Samstag, 13. Februar 2016

Am Thema vorbei - Teil II

Augenscheinlich gibt es in der Welt sehr geteilte Meinungen über Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Frauke Petry, Horst Seehofer, Donald Trump, Beata Szydlo, Victor Orban, Markus Söder und Wolfgang Bosbach sehen die Kanzlerin als diejenige, die unkontrolliert Ströme von Fremden nach Deutschland lässt und lehnen dies mit Verve ab.

Auf der anderen Seite stehen die Grünen, Joschka Fischer, Ruth Klüger oder Einzelpersonen wie George Clooney, die Merkel rückhaltlos bewundern dafür, daß sie auf ihr christliches Herz höre und so viele arme Verfolgte nach Deutschland einlade.

Die Journalisten rätseln. Wie üblich, wenn es um Merkel geht.
Da sie ihr aber in der Regel immer noch sehr gewogen sind, loben sie immerhin ihren enormen Fleiß und Einsatz. Was diese Frau leistet! Und wie viel sie arbeitet!

Allein das Pensum diese Woche wieder: Merkel war in Straßburg und Ankara, in Frankenthal und Montabaur. Und in Hamburg. In Berlin sowieso. Sie hat den Franzosen getroffen, der ihr nicht so recht helfen kann, weil er zu Hause schon Stress genug hat; den Türken, der noch überlegt; den Iraker, der vor allem selber Hilfe braucht; die Polin und den Briten, die mit Europa hadern und in der Flüchtlingskrise für die Kanzlerin auch keine große Hilfe sind. Dazu noch zwei Wahlkampfauftritte in Rheinland-Pfalz. Danach war das Flugzeug kaputt, Merkel saß in Köln auf dem Flughafen rum, bis die Ersatzmaschine kam, erst um halb eins in der Nacht war sie zu Hause.

Merkel, die Fleißige also.
Die SZ-Edelfeder hat zwar Recht, aber es ist auch eine Binse. Regierungschefs haben enorm aufreibende Jobs mit wenig Schlaf. Das gehört zur Jobbeschreibung.

Als Chefin einer 81-Millionen-Köpfe-Nation gehört es zu ihren Aufgaben zu delegieren.
 Das tut sie. Sie muß aber an fähige Menschen delegieren. Das gelingt ihr überhaupt nicht. Sie läßt den völlig unfähigen Thomas de Maizière immer weiter debakulieren, ohne daß die dringenden Aufgaben angegangen werden.
Merkels Minister tun schlicht und ergreifend nicht ihre Arbeit. Die Chefin lässt es desinteressiert geschehen.

Es ist Resultat ihrer zehnjährigen Kanzlerschaft, daß Deutschland kaum Freunde in Europa hat, daß das Verhältnis zu Russland, der Türkei und den USA, ja sogar zu Frankreich ruiniert ist.
In Moskau, Ankara und Warschau, aber auch in den für die Migrationsbewegungen so wesentlichen Hauptstädten Rom und Athen wird Merkels Regierung regelrecht verachtet, so daß man Berlin nur zu gerne im Stich läßt.
Rache ist zwar dumm und unvernünftig, aber eben auch menschlich und süß.

Und was ist das eigentlich für ein Mega-Problem, das 2015 über uns hereinbrach?
1 Million Menschen. Ein Strom? Eine Flut?
Es war ein zum Teil ebenfalls hausgemachtes Problem. Seit 2010 fliehen die Syrer und fünf Jahre weigerte sich Merkel das Thema international zur Kenntnis zu nehmen, ließ die anderen EU-Länder im Stich, beharrte auf das Dublin-Verfahren.

Und die Zahlen?

Trotz aller Herausforderungen: Ein bisschen weniger Drama täte uns allen vielleicht ganz gut!
Wer sich die Bilderflut der letzten Wochen angeschaut hat, kann ja tatsächlich auf den Gedanken kommen, über Deutschland sei so etwas wie eine Naturkatastrophe ungeahnten Ausmaßes hereingebrochen. Dabei reden wir von bisher rund 400.000 registrierten Flüchtlingen, die aus größter Not in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind. 400.000, das klingt für manche ziemlich viel. Klingt allerdings gar nicht mehr so viel, wenn man sich die Zahlen der Flüchtlinge anschaut, die Deutschland in der Vergangenheit schon aufgenommen hat. Allein in den vier Jahren nach dem zweiten Weltkrieg sind rund 12 Millionen Menschen aus den sogenannten ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Deutschland geflohen oder vertrieben worden. 12 Millionen, die Arbeit und Wohnraum in einem völlig zerstörten Land suchten. Die zweite große Zuwanderungswelle dann in den 60er und 70er Jahren. Vor allem die sogenannten Gastarbeiter. Allein im Jahr 1973 kamen rund eine Million Ausländer nach Deutschland; insgesamt waren es zwischen 1969 und 1973 sogar 3,4 Millionen. Der nächste Höhepunkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer. Spätaussiedler und Asylbewerber aus Osteuropa, allein im Jahr 1992 waren es rund 700.000. Insgesamt kamen zwischen 1988 und 1993 3,1 Millionen Menschen nach Deutschland. Hat das Land alles gut überstanden. Auch deshalb täte uns allen ein bisschen weniger Drama vielleicht ganz gut - trotz aller Herausforderungen. Herausforderungen, auf die die deutsche und europäische Politik fast nur eine Antwort zu kennen scheint. Zäune hoch und Grenzen wieder dicht, wenn’s sein muss auch innerhalb Europas.

Der Staat, diese Minister, Merkels Regierung versagt, weil sie sich nie um die Basics kümmerte.
Die Ämter und Behörden sind im schwarze-Null-schlanker-Staat-Wahn total ausgedünnt und zudem auch noch von einem anachronistischen Beamtenrecht durchdrungen, so daß ausschließlich nach Alter bezahlt und befördert wird und nicht etwa nach Können und Elan. Alles sehr lange bekannt und sehr lange ignoriert von Merkels Mannschaft und ihrem Beamten-Minusminister de Maizière, der noch 2015 trotz eindringlicher Warnungen stoisch immer wieder Personalaufstockungen im BAMF ablehnte.

De facto sind ja gar nicht so viele Flüchtlinge gekommen. Ich meine, es sind zwischen 800.000 und 1,1 Millionen. Die ganz genauen Zahlen kennt man ja gar nicht. Es wird immer mit einer Million geredet, aber wahrscheinlich waren es ja "nur" 800.000. Das ist ein Prozent unserer Bevölkerung. Das ist eine Größenordnung: Wenn wir ein Einwanderungsgesetz hätten so wie Kanada und die USA, würden wir jedes Jahr so viele Leute aufnehmen. Ja, jedes Jahr! Und das ist auch das, was wir brauchen. Das heißt, wenn uns das schon an die Grenze unserer Leistungsfähigkeit bringt, dann haben wir versagt bei der Bereithaltung von staatlichen Strukturen, und das ist ja auch tatsächlich so. Der schlanke Staat, was man uns immer gelehrt hat, der Abbau der Infrastruktur, das macht sich jetzt sehr, sehr bitter bezahlt. Aber der Politik fehlt der Mut, das zuzugeben und zu sagen, kommt, Freunde, das kriegen wir hin, tatsächlich wir schaffen das, wir brauchen hier nur einen Kurswechsel im staatlichen Handeln.

Noch schlimmer ist allerdings, daß Merkel ihren eigentlichen Job gar nicht tut, nämlich für die Integration der zu uns Kommenden zu sorgen.

Erbärmlicherweise ist sie nur ganz im Sinne Seehofers unterwegs, um die Menschen außerhalb von Deutschland zu stoppen.
Die sollen nicht hierher und bitte irgendwo anders bleiben – koste es was es wolle. Dafür macht Merkels Kabinett auch Gesetze, die Kinder und Frauen zum Krepieren ins Meer schicken.

Deswegen bin ich überzeugt, daß die Kommentatoren, die wie Jakob Augstein auch Merkels Christlichkeit für ihren Flüchtlings-Kurs verantwortlich machen ……

Denn sie will, ich glaube, tatsächlich aus einem christlichen Ethos heraus Menschen in der Not schützen. Ich glaube, dass wir alle dramatisch unterschätzen, welche Rolle da das evangelische Pfarrhaus spielt bei dieser Bundeskanzlerin. Sie will Menschen in der Not helfen, das ist christliche Karitas, das ist schön.

….fundamental irren.


Vier Tage früher kritisierte Jakob Augstein das übrigens selbst noch - schob es allerdings allein der SPD in die Schuhe, während er die eigentlich Verantwortliche; Merkel; für ihre christliche Karitas lobt.

Das Wort der Stunde müsste Integration lauten. Aber es lautet Verschärfung. Auf Asylpaket I folgt Asylpaket II, und aus der Union kommt der Ruf nach noch mehr Verschärfung. Weniger Geld, weniger Rechte, mehr Auflagen, das ganze politische Handeln ist darauf ausgerichtet. Der Verschärfungswahn macht auch vor Kindern nicht halt. In letzter Sekunde ist der SPD gerade aufgefallen, dass sie in ihrem Furor dabei war, einer Regel zuzustimmen, nach der nicht einmal alleinreisende Minderjährige ihre Familie nachholen dürften. Deutschland produziert Waisenkinder und die SPD macht mit?

In der SPD gab es einen veritablen Aufstand gegen diese Regelung, so daß ein neuer Kompromiss gefunden werden mußte, in Merkels christlich-karitativer CDU störte sich nicht ein einziger daran Waisenkinder zu produzieren, aber sie ist die Gute?

Wenn die Merkels christliche Überzeugungen als Erklärung für ihren angeblich flüchtlingsfreundlichen Kurs stimmte, könnte sie auch nicht einen Bürgerkrieg absegnen, wie sie es de facto im Osten der Türkei tut und dort neue Flüchtlinge produziert.

„Bilder, die empören. Zivilisten mit weißen Fahnen werden auf offener Straße angegriffen und hinterrücks erschossen. Bilder eines Kameramanns, der gerade noch mal mit dem Leben davon kam. Bilder eines schmutzigen Krieges, direkt vor den Toren Europas. Ein Krieg, den die Bundesregierung partout nicht öffentlich kritisieren will. Kein Wunder, es geht ja um Wichtigeres: die Reduzierung der Flüchtlingszahlen. Guten Abend und willkommen bei Monitor. Seit Monaten tobt dieser Krieg, den die türkische Regierung offiziell gegen kurdische Terroristen führt; oder wen immer sie dafür hält. Das Schweigen der deutschen Bundesregierung wird von der Türkei dabei offenbar als Freibrief verstanden. Als Freibrief für einen brutalen Krieg, als Freibrief aber auch für die Unterdrückung der Opposition im eigenen Land. Nikolaus Steiner, Stephan Stuchlik und Halil Gülbeyaz über eine der schäbigsten Seiten der deutschen Flüchtlingspolitik.“


 „Jetzt sehen wir, dass Angela Merkel, die jahrelang die Verhandlungen mit der Türkei blockiert hat, so agiert, als ob alles Negative plötzlich verschwunden wäre. Und das zeigt, dass es mittlerweile um eine strategische Beziehung geht. Werte und Prinzipien gibt es dabei nicht mehr.
(Berkay Mandiraci, International Crisis Group Türkei)

Noch mal Jakob Augstein:

Sie will Menschen in der Not helfen, das ist christliche Karitas, das ist schön.

Wenn die Merkels christliche Überzeugungen als Erklärung für ihren angeblich flüchtlingsfreundlichen Kurs stimmte, würde sie nicht tumb die Fehler von vor 40 Jahren wiederholen, als es ebenfalls hieß Integration brauche man nicht, da die Gastarbeiter in Deutschland alle wieder in ihre Heimatländer zurück kehren würden.

Geschichte wiederholt sich
Wieder Familiennachzug, wieder „Flüchtlingskrise“, wieder Fehler
Die These, Deutschland ist kein Einwanderungsland galt teilweise bis ins neue Jahrtausend hinein. Heute muss es heißen, dass Deutschland auch ein Einwanderungsland für internationale Fluchtbewegungen ist. Das Land steht erneut vor einem migrationspolitischen Wendepunkt.
[……] Jahrzehnte lang, seit Beginn der Anwerbeabkommen ab 1955 bis kurz vor Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1.1.2005, wurde die Bevölkerung in Deutschland mit der Haltung, „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ und politischen Statements wie „Das Boot ist voll“, konfrontiert. Geprägt wurde diese Politik durch eine drastische Verschärfung der Asylgesetzgebung als Folge der Einwanderung von Kriegsflüchtlingen insbesondere aus Ex-Jugoslawien. Ebenfalls sei an Maßnahmen wie die Green-Card erinnert, die zum Ziel hatte, IT-Spezialisten anzuwerben, oder bilaterale Abkommen zur Beschäftigung von Erntehelfern beispielsweise. Dieses, einerseits durch Verweigerungshaltung und andererseits durch Widerspruch geprägte politische Programm lieferte die Grundlage für eine zwiespältige Einwanderungs-politik die auch noch heute anhält.
[……] Ab Anfang der 1990er Jahre setzte eine bis dahin noch nie da gewesene rasante Zunahme der Einwanderung von Flüchtlingen vorrangig aus Ex-Jugoslawien ein, auf die mit dem sog. Asylkompromiss vom 6.12.1992, vor dem sich SPD und FDP lange sträubten, reagiert wurde. [……] Am 28.1.2016 wurde von der schwarz-roten Bundesregierung das Asylpaket II beschlossen. Und schon wieder ist Familiennachzug Thema, neben weiteren Einschränkungen und Regelungen.
[……] Diese restriktive Politik orientiert sich dabei weniger am asylsuchenden Menschen, sondern wird beschleunigt durch eine Angst vor einem Verlust an Wählerstimmen, geschieht im Kontext der bevorstehenden Landtagswahlen in diesem Jahr sowie der Befürchtung eines noch deutlicheren Rechtsrucks der Gesellschaft. Erinnert sei an die Landtagswahl von 1992, als die als rechtsextremistisch eingestuften Republikaner als Folge der sog. Asyldebatte mit 11 Prozent in das Stuttgarter Parlament einzogen. [……]

Nein, Merkel ist nicht die Mutter der Flüchtlinge. Sie duckt sich vor den Rechten weg. Sie hat keinen Mut. Sie will keine Integration.

In dem Punkt hat Augstein allerdings Recht.

Was man [den Politikern] vorwerfen muss ist die Mutlosigkeit, mit der sie da zu Werke gehen. Ich glaube, dass die Politiker die Bevölkerung dramatisch unterschätzen und aus Angst vor den Rechten, aus Angst vor der AfD einen Fehler nach dem anderen machen und sich sozusagen von der rechten Rhetorik treiben lassen, statt mehr Mut und Zuversicht zu verbreiten und auch selber zu haben. [….] Aber ich glaube, dass [Merkel] an der Integration dieser Leute oder auch an der Umwandlung Deutschlands zum Einwanderungsland mit allem, was das heißt, Fordern und Fördern, in Wahrheit kein großes Interesse hat. Das heißt also, auch hier wieder ist schon die alte Angela Merkel, die eigentlich kein politisches Projekt hat und kein politisches Programm hat. Das bräuchte man jetzt aber.

Für Herrn Clooney im fernen Amerika mag es so aussehen, als ob Merkel die Flüchtlingsfreundin wäre, die sich für die armen Menschen einsetze.
Das tut sie aber nicht. Sie ist damit beschäftigt die Flüchtlinge abzuwehren, gibt dabei jede Menschlichkeit auf, verursacht damit noch mehr Elend und Tod.

Noch nicht einmal um die Menschen, die schon in Deutschland sind, sorgt sie sich. Auch ihnen gibt sie zu verstehen, daß sie wieder verschwinden sollen, erschwert Integration, indem sie beispielsweise Deutschkurse nun von den Flüchtlingen selbst mitbezahlen lässt, ja gibt das Projekt Integration überhaupt auf.

Jetzt muß ich schon einen Hamburger Morgenpost-Kommentar zitieren, um dem Vizekanzler den Vertrauensverlust in die Bundesregierung klar zu machen:

[….] Dies liegt auch daran, daß die Regierung nicht das geringste Signal sendet, wie es eigentlich im Land selbst weitergehen soll: Wo bleibt beispielsweise eine „Agenda Flüchtlinge“, vergleichbar mit der „Agenda 2010“? Wo ein Milliardenschweres staatliches Wohnungsbauprogramm? Oder eine Offensive zur Ausbildung und Einstellung von Lehrern und Polizisten? „Wir schaffen das“ ist zwar ein edles und richtiges Motto. Momentan hat man aber nicht den Eindruck, daß die Bundesregierung genug unternimmt. Stattdessen hat sie sich von EU-Partnern, der Opposition und engagierten Bürgern anhängig gemacht. [….]
Wir wissen doch nun schon seit vielen, vielen Monaten, daß CDU-de Maizière bei der Einschätzung der Flüchtlingszahlen und der Funktion des BAMF total versagt, wissen doch nun schon seit vielen, vielen Monaten, daß er Berliner CDU-Senator für Gesundheit und Soziales Mario Czaja beim LAGESO total versagt.
Kann ja passieren.
Aber es darf doch nicht sein, daß man den Zustand einfach so belässt, obwohl die Situation extrem pressiert.
Diese Typen gehören sofort entfernt. Mit schlichter Untätigkeit und Merkels General-Rezept „Abwarten“ kommen wir nicht weiter.


Freitag, 12. Februar 2016

Eherne Regel der Rechten



Seitdem ich die deutsche Innenpolitik verfolge gab es immer wieder mal irgendwelche rechtspopulistischen Gruppen am schmuddeligen Rand des Parteienspektrums, die durch BILD und platte Parolen in Landesparlamente geschwemmt wurden. Statt-Partei, Schill-Partei, Bürger in Wut, NPD, Republikaner, DVU, AfD.
Im Gegensatz zu den neuen Parteien auf der linken Seite des Spektrums – Grüne und Linke, konnten sich die braunen Brüllaffen aber nie auf Dauer etablieren.

Der Grund ist offensichtlich: Rechte sind intellektuell unterbelichtet. Da sie die Probleme gar nicht erfassen können, nur einfache Parolen grölen, können sie logischerweise nicht an Lösungen mitarbeiten.

Rechte begreifen nicht, daß der parlamentarische Alltag eher mühsam ist, Fleiß und viel Vorbereitungen erfordert.
Hier ist das sprichwörtliche Bohren dicker Bretter erforderlich – eine Methode, die diametral dem Habitus der Flachdenker widerspricht.

Unfreiwillig komisch wird es, wenn Rechte versuchen sich den Anstrich einer seriösen Partei zu geben, indem sie ein Parteiprogramm aufstellen.
So ein Unterfangen ist gar nicht so leicht für die schrägen Schreihälse, die nur ziemlich genau wissen wogegen sie sind.
Parteiprogramme hingegen sollten konstruktiv sein, Lösungen skizzieren und Pläne präsentieren. Zum Glück für die Rechten, lesen weder sie selbst, noch ihre Anhänger.
Blöd ist allerdings, wenn jemand anders sich die Mühe macht die Programmatik zu lesen, wie es die Netzaktivistin Katharina Nocun mit dem AfD-Programm tat.

 [….] Ich habe mir die Parteiprogramme der AfD-Landesverbände angeschaut, die demnächst wählen: Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg. Das sind die aktuellsten Programme. Sie zeigen sehr gut, wie die Partei momentan tickt, da die Mitglieder dem Programm zustimmen müssen.
[….] Verklärung preußischer Zustände, religiös-fundamentalistische Weltsichten, offener Rassismus, Klimawandelleugnung, marktradikale Konzepte aus der Mottenkiste. Alles dabei.
[….] Die AfD vertritt ganz klar die Interessen eines kruden Sammelsuriums von Interessengruppen: Großverdiener sollen weniger Steuern zahlen, radikale christliche Sekten bekommen Geschenke wie „Home Schooling“, das Infragestellen des menschlich verursachten Klimawandels begünstigt Umweltverschmutzer und Rechtsradikale finden sich im Rassismus wieder.
[….] Sie ist erzkonservativ bis ins Mark. Die stellvertretende Vorsitzende Beatrix von Storch holt die Diskussion zurück in die sechziger Jahre. Sie fordert als Abtreibungsgegnerin ernsthaft die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. [….]
 In Baden-Württemberg will die AfD „auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden.“ Was denn nun? Meinungsfreiheit, Pressefreiheit oder staatliche Beeinflussung der Medien?
[….] In Sachsen-Anhalt findet sich noch etwas Interessantes zur Freiheit der Kunst: „Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollten neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Was für eine Partei möchte Theatern vorschreiben, welche Stücke sie zu inszenieren haben? Das kennen wir nur aus repressiven Regimen. [….]

Nachdem nun aber schon vier AfD-Landtagsfraktionen existieren, erleben wir bei ihnen das was auch ihre Vorgänger von Republikanern, DVU und NPD bei ihren Stippvisiten im Parlamentarismus vormachten:

Aktuell sorgt in Hamburg der gerade erst von mir skizzierte AfD-Rechtsaußen „Dr. Flocken“ für den unweigerlichen blamablen Weg in die Lyse der braunen Fraktion.

Dr. Flocken ist so rechts, daß neben ihm nur noch die Wand kommt.
So unterzeichnete er im März 2015 die sogenannte „Erfurter Resolution“, auch bekannt als der braune Fluegel innerhalb der AfD, in der Rassist Björn Höcke sich mit seinen völkischen Thesen von Henkel-Lucke-Gruppe absetzen wollte.

Zuvor hatte der Bundesvize Hans-Olaf Henkel das Papier als "spinnerte völkische Ansichten" bezeichnet.  Flocken, Orthopäde aus Bergedorf, stört diese Kritik nicht. Er führt: "Wenn ich konservative, libertäre, islamkritische oder kriegskritische Positionen vertrete, bei Pegida mitspaziere oder rede, dann fühlen sich Politik und Medien provoziert." Auch in der AfD müsste das nicht jedem gefallen, sagt er. "Es gehört aber zur AfD dazu."
[….]  Es ist nicht das erste Mal, dass Flocken an diesem Image kratzt: Am 26. Januar beschimpfte er bei dem Pegida-Ableger in Schwerin die Gegendemonstranten: "In Diktaturen werden Kritiker der Regierung von der Polizei niedergeknüppelt. Bei uns brauchen die Eliten euch als Fußvolk, um die Menschen zusammenzuschlagen und einzuschüchtern." Und bezeichnete die Pegida-Gegner als "die neue SA".

Im Januar 2016 dreht sich Flockens Welt natürlich um die Silvester-Vorfälle.
Eine Steilvorlage für den Arzt, gegen den die Ärztekammer bereits ein Verfahren angestrengt hatte.

Fakten und konstruktive Politik interessieren die AfDler naturgemäß wenig.

Die AfD in Hamburg stellt mit Abstand die faulsten Abgeordneten, die wenn überhaupt nur Gaga-Anfragen stellen.
Der Parteichef Kruse warf seinen Vorsitz im Oktober 2015 hin, blieb aber auf dem (lukrativen) Posten des Fraktionsvorsitzenden – nur um sich drei Monate später in die USA abzusetzen.
Inhaltlich gibt es außer Hetze gegen Flüchtlinge kein Betätigungsfeld der AfDler in der Hamburger Bürgerschaft.

Bildung, Umwelt, Gesundheit, Verkehr, Wirtschaft? Fehlanzeige! Entsprechend hart das Urteil der politischen Widersacher: „Die AfD ist monothematisch aufgestellt. In fast allen anderen Politikfeldern findet sie nicht statt“, stellt der CDU-Fraktionschef André Trepoll fest. Das sieht die Linke genauso: „Sie hat außer ein oder zwei Anliegen zu keiner anderen Frage der Entwicklung der Stadt etwas zu sagen“, so Christiane Schneider. [….] In der Ausschuss-Arbeit des Parlaments, die es zu allen relevanten Themen gibt, ist das Urteil über die AfD vernichtend – und zwar parteiübergreifend.
Selbst CDU und Linke, die sich sonst quasi nie einig sind, kommen zu dem gleichen Ergebnis:  „In den Ausschüssen  muss man viel Detailwissen haben, da kann man nicht mit Plattitüden arbeiten. Das ist bei den AfD-Kollegen noch nicht erkennbar“, sagt Trepoll (CDU). Die Linke wird noch deutlicher: „In den Ausschüssen glänzt die AfD nach meinen Erfahrungen durch nahezu vollständige Abwesenheit – auch wenn ihre Abgeordneten körperlich anwesend sind. Von ihnen kommt: Nichts“, so  Schneider. Auch Beobachter geben der AfD in der Ausschuss-Arbeit schlechte Haltungsnoten.
Dass der AfD-Fraktionschef Jörn Kruse derzeit für drei Monate nach Kalifornien verschwunden ist, sorgt für Kopfschütteln. Kruse, der als Fraktionschef rund 8000 Euro im Monat erhält, begleitet seine Frau, die eine Gastprofessur an der Elite-Uni Stanford angenommen hat. [….]

Elfmal scheiterte die AfD daran einen der ihren in die Hamburger Härtefallkommission zu entsenden, die über das Schicksal von mit Abschiebung bedrohten Menschen entscheiden muß.

Inzwischen verfällt auch die AfD-Hamburg, wie es zu erwarten war, immer mehr der Lyse.


Mit seinem Austritt aus der Fraktion kam Flocken einem Ausschluss zuvor. Ein entsprechendes Verfahren war nach Angaben der AfD-Fraktion bereits eingeleitet. In ihrer offiziellen Stellungnahme sprachen die Rechtspopulisten, die fortan noch mit sieben Vertretern in dem Landesparlament sitzen, von „unüberbrückbaren unterschiedlichen Auffassungen“. Es habe eine Reihe von „nicht unerheblichen inhaltlichen Differenzen innerhalb der Gemeinschaft“, die vor allem die interne Abstimmung parlamentarischer Anfragen und Initiativen betroffen hätten, gegeben.

Allerdings nicht ohne vorher noch einmal öffentlich zu demonstrieren, was für ein dubioser und schlicht nicht wählbarer Haufen die AfD ist.

Er gehörte dem rechten Flügel seiner Fraktion an - aber letztendlich war ihm alles wohl nicht rechts genug. Dr. Ludwig Flocken ist aus der Fraktion ausgetreten. Es ist unüblich, ein Gespräch, das wir gemeinsam mit Kollegen vom NDR führten, ungeschnitten einfach in ganzer Länge online zu stellen. Wir machen mal eine Ausnahme. Weil wir finden, dass es für sich selbst spricht. Und wenn man nicht schneidet, kann man sich zumindest nicht den Vorwurf der Lügenpresse einhandeln.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Privates Tagebuch



Bah. Baaaaaah. Ich bin irgendwie deprimiert.
Alles ist so scheiße. Wo man auch hinsieht. Wir werden von Idioten regiert, die noch nicht mal handwerklich in der Lage sind ein Gesetz zu verabschieden, weil sie zu amateurhaft durch den Tag stolpern.
Crazy Horst sagt der gelernten DDR-Bürgerin Merkel durch die Blume sie habe die BRD in einen Unrechtsstaat verwandelt, während Pest-Politiker aus der kraftstrotzenden AfD von Schießbefehlen auf Kinder und Frauen faseln – was nicht etwa zu einem demoskopischen Absturz führt, sondern den Urnenpöbel so begeistert, daß die AfD sogar noch stärker wird.

Außerdem habe ich gerade noch Ärger der ganz unangenehmen Art, privat quasi, im Zusammenhang mit einem Brief, den ich Montag vom Finanzamt erhielt.
Diese Art Briefe, die man eigentlich nie bekommen möchte.
Eigentlich hatte ich beschlossen nie mehr Geld auszugeben und zu dem Zweck für immer in meiner Wohnung sitzen zu bleiben.

Lange hielt ich allerdings nicht durch und ging heute Abend groceryshoppen zu den Fußballern. Unglaublich, aber wahr, ausgerechnet ich Fußball-Hasser kaufe regelmäßig im Laden des Ex-St. Pauli-Fußballtrainers Holger Stanislawski ein.
Der Laden gehört ihm zusammen mit Ex-HSV-Profi Alexander Laas.
Stanislawski und Laas ist aber der große Supermarkt, den ich mit dem Auto am praktischsten erreichen kann.
OK, der neueste EDEKA-Niemerszein Lange Reihe ist wohl noch etwas näher und sehr schick, aber da ist die Non-Food-Abteilung kleiner und ich brauchte heute allerlei Putzmittel.
Außerdem, das gebe ich zu, fühle ich mich in dem Edel-Niemerszein Lange Reihe irgendwie seltsam, weil das ja die schwulste Straße Hamburgs ist – der Kern von St. Gayorg.
Ich mag Schwule sehr gern, aber als ich das letzte Mal in dem Laden war, kam ich mir vor wie ein verlotterter aufgequollener Opa – anscheinend kaufen da nur Models. Alle jung, alle makellose Haut, alle ohne ein Gramm Fett, alle muskelbepackt, alle topmodisch.
Das ist irgendwie schon ein „Problem“ an den Szene-Schwulen. Die sehen alle so unfassbar gut aus, daß man selbst als jemand, der eigentlich nichts auf Äußerlichkeiten gibt, eine leichte Verunsicherung spürt.
Aber die Lange Reihe ist eben DIE Flaniermeile der Hippen. Erstaunlich. Als ich studierte, vor Äonen, fuhr ich immer mit dem Bus durch die Lange Reihe. Da war es da noch richtig finster. Straßenstrich und Drogenumschlagplatz. Abends wollte man da wirklich nicht allein aussteigen. Und jetzt muß man da für eine Eigentumswohnung mindestens 7.000 Euro den Quadratmeter hinlegen. Gentrifizierung wie sie im Buche steht. Und die Homo-Dinks (Double Income No Kids) mit ihrem Geld und Geschmack sind schon irgendwie ursächlich.
Hier entwickelt sich wohl in der Tat eine der gefürchteten Parallelgesellschaften.

Selbst wer noch nie in Hamburg war, hat vermutlich schon von der Reeperbahn gehört. Eine der berühmtesten Rotlichtgegenden der Welt. Auch das ist eine Parallelgesellschaft. Ebenso wie der zu St. Georg („Gayorg“) gehörende Steindamm. Das Abendblatt portraitierte ihn vor einigen Wochen als „Orient am Steindamm in Hamburg.“

St. Georg.  An syrischen Restaurants, türkischen Imbissen, Barbieren und Shisha-Shops schieben sich Frauen mit Kopftüchern und Männer mit dunklen Haaren vorbei. Alle paar Meter drehen sich die Dönerspieße, es gibt Baklava, Apfeltabak und Minztee. Tausend und eine Nacht im Neonlicht der Handyläden. Willkommen in Hamburg, willkommen am Steindamm.
Seitdem die Zahl der Flüchtlinge im Sommer nach oben geschnellt ist, ist hier noch mehr Trubel als ohnehin immer war. Wolfgang Schüler hat die Entwicklung genau beobachtet. Als Quartiersmanager geht er den Steindamm fast jeden Tag auf und ab. [….]
Dass der Steindamm bei vielen Hamburgern immer noch einen schlechten Ruf hat, kann er nicht verstehen. "Anderswo würde man das einfach Little Italy oder China Town nennen und damit werben. Wo ist denn das Problem?" [….] Er findet: Im Moment läuft es richtig gut. "Auch durch die vielen Flüchtlinge, die jeden Tag kommen, wird hier ein richtig gutes Geschäft gemacht. [….]
Dass die Straße mit Flüchtlingen umgehen kann, habe sie schließlich schon mal gezeigt. "In den Neunziger-Jahren war die Situation ähnlich", erinnert sich Schüler. "Da kamen auch Tausende Menschen zusätzlich an den Steindamm, die heute zu guten Nachbarn geworden sind. Und wenn man ehrlich ist, haben sie das Viertel damals vor einem massiven Leerstandsproblem gerettet."
Ob die Zahlen der geflohenen Menschen derzeit zu Problemen führe? Zu Gewalt, Auseinandersetzungen verfeindeter Gruppen oder Diskriminierung? Schüler schaut, als würde man ihn fragen, wann er das letzte Mal zum Mond geflogen ist. "Solche Probleme gibt es hier nicht", sagt er. [….] [….]

Der Hamburger Steindamm IST zwar eine Parallelgesellschaft, allerdings verstehe ich nicht, wieso Parallelgesellschaften jemand stören.
In den meisten anderen großen Städten in Westeuropa und Amerika ist es ganz normal. In New York gibt es das berühmte „Little Italy“ oder „Chinatown“ und sogar ein deutsches Viertel.
Also für mich geht das völlig OK.
Es gibt ja vielfach in Deutschland reine Schwulenviertel, hier ist es St. Georg, das Uni-Viertel (Rotherbaum, wo nur Studenten sind), das Alternativ-Viertel, wo die  Autonomen und Ökos abhängen (Schanze und Karolinenviertel), das Ibero-Viertel vor der Speicherstadt, wo es all die spanischen und portugiesischen Restaurants gibt, Villenviertel in Harvesterhude  und dann natürlich reine Rotlichtviertel (Reeperbahn!) etc.
Warum soll es kein Türken- oder Italiener-Viertel geben?
Das Eigenartige ist in Hamburg, daß St Gayorg – dazu gehört auch der Steindamm – ausgerechnet ein Kombi-Viertel für Schwule und Muslims ist.
Die haben alle Toleranz gelernt. Kurioserweise ist MITTEN in der schwulsten Gegend von St Georg überhaupt der katholische Mariendom, in dem unserer neuer Erzbischof Stefan Heße hockt.
Katholiken gibt es da so gut wie keine – nur Moslems und Homos.
Aber irgendwie haben die sich offensichtlich arrangiert. So gut sogar, daß die Gegend jetzt so gut funktioniert, daß die Mieten auch so explodieren, weil jeder dahin ziehen will.
So etwas Ähnliches gibt es auf der Hamburger Insel „VEDDEL“.
Das war ursprünglich mal der ärmste Stadtteil Hamburgs für die Hafenarbeiter.
Dann wurde es langsam zum reinen Ausländergetto und weil die Mieten in den anderen Stadtteilen so steigen, sind in den letzten Jahren aber viele Studenten dahin gezogen.
Die Mieten sind auf der Veddel immer noch relativ günstig und viel los ist da auch nicht, aber es gilt auch als absolut friedlich und tolerant.

Das hat sich so rumgesprochen, daß auf einmal alle auf die Veddel ziehen wollen.

Stadtteile verändern sich immer und wenn sich Parallelwelten bilden, finde ich das gut.

Stanislawski und Laas liegt in Winterhude, aber dem nicht so schicken Teil des Stadtteils. Es gibt dort in dem Markt noch weitere kleine Läden.
Als ich da heute reinschlurfte, ging ich zuerst zu Shahram Pourkazemi, dem netten Inhaber von tabak lotto presse et cetera, um mir ein Platinum-Rubbellos für zehn Euro zu kaufen. Meine Finanzsituation und so. Ich muß da was unternehmen. Ich schätze Herrn Pourkazemi sehr, aber heute hatte er einen miesen Tag und händigte mir eine totale Niete aus.
Mist, die 500.000 Euro Hauptgewinn hatte ich schon fest eingeplant.


Macht nichts, nebenan bei den herzlichen Türken von „Feinkost Kaya“ wurde ich wie immer freudestrahlend begrüßt und sofort animiert alles Mögliche zu probieren. Die Jungs da sind nicht zu bremsen. Und jedes Mal, wenn man zu Hause seine Kaya-Tüte auspackt, haben sie einem noch zusätzliche Köstlichkeiten geschenkt.

Im eigentlichen Markt diskutierte ich dann mit Frau Wagner aus Kasachstan, der Käse-Dame, darüber wie man „Alter Schwede“ heiß macht. Sie tut den in die Mikrowelle. Ach Du Schreck. So etwas wage ich nicht. Dafür habe ich ihr aber noch einmal genau erklärt, wie man meinen berühmten amerikanischen Roquefort-Blumenkohl-Dip macht. Hatte ich ihr schon vor einigen Wochen mal erklärt, aber sie mußte noch mal nachhaken.
Da sie allein war, mochte ich nicht so lange wie üblich im Plausch verweilen, weil neben mir schon andere Kunden warteten. Eine junge blonde Frau, die mich aus dem Augenwinkel an die Tochter einer Freundin erinnerte.
Sie schmiegte sich an ihre dunkelhaarige Freundin, Fröhlich glucksend steckten sie die Köpfe an der Auslage zusammen und debattierten, was sie noch zu Hause hätten und was gekauft werden müsse.
Ich glaube, es war ein lesbisches Paar. Aber wer weiß das schon so genau heute? Vielleicht waren es auch sehr vertraute Freundinnen, die zusammen wohnen.
Inzwischen fragte ein Mann links neben mir nach, ob ich den Blumenkohl wirklich roh äße. Ja, natürlich! Das ist das Geheimnis! Den isst man nur roh.

Man kommt auch in so einer Normalogegend schlecht voran, wenn man sich einigermaßen freundlich benimmt und dadurch in viele Gespräche verwickelt wird.
An der Kasse steuerte ich auf meine Lieblingskassiererin zu, von der ich peinlicherweise nicht den Namen weiß. Normalerweise gebe ich mir immer so große Mühe Menschen mit ihrem Namen anzureden. Aber diese Kassiererin, eine richtig schwarze Kubanerin ist immer so herzlich zu mir, daß ich immer das Gefühl habe wir kennen uns schon ewig und wären befreundet. Da ist der Punkt irgendwie verpasst, an dem man noch fragen kann „wie heißen sie eigentlich?“.
Wir stimmten gerade voller Verve darüber überein wie gut es wäre in einer Gegend der Welt zu leben, die über Jahreszeiten verfüge. Wie albern es doch sei schlechtes Wetter zu beklagen, es wäre doch langweilig immer die gleiche Witterung zu haben. So wie in Kalifornien. Schrecklich.
Allerdings stimmten wir auch darin überein, daß Tropennächte großer Mist sind. Wenn die Stadt nicht abkühlt nachts im Hochsommer und man deswegen nicht schlafen kann.
Das fand dann auch der Mann, den ich schon an der Käsetheke gesehen hatte, der seinen Freund dabei kichernd in die Seite buffte.

Auf dem Rückweg dachte ich daran, wie sich ein Mitschüler von mir mit 16 geoutet hatte und was das für ein Donnerwetter bei seinen Eltern gab. Auf dem Pausenhof haben sich einige meiner Freunde und ich immer schützend in seine Nähe gestellt, weil doch recht unfreundliche Kommentare dazu kamen.

So scheiße heute alles ist, aber wenn ich mich heute beim Einkaufen so umsehe, muß ich sagen, daß wir Kinder der 80er es weit gebracht haben.
In einer völlig durchschnittlichen Gegend ohne Glamour laufen abends Lesben, Schwule, Schwarze, Iraner und sogar ich umher – und es interessiert keinen Menschen. Keiner guckt komisch, wenn Männer Händchen halten und die Menschen um einen herum haben alle Hautfarben, die man sich denken kann.
Die Apotheke von Dr. Behrouz Effat Parvar, in der ich noch etwas Lavendelöl kaufte, ist die freundlichste, die man sich denken kann. Niemand quakt rum, weil die Inhaber Kopftuch tragen.

Für Seehofer, Petry, Scheuer, Höcke, Kuby, Kelle, Beverfoerde, Berger, Söder und Gauland mag das alles ein Alptraum sein, aber ich finde es klasse.
Ich möchte nicht mehr in einer homogen-weißen-hetero-deutschen-Christengesellschaft leben.