Mittwoch, 11. Januar 2017

World Leader

Nein, daran kann man sich nicht gewöhnen.
Es gibt Führungsfiguren, die wirken während ihrer gesamten Amtszeit fehl am Platze.
Kardinal Ratzinger als Papst? Lächerlich.
Gaga-Günther Oetti als EU-Handelskommissar; Guido Westerwave als Außenminister, Fipsi Rösler als Vizekanzler?


Es ist schwer zu erklären, aber ganz unabhängig von der persönlichen Wertschätzung fehlt einigen Personen die natürliche Autorität für ein hohes Amt, während Gerd Schröder schon am Abend seiner Wahl so aussah, als wäre er nie etwas anderes als Bundeskanzler gewesen. Putin oder Thatcher verfüg(t)en ebenfalls über diese selbstverständliche Macht.
Bei anderen ist man zunächst irritiert, wie bei Frau Merkel, aber es tritt ein Gewöhnungsprozess ein. Nun ist sie eben Kanzlerin und nichts anderes assoziiert man, wenn man ihr Bild sieht.
Aber François Hollande oder George Doubya? Auch nach Jahren im Amt fragte man sich, wie der Depp bloß Präsident werden konnte.

Es ist an dieser Stelle sicher überflüssig erneut ein paar Schockbilder der Clownfratze Donald Trumps zu zeigen.

Heute nun trat er erstmals seit seiner Wahl zu einer Pressekonferenz vor die Kamera, um zu erklären was er eigentlich als Präsident machen will.
Die PK fand statt während im Senat bereits sein designierter Außenminister Rex Tillerson verhört wurde.
Man beschäftigt sich also bereits mit der Vereidigung der Minister, ohne die geringste Ahnung zu haben, was die neue Regierung eigentlich will.

Die Thematik des Tages ist allerdings mal wieder ein 100%iger Trump.
Das Portal Buzzfeed veröffentlichte eine Story über hochnotpeinliche Sex- und Geschäftsaktivitäten des grabschenden Proleten.
Der russische Geheimdienst verfüge über umfangreiches Material, mit dem Trump erpressbar sei.

Nein, es gibt keine Beweise, sowohl der Kreml als auch Trump dementierten scharf – allerdings, nehmen die US-Geheimdienste das Dossier immerhin so ernst, daß sie laut eigenen Angaben alles überprüfen.

Die Rede ist dabei unter anderem von Natursektspielchen.
Der arme David Berger könnte womöglich in absehbarer Zeit nur noch der zweitberühmteste Urinduscher sein.

Schon munkelt man über eine neue US-Nationalhymne, die besser zur Herrscherfamilie Trump passt.


Trump reagierte wie er leibt und lebt – pöbelnd, fassungslos, in Rage, ungerecht und dreist lügend.

Er behauptete, Buzzfeed und CNN hätten die falschen Anschuldigungen in die Welt gesetzt. Er nannte CNN „Fake-news.“
Glatt gelogen; CNN hatte lediglich über die Untersuchungen der US-Geheimdienste berichtet und keine der Anschuldigungen konkret erwähnt.


Als der CNN-Mann Jim Acosta ob der falschen Anschuldigungen dazu eine Frage stellen wollte, grölte Trump ihn nieder und ließ ihn sogar mit dem sofortigen Ausschluß von der PK bedrohen.


So ist das im Jahr 2017.
Da steht der Vorwurf im Raum der Präsident-elect sei erpressbar und dieser grölt daraufhin die Presse nieder, vergleicht die eigenen Geheimdienste mit „Nazi-Deutschland“ und verkündet den Diensten erst wieder zu trauen, wenn er dort seine eigenen Leute eingesetzt hätte.
Es gibt also immerhin eine Konstante zu GWB, dem auch die neutralen Analysen des CIA nicht passten. Als seine Dienste eben nicht beweisen konnten, daß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hortete und hinter den 9/11-Anschlägen steckte – weil es tatsächlich nicht so war – ließ die Bush-Administration entsprechende „Beweise“ erfinden.

Immerhin, diesmal stellte sich der Newssender CNN deutlich auf die Seite der Fakten und nannte Trumps Anschuldigungen Klipp und klar „false“.

Trump also, dieser schlimme Prolet ohne Manieren soll also in wenigen Tagen der 45. US-Präsident sein.
Ja, es wird so sein. Aber dagegen wirkt US-Präsident Comacho aus dem Film „Idocracy höchst seriös.


An Trump werde und will ich mich nicht gewöhnen.

[….] Trumps erste Pressekonferenz als designierter US-Präsident versinkt im Chaos, noch bevor sie anfängt. Dutzende Reporter keilen sich im Trump Tower um Plätze. Es stinkt nach Schweiß und den Toiletten, die dem Andrang nicht gewachsen sind.
[….] So wird dieser Auftritt keineswegs zu Trumps erstem würdig-präsidialen Moment seit der Wahl. Sondern zu einer beispiellosen Mischung aus Selbstbeweihräucherung, Verschleierungstaktik und Verachtung für demokratische Selbstverständlichkeiten wie eine freie Presse und tadellose Regierungsorgane. [….] Einen Punkt spricht er im Detail an: ein angebliches Sexvideo mit Prostituierten in einem Moskauer Hotel: Jeder wisse, dass in vielen Hotelzimmern Kameras versteckt seien. Außerdem habe er eine Phobie vor Keimen.
Dass das Papier an die Medien lanciert wurde, sei "etwas, was Nazi-Deutschland getan hätte" - eine Formulierung, die er zuvor getwittert hat und gegen die sich jüdische Organisationen verwehren. [….]

Dienstag, 10. Januar 2017

Elitenverachtung



Das schockt sie, das schockt die Staatsspitzen, Medien und sonstige Respektspersonen sichtlich, wenn sie von einem grölenden Mob ausgebuht werden und als „Volksverräter“ angeschrien werden.

Daher wurde „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres. Zu Recht, wie ich meine.

Aber ist es auch Elitenverachtung, wenn sich Minister und Promis mal einem Auditorium gegenübersehen, welches sie nicht vorbehaltlos adoriert?

Heute tobt auf Facebook und Twitter ein unglaublicher Shitstorm gegen Meryl Streep, weil sie bei den Golden Globes Donald Trump kritisierte.


Das sei ja wohl eine Frechheit, wenn so eine reiche Elitentusse auf die armen Durchschnittswähler eindresche, die Autorennen und MMA mögen.
Trump selbst war natürlich am meisten empört und zickte auf Sandkastenniveau zurück. Er, das arme Opfer, das von einer völlig überbewerteten Frau ungerecht behandelt werde.
Auf CNN schlugen die Trump-Fans in dieselbe Kerbe. Dieses arrogante elitäre Hollywood sei eben der Grund für Trumps Aufstieg. Der kleine Mann auf der Straße habe keine Lust mehr sich was von den Eliten sagen zu lassen.

Was für eine wirre Welt.
Trump wurde eben nicht von einer Mehrheit gewählt, sondern landete geradezu abgeschlagen drei Millionen Stimmen hinter Hillary Clinton.
Noch viel erstaunlicher, daß es immer noch gelingt einen Typen wie Trump, der selbst seit Jahrzehnten Celebrity ist und über Milliarden verfügt, nicht als Elite wahrzunehmen.
Es gab noch nie in der amerikanischen Geschichte so ein Elitenkabinett wie zukünftig unter Trump. Es besteht ausschließlich aus weißen Milliardären und Militär-Generälen.
Wer das öffentlich kritisiert, wird dafür als Angehöriger einer Elite, der sich arrogant über das einfache Volk erhebt, beschimpft.

Natürlich liebt das Volk immer noch seine Eliten.
Es bestehen allerdings große Unterschiede bei der Definition wer oder was eigentlich Elite ist.

Fußballer, Helene Fischer, Michael Schuhmacher und viele andere Multimillionäre mehr werden weiterhin mit Ehrungen überhäuft und vom Volk bejubelt.

Klug, integer, gebildet, vorbildlich zu sein ist kein Kriterium für die Zugehörigkeit zur Elite.

Das selbsternannte Intellektuellen-Magazin Cicero kürte auch dieses Jahr wieder eine Rangliste der bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands.


So eine Rangliste ist grundsätzlich unseriös.
Ich schätze Eliten - auch wenn ich solche Luftnummern wie Thilos Sarrazin und Hans-Werner Sinn noch nicht mal unter die Top 500; geschweige denn unter die Top 5 setzen würde.

Offensichtlich werden die Begriffe Prominenz, Bekanntheit, Popularität, Bedeutung, Elite, Wichtigkeit und Vorbildhaftigkeit munter miteinander verwechselt.

Das gilt auch für Amtsinhaber.

Joachim Gauck ist für mich in keiner Weise Elite. Er ist selbstzufrieden, intellektuell desinteressiert, egozentriert und zudem auch noch einerseits ungepflegt (die Zähne!) und gleichzeitig eitel.
Das sind alles Begriffe, die in meiner Definition von „Elite, Intellektueller oder Vorbild“ nicht vorkommen.

Es gibt genauso wenig Grund Christian Wulff oder Horst Köhler zu achten.

Das Amt des Bundespräsidenten ist Mythen-umwoben; die meisten Bundespräsidenten werden absolut zu Unrecht verehrt.

Eine Bundespräsidentin, die im besten Sinne „Elite“ sein könnte, wäre Hertha Müller, die aber bekanntlich keine Chance hatte, weil der völlig überschätzte Steinmeier auf den Schild gehoben wurde.

Was für ein Bundespräsidentenwahn mal wieder.

Die Mopo zitiert den Zukünftigen und tut so als ob damit ein neues Zeitalter ausbreche:

„Als Bundespräsident will ich ein Gegengewicht sein zu den Tendenzen der grenzenlosen Vereinfachung“
(Frank-Walter Steinmeier)

Gaucks Nachfolger sollte erst mal sein eigenes Denken auf bedenkliche Vereinfachungen überprüfen.

Ich wage aber zu bezweifeln, daß ein derart kirchenhöriger Frömmelnder wie Steinmeier überhaupt zu echter Intellektualität fähig ist.
Seine Doktorarbeit soll brillant gewesen sein; vielleicht leidet der Mann wie so viele Religioten nur an einer Inselverarmung.

Für meinen Geschmack hat der zukünftige Bundespräsident aber bereits viel zu viel von seiner schwer religiotischen Seite gezeigt, um noch viel von ihm zu erwarten.

Steinmeier ist aber der beliebteste Politiker Deutschlands – hier sind sich öffentliche Meinung und VERöffentlichte Meinung offensichtlich einig.

Wie immer bei Bundespräsidenten gibt es keine Elitenverachtung, sondern nur Jubel.

Die ARD kniet ehrfürchtig vor Joachim-ich-bin-der-geilste-Gauck und widmet ihm eine kritiklose Jubel-Doku.

[….] Mit dem Film, für den Eva Lodde, Matthias Deiß und Robin Lautenbach den Bundespräsidenten fünf Jahre lang begleitet haben, beginnt am Dienstag der Reigen der Abschiedsporträts vom Bundespräsidenten Joachim Gauck und seiner Gefährtin Daniela Schadt. [….] Wo bleiben zwischen all den schönen Bildern und liebevollen Blicken kernige Fragen nach Gaucks Haltung zum deutschen Nie-wieder-Krieg, zu Holocaust und Israel? Warum hat er sich in schwerster Flüchtlingsstunde von der Kanzlerin distanziert? Warum sagt er so wenig zum Terror? Die Autoren stellen kritische Fragen, aber Gauck darf sie allesamt selbst beantworten. Der Präsident erklärt da den Präsidenten. [….]

Noch ein aufgrund des Amtes in den Himmel gehobener Mensch ist der heute verstorbene Roman Herzog.
Auch er war Bundespräsident und wird somit automatisch über die Maße bejubelt.

Auch hier keine Spur von Elitenverachtung.

Der Ruckruf-Präsident
[….] Ein Mann - ein Wort, und das hieß Ruck. Bundespräsidenten haben unterschiedliche Wege gefunden, um ihren Abdruck im kollektiven Gedächtnis zu hinterlassen. Roman Herzog, der siebte im Amt nach Richard von Weizsäcker, tat es auf seine Weise, doch kaum minder prägnant als dieser. Jetzt ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.
Es wäre nicht einmal fair, in Herzog ein Gegenbild zu seinem Vorgänger sehen zu wollen. Dazu war er zu eigenständig, zu originell im besten Sinne: ein Spitzenjurist mit glanzvoller akademische Karriere bis hin an die Spitze des höchsten Gerichts, versierter Politiker. Ein konservativer Protestant aus dem niederbayerischen Landshut, hoch gebildet und weltläufig, unprätentiös, selbstironisch und ausgestattet mit Drang und Gabe zu einer Deutlichkeit, die sich nicht immer um Konventionen scherte. Ein Intellektueller, der es vermochte, so zu reden, dass ihn jeder verstand. [….]

 Ruck, Ruck-Präsident, Ruck-Rede – das schreiben sie heute alle voneinander ab.
Was für ein Popanz.
Herzog war ein durchschnittlich guter Redner mit starkem Akzent, der das Glück hatte, daß eine seiner Reden offensichtlich in eine Medienflaute fiel, so daß jeder das Wort „Ruck“ aufgriff.
Diese Rede hatte aber wie auch der Rest von Herzogs Präsidentschaft keinerlei Wirkung erzielt. Sie blieb politisch folgenlos und sozial irrelevant.

Wenn ich an Roman Herzog denke, fällt mir eine für meinen Geschmack unangemessene Hemdsärmeligkeit ein – gleich bei einem seiner ersten öffentliche Auftritte, zog er sich das Sakko aus, ergriff auf einem Bahnsteig eine Maß Bier und schlang sie so gierig runter, daß ihm das Bier über die feisten Bäckchen lief.
Unverkrampft und so. Aber eben auch unappetitlich und proletenhaft.

Schlimmer ist aber seine mangelnde Sensibilität in den Fragen der deutschen Vergangenheit.

Als Martin Walser am 11.10.1998 in seiner skandalösen Paulskirchenrede verkündete, die Juden seien schuld, wenn er leide, blieben Ignatz und Ida Bubis, geschockt und versteinert sitzen. Sie hatten es nicht für möglich gehalten so öffentlich als Juden wieder gedemütigt zu werden.
Roman Herzog, der nur zwei Plätze weiter saß, hatte natürlich nicht im Geringsten die Brisanz der Walser-Keule begriffen und sprang begeistert applaudierenden von seinem Sitz.

Man möge sich das gerade gestern in der ARD gelaufene „Letzte Gespräch“ Ignatz Bubis‘ noch einmal ansehen, um diese entsetzliche Kaltherzigkeit des Bundespräsidenten noch mal vor Augen zu halten.

Unfassbar peinlich auf Herzogs Fauxpas bei seinem Staatsbesuch 1994 in Polen, als er, ausgerechnet der DEUTSCHE Präsident scheinbar gar nicht den Unterschied zwischen dem Aufstand im Jüdischen Ghetto Warschaus und dem Warschauer Aufstand kannte.

Der Warschauer Aufstand fand statt vom 01. August bis 03. Oktober 1944, als die deutschen Truppen die gesamte Polnische Hauptstadt dem Boden gleichgemacht, 20 % aller Polen getötet und dabei noch nie dagewesene Grausamkeiten begingen.

[….] Himmler hatte im Sinne Hitlers bereits Tage zuvor den Befehl gegeben, sämtliche nichtdeutschen Einwohner Warschaus ohne Ansehen von Alter, Geschlecht oder Beteiligung am Aufstand zu töten und die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Durch diese Anordnung wollte er den Widerstand des polnischen Volkes gegen die NS-Herrschaft ein für alle Mal brechen. Infolgedessen endete der Angriff der „Kampfgruppe Reinefarth“ gegen den westlichen Stadtteil Wola mit einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Schätzungen zufolge töteten die deutschen Einheiten zwischen 20.000 und 50.000 polnische Zivilisten. Die Einheiten vermieden es sogar, den Kampf gegen die Heimatarmee aufzunehmen. Der Kommandeur der in Wola liegenden AK-Einheiten bezeichnete seine Verluste an Soldaten mit 20 Toten und 40 Verwundeten. Reinefarth beschwerte sich unterdessen bei seinen Vorgesetzten, dass die ihm zugeteilte Munition nicht ausreiche, um alle gefangenen Zivilisten zu erschießen. [….]

Wieso ausgerechnet der 03.10. später zum deutschen Nationalfeiertag erhoben wurde, weiß wohl nur der Historiker Helmut Kohl.

Der Aufstand des Jüdischen Ghettos in Warschau fand zwischen dem 19. April 1943 und dem 16. Mai 1943 statt. Die Warschauer Bevölkerung hatte damals noch relativ teilnahmslos zugesehen wie die deutschen Besatzer das gesamte Ghetto zerstörten und alle Juden umbrachten.

Roman Herzog kannte aber den Unterschied gar nicht so genau.
Er verkündete er werde „am 1. August 1994 aus Anlass des 50. Jahrestages im Warschauer Ghetto" nach Polen reisen.

Er hätte zurücktreten müssen.

Montag, 9. Januar 2017

Früher war alles besser



Meine Frisur war in den 80ern topmodisch, in den 90ern extrem, in den Nullern outdated und so langsam passt sich der Zeitgeist wieder an mich an.
Man muß den Trends nicht hinterherhetzen. Sie kommen zu einem zurück.
Mein Vater stellte deswegen nie seine Uhren auf Sommerzeit vor.
Das lohne sich nicht, meinte er, kurzbald müsse man sie auch wieder zurückstellen.
Ich empfinde es als sehr lästig persönliche Gewohnheiten aufgrund sich verändernder äußerer Umstände verändern zu müssen.
Ich leide dementsprechend immer noch darunter, daß vor 20 Jahren mein Lieblings-Deospray abgeschafft wurde.
 Und wie soll ich es eigentlich verkraften, daß der US-Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson (J&J) nun schon vor anderthalb Jahren seine geniale Rembrandt-Zahnpasta vom Markt nahm?
Zehn Jahre habe ich das Zeug jeden Tag verwendet und dann war plötzlich alles aus; ich blieb allein zurück.

Manchmal kommen Dinge auch zurück wie Langneses „Brauner Bär“, aber da wurden die Ingredienzen so „verbessert“ und die gute alte Chemiekeule so nachhaltig entsorgt, daß das Eis gar nicht mehr schmeckt.

Wenn man erst mal eine Pause eingelegt hat, legt sich auch die eigene Euphorie für ein Produkt.
 Was habe ich als Kind die Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ geliebt.
Als ich das aber mit 40 noch einmal sah, traten mir fast die Augen raus, ob der miesen Kampfchoreographie und der abstrusen Drehbücher.

Nein, es ist besser, man verändert erst gar nichts, entwöhnt sich niemals und bleibt bei einer Sache.
Ich bin sehr zufrieden mit meinem analogen Klapp-Handy und sehe es auch überhaupt nicht ein, wieso ich meine VHS-Cassetten und dem Videorekorder austauschen sollte.
Beides ist lange bewährt und nach einem möglichen Umstieg auf eine neuere Technik, wäre ich doch nur enttäuscht.
Ich will auch nach wie vor ein gedrucktes Buch in der Hand haben, in dem ich ganz viel anstreichen und kommentieren kann, statt ein blödes Lesegerät von Herrn Bezos zu benutzen, um ihn noch reicher zu machen und noch abhängiger von ihm zu werden.

[….]  Tatsächlich aber ist der Drang zum Handfesten und Konkreten ungebrochen, wie Analysen des Weihnachtsgeschäfts zeigen. Hochwertige Füllfederhalter mit Namensgravur waren ein Verkaufsschlager - zumindest in München. Auch die Firma Moleskine mit ihren Notizbüchern, die zum Standard-Werkzeug großer Schriftsteller zählen (allerdings erst seit den Neunzigerjahren hergestellt werden), meldete einen Rekordumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Und die Umsätze mit Vinyl-Schallplatten lagen mancherorts erstmals vor den Downloads: In Großbritannien etwa erhöhte sich der Absatz 2016 um 53 Prozent auf mehr als 3,2 Millionen Platten, wie die Branche am Dienstag bekannt gab. Das ist der höchste Stand seit 25 Jahren.
[….] Beim deutschen Plattenpresswerk Optima, einem Überlebenden der digitalen Wende, wurden vor 20 Jahren noch 60 000 Platten pro Monat produziert - heute werden so viele Exemplare an einem Tag gepresst, und das auch nur, weil die Kapazitäten nicht noch mehr hergeben.
Der kanadische Schriftsteller David Sax hat vor acht Wochen ein Buch veröffentlicht, das in seiner Heimat und den USA Aufmerksamkeit erregt: "The Revenge of Analog: Real Things and Why They Matter" ("Die Rache des Analogen: Echte Dinge und warum sie wichtig sind"). Darin erklärt Sax, dass diese Entwicklung gerade bei jungen Leuten dem Bedürfnis entspringt, etwas Besonderes zu besitzen, und zwar "In Real Life", also im wahren Leben. [….]

Sonntag, 8. Januar 2017

Zickenkrieg



Viele Politkommentatoren sind furchtbar lieb, fühlen mit ihrer Kanzlerin mit.
Hat sie es nicht schwer?
Keiner mag ihre Flüchtlingspolitik, Seehofer randaliert sich verbal durch die oberbayerischen Köster, die AfD hetzt sich durch Ostdeutschland, international pinkeln ihr ErdoğanTrumpOrban ans Bein und die CDU-Basis reagiert auf die Vorsitzende ungefähr so euphorisch wie ein Eber auf die Kastrationszange.
Und in dieser schrecklichen Lage will Merkel nach 12 Jahren auch noch die nächste Legislatur durchmachen, um den ewigen Helmut zu überholen?

Und dann die traurigen Umfragen! Die AfD wird immer stärker, scheint nahezu sicher zweistellig in den Bundestag einzuziehen.
Wird am Ende Frau Merkel womöglich als CDU-Kanzlerkandidatin antreten, aber gar nicht Kanzlerin werden, weil der Wählerzuspruch zu schmal ausfällt?

Was ist, wenn im Herbst 2017 der freche Christian Lindner wieder stark wird, die AfD 15% bekommt und in der Union nur Horst Seehofer das Wahlurnen-Viagra in Koalitionsverhandlungen einbringen könnte.
Reicht es dann wirklich nicht? Hat die Kanzlerin eine Schmerzgrenze des Zumutbaren? Würde sie hinwerfen und damit einer Spahn-Petry-Koalition den Weg freimachen? Christian Lindner stünde als williger Stimmenboy sicher zur Verfügung.
Dann wäre Jens Spahn Kanzler einer Beust-2001-Koalition relaoded.

Ich halte dieses Szenario allerdings für höchst unwahrscheinlich.
Es macht die Rechnung ohne des Urnenpöbel-Wirt, der bekanntlich ein Merkel-Argument über alles andere stellt: „Sie kennen mich!“
So will es der deutsche Michel. Weiter so! Keine Experimente. Die Karawane zieht weiter. Es soll bleiben wie es ist. Never change a winning team.
Deutsche sind generell fantasielos und würden kackophile Kanaillen wie Trump nicht so leicht wählen. Dieser Hang zum Bestehenden und Bodenständigen kann also auch positiv sein. Aber in Deutschland heißt das bis auch wenige Ausnahmesituationen eben auch, daß man immer nur CDU wählt.
Kirche, Küche, Kanzlerin.

Außerdem gibt es neben den Argumenten, die aus Wählersicht für Merkel sprechen, enorme Probleme bei der Alternative.
Die Opposition ist in so einem beklagenswerten Zustand, daß die Kanzlerin im Kanzlerkandidatenduell auch vor laufender Kamera auf das Pult koten könnte – sie würde dennoch gewählt.

Sigmar Gabriel schaffte es mit seinem ewigen Zickzack-Kurs und den kontinuierlichen Tritten in die Magengrube der Parteibasis jetzt schon die SPD von den ohnehin katastrophal schlechten 25,7% bei der Bundestagswahl am 22.09.2013 auf gegenwärtig 20% in Umfragen herunter zu schrumpfen – und das bevor die CDU überhaupt den Wahlkampf begonnen hat, bei grandiosen Zahlen für Gabriels Ressort.

Auch die Linke schaffte es auf den schwachen 8,6% bei der Bundestagswahl trotz all des GroKo-Frusts zu verharren, weil Fraktionschefin Wagenknecht nicht nur die halbe Partei vor den Kopf schlägt, sondern auch öffentlich mit Frauke Petry schmust und auf AfD-Kurs geht.

Die Grünen sind die wohl größte Enttäuschung seit der Wahl von 2013.
Parteilautsprecher Boris Palmer versucht jeden Tag die CSU rechts zu überholen. Kretschmann, immerhin Inhaber des höchsten Amtes eines Grünen, lobpreist die CDU-Kanzlerin nicht nur, sondern betet nach eigenen Angaben täglich für sie.
Er könne sich keine bessere in diesem Job vorstellen, verkündete der BW-Obergrüne.
Von den Parteichefs Özdemir und Peter weiß man eigentlich nur, daß sie sich gegenseitig hassen wie die Pest. Inhaltlich sind sie beide seit über drei Jahren ein Totalausfall. Für keins der aktuellen Probleme gibt es auch nur den geringsten Hinweis eines grünen Konzepts.
Das einzige, das mir spontan zum Thema „Grüne aktuell“ einfällt, ist die Forderungen nach staatlich bezahlten Nutten für Behinderte.
Die Idee ist gar nicht mal schlecht, aber ob sich „staatliche Sexualassistenz für Pflegefälle“ als Wahlkampfschlager eignet und damit die CDU-Kanzlerin aus dem Amt gejagt wird, wage ich zu bezweifeln.
Bei den Grünen scheint es derzeit nur darum zu gehen dem Wahlvolk zu verdeutlichen, daß man mit der frommen Merkel-Freundin Katrin Göring-Kirchentag und ihrem bayerischen Co-Fraktionschef, dessen Namen man sich noch nicht mal merken muß; dieser Prof. Hastig mit dem Wischmopp auf der Birne; personell rein gar nichts zu bieten hat.

R2G muß noch nicht mal in einer Koalition streiten, um schon die Rösler-Gedächtnis-Plakette als „Gurkentruppe 2017“ zu tragen.

[….] Die Kanzlerin steht im Wahljahr 2017 unter großem Druck. Doch sie wird womöglich auch Stimmen von Bürgern bekommen, die sich früher eher die Hand abgehackt hätten, als ihr Kreuz bei der Union zu machen.
[….] Angela Merkel will 2017 noch einmal für vier Jahre Bundeskanzlerin werden. Sagt sie zumindest. Und wer will das sonst noch? Selbst in ihrer CDU haben sich viele nur in einer Mischung aus brüchiger Geschlossenheit und unterdrückter Verdrossenheit hinter Merkel gestellt. Das war's dann aber auch. Schon die nächsten Verwandten aus der CSU haben sich bisher nicht überwinden können, die Kanzlerin auch als ihre Kandidatin zu küren. [….] So stehen die Bundestagswahlen, Stand Jahresanfang 2017, unter der Überschrift: Alle gegen eine - aber jeder für sich. Das erste ist ein Problem für Merkel, das zweite ihr größter Vorteil. [….]  Die Union [führt] in den Umfragen mit großem und derzeit wieder wachsendem Vorsprung, [….] Ihre Flüchtlingspolitik hat Merkel bis ins linke Lager hinein Sympathien eingebracht. Ihre Popularität liegt noch immer deutlich über allen potenziellen Herausforderern. Vor allem SPD, Grüne und FDP müssen deshalb fürchten, in einer sich aufschaukelnden Auseinandersetzung zwischen Merkel-Befürwortern und Merkel-Hassern unterzugehen. [….]

Ich glaube, Merkel fürchtet R2G ebenso sehr wie eine Invasion der Klingonen.
Es wird eine konservative Mehrheit im nächsten Bundestag geben; also sortiert man sich schon mal im eigenen Lager.

[….] Beim Dreikönigstreffen hatte FDP-Chef Lindner die CDU scharf angegriffen - vor allem wegen ihrer Sicherheitspolitik. [….] CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat FDP-Chef Christian Lindner ein überhebliches Verhalten vorgeworfen, das ein erneutes Scheitern der Liberalen wie bei der Wahl 2013 provoziere. "Der Grund, warum die FDP damals aus dem Bundestag geflogen ist, war nicht die CDU, sondern sie selbst", sagte Tauber der "Bild am Sonntag". "Und mit seinem selbstherrlichen Auftreten tut Herr Lindner gerade alles dafür, dass sie es wieder nicht schafft. Dann wäre die FDP erledigt."
[….] Lindners Auftreten erinnere ihn an den stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, sagte Tauber in dem Zeitungsinterview weiter. "Er redet teilweise wie Herr Gauland von der AfD. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er statt eines abgewetzten Tweed-Sakkos einen überteuerten Maßanzug trägt." [….].

Sehr komfortabel, die Situation, sie ist für Merkel.
Selbst wenn es mit AfDP nicht zu einer eigenen konservativen Kanzlermehrheit im nächsten Bundestag reichen sollte, betteln schon SPD und Grüne, um mit ins Koalitionsbettchen zu hopsen.