Dienstag, 14. August 2012

Meine Welt ist jüdisch.




Das war ja gestern ein lustiges RTL-SpinOff von „das perfekte Promi-Dinner“.

In der Rubrik „30 Minuten Deutschland“ stellte die zum Judentum konvertierte Bärbel Schäfer „jüdisches Leben in Deutschland“ vor.

Tatsächlich ist es wohl nötig „ganz normale Juden“ in Deutschland auch den Trash-TV-Glotzern vorzustellen, denn viele Menschen schleppen eine Menge Vorurteile über Juden und Israel und die Politik der gegenwärtigen Israelischen Regierung mit sich herum. 
Alles wird dabei vermischt. 
Und plötzlich wird ein x-beliebiger Mann, der in Hamburg mit einer Kippa rumläuft dafür verantwortlich gemacht, wenn Bibi mit Atomschlägen droht.

Genauso gut könnte man mich für Fipsi Röslers Hotelsteuergesetz in Haftung nehmen oder mich für die päpstliche Kodompolitik verantwortlich machen.

Antisemitismus ist ein eigenartiges Phänomen, das überall und immer wieder blüht.
Judenhass existiert bizarrerweise besonders in solchen Gegenden, in denen so gut wie gar keine Juden leben.
In Deutschland soll nach verschiedenen Umfragen ein fester Bodensatz von 15 - 20% Antisemiten bestehen. 

Unter Jugendlichen in Ostdeutschland ist der Antisemitismus am höchsten ausgeprägt, obwohl diese rechten Glatzen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie in ihrem einen Juden gesehen haben.

13 % der Deutschen geben in einer TNS-Infratest-Befragung von 2007 an, daß sie keinen Juden als Nachbarn haben wollen.

Empfindung zu Juden als Nachbarn
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Diese Leute lehnen ganz offensichtlich etwas ab, das sie nicht kennen.

Es wäre also wünschenswert mehr über „ganz normale Juden“ zu erfahren. 

Juden, die im deutschen Fernsehen auftauchen, sind aber so gut wie immer „professionelle Juden“, die beruflich für Zentralräte oder Jüdische Gemeinden engagiert sind. 
Oder eben Rabbiner.
Repräsentativ ist das nicht. Besonders wenn man das Judentum als Religion begreift.

Man stelle sich vor, jungen Männern in Timbuktu solle erklärt werden, wer oder was Deutsche sind und dafür träten Erika Steinbach vom Heimatvertriebenenverband und Walter Mixa von der RKK als Beispiele an.

Das Bild geriete ziemlich schief.

Natürlich gibt es in Israel einen gewissen Prozentsatz von religiösen Irren, die potentiell gefährlich sind und vom Staat eingedämmt gehören. 
Das ist aber in Amerika oder Deutschland genauso! Man denke nur an die gewalttätigen Evangelikalen und die reaktionären Katholiken.

Natürlich gab und gibt es in Israel Regierungen, die sich als hochgefährlich für die internationale Stabilität erweisen.
 Aber solche Negativbeispiele haben fast alle Länder zu bieten. Man denke nur an die G.W. Bush-Administration.

Obwohl Israel ein vergleichsweise winziges Land ist, liegen zwischen Tel Aviv und Jerusalem mehrere 10.000 Kilometer.
Hier das Mekka des Nachtlebens, die schwulste Stadt des ganzen Orients, dort finsterste Orthodoxie, wo Frauen mit Steinen beworfen werden, wenn sie es wagen auf derselben Straßenseite wie ein Mann zu gehen.

Das liberale Berlin ist aber gerade für säkulare junge Juden sehr attraktiv.

Sie fliegen regelmäßig zu Partys ein und genießen es mal nicht von orthodox-religiösen Open mit Schläfenlöckchen gemaßregelt zu werden.

Still, Yinam Cohen, a spokesman for the Israeli Embassy in Germany, estimates that there are between 10,000 and 15,000 Israelis living in the city. "This is a relatively new phenomenon," he says. "You can give it all kinds of pseudo-psychological explanations, such as a wearing down of historical barriers, or hype around a new, fresh destination, with good accessibility." There are now 22 weekly flights from Tel Aviv to Berlin, Cohen points out.
[…]  Two decades after the fall of the Berlin Wall, the city is still in the process of crystallizing its identity. Berlin is a place of cheap rents, a liberal sexual climate and social and political upheaval that have helped foster a vibrant art scene and alternative culture. With the process of reunification not yet complete, the city continues to this day to redefine itself.
"This is exactly what artists and gays are looking for," says Russ, the radio presenter. "In cities such as London and Paris, the scene is already well-established, and all the positions are taken. Here, though, one can still make a difference."
And coming from a country still faced with military and geopolitical conflicts, many young Israelis are attracted to the peaceful life offered in modern Berlin. "When you visit as a tourist, you say to yourself, 'I want to live in a place where the news opens with an item about the weather,'" says Russ.
"It's relaxed here," says artist Keren Cytter, who was born in the Jewish settlement Ariel in the West Bank and moved to Berlin five years ago. "It's normal."

Juden, die regelrecht aus Israel fliehen, weil sie genug von Gewalt und Gefahr haben, gehen traditionell nach der Zeit in der Israelischen Armee ins indische Goa, wo sie sich ausführlich dem Kiffen und Kopulieren widmen.

Lange Zeit galten London und New York als die klassischen Auswandererziele für säkulare, liberale in Israel aufgewachsene Menschen.
Beide Städte sind aber extrem teuer. 
In Amerika werden Nippel zensiert und die religiösen Rechten werden immer stärker.

Dadurch kommt Deutschland ins Spiel. 
Berlin ist bekanntlich „arm, aber sexy“. Für den Bruchteil der Miete, die eine winzige Bude in NY oder London kosten würde, kann man in Berlin ein ganzes Atelier mieten.
 Der Alkohol ist billig, die Nachtclubs sind zahlreich und die Terrorwarnungen extrem selten.

Juliane von Mittelstaedt schreibt für Spon-English: „Young Israel's New Love Affair with Germany
Israelis können gar nicht genug kriegen von Deutschland.

Offensichtlich sind das aber nicht dieselben Juden, die in Gestalt von grauhaarigen Talkshowsessel-Sitzern erklären Jüdisches Leben sei in Deutschland nun nicht mehr möglich.  
 Die wie Frau Knobloch und ihrem willigen Helfer Volker Beck feststellen einen solchen Angriff auf das Judentum, wie durch das Kölner Beschneidungsurteil habe es seit dem Holocaust nicht mehr gegeben.

„Nearly 70 years after the Holocaust, the last survivors are passing away, and this is changing how younger Israelis view Germany. Relatively free of historical taboos, they are redefining what this country means to them. This new generation no longer finds it odd that a company like Birkenstock promotes its products in Israel with "Made in Germany," and a short trip to Berlin is the most normal thing in the world. For them, Germany is not just a country like any other -- it also happens to be one of their favorites.
It mainly has to do with a feeling, a new Israeli self-assurance vis-à-vis Germany, one characterized by curiosity and a yearning for discovery. Young Israelis no longer insist on constant remembrance but, rather, on the right to be allowed to forget sometimes.
The sheer scale of this transition is perhaps best expressed in figures: Two years ago, one-quarter of all Israelis were rooting for Germany to win the soccer World Cup. In a survey conducted in 2009, 80 percent of all respondents qualified Israeli-German relations as normal, and 55 percent said that anti-Semitism was no worse in Germany than elsewhere in Europe.
Some 100,000 Israelis now hold German passports, and 15,000 are thought to be living in Berlin. The number of direct flights between the countries increases every year, yet the aircraft are nearly always fully booked. In the large cities, it's almost impossible to find a young Israeli who hasn't been to Germany or doesn't want to go there. They are especially drawn to Berlin. The city from which the Final Solution was once managed now lures Israelis with its cheap rents and the promise of life in an exciting city that never sleeps.
But Berlin is more than just the latest New York. It's a stage on which they can role play and explore their senses of belonging and identity -- a kind of what-if game: What if I had been born in Germany? Who would I be? What would my life be like today?“
(Spon 20.04.12)

Vielleicht sollten die Deutschen endlich den Juden den Holocaust verzeihen (Giordano) und Israelis als das sehen was sie sind: Total heterogen.

Die 613 Ge- und Verbote der Thora werden ganz sicher NICHT von jedem Israeli eingehalten.

Und eine Sache habe ich aus der Bärbel-Schäfer-Doku gestern Abend sogar gelernt:

„Darf man Liebe machen am Sabbat?“ fragte Berlins alternder „Playboy“ Rolf Eden den anwesenden Rabbiner.
Klare Antwort aus religiöser Sicht: „Es ist ein Muss; es ist eine Pflicht!“

„Sex am Sabbat“ - wer es genauer wissen will, kann das im gleichnamigen Buch - im Jahr 2010 erschien im „Patchworld-Verlag“, herausgegeben von Ilan Weiss nachlesen.

Einer der besten Aspekte des Judentums ist ohnehin der Humor.
Da sind die nach Blasphemie-Paragraphen schreienden Christen hoffnungslos unterlegen.

Zwei arme Juden, die ohne Geld in Belgrad angekommen sind, entdecken dort an einer katholischen Kirche ein Schild: „Für jeden Glaubensübertritt zahlen wir 100 Kronen.“ Sie beratschlagen sich lange und beschließen dann, dass erst mal einer von ihnen die Sache ausprobieren soll. Der geht dann auch in die Kirche, während sein Freund draußen wartet. Er wartet lange, schließlich kommt der andere wieder raus. „Na, wie war’s? War’s schlimm?“, wird er gefragt. „Nein, alles in Ordnung.“ – „Und hast du das Geld?“ – „Ja.“ – „Wirklich 100 Kronen?“ – „Ja.“ – „Und – zeig schon“, drängt der eine. „Das ist genau das, was wir Christen an euch Juden nicht mögen: Immerzu denkt ihr nur ans Geld“, erwidert der andere. 

Montag, 13. August 2012

Christenkultur




Filmfan bin ich wirklich nicht.
Nicht, daß ich es keine guten Filme gäbe, aber diese Blockbuster-Manie ist mir ein Rätsel. 
Zuletzt war ich 1990 im Kino.
Außerdem bin ich nun mal ein Leser und als solcher erlebt man bei Romanverfilmungen so gut wie immer herbe Enttäuschungen.
Eins der Bücher, die vom vielen Lesen schon so zerfleddert sind, daß sie nur noch von Tesastreifen zusammengehalten werden, ist James Clavells „Shogun“ von 1975.
Nicht gerade Weltliteratur, aber sehr spannend und lehrreich.
 Habe ich als Teenager sicher 10 mal gelesen.
 Und dann kam diese unsäglich schlechte Verfilmung mit Richard Chamberlaine als John Blackthorne von 1980. Grottig.

Clavells Kunstgriff ist es die Roman-Handlung aus der Sichtweise Dutzender Erzähler zu beleuchten. 
Der Leser setzt sich mit der Zeit ein Gesamtbild aus den vielen Perspektiven und Denkweisen der Akteure zusammen.
Die Zentralfigur Yoshi Toranaga ist nicht nur der mächtige strippenziehende und brutale Herrscher, sondern er ist auch komplex, überraschend und sogar sympathisch.

Blackthorne, der Europäer, der ohne Vorkenntnisse im frühen 17. Jahrhundert nach Japan kommt, ist von allen Akteuren der Unwissendste.
 Was natürlich auch daran liegt, daß er kein Japanisch spricht und dies erst mühsam lernen muß.

 Für die TV-Version kehrte Regisseur Jerry London die Perspektiven um. 
Er machte Blackthorne, also Richard Chamberlaine zur zentralen Figur, während Toranaga-Darsteller Toshirō Mifune auf einen eindimensionalen Despoten reduziert wird.

Konnte nicht klappen.

In der Clavell-Version gibt es einen interessanten Kniff.
 Sowohl Japaner, als auch Europäer halten die jeweils andere Seite für fürchterlich unzivilisierte Barbaren. 
Diese Wertung wird (scheinbar) durch das Erleben der anderen immer wieder bestätigt.

Ohne sich dessen richtig bewußt zu werden, übernimmt aber Blackthorne im Laufe des Romans die Japanische Sichtweise und hadert immer mehr mit seinen Christlichen Wurzeln und kulturellen Wertvorstellungen.

Der hochperverse, sadistische, verbrecherische, sexuell unersättliche und mörderische Papst Alexander VI, der berüchtigte Borgia, teilte kurzerhand die Welt in zwei Hälften.
Er unterwarf per Federstrich ganze Kontinente dem Katholizismus.
Die Linie, die die spanische von der portugiesischen Zone trennt verläuft nach der heutigen Landkarte ungefähr entlang der Westgrenze Brasiliens. Das heißt: Spanien wird der Süden und Westen Südamerikas, ganz Mittelamerika und ganz Nordamerika zugewiesen - Portugal der Bereich des heutigen Brasilien.
Die Chuzpe, mit der das Mini-Europa mal eben den Planeten und alle seine Ressourcen zwischen zwei katholischen Königen aufteilt, ist bemerkenswert.
 Auch die Japaner staunten nicht schlecht, als sie im 16. Jahrhundert  erfuhren offiziell zu Portugal zu gehören.

Man stelle sich das ganze umgekehrt vor: Die gesamte Welt wäre vom Tenno beispielweise zwischen Japan und Korea aufgeteilt worden. 
Ob die Europäer des Mittelalters das wohl freudestrahlend akzeptiert hätten und bereitwillig all ihre Edelsteine und Edelmetalle nach Fernost verschifft hätten und ihre Religion aufgegeben hätten?

In „Shogun“ ist einer der größten Schocker, den Briten und Holländer erleben müssen das ständige Baden der Japaner. 

Hygiene ist im Christlichen Europa unbekannt und sogar verboten!

Bis ins 19. Jahrhundert wurden Schlösser ohne sanitäre Anlagen gebaut. 

Die Apotheose der höfischen Hochkultur, der Sonnenkönig Ludwig XIV in seinem gigantischen Schloss Versailles, kam noch ohne Toiletten aus. 
Die Hochadeligen kackten einfach in die Ecken und pissten an die Wand. 
Gegen den bestialischen Körpergeruch gab es Schminke, Puder und Parfüm. 

So war das in Europa. 
Die Buddenbrooks, durch Thomas Mann weltberühmt geworden, stanken noch wie die Pest. 

Die kultivierten hanseatischen Ratsherren in Lübeck und Hamburg führten Flakons mit Kräuterdüften mit sich, weil sie als wandelnde Stinkbomben sonst ohnmächtig geworden wären.

"Die Menschen stanken nach Schweiß und nach ungewaschenen Kleidern; aus dem Mund stanken sie nach verrotteten Zähnen, aus ihren Mägen nach Zwiebelsaft und an den Körpern, wenn sie nicht mehr ganz jung waren, nach altem Käse und nach saurer Milch und nach Geschwulstkrankheiten." Das Paris des 18. Jahrhunderts, das Patrick Süskind in seinem Roman "Das Parfüm" schildert, scheint ein recht geruchsintensiver Ort gewesen zu sein.
[…] Als die Pest in Europa wütete, befürchteten die Menschen, die Krankheitserreger könnten über Poren in die Haut eindringen. Folglich wuschen sie sich nicht mehr, um die Poren so zu schützen. Statt mit Wasser und Seife reinigten sich die Menschen mit Tüchern und Puder. Am Ende des Mittelalters wurde dem Geruch sogar ein Schutz vor Krankheiten nachgesagt - ein strenger Körpergeruch stand stellvertretend für strotzende Gesundheit. Einige Parfums dieser Zeit enthielten sogar tierische und menschliche Fäkalien.
 (scinexx)

Die Japaner in Clavells Roman taten das einzig Richtige mit den verwahrlosten Stink-Europäern, die da nun eintrafen und ihnen von der überlegenen Christlichen Moral erzählten. 
Sie packten sie, zogen sie aus, verbrannten die Klamotten und schrubbten die Männer gründlich ab.
Da wußten die Christen, daß sie von Barbaren umzingelt waren - denn ein guter Christ badete nur zweimal in seinem Leben.
 Bei seiner Geburt und dann erst wieder beim Leichenwäscher.

Sauberkeit, Wasser und Körperpflege war schon deswegen im Christentum unmöglich, weil sie der Verteufelung des Körpers widersprachen.
 Die Japaner in ihren vielen Badehäusern zogen sich natürlich täglich NACKT aus, um ins Bad zu gehen. 
Ein klares Zeichen für hochgradiges Barbarentum diagnostizierten die Christlichen Eroberer.

Nacktheit war mindestens genauso teuflisch wie Sauberkeit.

Wilhelm, der Abt des Klosters Hirsau, verfasste im 11. Jahrhundert die peniblen Regeln für das Leben als Benediktiner.

Jeder Novize hatte einen persönlichen custos, der ihn überall hin begleitete - auch nachts auf den Abtritt. Der Hirsauer Abt sah sich, offenbar aufgrund von schlechten Erfahrungen, genötigt, den Bettgang der Jünglinge penibel zu regeln: 'Der Novize setzt sich, noch mit der Kutte bekleidet, auf das Bett, streift seine Schuhe ab, wobei er die Hände auf beiden Seiten behält und nicht etwa in Richtung der Füße ausstreckt und auch nicht das eine Bein auf das Knie legt. Dann zieht er beide Beine gleichzeitig hoch und legt sie ins Bett. Dann zieht er, im Bett sitzend, die Kutte aus, jedoch erst, nachdem er die Bettdecke bis zu den Ellenbogen hochgezogen hat.' Rädle liest aus den Constitutiones eine grundsätzliche Sexualangst heraus.    Die Strafen waren drakonisch. Sie reichten von der Auspeitschung des entblößten Oberkörpers mit Ruten bis zu öffentlicher Zurschaustellung.
(SZ 13.08.12)

Der aberwitzige Aufwand, der in gebildeten Schichten Ende des 19.  / Anfang des 20. Jahrhunderts getrieben wurde, um sich angezogen zu baden, wird erstklassig in Stefan Zweigs Meisterwerk „Die Welt von Gestern“ beschrieben. 

Ich empfehle wärmstens das Kapitel „Eros Matutinos“

Als Karikaturen belachen auch die naivsten Menschen von heute diese sonderbaren Gestalten von gestern - als unnatürlich, unbequem, unhygienisch, unpraktisch kostümierte Narren; sogar uns, die wir unsere Mütter und Tanten und Freundinnen in diesen absurden Roben noch gekannt haben, die wir selbst in unserer Knabenzeit ebenso lächerlich gewandet gingen, scheint es gespenstischer Traum, daß eine ganze Generation sich widerspruchslos solch einer stupiden Tracht unterwerfen konnte. Schon die Männermode der hohen steifen Kragen, der >Vatermörder<, die jede lockere Bewegung unmöglich machten, der schwarzen schweifwedelnden Bratenröcke und der an Ofenröhren erinnernden Zylinderhüte fordert zur Heiterkeit heraus, aber wie erst die >Dame< von einst in ihrer mühseligen und gewaltsamen, ihrer in jeder Einzelheit die Natur vergewaltigenden Aufmachung! In der Mitte des Körpers wie eine Wespe abgeschnürt durch ein Korsett aus Fischbein, den Unterkörper wiederum weit aufgebauscht zu einer riesigen Glocke, den Hals hoch verschlossen bis an das Kinn, die Füße bedeckt bis hart an die Zehen, das Haar mit unzähligen Löckchen und Schnecken und Flechten aufgetürmt unter einem majestätisch schwankenden Hutungetüm, die Hände selbst im heißesten Sommer in Handschuhe gestülpt, wirkt dies heute längst historische Wesen >Dame< trotz des Parfüms, das seine Nähe umwölkte, trotz des Schmucks, mit dem es beladen war, und der kostbarsten Spitzen, der Rüschen und Behänge als ein unseliges Wesen von bedauernswerter Hilflosigkeit. Auf den ersten Blick wird man gewahr, daß eine Frau, einmal in eine solche Toilette verpanzert wie ein Ritter in seine Rüstung, nicht mehr frei, schwunghaft und grazil sich bewegen konnte, daß jede Bewegung, jede Geste und in weiterer Auswirkung ihr ganzes Gehabe in solchem Kostüm künstlich, unnatürlich, widernatürlich werden mußte. Schon die bloße Aufmachung zur >Dame< - geschweige denn die gesellschaftliche Erziehung - das Anziehen und Ausziehen dieser Roben bedeutete eine umständliche Prozedur, die ohne fremde Hilfe gar nicht möglich war. Erst mußten hinten von der Taille bis zum Hals unzählige Haken und Ösen zugemacht werden, das Korsett mit aller Kraft der bedienenden Zofe zugezogen, das lange Haar - ich erinnere junge Leute daran, daß vor dreißig Jahren außer ein paar Dutzend russischer Studentinnen jede Frau Europas ihr Haar bis zu den Hüften entrollen konnte - von einer täglich berufenen Friseuse mit einer Legion von Haarnadeln, Spangen und Kämmen unter Zuhilfenahme von Brennschere und Lok-kenwicklern gekräuselt, gelegt, gebürstet, gestrichen, getürmt werden, ehe man sie mit den Zwiebelschalen von Unterröcken, Kamisolen, Jacken und Jäckchen so lange umbaute und gewandete, bis der letzte Rest ihrer fraulichen und persönlichen Formen völlig verschwunden war. Aber dieser Unsinn hatte seinen geheimen Sinn. Die Körperlinie einer Frau sollte durch diese Manipulationen so völlig verheimlicht werden. […]  Im freien Meer quälten sie sich mühsam vorwärts in schweren Kostümen, bekleidet vom Hals bis zur Ferse, in den Pensionaten und Klöstern mußten die jungen Mädchen, um zu vergessen, daß sie einen Körper besaßen, sogar ihr häusliches Bad in langen, weißen Hemden nehmen. Es ist durchaus keine Legende oder Übertreibung, daß Frauen als alte Damen starben, von deren Körper außer dem Geburtshelfer, dem Gatten und Leichenwäscher niemand auch nur die Schulterlinie oder das Knie gesehen.[…]   Ein junges Mädchen aus guter Familie durfte keinerlei Vorstellungen haben, wie der männliche Körper geformt sei, nicht wissen, wie Kinder auf die Welt kommen, denn der Engel sollte ja nicht nur körperlich unberührt, sondern auch seelisch völlig >rein< in die Ehe treten. >Gut erzogen< galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd; und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für ihr ganzes Leben geblieben. Noch heute amüsiert mich die groteske Geschichte einer Tante von mir, die in ihrer Hochzeitsnacht um ein Uhr morgens plötzlich wieder in der Wohnung ihrer Eltern erschien und Sturm läutete, sie wolle den gräßlichen Menschen nie mehr sehen, mit dem man sie verheiratet habe, er sei ein Wahnsinniger und ein Unhold, denn er habe allen Ernstes versucht, sie zu entkleiden. Nur mit Mühe habe sie sich vor diesem sichtbar krankhaften Verlangen retten können.
(Stefan Zweig 1942)

Noch zu Adenauers Zeiten erklärte das Generalvikariat Köln:


Nackt duschen widerspricht katholischer Moral.

Sonntag, 12. August 2012

Die famose Koalition - Teil V


 Während deutsche Spitzenpolitikern in martialischem Tonfall von anderen Ländern Sparanstrengungen verlangen, um deren Binnenwirtschaft endgültig zum Erliegen zu bringen, werden die Milliarden in Deutschland nach Herzenslust aus dem Fenster geworfen.

Deutschland ist das Subventionsparadies. 
Dabei gilt: Je sinnloser die Maßnahme und je reicher der Empfänger ohnehin schon ist, desto großzügiger gießen die Schwarzgelben Steuerzahlergeld aus.

Am allerliebsten hat es die Bundesregierung, wenn mit den zweckfrei rausgeschmissen Milliarden auch noch ein möglichst unerwünschter und kontraproduktiver Effekt erreicht wird.

So werden Agrarsubventionen vorzugsweise an gigantische Monokulturbetriebe der ganz alten Schule verteilt, damit bloß nicht auf umweltschonende oder giftfreie Produktion umgestellt wird. 

Schließlich möchte man sich auch morgen noch an Antibiotika-Puten, Dioxin-Eiern, Schweinepest-Fleisch, EHEC-Sprossen und Rinderwahn erfreuen.

Damit Deutschlands Nachwuchs zu verblödet bleibt, um zukünftig die dringend benötigten Ingenieure und IT-Fachkräfte zu stellen, werden Milliarden für Herdprämie, bzw Bildungsfernhaltungsgeld ausgegeben.

Immer wieder ist es die FDP, die ihren bevorzugten Spendern - Hoteliers, Apotheken und Pharmaindustrie Milliarden hinüber schiebt.

Besonders gaga ist auch das sogenannte „Kilometergeld“ (eigentlich Entfernungspauschale), mit der Benzinverbrauch und Umweltzerstörung mit Milliarden subventioniert werden. 
Genau umgekehrt wäre es richtig.

Die Pendlerpauschale sollte abgeschafft, die Pendler sollten stattdessen besteuert werden. „Abgase, Verkehrslärm, Stau oder Parkplatzmangel könnten gute Gründe sein, die Pendlerpauschale abzuschaffen und sie durch eine Pendlersteuer zu ersetzen“, sagte der Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) der Hamburger Morgenpost am Freitag. „Damit könnten Städter für das Leid entschädigt werden, das ihnen autofahrende Pendler antun.“

Durch den Homo-Vorstoß der „Wilden 13“ gerät nun auch das hochgradig absurde „Ehegattensplitting“ in den Fokus der Öffentlichkeit. 

15 Milliarden Euro - getarnt als „familienpolitische Leistung“ fließen an die Reichsten der Reichen - egal, ob sie Kinder haben, oder nicht.
Ob man noch dümmer Geld wegwerfen kann, würden einige Menschen bezweifeln.

 Aber angesichts der Tatsache, daß noch in den letzten Wochen SchwarzGelb für Millionenzuschüsse an besonders umweltfeindliche Unternehmen und die Rüstungsindustrie sorgte, wäre ich vorsichtiger.

Aber die deutsche Familienpolitik ist schon ein Highlight.

In den vergangenen Jahren wollte die Regierung Frauen dazu ermutigen, Kinder zu bekommen und gleichzeitig ihre Karriere zu verfolgen. Ursula von der Leyen von der CDU setzte deshalb das Elterngeld durch, Kanzlerin Angela Merkel forcierte den Ausbau der Kitas, und außerdem wurde den Frauen mit der Reform des Unterhaltsrechts drastisch klargemacht, dass sie nach einer Scheidung bald wieder auf eigenen Füßen stehen müssen.
Das Ehegattensplitting wirkt da wie ein Gegengift. Es belohnt nicht die Geburt von Kindern, es subventioniert allein die Ehe. Und es entmutigt Frauen, nach der Erziehung der Kinder wieder in den Beruf einzusteigen, weil jeder neu verdiente Euro die Steuerersparnis dahin schmelzen lässt. "Lass es, es lohnt sich ja ohnehin nicht", diesen Satz mussten sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Ehefrauen anhören, die die Stellenseiten der Zeitungen durchsuchten.
Aber statt das Ehegattensplitting grundlegend zu reformieren, soll nun lediglich der Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert werden. Geht es nach dem Willen von Grünen, SPD und einem Teil der Union, werden bald auch schwule und lesbische Paare in den Genuss jener Steuersubvention kommen, die bislang vor allem der traditionellen Hausfrauenehe zu Gute kam.
Das ist absurd, hat aber Methode: Die deutsche Familienpolitik gründet schon lange darauf, eine Subvention auf die nächste zu schichten. Mittlerweile gibt der deutsche Staat 196 Milliarden Euro pro Jahr für Ehe und Familie aus, das sind 7,6 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung. Nur leider wirkt sich das nicht auf die Geburtenstatistik aus, 1,39 Kinder bringt hierzulande eine Frau im Lauf ihres Lebens zu Welt, damit liegt Deutschland weit hinten in der EU. […] Die Experten der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) betrachten die deutsche Familienförderung als abschreckendes Beispiel. In kaum einem anderen Industriestaat sei das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag so ungünstig. 146 000 Euro gibt Deutschland laut OECD-Statistik bis zum 18. Lebensjahr eines Kindes für Ausbildung und Familienpolitik aus - im OECD-Schnitt sind es 124 000 Euro. Doch bei den Geburten steht Deutschland am Ende der Tabelle; die Aussichten sind schlecht, Familie und Beruf unter einen Hut bringen zu können.
(Spiegel 13.08.12)

Hätten wir eine Regierung, die auch nur über Rudimente von Vernunft verfügte, würde dieser Wahnsinn sofort abgeschafft. 



Wenigstens hat ausnahmsweise mal meine Partei die richtige Idee. Aber das goutiert natürlich niemand.

Familiensplitting: Steuergeschenk für reiche Eltern

Anlässlich der Debatte in Teilen von CDU und FDP, das Ehegattensplitting
durch ein Familiensplitting ersetzen zu wollen, erklärt die stellvertretende
Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Dagmar Ziegler:

Es ist völlig absurd, dass aus den Reihen von CDU und FDP der Vorschlag
kommt, das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ersetzen zu wollen.
Denn das Familiensplitting ist nichts anderes als ein Ehegattensplitting, das
um die Berücksichtigung von Kindern erweitert ist. Zentrale Probleme des
Ehegattensplittings löst es nicht.

* Ausgerechnet die reichsten Familien würden vom Familiensplitting
profitieren. Die Eltern mit den höchsten 20 Prozent der Einkommen wären
die wesentlichen Nutznießer, Familien mit kleinen und mittleren Einkommen
brächte es nichts – so das Ergebnis einer Studie der
Hans-Böckler-Stiftung.
* Das Familiensplitting belohnt – ebenso wie das Ehegattensplitting –
die Nichterwerbstätigkeit eines Partners, meist der Frau.
Partnerschaftliche Lebensmodelle, wie viele junge Menschen sie
praktizieren, bei denen beide erwerbstätig sind und zum Familieneinkommen
beitragen, berücksichtigt es nicht.
* Teuer ist das Steuergeschenk für reiche Eltern obendrein. Es schlägt –
je nach Ausgestaltung – mit einem zweistelligen Millardenbetrag zu
Buche.

Wir wollen eine bessere Förderung für alle Familien, die zeitgemäß und
wirkungsvoll ist. Dazu setzen wir auf

* ein neues und gerechtes Kindergeld, das nach Einkommen gestaffelt ist.
Damit fördern wir Kinder, unabhängig davon, ob ihre Eltern verheiratet,
alleinerziehend oder gleichgeschlechtlich sind.
* den Ausbau von Kitas und Ganztagssschulen. Ab 2020 wollen wir einen
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung und –bildung einführen. Neben der
Quantität muss es auch um qualitative Verbesserung geben.
* einen gesetzlichen Mindestlohn, damit Eltern von ihrem Lohn leben können.
* eine Individualbesteuerung für neue Ehen und neu eingetragene
Lebenspartnerschaften. Das unterstützt junge Paare mit ihren
partnerschaftlichen Lebensmodellen. Für bestehende Ehen soll das
Splitting weiter bestehen bleiben – denn wir respektieren die
Lebensentscheidungen, die Menschen getroffen haben.

(SPD-Pressemitteilung Nr 854 vom 10.08.12)

Samstag, 11. August 2012

In Sarah Palins Schuhen.



Amerikanische Wahlkämpfe funktionieren nach vielen ungeschriebenen Regeln, die peinlich eingehalten werden.
Das Publikum hechelt gespannt den immer gleichen Etappen hinterher.

Mit großen Aufwand wir der Nominierungsparteitag inszeniert - obwohl dabei schon längst fest steht, wer gewinnen wird.

Voller Spannung blickt alles auf die drei TV-Debatten. Hatte nicht ein frischer JFK einst Nixon auf diese Art die Präsidentschaft entrissen? Dabei spielen die Medien heute eine ganz andere Rolle. Die meisten Zuschauer sind ohnehin schon vorher entschieden. George W. Bush unterlag in allen drei TV-Debatten klar gegen seinen Herausforderer Kerry und wurde dennoch klar wiedergewählt.

Und schließlich die VP-Frage. Derjenige, der „nur einen Herzschlag“ vom Oval-Office entfernt sein wird, soll gemeinhin all das kompensieren, was dem Top-Mann fehlt. Dabei ergeben Untersuchungen, daß der Vize so gut wie keine Auswirkungen auf die Wahlentscheidungen hat. 

Al Gore, der selbst Vize eines der erfolgreichsten US-Präsidenten aller Zeiten war, wollte sich die jüdischen Sympathien sichern, indem er den konservativen Joe Liebermann zu seinem Vize erkor. Wie die Wahl Gore gegen Bush im Jahr 2000 ausging ist bekannt.

Vizepräsident George H. Bush hingegen stand so sehr im Schatten seines Chefs Reagan, daß er als der Mann, der niemals Spuren hinterließ verspottet wurde.
Er zeigte seine ganze Doofheit, als er den erst 41-Jährigen Dan Quayle aus Indiana zu seinem „VP“ erkor. 
Obwohl dieser Quayle als regelrechte Witzfigur galt und sowohl sprachlich als auch intellektuell konsequent von Fettnapf zu Fettnapf sprang, wurde Bush dennoch zum Präsidenten gewählt.
"Republicans understand the importance of bondage between a mother and child."

"The Holocaust was an obscene period in our nation's history. I mean in this century's history. But we all lived in this century. I didn't live in this century."

"We're going to have the best-educated American people in the world."

"We have a firm commitment to NATO, we are a part of NATO. We have a firm commitment to Europe. We are a part of Europe."
"I love California, I practically grew up in Phoenix."

"It's wonderful to be here in the great state of Chicago."

"When I have been asked during these last weeks who caused the riots and the killing in L.A., my answer has been direct and simple: Who is to blame for the riots? The rioters are to blame. Who is to blame for the killings? The killers are to blame."

"Illegitimacy is something we should talk about in terms of not having it."

"For NASA, space is still a high priority."

"Quite frankly, teachers are the only profession that teach our children."

"It isn't pollution that's harming the environment. It's the impurities in our air and water that are doing it."

Der „Seriöse“ unter der Republikanern, John McCain, checkte 2008 den Background von Mitt Romney und entschied sich dann doch lieber für Sarah Palin als Vize.

Obwohl die Wahl grandios verloren ging, erreichte die Einfaltspinselin schnell Kultstatus à la Quayle. 
Zurecht?

US-Korrespondent Klaus Scherer ist selbstkritisch.

In den USA jagt eine vermeintlich oder potenziell wichtige Nachricht die nächste. Hecheln Sie als Berichterstatter dort zwangsläufig auch ein Stück weit den Spin-Doktoren hinterher?

Scherer: Der Nachrichtentakt ist schon enorm schnell. Das ist durch das Internet und durch die polarisierenden Medien in den USA noch dichter geworden. Aber auch durch den Unfug, den keiner mehr stoppt. Stellen Sie sich vor, jemand würde hier jeden Tag behaupten, Frau Merkel sei gar keine Deutsche, sie wolle außerdem die Monarchie einführen und sei insgeheim Buddhistin. Das würde in deutschen Redaktionsstuben in die Papierkörbe wandern. In den USA wird es gesendet, alles, andauernd. Da wird, vor allem bei den rechten "Fox-News", auch nicht unterschieden zwischen Fakten, Gerüchten und Meinung. Die werfen Obama die absurdesten Dinge vor, schon weil er als Präsident keine großen Fehler gemacht hat, die müssen sich halt was ausdenken, um Angst zu schüren. Aber weil Zuschauer es gewohnt sind, dass etwas, das veröffentlicht wurde, eine Art Relevanzhürde genommen hat, wird es plötzlich zum Thema. Und man fragt sich unwillkürlich: Ist das die neue Medienwelt? Kriegen wir das auch?

Verändert das schon jetzt Ihre Arbeit?

Scherer: Natürlich. Man nimmt oft Kleinigkeiten zu wichtig. Wir haben alle auch die Tea-Party zu wichtig genommen. In der Bevölkerung hatte sie nie so viel Rückhalt, auch Sarah Palin nicht. Aber sie war auf allen Kanälen. Außerdem haben Sie im Internet, aber auch in den sogenannten Nachrichtenkanälen, zu allem den passenden Verschwörungstheoretiker. Wir würden hier kaum jemanden in eine Talkshow einladen, von dem man vorher weiß, dass er lügt. Da sind die Qualitätsstandards noch andere, ich bin hoffnungsvoll, dass das so bleibt.

Nun also Paul Ryan. 


 42 Jahre, ultrakonservativer Hardliner im Repräsentantenhaus seit seinem 27. Lebensjahr, Vorsitzende des Haushaltsausschusses, fanatischer Steuersenkungsapologet, Washington-Insider, Katholik, drei Kinder.

In der Ryan-Welt sind Staatsleistungen schlecht und gehören abgeschafft. 
Nur mit tax-cuts für die Reichsten käme die Wirtschaft wieder in Gang.
Die Methode also, die bei GWB schon so grandios wirkte.



Romney inszeniert seine VP-Choice wie die legendäre „Mission accomplished“-Show des GWB am 1.Mai 2003 auf dem Flugzeugträger  USS Abraham Lincoln.

Mitt Romney hat das Jackett abgelegt, läuft unter dem mächtigen Geschützturm des Schlachtschiffs entlang, dann die Gangway herunter nach Norfolk, Virginia. Seine Leute drehen die Musik auf, sie klingt wie der Abspann eines patriotischen Hollywood-Streifens à la "Top Gun".
Romney ruft "Ah!", die Leute vor der USS "Wisconsin" rufen "Mitt!". Es sieht aus, als kehre Romney von ausgedehnter Fahrt auf feindlichen Meeren heim. Doch das Schiff ist nur Fassade, nur noch Museum. Die "Wisconsin" kämpfte im Zweiten Weltkrieg, sie war vor Korea im Einsatz und während des zweiten Golf-Kriegs auch. Jetzt dient sie Romney als Kulisse, um die Präsentation seines Kandidaten für die Vizepräsidentschaft zu inszenieren.
[…] Ryan verstehe die Schuldenkrise der USA; er verfluche nicht die Dunkelheit, "sondern zündet eine Kerze an". So spricht Romney. Und dann guckt er zur USS "Wisconsin" und ruft: "Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Paul Ryan."
Präsident? Egal, die Musik geht wieder los, Ryan joggt unterm Geschützturm entlang, die Gangway runter, mit Jackett, ohne Krawatte. "Wow", ruft er und dreht sich zum Schiff um, das ganz zufällig den Namen seines Heimatstaates trägt: "Und das direkt vor der USS 'Wisconsin'."
Weiter gelangt er nicht, weil Romney sich von hinten nähert und ihn unterbricht: "Wart' mal." Er sei ja "hin und wieder" bekannt dafür, einen Fehler zu machen, sagt Romney. Der Kerl neben ihm werde natürlich "der nächste Vizepräsident der Vereinigten Staaten". Wäre das auch geklärt.

Wie Paul Ryan sich die Staaten vorstellt, haben die Demokraten schon 2011 filmisch dargestellt.

Mit dem Ryan-Plan hatte der 42-jährige Chef des Haushaltsausschusses bereits dargelegt, wie er das erreichen will – unter anderem durch Kürzungen in den Gesundheitsprogrammen für Alte und Arme. Das Programm war seinerzeit selbst vielen Republikanern zu radikal, doch es gefällt jenen konservativen Parteigängern, die den Staat auf ein Minimum reduziert haben wollen.
(Niels Rüdel 11.08.12)



Mit der „VeePee“-Personalie buckelt Romney erneut vor den strippenziehenden Milliardären, wie den Koch-Brüdern. Präsidentschaften lassen sich kaufen.
 Auch das für die 0,1% der reichsten der Reichen passende Personal läßt sich mit Geld bestimmen.



Romney kommt mit seinem Schachzug den Rufen konservativer Meinungsführer in den USA nach. Diese hatten zuletzt immer lauter Paul Ryan als republikanischen Vizekandidaten für die Präsidentschaftswahl im November gefordert.
Das einflussreiche Magazin Weekly Standard etwa trommelte für den Kongressabgeordneten aus Wisconsin, auch das wirtschaftsnahe Wall Street Journal (WJS) sprach eine Empfehlung für Ryan aus.  […] Der Budgetplan, den der Haushaltsexperte im März durch das Repräsentantenhaus brachte, sieht Kürzungen von mehr als fünf Billionen Dollar über das kommende Jahrzehnt vor - darunter bei Lebensmittelhilfen und der Krankenversicherung für Arme. Die Steuern sollen dagegen sinken, auch für Reiche. […]
Fakt ist: Mit der Wahl Ryans zum Mitstreiter wird Romney den Wahlkampf weiter polarisieren. […]  Dass die krisengebeutelnden Europäer nicht gerade wohl gelitten sind bei Ryan, ließ der republikanische Jungstar unlängst wissen. Diese Wahl sei "ein einmaliges Fenster" für einen Kurswechsel, verkündete. Werde dieses nicht genutzt und Obama wiedergewählt, dann drohe Amerika etwas sehr Schlimmes, warnte Ryan: Dann stehe das Land vor europäischen Zuständen.

Gott bewahre!
Krankenversicherung auch für Arme?
Soweit würde es der Katholik Ryan nie kommen lassen!





Freitag, 10. August 2012

Mitt, the twit - Teil II




Jeder, der Verwandte in Amerika hat, versuchte am 11.09.2001 sie zu erreichen.
Da ich Sippschaft in Washington UND New York habe, wurde ich entsprechend nervös als ich gemütlich vorm TV saß und mir ansah, wie Ulli Wickert das Zusammenfallen der WTC-Türme kommentierte.

Spät am Abend begann „Kabula Rasa“; die bekannten grünen Videospielartigen Bombardierungsbilder, die man schon aus dem Golfkrieg 1991 kannte.
Wer nicht emotional ausgeflippt war, fragte sich natürlich eins:
Was können eigentlich die Zivilisten in Kabul dafür, daß das WTC in Trümmern lag?
Die Kabuler sind doch ganz sicher unschuldig und was ist daran gerecht, wenn die jetzt gemeuchelt werden?

Die Mischpoke aus Washington wollte davon nichts wissen.
„Sind die Zehntausend Toten aus dem WTC etwa nicht unschuldig?????“
 schalt es zurück. 
(Zunächst ging man noch von viel mehr Opfern in NY aus.)

Die Unlogik war entwaffnend:
 Wenn hier Unschuldige sterben, hat Amerika das Recht anderswo auch jede Menge Unschuldige zu morden.

Und dann die Tränen. 
Wie sollte man mit jemanden diskutieren, der gerade etwas so Schockierendes und Schreckliches erlebt hatte, daß er während des Telefonats immer wieder von Heulkrämpfen erstickt wurde?

Das Fazit, welches ich am 12.09.01 aus Washington hörte war klar, eindeutig und fordernd zugleich:
 „DER TALIBAN MUSS WEG!“
 Ich Depp muß ja immer anfangen zu erklären und versuchte zu erläutern was es mit dem Begriff „Taliban“ auf sich hat. 
Daß es nicht DER Taliban ist, sondern DIE Taliban sind. 
Und wo dieses Kabul überhaupt liegt.
Wollte man in Washington nicht hören.* 

„DER TALIBAN MUSS WEG!“ Schluß, aus.

Auch in Deutschland gab es am Anfang wenig differenzierte Stimmen. 
In den Autos und Wohnungsfenstern hingen US-Fahnen, die Menschen pilgerten zu den US-Konsulaten und sammelten fleißig für die Hinterbliebenen der Opfer in NY und DC.
 (Natürlich nicht für die Opfer in Kabul)

Gerd Schröder sprach von der „uneingeschränkten Solidarität“ und alle fanden es großartig.

Meine Damen und Herren, ich habe dem amerikanischen Präsidenten das tief empfundene Beileid des gesamten deutschen Volkes ausgesprochen. Ich habe ihm auch die uneingeschränkte – ich betone: die uneingeschränkte – Solidarität Deutschlands zugesichert. Ich bin sicher, unser aller Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Ihnen gilt unser Mitgefühl, unsere ganze Anteilnahme.
Ich möchte hier in Anwesenheit des neuen amerikanischen Botschafters Dan Coats noch einmal ausdrücklich versichern: Die Menschen in Deutschland stehen in dieser schweren Stunde fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika.

(Beifall im ganzen Hause)

Kritik an der 100%-Solidarität gab es kaum.

Ausgerechnet der so belächelte Bundespräsident Johannes Rau war der einzige Politiker, der unmittelbar nach den Anschlägen schon vor militärischen Gegenmaßnahmen warnte. 
„Uneingeschränkte“ Solidarität könne man nicht versprechen.

Er stellte sich klar gegen Gerd Schröder und bekam dafür reichlich Kloppe aus CDU, CSU und FDP.

Es spricht für Schröder, daß er sich heute klar zu einem Irrtum bekennt und zugibt, es wäre besser gewesen damals auf Rau zu hören.

Der zweite Kritiker der ersten Stunde war ausgerechnet der Bellizist Peter Scholl-Latour.
Im Gegensatz zu den meisten anderen kannte er Afghanistan, wußte was es mit „dem Taliban“ auf sich hat, kannte Topographie und ethnisches Durcheinander des riesigen Landes am Hindukusch.

Scholl-Latour war damals Dauergast in deutschen Talkshows und Infosendungen. 

Immer wieder erzählte er empört davon, daß in den USA auf offener Straße ein Sikh erschlagen worden wäre, weil die aufgebrachten Amis nicht zwischen Moslems und Sikhs zu unterscheiden wußten. 

(Natürlich sind Vergeltungsmorde an Moslems genauso wenig zu rechtfertigen.)

Viele Gemeinsamkeiten haben die 23 Millionen Anhänger des Sikhismus allerdings nicht mit den rund eine Milliarde Moslems.
Praktizierende Sikhs, erkennt man an einem kunstvoll gebundenen Turban (Dastar).


Für den Ami des Jahres 2001 galt aber die einfache Regel:

Orientalische Hautfarbe + eigenartige Kopfbedeckung 
= fanatischer Amerikahasser.

In den meisten Ländern Europas setzte der Lernprozess relativ schnell ein.
 Man glaubte den Scholl-Latours im TV, die erklärten Kriege gegen Afghanistan und Irak müßten im Desaster enden.
Als es 2003 gegen Bagdad losging, hatte Amerika eine überwältigende Mehrheit der Öffentlichkeit gegen sich.
 Solidaritäts-US-Fahnen sah man schon lange nicht mehr in Deutschland.

In Amerika selbst dauerte die Lernphase erheblich länger.  
 Ende 2004 scharte man sich noch mal mehrheitlich hinter Präsident George W. Bush und seine Kriege. Seine Kompetenz beim „war on terror“ sicherte ihm die Wiederwahl.

 Ein echter Treppenwitz der Geschichte - denn wer könnte bei der Terrorismusbekämpfung inkompetenter als die Bush-Administration gewesen sein?

Erst 2008 dämmerte den Amerikanern, daß die Kriege gegen Afghanistan und den Irak die Lage noch verschlimmbessert hatten.

In einigen umnachteten Hirnen kam es allerdings nie zu einem Lernprozess. Dort ist die Doofheit so gewaltig, daß kein Informationszufluss etwas ändern kann.

Der Amerikaner Wade Michael Page, der am Sonntag in einem Sikh-Tempel in Oak Creek, einem Vorort von Milwaukee im (US-Bundesstaat Wisconsin) ein Massaker angerichtet hat, trug ein „Remember 9/11-Tattoo“

Warum richtet man Massaker unter Sikhs an?

Nach dem Amoklauf wurden Indizien bekannt, die auf Rassenhass und Rechtsextremismus des Amokläufers hindeuteten. Der 40-Jährige war demnach ein aus dem Militärdienst entlassener Soldat, der in rechtsextremen Bands mit Namen wie "Definite Hate" und "End Apathy" spielte. Außerdem postete er immer wieder in Internetforen für rechtsextreme Skinheads.

Die menschliche Doofheit ist unendlich.

Natürlich muß man immer damit rechnen, daß es extrem verdummten gewalttätigen Bodensatz in einer Gesellschaft gibt.

Atemberaubend ist es allerdings, wenn sich im Jahre 11 nach den WTC-Anschlägen einer der Topverblödeten, der ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung von anderen Kulturen und Religionen hat, dazu aufschwingt US-Präsident zu werden.



Mitt Romney, der gerade noch seine geistige Unterentwicklung eindrucksvoll in England, Israel und Polen zur Schau stellte, bedauerte nach dem Anschlag von Oak Creek die „Scheichs.“

Mitt Romney ist erneut in ein Fettnäpfchen getreten. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa wollte der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner eigentlich Anhängern der Sikh-Gemeinde sein Mitgefühl aussprechen. Ein Mann hatte im US-Bundesstaat Wisconsin einen Tempel der Religionsgruppe angegriffen und sechs Menschen erschossen.
Doch dann leistete sich Romney einen peinlichen Patzer. Statt "Sikh" sagte er "Scheich" - und das gleich mehrfach.

Der Unterschied zwischen Sikhs und Scheichs ist dem außenpolitisch Desinteressierten  ganz offensichtlich gar nicht bewußt.

Der Kandidat der Republikaner, dem schon der Besuch zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London zu einer "Pleiten, Pech und Pannen"-Serie geriet, sprach nach dem tödlichen Amoklauf in einem Sikh-Tempel von diesen "Scheich-Leuten". Scheich heißt auf Englisch "sheik", hat aber wenig mit der Religion der Sikhs zu tun. Egal, sagt Romney, diese "Scheich-Menschen" sind die friedlichsten und liebenswürdigsten überhaupt.

So steht es in einer SPRINGER-Zeitung, also einem Blatt aus jenem Konzern, der seine Mitarbeiter per Unterschrift dazu verpflichtet Amerika-freundlich zu schreiben. 
Aber was soll man da noch beschönigen? 


Das Niveau der amerikanischen Politiker verfällt noch schneller als das der Minister in Deutschland.

Darf man sheik und sikh verwechseln, nur weil beide auf ein K enden und weil die Mitglieder beider Gruppen eine turbanartige Kopfbedeckung tragen? Nein, darf man nicht, vor allem nicht, wenn man Präsident der USA werden will.
Mitt Romney, der Kandidat der Republikaner, hat sich diesen Fehler geleistet und als Versprecher abgetan. Der Mann sei übermüdet gewesen, hieß es. Ehrlich gesagt: Das ist eine lausige Entschuldigung. Die Verwechslung zeugt im besten Fall von Ignoranz - Romney ist es einfach egal, um was für eine Gruppe es sich hier handelt, so wie es der Mehrheit seiner Wähler egal sein wird. Im schlechtesten Fall zeugt es von grandioser Unbildung und Klischeehuberei.
Der Kandidat steht freilich in bester Gesellschaft. Sarah Palins außenpolitische Tölpeleien waren geradezu Kult und trugen zur dauerhaften Beschädigung der Kandidatin vor vier Jahren bei. George Bush zeigte sich vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten ebenfalls erschreckend unbeleckt. Wenn es um die Welt geht, ist Amerikas politische Klasse oft zutiefst provinziell.
(Süddeutsche Zeitung 10.08.12)

*(Die Person, die ich eben zitierte, mutierte später zum extremen GWB-Gegner und ist heute der größte Kritiker der US-Kriegseinsätze)