisen mag Otto Normalverbraucher etwas überfordert sein. Für Rainer Kardinal Woelki kommt das Projekt gerade passend. Sein Milliarden-schweres Erzbistum schwimmt im Geld und da er sich erfolgreich dagegen wehrt, Entschädigungen an die von seinen Priestern sexuelle missbrauchten Opfer zu zahlen, bleibt auch genügend Kapital für Luxusimmobilien übrig.

[….] Die GmbH Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft (ASW) ist im Besitz der Erzbistümer Köln und Paderborn und der Bistümer Trier, Münster und Aachen. Das Stammkapital beträgt 37 Mio. Euro. Dem Erzbistum Köln gehören 41,5 Prozent des Grundkapitals. [….]

(Wikipedia)  (….)

(Wer sich Immobilien noch leisten kann, 08.02.2022)

Nach der gelungenen kirchlichen Vertreibung nicht-vermögender Mieter aus der Hamburger Hafencity, kommen die milliardenschweren Bischöfe aber auch in ihren weniger exklusiven Locations jedem Appell an Solidarität mit Flüchtlingen zuvor.

Die Katholiken besitzen unter anderem im Hamburger Arbeiterstadtteil Hammerbrook Neubauprojekt „Sonninpark“ 248 geförderte Wohnungen. Sozialhilfeempfänger wollen die Katholiban aber nicht als Mieter.

 [….]  „Bitte beachten Sie, dass wir Mieter bevorzugen, die ihren Lebensunterhalt eigenständig bestreiten“: Eine Hamburger Maklerfirma sollte im Auftrag eines Aachener Immobilienunternehmens in Hammerbrook Wohnungen vergeben. Aber nicht jeder Mieter war scheinbar willkommen. Und das, obwohl es sich beim Vermieter um ein kirchliches Unternehmen handelt! Mehrere Mails gingen hin und her, irgendwann wurde der Ton dann immer genervter: „Die Anzahl der Empfänger irgendwelcher Leistungen in der letzten Woche war hoch. Bitte achten Sie darauf, dass wir keine Leistungsempfänger erhalten.“ Im Klartext: Arme Leute nicht willkommen!  [….] Was sagt der Makler zu so einer unchristlichen Wortwahl? Der will seinen Namen nicht veröffentlicht wissen, äußert im Gespräch mit der Mopo aber Unverständnis: „Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet ein Vermieter mit kirchlichem Hintergrund unsere Mitarbeiter darauf hinweist, dass sie gefälligst keinen Leistungsempfänger vorschlagen sollen. Die Kirche ist doch selbst Leistungsempfänger. [….]

(Mopo, 01.04.2022)

Doch, unbekannter Makler, das kann nicht nur sein, sondern war schon immer oberstes Prinzip der Kirche: Nehmen ist seliger denn geben.

Glauben Sie etwa, die Kirchen wäre der größte und reichste Immobilienbesitzer der Welt geworden, wenn sie freundlich immer die Ärmsten bei sich hätten wohnen lassen?

Ländereien

Die Kirche - der größte Grundbesitzer der westlichen Welt

Einige Beispiele:

    Deutschland: Mit 8,25 Milliarden qm größter privater Grundbesitzer 34) S.208 (entspricht gut der Hälfte des Bundeslandes Schleswig-Holstein 34) S.208 oder der Größe von Bremen, Hamburg, Berlin und München zusammen)

    Italien: über 500.000 ha Ackerland

    Spanien: ca. 20 % aller Felder

    Portugal: ca. 20 % aller Felder

    Argentinien: ca. 20 % aller Felder

    England: ca. 100.000 ha

    USA: über 1.100.000 ha Ackerland;

Weiden und Wälder sind nicht mitgerechnet. 26) S. 429

Städte / Immobilien

Der Vatikan ist »größter Immobilienbesitzer«

    Man kann in Bezug auf die immensen Besitztümer des Vatikans nicht mehr nur von Immobilien sprechen, sondern eher von Städten oder Stadtteilen.

    Rom z. B. ist bereits zu 1/4 in den Händen des Vatikans, recherchierte Paolo Ojetti in der Zeitschrift L’ Europeo am 7.1.1977. Sein Artikel war wie ein Telefonbuch zu lesen. Seitenweise listete er Tausende von Palästen auf, die z. T. den 325 katholischen Nonnen- und 87 Mönchsorden gehören. 5)

    Der Journalist Ojetti recherchierte auch in der italienischen Stadt Verona. Er druckte einen Stadtplan ab, auf dem ungefähr die Hälfte der Häuser schwarz markiert waren = Eigentum der katholischen Kirche. Er wies darauf hin, dass die Besitzverhältnisse in anderen Städten ähnlich sein dürften.

(Freie-Christen)

Nicht nur in Italien ist die Katholische Kirche der größte Grundbesitzer. Auch in Spanien.  Sie gibt diese erschlichenen Ländereien aber nicht nur nicht zurück, sondern hat sich durch ihren immensen politischen Einfluß auch fast überall von der Grundsteuerpflicht befreien können.  Während also Griechenland, Portugal, Spanien und Italien über explodierende Schulden stöhnen und sich täglich neue Milliarden leihen müssen, stehen die Kirchen als steinreiche Staatsschmarotzer am Rand und zahlen keine Steuern. (….)

(Erspar mir dein Mitgefühl, 29.05.2012)

Wenn man nicht nur so reich geworden ist, sondern immer noch reicher werden will, kann man keine Rücksicht auf die Habenichtse nehmen.

Flüchtlingskrisen sind also insofern gefährlich für die Kirchen, weil sie aufgefordert werden könnten, ihren immensen Immobilienbestand, zu nutzen, um Nächstenliebe gegenüber Bedürftigen walten zu lassen. Und genau das hassen die Oberchristen. Selber fressen, macht fett. Schon 2015 wanden sie sich erfolgreich aus der Solidarität.

Die Armen und Vertriebenen sollen nach Meinung der deutschen Top-Kleriker einen Tritt in den Hintern bekommen und schnell abgeschoben werden. Beharrlich weigert sich der größte Immobilienbesitzer Deutschlands auch nur ein einziges leerstehendes Kloster für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.  In Sachsen mischt sich sogar der Pfarrer vor Ort in Großröhrsdorf ein, als ein Unternehmer eine große Halle als Unterkunft anbietet. Der Pfaff protestiert und will keine Asylanten in seinem Umfeld.   So auch Sachsens Bischof Bohl, der sich nicht etwa dem Abschaum in den Weg schützend vor Flüchtlingsheime stellt, sondern die Positionen von PEGIDA und AfD nachplappert.

[….] Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche plädiert für eine harte Linie in der Flüchtlingspolitik. Asylverfahren von Balkanflüchtlingen müssen für Jochen Bohl dringend verkürzt und beschleunigt werden. Probleme in Montenegro, Serbien oder Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen. »Das ist einfach undenkbar«, sagte der Bischof der dpa.   [….]  Für Zuwanderer, die nach Deutschland kämen, weil sie keine Zukunft sehen, sei das Asylrecht nicht vorgesehen.  Bohl befürwortet, in Verfahren von Balkanflüchtlingen das Konzept der sicheren Herkunftsstaaten anzuwenden. »Wenn man weiß, dass in einem Land (...) keine systematische politische Verfolgung stattfindet, können die Anträge auch in verkürzten Verfahren behandelt werden.« Angezeigt seien auch rasche Abschiebungen. Es könne »nicht so sein, dass jeder, dem es gelingt, deutschen Boden zu betreten, auch das Recht hat, hier dauerhaft zu bleiben.« Indirekt deutete Bohl sogar Verständnis für Mobilisierungen gegen Flüchtlingsunterkünfte an: Es führe »bei vielen Menschen zu einem gewissen Verdruss«, dass »offenkundige Probleme sehr schwer und mühselig geregelt werden und es nicht zeitnah zu einer Lösung kommt.«

(ND 25.07.2015)

Die Kombination aus „Sachsen“ und „Kirche“ ist eben genauso übel, wie man es erwarten konnte.

(Der Christ des Tages VXXXIII 27.07.2015)