Mittwoch, 18. Juli 2018

Niedertracht war gestern.


Wenn Dutzende hochrangige Geheimdienstleute und Militärs dem eigenen Präsidenten Verrat vorwerfen, wie das gestern geschah, ist das keine Kleinigkeit.
Trump ruderte anschließend zurück, erwies sich aber einmal mehr als echter Trump, indem er wieder ein doubling-down draufsetze.
Seine Ausrede war ohnehin offensichtlich gelogen, aber zudem verpatze er den Auftritt so gründlich, daß die Welt erneut vor dem Problem steht Worte zu finden.
Wie soll man diesen Abgrund der Dummheit und Dreistigkeit noch verbalisieren?
Begriffe, die über Jahrhunderte die schärfsten Waffen waren – Niedertracht, Lüge, Verrat – sind im Jahr Zwei der Präsidentschaft Trumps nur noch matte Euphemismen.
Irgendwann gestanden wir uns ein, George W. Bush gar nicht mehr so sehr zu hassen, sahen ihn im milderen Licht. Naja, er hatte ein paar hundert mal gelogen, um einen Krieg zu beginnen, versprach sich ständig und riss die Welt in eine Megafinanzkrise. Aber hatte er nicht immerhin auch Selbstironie bei den WH Correspondents Dinners gezeigt? War er nicht in all seiner Blödheit auch tolerant gegenüber anderen Rassen, ließ die Presse berichten? Und war es nicht irgendwie sogar ganz elegant, wie er Jahre nach der Irak-Invasion in Bagdad bei einer Pressekonferenz am Rednerpult geschickt den Schuhen auswich, die die Iraker nach ihm warfen?
Inzwischen erscheint mir GWB geradezu wie eine Lichtgestalt, ein Meister der Eloquenz und Verlässlichkeit.
Trump ist nicht nur dümmer, dreister und ungebildeter als GWB, sondern er stellt eine ganz neue Ära der Schlechtigkeit dar.

[…..] Donald Trumps dreiste Russland-Ausrede: Zu dumm zum Lügen
[…..] Immer wenn man glaubt, dieser Mann könne nicht noch tiefer sinken, beweist Donald Trump das Gegenteil. Dabei schien der peinliche Auftritt des US-Präsidenten neben seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Helsinki kaum unterbietbar: […..][…..]
Die Empörung folgte prompt: Der US-Präsident glaubt nicht den eigenen Leuten, sondern eher dem Mann, der die russischen Manipulationsversuche befohlen hat? Landesverrat auf offener Bühne, begangen vom Staatsoberhaupt persönlich. […..]
 Doch fast noch schlimmer ist Trumps Versuch, diesen politischen Totalausfall ungeschehen zu machen. Offenbar unter dem großen Druck der aufgebrachten Öffentlichkeit, in begründeter Sorge um Massenkündigungen bei den amerikanischen Sicherheitsbehörden und augenscheinlich genötigt von seinen Beratern verlas Trump eine Erklärung, in der er sich von den eigenen Worten distanzierte. Er habe sich in Helsinki versprochen. Sagen wollen habe er: "Ich sehe keinen Grund, warum Russland es nicht gewesen sein sollte."
Das ist in ihrer ganzen Offensichtlichkeit die dreisteste und dümmste Lüge, die Trump in seiner bisherigen Amtszeit verbreitet hat. Schon allein die Art und Weise seines Vortrags verriet ihn: Wie mit vorgehaltener Pistole las Trump sichtlich widerwillig vom Papier ab, er akzeptiere die Schlussfolgerungen der amerikanischen Geheimdienste. Und schob dann improvisierend eine Einschränkung nach, die das eben Gesagte sofort wieder ins Gegenteil verkehrte: "Könnten auch andere Leute gewesen sein, es gibt eine Menge Leute."
Nicht nur ist Donald Trump unfähig, dem russischen Präsidenten gegenüber klar Stellung zu beziehen. Nicht nur ist er außerstande, seinen eigenen Beamten das Vertrauen auszusprechen. Nein, er hält offensichtlich seine Wähler und die gesamte Weltöffentlichkeit für so dumm, dass sie ihm eine Ausrede abnehmen, mit der sich nicht einmal ein Grundschüler vor seinen Hausaufgaben drücken könnte. Und schafft es noch nicht einmal, diese dünne Ausrede vom Papier abzulesen, ohne sie durch haltloses Geplapper sofort zu zerstören. [….]





Es bleibt zwar beim amerikanischen Polit-Stillstand aus paralysierter Opposition, bissiger Presse, enablender GOP und weiter euphorisch zu ihm haltender Wählerbasis. Aber das Theater ist so absurd geworden, daß ich mich immer wieder auf dem humoresken Aspekt der Trumppräsidentschaft konzentrieren muß, um nicht verrückt zu werden.

Sehr lustig zum Beispiel der sonst immer eher übertrieben pathetische Chris Cuomo, der für CNN im fact-check Trump der erneuten Lüge überführte und im Nebensatz erklärte die von einer Kamera eingefangene handschriftliche Trump-Notiz („was no colusion“) sei deswegen mit Sicherheit authentisch, weil Trump selbst diesen seit anderthalb Jahren täglich wiederholten Halbsatz falsch schrieb – nämlich mit einem „l“ zu wenig.

"and you know it's authentic because he misspelled collusion and that is something he does, he misspells words."


Willkommen im Amerika des #45 – man erkennt die Regierung an ihrer Unfähigkeit. Trump kann kaum lesen und schreiben, aber immerhin es gibt eine Person, die noch verblödeter und ungebildeter ist, eine, die gar keinen Satz fehlerfrei schreiben kann. Betsy de Vos. Klar, daß Trump sie zur Bildungsministerin ernannte.

Unser bajuwarischer Hobby-Trump, Markus Söder, über dessen Frisur ich mich wundere – sollte der nicht auf der Birne den gleichen Mob wie Wilders, Johnson und Trump tragen? – zeigt ebenfalls diese neuen Dimensionen der Schlechtigkeit.
Der Bonsai-Weltenlenker hatte die letzten zehn Jahre seines politischen Lebens mit radikaler Destruktivität verbracht. Alles ordnete er seinen persönlichen Interessen unter, widmete all seine Energie dem Vorhaben Horst Seehofer wegzumobben, um dessen Posten zu bekommen.
Kaum war Söder endlich Ministerpräsident griff er wie sein oranges Vorbild im fernen Washington zu neoroesken Nukes, riskierte bereitwillig die 70-jährige Partnerschaft zur CDU, die Kanzlerschaft Merkels, die eigene Bundesregierung und mittelbar auch die EU. Die ganze Welt hätte er in die Luft gesprengt, um MP zu bleiben. Moral und Anstand hatte er längst über Bord geworfen, perfide gegen Minderheit und Menschen in Not gehetzt, aber er scheute auch nicht davor zurück seinen Bayern schwersten Schaden zuzufügen, indem er das Tafelsilber als CSU-Wahlgeschenk verprasste. Seinen ehemaligen Hauptwidersacher Seehofer, der weidwund in Berlin debakulierte, trieb er zu immer neuen und härteren Hassattacken.
Söders gesammelte Niedertracht blieb nicht ohne Ergebnisse.
Die Umfrageinstitute sind sich einig: Die AfD ist gestärkt, die CSU steht so mies da wie noch nie.


Das Landtagswahlergebnis könnte so schlecht ausgehen, daß es noch nicht mal mehr zu Schwarzgelb reicht.

Ähnlich wie Trump versucht sich Söder nun in Schadensbegrenzung, indem er mit maximaler Unehrlichkeit und Niedertracht die Verantwortung für das Desaster Horst Seehofer zuschiebt. Dem Mann, den er erst nach Berlin wegmobbte und dann zu dem radikalen AfD-Kurs antrieb. Ungeniert nun der 180°-Donald auf glattem Eis. Der böse Horst war’s.

[…..] Nach dem Streit mit Angela Merkel rutscht die CSU in den Umfragen ab. Bayerns Ministerpräsident Söder versucht es nun in der Rolle des landesväterlichen Mahners - und setzt sich von Parteichef Seehofer ab.
Das jüngste Alarmsignal kommt vom Bayerischen Rundfunk. Der "BayernTrend", erhoben für das Politikmagazin "Kontrovers" weist historisch schlechte Werte für die CSU aus: 38 Prozent im Freistaat, noch unter den Ergebnissen der Bundestagswahl, ein Rückgang von drei Prozentpunkten gegenüber dem Mai 2018.
Demnach profitieren vor allem die Grünen vom Einbruch der CSU, die AfD liegt bei 12 Prozent. Nur noch 31 Prozent der Befragten sehen die CSU-Alleinregierung positiv, die meisten wünschen sich eine Koalitionsregierung. […..]
Für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Söder gibt seit kurzem den Mahner und Gemäßigten. Er wirbt für Sachlichkeit, mahnt bessere Umgangsformen in der Politik an und erlegt sich rhetorische Mäßigung auf.
[…..]  Der gelernte Fernsehjournalist weiß um die Wirkung jedes Wortes und jedes Halbsatzes. Da er bislang eher die Abteilung Attacke bediente, muss er nun darauf hinwirken, dass ihm der Wähler die neue softe Linie auch abnimmt. […..] Nun bauen die CSU-Wahlkämpfer in Bayern darauf, dass sich das leidige Thema Asyl irgendwie ausmendelt. Am Mittwoch forderte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann die CSU auf, das Thema Flüchtlinge nicht mehr so ins Zentrum zu rücken und sich wieder stärker anderen Themen zu widmen. "Wir müssen die Sachthemen in den Vordergrund stellen." [….]

Dienstag, 17. Juli 2018

Tut sich etwa doch noch was?


Gestern Abend als ich den Blogartikel über Trumps Helsinki-Auftritt verfasste, war ich mir einer Sache sicher, die schon seit zwei Jahren wie ein ehernes Gesetz gilt:
Nichts und niemand kann Trump-Anhänger dazu bringen sich von ihm abzuwenden.
Er ist als 3.000-facher Lügner überführt, preist Päderasten, kann seine zentralen Versprechen nicht einhalten, ist als Rassist und sexuell Übergriffiger überführt. Er ist faul, dumm, ruiniert das Ansehen Amerikas in der Welt und bereichert sich ungeniert. Er setzt auf eine nepotistische Dilettantentruppe, macht das Amt lächerlich und verprasst in nie dagewesenem Ausmaß „taxpayers money“ für seine Privatvergnügungen.
Zu den Dingen, die ich Trump tatsächlich glaubte, gehörte seine Prahlerei er könne jemand auf der 5th Ave in den Kopf schießen und würde dennoch von seinen Fans gefeiert.


Helsinki schien den Trumpismus zu bestätigen: Desaströse Außenpolitik, Zerstörung der Beziehungen zu den engsten Alliierten, ungeniertes Ranrobben an Diktatoren und anschließend Lob einheimsen bei FOX, während die Demokraten sich empören und die Republikaner devot den Mund halten.
Sofern Trump nicht über Nacht schwarze Hautfarbe bekäme, würden sie immer zu ihm halten.

Ich glaube auch immer noch nicht an ein Impeachment.
Die GOP von heute ist nicht mehr die Partei Nixons – knochenkonservativ, aber mit durchaus auch anständigen Personen besetzt, die sich ernsthaft darum bemühen ihrem Land zu dienen.
Diese Partei gibt es nicht mehr.
Über ein moralisches Rückgrat verfügt niemand mehr.
Nach zehn Jahren Teebeutel-Unterwanderung sind die Konservativen von Leuten ersetzt worden, die in erster Linie Vollidioten sind – und nebenher konservativ.
Außer denen, die ohnehin wie McCain dem Tode nahe sind oder wie Flake und Ryan bereits ihren endgültigen Ausstieg aus der aktiven Politik verkündet haben, traute sich niemand Trump direkt unter Nennung seines Namens anzugreifen.


Die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner Sarah Palin sitzt nicht in der Gummizelle, in die sie gehört, sondern ist immer noch eine politische Ikone.
Als Trump Putin seine größten Wünsche auf einem Silberteller präsentierte – Spaltung des Westens, Schwächung der NATO, diplomatische Aufwertung Russlands – stützte Palin angeblich den potus.

[…..] But Trump has his supporters in the United States including well-known American quarter-wit Sarah Palin.
In an interview with right-wing One America News Network (OANN,) Palin joined Trump in bashing NATO.
“America is spending too much money defending a bunch of elitist Europeans, who look down their noses at us,” said Palin. “What has NATO ever done for us? Where were they in World War II, when America defeated the Nazis.”
Palin fails to understand that NATO was created after World War II to deter potential Russian aggression in Western Europe. [….]

BS-News als Quelle? In diesem Fall handelt es sich zwar um Satire, aber bezeichnenderweise kann man die radikalste Satire gar nicht mehr von der Trump-Realität unterscheiden.
Hätte der US-Präsident die fehlende Solidarität der NATO im Kampf gegen Hitler beklagt, würde das inzwischen niemand mehr für einen Scherz halten.
Trump gibt tagtäglich derartig hanebüchene Sprüche von sich, daß man ihm buchstäblich alles zutrauen muss.

Deswegen waren die ersten europäischen Reaktionen auf das Trump-Putin-Treffen auch voller Erleichterung. Trump hat nicht die Sanktionen gegen Russland aufgehoben, er ist nicht aus der NATO ausgetreten oder kündigte an den §5 zu ignorieren.
All das war durchaus vorstellbar bei Trumps geradezu höriger Bewunderung für den russischen Präsidenten.


Als ich aber nachts mit quadratischen Augen vor CNN und Co saß, war ich doch überrascht über die Heftigkeit der Attacken auf #45.
Eine ganze Parade höchstrangiger Geheimdienstler der USA wagte sich vor die Kameras und drosch derart empört auf Trump ein, daß ich mich erstmals fragte, ob ich in meinem privaten kleinen Tagebuch-Blog nicht viel zu mild auf Trump blicke!


Lieutenant Colonel ret. Ralph Peters, langjähriger FOX-Militäranalyst, bebte geradezu vor Empörung über Trump.

“Today, we watched an American president grovel, grovel before the leader of the most hostile foreign power in the world, licking his boots.”


Der typische FOX- und Trump-Fan schert sich nicht darum, wenn sich die Opfer von Trumps Tiraden anschließend beklagen.

Misogyne und rassistische Attacken des Präsidenten sind ihnen herzlich egal, weil sie Frauen, Kinder, LGBTI und People Of Color ohnehin nicht respektieren.

Da nun aber die Beleidigten und Empörten höchste Militär und Geheimdienstler sind, mächtige weiße Topverdiener, die im allgemeinen GOPer Narrativ als Helden gelten, scheint sich das Blatt tatsächlich ein bißchen wenden.




Trumps Partei – abgesehen von den genannten ohnehin Bald-Aussteigern – ist immer noch rückgratlos-zahm. Gingrich, der Molch fordert nicht etwa ein Impeachment, sondern eine verbale Klarstellung von Trump.
Also nichts, das einen Mann, der sich selbst ohnehin ständig konterkariert irgendetwas kostet.
Aber immerhin kroch Trump heute tatsächlich zu Kreuze.
Die Kritik zu Hause war offensichtlich deutlicher heftiger als er dachte. Falls er überhaupt irgendwas dachte. Denn statt sich auf den Gipfel vorzubereiten, hatte er ja lieber zwei Tage auf seinen eigenen schottischen Plätzen Golf gespielt.

[….] US-Präsident Donald Trump hat nach heftiger Kritik wegen seiner Haltung beim ersten Gipfel zwischen ihm und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eingeräumt, dass sich Russland in die US-Wahl 2016 eingemischt hat. Er akzeptiere entsprechende US-Geheimdienstinformationen, sagte Trump nach Angaben des Senders Fox News und anderer Medien am Dienstag im Weißen Haus in Washington. [….]
(SPON, 17.07.18)

Unnötig zu erwähnen, daß die gesamte amerikanische Opposition auf ganzer Linie versagte.
Die demokratischen Geronten schafften es noch nicht mal irgendeine Medienpräsenz zu generieren, geschweige denn eine schlagkräftige Anti-Trump-Strategie zu präsentieren.
Unnötig zu erwähnen, daß die übergroße Mehrheit der Republikaner ein moralischer Totalausfall ist und noch immer nicht Trump fallenlassen wird.

Aber die amerikanische Presse lebt und immerhin konnten sich die gestern unter den Bus geworfene „Intelligence-community“ wortstark in Szene setzen und so einen Druck auf Trump generieren, daß dieser einlenken mußte.


Gerade die mutigen Fragen der US-Journalisten bei der PK in Helsinki zeigten weswegen eine freie Presse so wichtig ist. Zeigten wieso Trump und Putin so stark gegen missliebige Journalisten vorgehen.
Die Demokraten, die europäischen Regierungen, die NATO, sie alle konnten Trump nichts anhaben. Aber die Medien haben ihm gestern schwer zugesetzt.

Natürlich pöbelte und log er auf Twitter weiter.


Juli 2018

Es bleibt abzuwarten, wie stark die neue Empörung über Trump bis zu den Midterms im November aufrechterhalten werden kann.

Medien, Graswurzelbewegungen, Militärs, Geheimdienstler, Celebrities sind gefragt.
Die amerikanische politische Klasse hingegen ist ein einziges Trauerspiel, die einen Präsidenten, der Verrat an Volk und Nation begeht achselzuckend mit auf Sandkorn-Größe geschrumpften Hoden einfach weitermachen lässt.

[….] In der amerikanischen Verfassung gibt es die sogenannte Treason Clause. Artikel III, Absatz 3. [….] Die Strafe ist drastisch: Ein überführter Verräter, so steht es in einem Bundesgesetz, "shall suffer death".
[….] Politisch gesehen, war Trumps desaströser Auftritt in Helsinki genau das: Verrat. Und das gleich dreifach.
[….] Trump hat, erstens, all jene verraten, die sich jeden Tag bemühen, Amerika vor gegnerischen Attacken zu schützen. [….] Dass er der Welt erzählt, er glaube dem früheren KGB-Mann Putin mehr als seinen eigenen Mitarbeitern, ist ein spektakulärer Vertrauensbruch, ein Verrat an Amerikas Sicherheit.
Trump hat, zweitens, Amerikas Demokratie verraten. Putins Dienste haben während des Wahlkampfes übers Internet Hass, Misstrauen und Angst in den USA geschürt. [….] Diese Einmischung in die Wahl war ein feindseliger Akt Russlands gegen die amerikanische Demokratie, völlig unabhängig davon, ob oder wie erfolgreich die Russen waren. Doch Trump ist unfähig, das zu sehen und zu sagen. [….]
Drittens hat Trump den Westen verraten. [….]
Das alles ist tragisch und bitter. Aber es ist das, was man von Donald Trump erwartet. Noch bitterer ist das feige Wegducken all der Leute in Washington, die wissen, was der Präsident anrichtet, und die aus Angst oder Opportunismus wegschauen und weiter mit oder für ihn arbeiten. Sie sind die Komplizen eines Verräters. [….]


Montag, 16. Juli 2018

Realpolitik


Gerade rauschen wieder hämische Kommentare voller Hass auf Gerd Schröder durch die sozialen Netze, weil er auf Wunsch der Bundesregierung Deutschland beim Amtseid Recep Tayyip Erdoğans vertrat.
Da ging es hoch her bei den linken Schlechtmenschen.
Hass und Verachtung wurden kübelweise über den Ex-Kanzler ausgeschüttet.
Offenbar leben viele Linke immer noch in einer Ponyhof-Fantasiewelt, in der man sich die passenden Präsidenten selbst backen kann und wie damals in der Sandkiste einfach nicht mit denen spielt, die man nicht mag.

Dabei ist das gerade die Kunst der Diplomatie; Realitäten anerkennen und mit denen in Dialog zu treten, zu denen der größte Dissens besteht.
Russland und die Türkei sind für Deutschland extrem bedeutende Staaten in vielerlei Hinsicht.
Russland ist als größtes Land der Welt, als Atomsupermacht und UN-Vetomacht sogar für jedes andere Land sehr bedeutend.
Es zeugt von erstaunlicher Naivität zu glauben, eine Regierung könne sich darauf beschränken nur zu den Staaten Beziehungen zu unterhalten, die von ganz lieben Menschen regiert werden.
Überraschung: Die wenigstens Regierungschefs und Staatsoberhäupter sind lieb!
Im Gegensatz zu Trump ist Putin zweifellos rechtmäßiger Präsident, weil er mit einer ¾-Mehrheit gewählt wurde.

Gerd Schröders diplomatische Fähigkeiten sind ein Segen für Deutschland. In einer hochangespannten Lage mit gegenseitigen Sanktionen und wüsten Beschimpfungen, ist es umso notwendiger zusätzlich zu den offiziellen Regierungskontakten über vertrauenswürdige Kanäle zu verfügen, so daß man im Notfall einen Krieg abwenden kann.
Schröder hat diesen Einfluss zum Wohle Deutscher schon mehrfach unter Beweis gestellt, indem er beispielsweise Geiseln befreite.

[….] Der frühere Bundeskanzler hatte bei der Freilassung des Journalisten Deniz Yücel und des Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner vermittelt, die beide in der Türkei inhaftiert waren. [….]

Gerade diejenigen, die Putin nicht trauen, sollten umso erleichterter sein, daß der Mann, der über ein derart gewaltiges Atomwaffenarsenal in einem riesigen unübersichtlichen Land verfügt, im Krisenfall stets über eine besondere Verbindung zu Deutschland verfügt.
Das sollten wir eigentlich seit 1969 wissen, als Egon Bahr damit begann die von ihm so genannten „Kanäle“ zu den damals durchaus feindseligen Regierungen des Warschauer Pakts einzurichten.
Kanäle, die auch die Nachfolgeregierung Kohl dankbar übernahm und nutzte.

Vereinfacht ausgedrückt: Während Merkel ihrer Russlandphobie frönt, macht ein anderer die notwendige Drecksarbeit. In IHREM Auftrag wohlgemerkt.

Trump ist ein ganz anderer Typ. Er hat nicht die geringsten Skrupel mit Diktatoren und Gewaltherrschern zu sprechen. Im Gegenteil, er schätzt sie offensichtlich viel mehr als seine demokratischen Amtskollegen und Verbündeten.

Grundsätzlich begrüße ich natürlich Regierungskontakte aller Art. Aber die Neben-Kanäle gibt es nicht ohne Grund.
Denn ein offizielles Treffen mit dem eigenen Staats- oder Regierungschef ist immer auch eine große diplomatische Ehre, die Merkel als amtierende Kanzlerin nicht unbedingt leichtfertig an Erdoğan vergeben sollte, während dieser Myriaden politische Gegner und Journalisten in den Knast steckt.

Das ist der eine Grund weswegen es falsch war, daß sich Trump mal eben so ohne Vorbedingungen mit Kim Jong Un traf.
Denn dadurch erfuhr Nordkorea eine gewaltige diplomatische Aufwertung, die man sich hätte dafür aufsparen müssen, wenn es wirklich mal Resultate gäbe.
Der zweite Grund liegt in der Persönlichkeit Trumps. Er ist schlicht und ergreifend zu dumm und zu ungebildet, um Vier-Augen-Gespräche zu führen.
Er merkt gar nicht, wie leicht er sich vorführen lässt.


Ursula von der Leyen, der man schwerlich übertriebene Putin-Nähe vorwerfen kann, berichtete einst von den deutsch-russischen Regierungskonsultationen das worin sich Putin-Fans und Putin-Hasser immerhin einig sind.
Der Mann verfügt nicht nur seit Jahrzehnten über exklusivstes Geheimdienstwissen, ist nicht nur sehr intelligent, sondern auch ein extremer „Aktenfresser“.

Von 1999-2014 fanden jährlich bilaterale Regierungskonsultationen auf höchster Ebene statt; vulgo „gemeinsame Kabinettssitzungen“.
Während die deutschen Minister nicht sehr tiefgehend in die Arbeit ihrer russischen Amtskollegen informiert sind, scheint es umgekehrt ganz anders zu sein.
Von der Leyen konnte nur staunen, als sie 2006  ins westsibirische Tomsk reiste, um dort mit Putins Kabinett zu tagen.

Seine Detailkenntnis und sein Geschick im Umgang mit seinem Wissen sind legendär. Er hat es natürlich nicht nötig damit zu prahlen und andere einzuschüchtern. Keinesfalls wird er so doof sein Trump schlecht aussehen zu lassen oder ihn deutlich spüren lassen für wie dumm er ihn hält.

Also: Regierungskontakte müssen sein.
Tiefergehende Konsultationen auf allen Ebenen: Gerne.
Das eigene Land dabei von einem bornierten Deppen vertreten zu lassen: Nicht gut.


Nach dem heutigen Putin-Trump-Treffen in Helsinki sagte der Russe etwas, das er sicher sehr ehrlich meinte:
Ja, er habe sich Trump als Präsidenten gewünscht und keinesfalls Hillary Clinton.
Trump war begeistert und fasste diese Bemerkung in seiner ganzen Dämlichkeit als Lob auf. Dabei hatte Putin nur wahrheitsgemäß gesagt, daß er Clinton, die ebenfalls als hochintelligente Aktenfresserin bekannt ist, wohl kaum hätte übertölpeln können, wie es ihm jetzt so leicht mit Trump gelang.

Trumps einzige Gipfelvorbereitung bestand offensichtlich darin vorher ordentlich Fast Food zu fressen, in Schottland zu golfen und das westliche Bündnis zu schrotten.
Gut für Putin.
So muss es sich anfühlen, wenn im Kreml Weihnachten, Geburtstag und Silvester auf einen Tag fallen.


Das permanent aus Finnland sendende hochkarätige CNN-Panel konnte nur staunen, wie unvorbereitet und planlos die US-Delegation in die Gespräche mit den Russen gestolpert waren. Es war rein gar nichts zu erfahren. US-Diplomaten aller Ebenen waren ahnungslos – und es gibt nicht mehr sehr viele Ebenen, da unter Trump nach wie vor das halbe Statedepartment nicht besetzt ist.

"You have been watching perhaps one of the most disgraceful performances by an American president at a summit in front of a Russian leader certainly than I've ever seen."
(Anderson Cooper on Trump-PutinJuly 16, 2018)


Es gibt zwar diverse amerikanische Geheimdienste, die Trump in klaren Worten bestätigen, daß es vielfache russische Einmischungen in den Wahlkampf von 2016 gab, aber Trump glaubt ihnen nicht, sondern hält sich lieber an die Auskünfte des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin.
Unversehens plapperte der amerikanische Depp wieder von „her emails“!

[….] Trump declined to condemn the Russian interference, and instead brought up former Secretary of State and presidential nominee Hillary Clinton’s emails and repeatedly asked about the Democratic National Committee’s email server.
“What happened to Hillary Clinton’s emails? 33,000 emails gone, just gone,” he said. “I think in Russia they wouldn’t be gone so easily.”
The president said that he doesn’t “see any reason” why Russians would have been behind the Democratic National Committee hack, despite his own Director of National Intelligence Dan Coats telling him that the intelligence community thinks Russia was behind the interference.
The U.S. intelligence community has concluded that Russia interfered in the presidential election. [….]

In der Tat, so viel Dummheit war noch nie in der US-Regierung.
Wenn sich ein Vollidiot mit einem Hochintelligenten trifft, kommt das dabei raus, was wir heute erlebten.
Allerdings, soweit ist es schon, ist niemand mehr überrascht davon wie der Amerikaner sich verarschen lässt.
Es überrascht noch nicht einmal mehr, wie widerstandslos es die Republikaner, die Jahrzehntelang glühende Russlandhasser waren, zusehen wie Amerika geschadet wird.

Antiamerikaner können nun frohlocken: Russland gewinnt.
Amerikafreunde können nur hoffen, daß Trump nun wieder möglichst viel golft und sich nicht mit Politik beschäftigt.

[….] Die frohe Botschaft vom Helsinki-Gipfel zuerst: Mit dem Treffen in Finnland beendet Donald Trump seine Europa-Reise und fliegt zurück in die Heimat. Das ist positiv zu bewerten, denn jeder Tag, den dieser US-Präsident nicht mit Außenpolitik verbringt, ist ein guter Tag.
Trumps Europa-Trip war ein Desaster in jeder Hinsicht, er hat alte Alliierte wie Deutschland oder Großbritannien vor den Kopf gestoßen und die Kluft zwischen Europa und den USA vertieft. [….] Trump hat dort praktisch alles falsch gemacht, was er falsch machen konnte. Wladimir Putin missachtet die Menschenrechte im eigenen Land, er führt in Syrien seit Jahren einen Krieg gegen Frauen und Kinder und er verstößt mit der Annexion der Krim dauerhaft gegen das Völkerrecht. Er ist kein Mann, mit dem der US-Präsident als Anführer der freien Welt eine Männerfreundschaft oder Kumpanei, zelebrieren sollte. Aber Trump tat in Helsinki genau das.
Allein die Tatsache, dass Trump sich mit Putin ohne jede Vorbedingung oder die Forderung nach russischen Zugeständnissen in Syrien traf, war schon bemerkenswert. Die Botschaft ist klar: Putin kann sich in der Welt aufführen, wie er will. Es stört Trump praktisch gar nicht. Putin erhält trotz seines Verhaltens endlich die internationale Anerkennung, ja, die Legitimation, nach der er sich schon lange sehnt. Was für ein Erfolg für den Russen! [….] Völlig absurd erschien schließlich der Auftritt von Putin und Trump vor der Weltpresse. Dabei stellten sich Trump und Putin gemeinsam gegen die Ermittlungen in der Russlandaffäre durch das FBI: Putin unterstützte Trumps Behauptung, dass es keine Zusammenarbeit zwischen Trumps Wahlkampfteam und russischen Agenten gegeben habe. Trump nickte zufrieden. Einen besseren Verbündeten kann er sich wohl kaum wünschen. Es ist zum Gruseln. [….]

Idiocracy became reality. Insanity rules.

[….] Am klarsten äußert sich seitens der Republikaner der todkranke Senator John McCain: Er bezeichnet den Helsinki-Gipfel als "einen der infamsten Auftritte, den ein amerikanischer Präsident je hatte" und als "tragischen Fehler" und wirft Trump "Naivität, Egoismus und Sympathien für Autokraten vor".
Was im Vieraugengespräch zwischen Putin und Trump sowie den Beratungen mit den Delegationen beredet wurde, ist nicht bekannt. Nimmt man jedoch nur die Pressekonferenz als Maßstab, dann hat der Kremlchef mehr erreicht als er zu träumen gewagt hatte. In Russland waren die Bilder von zwei Staatschefs auf Augenhöhe überall zu sehen - und dieser Auftritt seines Widersachers Donald Trump hat dafür gesorgt, dass sich die ohnehin schon polarisierte US-Gesellschaft noch mehr streiten wird.
Denn aus der Erfahrung weiß man: Wenn Medien und Demokraten Trump kritisieren, dann verteidigen ihn seine Anhänger und jene Republikaner-Abgeordneten, die noch Karriere machen wollen, umso mehr. […..]