Dienstag, 22. Mai 2012

Langsam reicht es




Obwohl ich mich als deutlich links vom Mainstream verstehe und nie im Leben CDU oder FDP unterstützen würde, setze ich mich auch hin und wieder von linken Lieblingsprojekten ab.

Ich sehe „direkte Demokratie“ sehr skeptisch und finde man sollte Volksentscheide einschränken. Es ist richtig, daß der Bundespräsident NICHT direkt gewählt wird. Ich mag Steinbrück und Gerd Schröder. Ich bin nicht der Meinung, daß es einer deutschen Regierung obliegt die Menschenrechte in anderen Ländern zu bewerten.

Eins meiner Steckenpferde ist es immer gewesen den Menschen das regelmäßige Lesen eines Qualitätsperiodikums zu empfehlen. Man sollte sie nicht als "Mainstreampresse" diffamieren.

SPIEGEL, ZEIT, FR, SZ, ....mindestens eins davon sollte man schon abonniert haben.
Auch wenn man sich hin und wieder die Pest ärgert.

Den größten Enttäuschungsprozess habe ich bisher beim SPIEGEL durchgemacht. Vom einstigen Qualitäts-Solitär der Presselandschaft ging es kontinuierlich in Richtung Boulevard und Neoliberalismus.
Noch ist der SPIEGEL allerdings das beste Wochenmagazin; es geht also nicht ohne. 
Die FR ist etwas lahm; da merkt man die finanzielle Ausblutung leider sehr stark. 
Nahezu uneingeschränkt empfehle ich immer noch die SZ, obwohl mich Marc Beise im Wirtschaftsteil und Matthias Drobinski für’s Religiöse alles andere als begeistern.

Die ZEIT stand über Dekaden für den seriösesten Journalismus überhaupt.

Eine leichte Tendenz zu bunten Themen kann man schon seit 1996, als sie von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck aufgekauft wurde, beobachten.
Die Herausgeber Helmut Schmidt und Marion Dönhoff haben das auch immer moniert.

Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der auch Herausgeber des „Tagesspiegels“ ist, führte beide Blätter zu engerer Kooperation und das tat leider gar nicht gut.

Bei solchen Entscheidungen geht es immer um Einsparungen und größere Gewinne. Aber weniger Redakteure sind meistens auch weniger Qualität.
Bisher konnte ich das zähneknirschend hinnehmen. 
Der größere Aufreger sind für mich die dezidiert konservativen bis geradezu reaktionären Meinungsartikel des neuen Mitherausgebers Josef Joffe.

Immerhin weiß man was kommt, wenn ein Joffe-Text erscheint.
Der Mann ist so vorhersehbar wie der Mond.

Mittlerweile hat aber der proreligiotische Kurs di Lorenzos abstoßende Ausmaße angenommen. 

Im Tagesspiegel erscheinen schon seit Jahren regelmäßig Artikel, die auch dezidiert Falschmeldungen und Unwahrheiten zu Gunsten der Kirchen verbreiten.

Als Beispiel sei der schon erwähnte im gedruckten Tagesspiegel vom 23.12.2009 erschienene Artikel

In den Kirchen wird es klamm. Auch katholische und evangelische Gemeinden leiden unter der Wirtschaftskrise. Doch einige Probleme sind hausgemacht

genannt.
Dazu postete ich schon einmal eine Leserzuschrift des besorgten Berliners „NoMercy2010“:

Zum Artikel "In den Kirchen wird es klamm" im Tagesspiegel vom 23. Dezember 2009, S. 15:

Sie schreiben: "Tatsache aber ist, daß die Einnahmen der Kirchensteuer in erster Linie in die Betreuung von Kindern, Alten, Kranken und Behinderten fließen. Man muß kein Christ sein, um das zu unterstützen."

Die Behauptung im ersten Satz dieses Zitats ist nachweislich falsch. Ein Blick auf z.B. die Internetpräsenz des Erzbistums Köln (dort: "Verwendung der Kirchensteuer 2009") zeigt, daß für die in Ihrem Artikel genannten karitativen Zwecke gerade einmal 9,7 Prozent des Kirchensteueraufkommens verwendet werden. Demgegenüber werden aber etwa zwei Drittel der Einnahmen der beiden Großkirchen aus der Kirchensteuer für die Bezahlung von Pfarrern und Kirchenpersonal aufgewendet (Quelle: Internetseite des IBKA, dort "Kirche und Geld"). Von einer Verwendung der Kirchensteuer "in erster Linie" für karitative Zwecke kann also beim besten Willen nicht die Rede sein.

Der Artikel zeigt aufs Neue die bereits in der Berichterstattung zum Thema "Pro Reli" Anfang dieses Jahres hervorgetretene massive kirchenfreundliche Haltung Ihres Blattes. Gerade im zeitlichen Zusammenhang mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest und der traditionell damit verbundenen "christlichen Wohlfühlstimmung" kann die o.g. Behauptung erkennbar nur einen Zweck verfolgen, nämlich Kirchenmitgliedern, die eigentlich nicht religiös sind und möglicherweise über einen Austritt nachdenken, eine Begründung für ihren weiteren Verbleib in Kirche zu geben.

Denn "die Betreuung von Kindern, Alten, Kranken und Behinderten" zu unterstützen kann in der Tat nicht falsch sein. Um dies zu tun ist die Kirchensteuer jedoch wie gezeigt zum weit überwiegenden Teil der falsche Weg. Richtig muß es also heißen:

"Tatsache ist, daß derjenige, der möglichst effektiv Kindern, Alten, Kranken und Behinderten helfen möchte, dies am besten dadurch bewerkstelligt, daß er aus der Kirche austritt und die ersparte Kirchensteuer direkt entsprechenden wohltätigen Organisationen zukommen läßt. Man muß kein Atheist sein, um dies zu erkennen."


Das schwappt mehr und mehr in die ZEIT herüber.

 Da ist die unselige Übernahme des katholischen Rheinischen Merkurs, der nun in Form der religiotischen Beilage „Christ und Welt“ mit der ZEIT erscheint.


Der nette di Lorenzo scheint mir seit seinem Totalreinfall mit dem Guttenberg-Propaganda-Buch mehr und mehr auf die schiefe Bahn zu geraten.

Zu seinem Katholentum verkündete der ZEIT-Chef erst kürzlich in der eigenen Beilage.

Kirche ist allerdings von meinem Leben nicht zu trennen, zu stark ist meine christliche, genauer gesagt: meine katholische Prägung gewesen. Insofern fühle ich mich durch ein Wort von Heinrich Böll, das er einst an seine Kollegin Christa Wolf richtete, besonders gut getroffen: „Wer einmal Katholik war und wer einmal Kommunist war, der wird das nie wieder los.“  […]  Vor knapp zwei Jahren habe ich mit meinem Freund und Kollegen Axel Hacke ein Buch über die Werte unseres Lebens veröffentlicht; es trägt den Titel „Wofür stehst Du?“. Besonders eine Passage daraus hat eine Flut von Zuschriften und Kommentaren ausgelöst. Es geht darin nicht etwa um ein sexuelles Bekenntnis, sondern um ein religiöses. Ich schreibe da, dass wir seit einigen Jahren zu Hause wieder etwas haben aufleben lassen, was lange verschüttgegangen war: Vor dem Essen wird still gebetet, auch wenn Gäste da sind. Ich habe den Satz hinzugefügt: „Sehr oft ist es der schönste Moment des Tages.“
[…]
Ein ähnlich emotionales Bedürfnis spürte ich an dem Tag, als Johannes Paul II. starb. Diese Szene schildere ich ebenfalls in unserem Buch: „Wenige Stunden vor (dem Tod des Papstes) machte ich mich mit meiner späteren Frau auf den Weg zur St.-Hedwigs-Kathedrale in der Nähe des Berliner Gendarmenmarkts. Es war schon spät, und in der Kirche waren viele junge Leute, die nicht so aussahen, als seien sie geübte Besucher von Gottesdiensten. In diesem Moment fühlte ich mich ganz und gar eins mit meiner Kirche. Das Gefühl war: Nicht wir waren ihm, dem Papst, im Sterben nahe, sondern der Papst war sterbend bei uns. Er hatte am Ende vorgelebt, was fast jeder Mensch früher oder später erfährt: Dass es nichts Wichtigeres gibt, als in der Stunde des Leids für einen anderen Menschen da zu sein – oder selbst nicht allein zu bleiben.“
[…]  Natürlich ist die Kirche nicht verstummt. Aber bisweilen wünsche ich mir, dass ihre Stimme lauter wäre, dass sie sich auch Themen widmete, die nicht zu ihrem traditionellen Kanon gehören. [….Es] könnte sich in der katholischen Kirche in Deutschland womöglich ein neues Kräftezentrum ausbilden: eine undogmatische neue Mitte, deren Vertreter sich in einzelnen Sachfragen positionieren könnten, ohne von einer kirchenpolitischen Lagerzugehörigkeit bestimmt zu werden. Ein solches Szenario hielte ich für eine positive Entwicklung. Denn das würde ich der Kirche wünschen: Dass sie sich nicht in Richtungsdebatten verheddert, sondern sich der Probleme der Menschen annimmt. Ganz so, wie es Kardinal Hengsbach vorgelebt hat.
(Giovanni die Lorenzo in Christund Welt 18/12)

Ich könnte weitere „Vorfälle“ aufzählen.

Zum Abschluß der letzte Brüllwitz:

Die „ZEIT-Akademie“ wirbt im Moment massiv für Ethik-Aufklärung. 
Dazu soll man für schlappe € 149,- eine Aufklärungs-DVD des notorischen Lügners und Faktenverdrehers Wolfgang Huber erstehen.

DVD-Seminar »Ethik«
Die Grundfragen unseres Lebens
Was ist gut – und was ist richtig? Leben wir, um zu arbeiten? Wollen wir den perfekten Menschen? Für wen tragen wir Verantwortung? Im neuen Seminar »Ethik« der ZEIT Akademie erörtert der angesehene Theologe Prof. Dr. Wolfgang Huber die ethischen Grundfragen auf dem menschlichen Lebensweg - von der Geburt bis zum Tod.

Da haben di Lorenzo und Co sich ja mit dem Ex-EKD-Vorsitzenden, der gegen Ungläubige hetzt und dafür sorgt, daß kirchliche Mitarbeiter keine normalen Arbeitnehmerrechte genießen dürfen, genau den Richtigen gefunden.


NACHTRAG:

Man lese auch noch mal den Text von Michael Bauer zu Kardinal Marx' Aussage folgender Aussage in der „Zeit“,

 "Innere Kämpfe kenne ich seit der Studienzeit. Aber die letzten Monate waren die schlimmsten meines Lebens. Was wir da erlebt haben an Auseinandersetzung, auch an Entdeckung, was die Schuld der kirchlichen Institutionen angeht. Der entschiedene Punkt ist für mich: Was will Jesus uns damit sagen?"

Die Antwort gibt es hier.

Montag, 21. Mai 2012

Überflüssige Studien - Teil VII


Jetzt habe ich schon so viele Simpel-Zusammenhänge dargestellt - Religiöse haben einen niedrigeren IQ als Atheisten, Dümmere sind auch konservativer und Konservative sind religiöser - und wieder einmal hat sich jemand die Mühe gemacht einen zu erwartenden Zusammenhang empirisch zu untermauern.

Heute wissen wir auch aus der Hirnforschung, daß religiöse Menschen einen signifikant niedrigeren IQ als Atheisten haben.

Je höher die Bildung, desto größer die Neigung kritisch zu hinterfragen, selbst zu denken und nicht einfach blind den Vorgaben eines Predigers zu folgen.


Diesen Beobachtungen schloss sich nun Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen an und veröffentlichte eine Sonderauswertung der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Autoren Prof. Beate Küpper, Hochschule Niederrhein und Prof. Andreas Zick, Universität Bielefeld.

Die Ergebnisse sind wie immer:

Schwulenhass ist umso verbreiteter, je ungebildeter und religiöser man ist.

Ein Fünftel der Befragten in Nordrhein-Westfalen neigt zu homophoben Einstellungen.

Homophobie ist bei den Älteren, in der Tendenz auch bei den weniger Gebildeten, Männern, Befragten mit Migrationsgeschichte und auf dem Land verbreiteter.

Grundlegende Werthaltungen fördern oder schützen vor Homophobie: Mit zunehmender Religiosität, einer ablehnenden Haltung gegenüber kultureller und religiöser Vielfalt und einer autoritären Grundhaltung nehmen homophobe Einstellungen zu.

Mit der politischen Selbstpositionierung von Links über die Mitte nach Rechts nehmen homophobe Einstellungen zu. Wer sich politisch machtlos fühlt, neigt eher zu Homophobie. Darüber hinaus sind politische Einstellungen etwa zur Demokratie für Homophobie unbedeutend.

Eine gewisse Rolle spielt zudem die Abschätzung sozialer Beziehungen. Wer seine sozialen Beziehungen nach Kosten-Nutzen bewertet und wer über mangelnde soziale Unterstützung klagt, tendiert eher zu Homophobie.

Mit zunehmendem Einkommen sinken homophobe Einstellungen. Allerdings spielt die eigene finanzielle Lage verglichen mit anderen Einflussfaktoren insgesamt kaum eine Rolle für das individuelle Ausmaß von Homophobie. So ist beispielsweise die Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit unerheblich.

Homophobie ist mit anderen Vorurteilen signifikant verknüpft. Wer homosexuelle Menschen abwertet, wertet mit größerer Wahrscheinlichkeit insbesondere auch Frauen, aber auch Migrantinnen und Migranten im Allgemeinen, Juden und Muslime und in der Tendenz sogar Langzeitarbeitslose, Obdachlose und Menschen mit Behinderung stärker ab. 

Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn man sich nicht in dem Zusammenhang über unseren Pfaffen-Bundespräsidenten ärgern müßte, der mal wieder fordert, daß mehr Christen in die Politik gehen sollten.

"Christliche Persönlichkeiten haben dieses Land geprägt", fügte der protestantische Bundespräsident hinzu. So seien es in Ostdeutschland Christen gewesen, die an ihren Werten und ihrer Ablehnung der Diktatur festhielten, "als sich die meisten Bewohner des Landes schon ihrem Schicksal ergeben hatten".
Der Bundespräsident forderte die Christen zu verstärktem politischen Engagement auf.
Die Politik brauche Menschen, die an eine Sache glauben, die größer sei als sie selbst. "Mich gäbe es als Christ und später als Pfarrer so nicht, ohne die Erfahrung des gemeinsamen Glaubens, des gemeinsamen Betens und Singens, des gemeinsamen Hörens auf das Evangelium."

Eine erschreckend dümmliche Idee des Oberdeutschen, denn wie beispielsweise Skydaddy heute darlegt, sind die Christen bereits krass überrepräsentiert in der Politik.

Es ist insbesondere dieser überproportionalen Christenphalanx zu verdanken, daß es immer noch keine völlige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben gibt, daß es den Kirchen gestattet ist ihre Angestellten zu diskriminieren, indem sie Geschiedene oder Konfessionslose feuern dürfen, daß der Staat in de facto grundgesetzwidriger Weise die Kirchenkonzerne finanziert, daß religiöse Mäuschen wie Kristina Schröder das Engagement gegen Rechtsextremismus blockieren, daß ultrakatholische Unions-Mitglieder nach Volksverdummung streben, indem sie eine Herdprämie einführen.

Was wir brauchen sind weniger Christen in der Politik.

Die Forderung finde ich nicht nur wünschenswert, weil sie zufällig meiner politischen Einstellung entspricht, sondern wie die o.g. Studie zeigt, ist weniger Christentum und weniger Religion insgesamt auch dem friedlichen Zusammenleben in Deutschland förderlich.

Religion gibt nämlich Werte vor, indem sie manichäisch Personen, Taten und Überzeugungen in Gut und Schlecht einteilt. 

Mit diesem schwarzweißmalerischen Ansatz ist aber schon der Grundstein für Intoleranz und Vorurteil gelegt. „Wir sind besser als die.“

So kommt es zu Ausgrenzung und Gewalt:

Wie wir in den Studien zur "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" mehrfach empirisch nachweisen konnten, korreliert die Homophobie signifikant mit einer ganzen Reihe weiterer Einstellungen wie zum Beispiel Antisemitismus, Rassismus, Sexismus oder Fremdenfeindlichkeit. Die Verbundenheit der Homophobie in einem Syndrom der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" kommt in vier wesentlichen Eigenschaften der Homophobie zum Ausdruck:

  • - Homophobie geht mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Abwertungen zahlreicher anderer Gruppen einher.
  • - Es geht wie bei den anderen Abwertungen im Kern darum, Ungleichwertigkeit zu markieren, stabilisieren und legitimieren; Homophobie dient dazu, Menschen mit homosexueller Orientierung als ungleichwertig zu definieren.
  • - Die Ursachen der Homophobie müssen nicht in einer feindseligen Ideologie oder negativen Erfahrung mit Homosexualität liegen. Alle Erfahrungen und Meinungen, die eine Ideologie der Ungleichwertigkeit erzeugen, können Homophobie befördern.
  • - Aus der Homophobie kann eine manifeste, am Verhalten festzumachende Diskriminierung und Schädigung von Personen mit homosexueller Orientierung hervorgehen. Sie kann darüber hinaus auch zur Diskriminierung und Schädigung anderer Gruppen führen, die als ähnlich ungleichwertig beurteilt werden.

Eine gute Nachricht gibt es auch.

Mit dem Rückgang der Religiosität in Deutschland steigt auch die Toleranz deutlich an.

In 2011 sprachen sich 77 Prozent der Befragten in Gesamtdeutschland (ohne Nordrhein-Westfalen) dafür aus, gleichgeschlechtliche Ehen zu erlauben. 29 Prozent fanden es zugleich „ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ und 19 Prozent stimmten eher oder sogar voll und ganz der Aussage zu: „Homosexualität ist unmoralisch“.
In 2002 hatten sich in Gesamtdeutschland (ohne Nordrhein-Westfalen) lediglich knapp 56 Prozent für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. Damals meinten 34 Prozent, es sei „ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“.

Hoffen wir also darauf, daß niemand auf Super-Gauck, den „Bundespräsident der Herzen“ hört und er nicht tatsächlich noch mehr Christen in die Politik zerrt.

Sonntag, 20. Mai 2012

Feige Mannheimer.


Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere recht haben könnte.
Jürgen Habermas

Dialog, Dialogprozess, in einen Dialog müsse man kommen, den Dialog gestalten. 
So klingt es wenn Deutschlands oberster katholischer Schwafler, Erzbischof Zollitsch, der Chef der zweitgrößten Diözese, sich zu seinen Untertanen äußert.

Das klingt für die Gläubigen prinzipiell zu nächst einmal nicht schlecht, aber es gilt zu bedenken, daß Bischöfe ein besonderes Rotwelsch sprechen.
 Das bischöfliche Wort „Dialog“ heißt ins Hochdeutsch übersetzt „Monolog.“
Der Bischof spricht und die Glaubenden hören zu und gehorchen.
Das katholische Fußvolk hat immer nur mit „Amen“ zu antworten und dabei handelt es sich wieder um einen Rotwelsch-Begriff, den man am besten mit dem amerikanischen „Hua!“ übersetzt.
Hua ist ursprünglich den Marines entlehnt und bedeutet: "Heard, understood and acknowledged" (Gehört, verstanden, akzeptiert).

All die Dinge, die den Gläubigen am meisten auf den Nägeln brennen - Priestermangel, Frauenordinierung, Zölibat, Akzeptanz Homosexueller, Tolerierung und Weiterbeschäftigung Geschiedener, Wortgottesdienste, gemeinsames Abendmahl -  sind grundsätzlich tabuisiert und dürfen nicht diskutiert werden.

Rom und das deutsche Episkopat passen auf wie die Schießhunde. 
Sie fürchten sich davor auch nur einen kleinen Finger zu reichen, weil dann ein deutscher Schüller die ganze Hand ergreifen könnte.

Das Zentral-Komitee der deutschen Katholiken, welches den heute endenden Katholikentag in Mannheim ausrichtet, wird zwar von den Ultakonservativen (Jolies Netzwerk, Kath.net, Kreuz.net, Fundi-Bischöfe Müller, TVE, Overbeck,..) als unsicherer Kantonist betrachtet, ist aber dennoch vollkommen Rückgrat-los.

Den Schüller von der österreichischen Priesterinitiative mag Ratzi nämlich gar nicht und fordert daher von seinen unmündigen deutschen Schäfchen Gehorsam.

„Hua!“ schrien da die ZKD- Chefs Alois Glück und Stefan Vesper, Präsident bzw. Generalsekretär und rasten zum Kotau nach Rom. 
Katholizismus ist keine aufrechte Haltung. 
Ein Katholik beugt seinen Rücken, schaltet den Verstand ab und kriecht vor alten Männern in bunten Kleidern im Staub. 
Glück und Vesper fuhren kurz vor Mannheim in den Vatikan, um dort dem deutschen Kurienkardinal Walter Kasper und Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat zu schwören nicht aufzumucken.

 „Auf Katholikentag kein Aufruf zum Ungehorsam“
Glück: „Alles, was in Österreich die Menschen bewegt, werden wir auch diskutieren, aber ohne Aufruf zum Ungehorsam! […]  Es gibt dabei nicht nur einige der sogenannten Reizthemen, die wir ja auch nicht isoliert in Deutschland entscheiden können – etwa die Frage des Zölibats, des Zugangs zum Priesterberuf –, sondern es gibt viele Themen, die innerhalb des bestehenden Kirchenrechts und als Antwort auf seelsorgliche Themen vorangetrieben werden können. Im Kern geht es immer um die Frage: Wie können wir als Kirche dem Sendungsauftrag, dem Menschen unserer Zeit das Evangelium zu vermitteln, besser gerecht werden?

[…] Radio Vatikan:  Der Papstbesuch im Rückblick – eher ein Bremsklotz am Bein des Dialogprozesses, oder eine Ermutigung?

Glück: „Ganz gewiß kein Bremsklotz! Viele haben allerdings gesagt: Ja, es wäre doch auch ganz gut gewesen, wenn der Heilige Vater auch den Dialogprozess angesprochen hätte. Ich glaube, es war ganz wichtig, dass er dem Raum läßt, nichts eingrenzt, nichts begrenzt für den Dialogprozess. Und so ist es. Von daher ist es für sich schon einmal eine positive Weichenstellung.

So enteiert wie die organisierten 24 Millionen Katholiken in Deutschland gegenüber ihren Bischöfen und Rom auftreten, so weichgespült betrachtet auch die nichtkonfessionelle Mehrheit der Deutschen die katholische Minderheit.

In den TV-Berichten und großen Zeitungsartikeln zum Thema Katholikentag, ist der Tenor ganz offen prokatholisch. 
Konsensuelle Sicht ist, daß die Kirchen keine Mitglieder verlieren sollten und die Stärkung der Katholiken ein erstrebenswertes Ziel sei - so wie niedrige Kriminalitätsraten, saubere Flüsse oder gutes Wetter.

Daß jemand wie ich es grundsätzlich begrüßt, wenn die Macht der Kirchen schwindet und dementsprechend viele Menschen austreten, gilt als derart radikal, daß es noch nicht mal erwähnt wird.

In der ARD-Dokumentation „Aufbruch oder Abbruch? - Wohin treibt die katholische Kirche?“ vom 15.05.2012 - hier kann man die Sendung online sehen - blickt der Autor Bernd Seidl generell wohlwollend auf die gläubigen Schäfchen.

Erwähnt wird unter anderem auch der „Skandal Sell“ der Kirchengemeinde St. Johannes im Bistum Würzburg.

Pfarrer Michael Sell kam 2001 als Kaplan in die Pfarrgemeinde Hammelburg, seit 2003 ist er Stadtpfarrer. Er hinterlässt eine gut aufgestellte und attraktive Kirchengemeinde. Auf den Weg gebracht hat er gemeinsam mit den Kirchenmitgliedern die Sieben-Sterne-Pfarreiengemeinschaft. Das neue Pfarrzentrum ist ein architektonisches Schmuckstück und entwickelt sich zu einer einladenden Begegnungsstätte.
Es gibt viele aktive ehrenamtliche Mitwirkende und Helfer, die sich in die Pfarrgemeinde einbringen. Auch die jüngsten Gemeindemitglieder, die Ministranten, scharen sich zuhauf um den lebensnahen und beliebten Pfarrer.

Der Priester hatte aber nicht „nur“ ein paar Messdienerchen vergewaltigt; dann wäre er bis heute Gemeindepfarrer - sondern sich einer weitaus schlimmeren Sünde schuldig gemacht.
 Er verliebte sich in eine erwachsene Frau, die von ihm ein Kind erwartete, welches er weder heimlich abtreiben, noch verschweigen wollte. 

Er „bekannte“ sich zu Frau und Sohn - so wie man sich sonst zu einem Verbrechen „bekennt“.

Das konnte Bischof Friedhelm Hofmann nicht tolerieren und feuerte den 37-Jährigen Sell auf der Stelle; untersagte ihm sogar noch einen Abschiedsgottesdienst zu feiern.

Einige Gemeindemitglieder trauern Sell so sehr hinterher, daß sie sich bis heute für ihren Ex-Pfarrer einsetzen.
Das bekam ihnen aber nicht gut; sie wurden so sehr ausgegrenzt, daß einem der Rädelsführer schon der maximalketzerische Gedanke kam, er könne mit 50 weiteren Sell-Fans geschlossen aus der RKK austreten und mit der eingesparten Kirchgensteuer locker das Gehalt Sells allein bezahlen. Über diesen ketzerischen Gedanken erschrak er aber selbst so sehr, daß er ihn sofort wieder verwarf.

WARUM ZUM TEUFEL MACHT IHR DAS DENN NICHT?? möchte man ihnen zurufen.

Aber der Gehorsam ist viel zu tief in die Gläubigen eingeimpft.

Wie lächerlich ist das eigentlich? Millionen Deutsche Katholiken lassen sich von drei Dutzend gebrechlichen, alten Männern in Kleidchen, die einem wackelköpfigen Geront im Vatikan folgen, in Schach halten?
Das sind Typen, die keine Armeen haben.

Wieso treffen sich die Hammelburger Männer nicht mal, nehmen ihre Mistgabeln mit, fahren nach Würzburg und setzen den ollen Bischof ab, der ihnen nicht passt?

Dasselbe gilt zumindest für die extrem unbeliebten Hassprediger Konrad Zdarsa, Müller, Meisner und Overbeck. OK, Müller ist zwei Meter hoch und kräftig - aber die Gläubigen sind dafür in Überzahl.

Was sollte der alte Ratzinger schon dagegen tun können?

Ein Schüller reicht ja schon aus, um ihm eine „Heidenangst“ zu machen.

Schüller hat ein hohes, untadeliges Ansehen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche in Österreich und das macht ihn so stark, wenn er fordert, dass die katholische Kirche sich den Fragen des Zölibats, der Zulassung Geschiedener zum Abendmahl, etc. stellen müsse.
Es wäre völlig verkehrt, Schüller nun als Feind der Kirche zu betrachten, er ist überzeugter Katholik, arbeitet weiterhin als Seelsorger nahe Wien und in der Universitätsseelsorge. […]
Als ich einmal einen österreichischen Kollegen fragte: „Warum wirft der Schönborn den Schüller nicht einfach hinaus?“, antwortete er: „Das wagt der Schönborn nicht. Das Ansehen Schüllers ist so hoch, dass ein Hinauswurf ein Schisma nach sich ziehen würde.“ 
Schisma heißt: Kirchenspaltung. Und davor hat der Vatikan anscheinend Angst. Es  ist die Furcht, dass die katholischen Basisinitiativen sich länderübergreifend in Europa verbinden und verbünden könnten. Küng und Drewermann konnte die katholische Kirche in Deutschland recht erfolgreich ins kirchenpolitische Abseits drängen, bei Schüller geht das nicht.

Zu viele Sorgen müssen sich die bischöfliche Gerontokratie Deutschlands aber nicht machen. 
Die Schäfchen werden immer ihr „Hua!“ blöken.
 Gehorsam liegt ihnen im Blut wie sogar die christliche Redakteurin Christiane Florin für die ZEIT rekapituliert.

Man könnte katholikentagskompatibel sagen: Der Mensch von heute ist brav und fügsam, solange er das Gefühl hat, freiwillig brav und fügsam zu sein. Er reagiert jedoch allergisch, sobald ihm eine Institution ausdrücklich Folgsamkeit abverlangt. Kein Podium auf dem Katholikentag trägt das Thema Gehorsam im Titel, aber die gesamte Kirchen-Reformdebatte umkreist die Frage: Wie viel Gehorsam verdient die Una Sancta?
Widerstand sei in der Natur des Menschen nicht vorgesehen, Gehorsam schon, fasste Stanley Milgram seinen berühmten Psycho-Versuch von 1961 zusammen. Zwei Drittel seiner Probanden waren bereit, einen Mann für falsche Antworten im Lerntest mit starken Stromstößen zu strafen, wenn eine Autoritätsperson dies anordnete. Das Experiment ist ungefähr so lange her wie das Zweite Vatikanische Konzil. Seitdem wurde allerlei liberalisiert, von der Sexualität bis zur Stromversorgung. Der Imperativ „Das tut man nicht“ spielt im Triebgeschehen des Einzelnen keine Rolle mehr. Liebe muss sich keinen Regeln unterwerfen, sie gehorcht keiner Konvention mehr. Die Sexualmoral der katholischen Kirche wird von Gläubigen als Folklore wahrgenommen, Folgsamkeit provoziert sie kaum noch.
Am Arbeitsplatz hingegen pariert jeder mehr, als ihm lieb ist, sei es aus Vernunft, Opportunismus oder Bequemlichkeit. Eine Wiederholung des Milgram-Experiments ergab vor einigen Jahren eine kaum gesenkte Gehorsamsrate unter den Probanden.

Ironie der Geschichte: 
Durch ihren Gehorsam schaden diejenigen, die besonders an der Kirche hängen sich und ihrer RKK am meisten.

Die Ratzinger-Organisation wird auf diese Weise weiter ausbluten und schrumpfen.
Radikal werden Kirchen geschlossen werden müssen, weil die Gläubigen die selbstdestruktive homophobe und reaktionäre Politik des Vatikans stoisch erdulden.

Jeder zehnte Priester gibt auf. Die katholische Kirche scheint hilflos im Umgang mit ihrem Scheitern
Braindrain nennen Volkswirtschaftler die Abwanderung kluger Leute. Unter Braindrain leidet auch die katholische Kirche, besonders der Klerikerstand. Jüngster Fall ist der von Andreas Tapken. Bis vor einem halben Jahr leitete er das Priesterseminar in Münster. Davor war er Psychologieprofessor an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Schon beim Studium in Rom galt er als bischofsfähig. Im Kreis der Seminarleiter war der 45-Jährige eine Führungsfigur und stand für Erneuerung. Er konnte öffentlich über Fragen wie das Verhältnis seiner Kirche zur Homosexualität sprechen, ohne dass alle gleich abschalteten. Inzwischen hat er um Entpflichtung von seinen priesterlichen Aufgaben gebeten.
Gründe für das Aus werden nicht genannt. Einige sagen, er wolle heiraten, andere bestreiten das. Offiziell gibt es keine Statistik über Laisierungsverfahren – so heißt das Instrument, mit dem der Vatikan Priester aus ihrem Amt entlässt. Es ähnelt der Eheannullierung und ist für Beteiligte oft unbefriedigend. Mindestens zehn Prozent eines Priesterjahrgangs, sagen Beobachter, halten nicht durch. Oft ist der Zölibat der Grund. Im vergangenen Juli gab Thomas Ochs auf, der Leiter des Freiburger Priesterseminars, um zu heiraten – auch er ein Hoffnungsträger. Joachim Kardinal Meisner und andere Bischöfe haben schon Priester aus ihrem engsten Umfeld an die Welt der Laien verloren. Was wird aus dem einstigen Führungsnachwuchs der Kirche?

Samstag, 19. Mai 2012

Medienaufmerksamkeit.



Das Thema des Tages ist heute offensichtlich mal wieder nur der Fussball.
 Dabei ist doch die EM bei Frau Timoschenko erst später, oder?

Offenbar spielen aber heute noch irgendwelche anderen Mannschaften. 
Diese Tatsache ist so wichtig, daß sogar die Parteipolitik und das ewige Rätsel „Wieso gibt es die FDP?“ davon überschattet ist.

Die Vize-FDP-Chefin Homburger verursachte gestern die Mutter aller Skandale.

Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende sagte der Nachrichtenagentur dpa zum Finale schroff: "Das guck' ich nicht. Ich hasse Bayern München." Damit bringt sie ihre nach mehreren Wahlniederlagen erst vor kurzem etwas genesene Partei - sie erreichte starke 8,6 Prozent bei der Landtagswahl in NRW - in Bedrängnis und handelt sich heftige Kritik aus den eigenen Reihen ein.
"Ich bin stinksauer wegen dieses unsportlichen Verhaltens. Das kann nur jemand sagen, der von Sport und Fußball überhaupt nichts versteht", polterte Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil. "Wer so etwas sagt, disqualifiziert sich selbst." 
Tobias Thalhammer, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion wurde noch deutlicher: "So einen dummen Spruch kann nur ein Vollpfosten bringen", sagte er und forderte den Sturz der Parteifreundin. "Frau Homburger fehlt offenbar jegliches Zeug zu einer deutschen Spitzenpolitikerin. Sie ist als stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende nicht länger tragbar und sollte sofort zurücktreten, anstatt uns das Finale dahoam zu vermiesen." Homburger habe ohne Nachdenken "Millionen bayerische Fußballfans in ganz Deutschland beleidigt. Platzverweis und Sperre für Birgit Homburger!" Mit diesem hirnverbrannten Satz habe sie sich für lange Zeit ins Abseits geschossen.

Hotelsteuer, komplettes Regierungsversagen, Lobbyistenbeglückung, Deutschland zum internationalen Gespött  zu machen - alles das verzeiht der deutsche Urnenpöbel der auf über acht Prozent wiedererstarkten FDP.
 Aber nun hat die Partei-Vize überzogen!
Die Medienlandschaft vibriert. Als Chefin der FDP-Bundestagsfraktion hatte es Homburger nie zu so viel Aufmerksamkeit gebracht. 

Sucht man nur bei news.google die Worte „homburger bayern münchen“ bekommt man 10.500 Treffer.

Trotz dieser wichtigen Themen dünkte es mich nach einer anderen kleinen Geschichte im Internet zu suchen. 
Ist zugegebenermaßen vollkommen irrelevant im Gegensatz zu der weltbewegenden Grundsatzfrage, was eine gescheiterte schwäbische FDP-Politikerin von einem Bayerischen Sportverein denkt.

Daher ergab meine kleine Privatsuche auch nur 111 Treffer.

Obwohl es also nicht weiter wichtig ist, will ich doch kurz erwähnen, was AUSSER FUSSBALL noch für eine Meldung in den Nachrichten auftaucht.

George W. Bushs von seiner treuen Freundin Merkel so unterstützte „war on terror“ hat die Kleinigkeit von 1,7 MILLIONEN TOTEN verursacht - BISHER.


Der 2001 ausgerufene »War on Terror« hat nach einer neuen Studie der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) im Irak, in Afghanistan und Pakistan rund 1,7 Millionen Menschenleben gekostet. »Präzisionswaffen ändern nichts am hohen Prozentsatz getöteter Zivilisten in asymmetrischen Kriegen«, erklärte Vorstandsmitglied Jens Wagner zur Vorstellung des IPPNW-Reports »Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror« am Freitag in Berlin. 

Interessant ist auch welches die ganz wenigen Medien sind, die so eine Meldung aufgreifen - die eher ganz linken Zeitungen „Junge Welt“ und „Neues Deutschland“, sowie Kardinal Meisners ultrakonservatives „Domradio“.

Dazwischen gibt es niemanden, der die Zahl 1,7 Millionen Tote für erwähnenswert hält.

So hat der Irak von der Invasion im Jahr 2003 bis heute 1,5 Millionen Todesopfer durch direkte Gewalteinwirkung zu verzeichnen. Spätestens seit der medizinisch-epidemiologischen Studie in der Zeitschrift Lancet über die Mortalität im Irak von 2006, dürfte das wahre Ausmaß der Zerstörung durch das überlegene US-Waffenarsenal und das entstandene Chaos durch die Besatzungstruppen deutlich geworden sein. Trotzdem beziehen sich fast alle Medien bezüglich der Opferzahlen im Irak bis heute auf den Irak Body Count, ein Projekt das weniger als 10% der Kriegsopfer registriert.
Was die Opferzahlen in Afghanistan betrifft, ist die Datenlage schlechter als im Irak. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Kriegsopfer inklusive Mitarbeitern von Nicht-Regierungsorganisationen, afghanischen Sicherheitskräften, ISAF und OEF Soldaten keinesfalls unter 70.604 liegt. Wahrscheinlich ist die Anzahl getöteter Zivilisten höher als 43.000. Die Anzahl der durch den Krieg indirekt, also durch Flucht, Hunger und medizinische Mangelversorgung zu Tode gekommenen Afghanen wird nach den Bombenangriffen 2001 bis zum Mai 2002 auf 20.000-49.600 geschätzt.
In Pakistan fielen bisher 2.300 bis 3.000 Menschen US-Drohnenangriffen zum Opfer, davon ca. 80% Zivilisten.
[Eine Strategie des derzeitigen US-Präsidenten. Dafür bekam Obama den Friedensnobelpreis. T.] Die weitaus größte Anzahl von Kriegsopfern (40.000-60.000) entsteht allerdings durch Kämpfe der von der US-Regierung unterstützten pakistanischen Armee mit unterschiedlichen Widerstandsgruppen.
Der IPPNW-Report schlussfolgert: Von einer objektiven und kontinuierlichen Berichterstattung über Kriege kann keine Rede sein. Während Kriege mit sehr hohen Opferzahlen, wie zum Beispiel der seit Jahren andauernde Krieg im Kongo, kaum Beachtung findet, wird über Menschenrechtsverletzungen in Syrien laufend berichtet. In Libyen endete die Berichterstattung praktisch mit der Ermordung Gaddafis, in Bahrein verschwanden Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Tötungen von Demonstranten von der Tagesordnung. Hintergrundinformationen, historische, geographische, gesellschaftliche und kulturelle Tatsachen werden insbesondere dann nicht zur Verfügung gestellt oder verfälscht, wenn aktuelle politische Ziele dem entgegenstehen.

Kommentare gibt es gar nicht.

Ich konnte auch kein deutsches Regierungsmitglied finden, daß angesichts dieses sieben-stelligen Massenmordzahl irgendwelche Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit des deutschen militärischen Engagements zieht.

Ist wohl nicht weiter wichtig….

Freitag, 18. Mai 2012

Kollektive


Es macht ja immer Spaß über nationale Eigenschaften zu räsonieren und zu ergründen wieweit solche Vorurteile eigentlich berechtigt sind.

Schotten und Schwaben sind geizig, Rheinländer sind alle Frohnaturen, Italiener wunderbare Liebhaber und Spanier temperamentvoll. Isländer sind kreativ und Iren können alle singen.

Ich weiß natürlich, daß das alles Unsinn ist. 

Man kann nicht Millionen Menschen über einen Kamm scheren. Aber wenn man erst mal so eine Denkschablone im Kopf hat, registriert man jeden einzelnen Fall, der so ein Vorurteil bestätigt dreifach. 
Mittlerweile bin ich beispielsweise ernsthaft davon überzeugt, daß die Masse der Deutschen einen grottigen Musikgeschmack hat.
Ein weiteres der Klischees, an das ich glaube, ist das von den exzentrischen Briten.
Eine sympathische Volkseigenschaft, wie ich finde.
 Menschen, die ihren Individualismus kultivieren und es nicht nötig haben in uniformen Äußerlichkeiten zu einem homogenen Kollektiv zu werden.

Die Deutschen sind das diametrale Gegenteil.
Es gilt das Sprichwort: Wenn zwei Deutsche sich treffen, dann gründen sie einen Verein.

Sie stehen einfach auf Uniformen und völlige optische Eintönigkeit.

Da reicht schon ein Fußballspiel und schon ziehen sich alle Fans haargenau gleich ein. 
Letzten Sonntag sah man in Dortmund 70.000 Menschen, die sich zusammen rotteten und alle ganz und gar in schwarzgelb gekleidet waren. 
Eine Farbkombination, die ich aus politischen Gründen niemals anziehen würde.
Noch schlimmer wird es demnächst auf den deutschen Straßen aussehen, wenn elf Blonde, die auch noch alle die gleiche Frisur tragen, in Kiew Charkiw und Breslau einem Ballspiel nachgehen werden.

Die Supermärkte und Kioske sind schon voller primitiver Schwarz-Rot-Gold-Outfits. 
Zwischen Glücksburg und Garmisch wird man wieder 37 Millionen Plastikfähnchen in Nationalfarben ans Auto kleben und sich wie ein Haptiker auf Extasy freuen, wenn man andere Karren mit der gleichen Deko sieht.

Deutsche lieben die Konformität und versuchen mit allen Tricks in der Masse unterzugehen. 

Setzt man sie in Gruppen in Bierzelte auf Gartenbänke fangen sie automatisch an zu schunkeln und sich unterzuhaken.
 Versammelt man ein paar hundert Zuschauer in einem TV-Studio reichen zwei Takte, um die Patschehändchen aller Anwesenden zum unrhythmischen Klatschen zu zwingen. 
(Daß man bei der Zuschauer-Klatsch-klatsch-klatsch-Kulisse die Stimme des Sängers kaum noch verstehen kann, ist bei der Qualität der deutschen Volksmusik nicht von Nachteil.)
Setzt man Deutsche in ein rundes oder ovales Stadion, überfällt sie sofort ein Massentrieb die „La-Ola“ zu starten.

Der tiefe Drang sich „wie ein Mann“ zu gerieren ist inzwischen so groß, daß bei Sportveranstaltungen die Karten im Stadion längst viel zu knapp geworden sind. 
Aber allein zu Hause die Übertragung zu verfolgen ist dem teutonischen Michel viel zu individuell - also geht man zum „public viewing“ (engl. = Leichenschau).
 Dort legen dann auch die Männer einheitliche Schminke auf.

Der Wunsch zu einem möglichst großen Kollektiv zu gehören, erschöpft sich aber nicht in einzelnen Veranstaltungen. 
Nein, der Deutsche will auch offiziell, „auf dem Papier“ ein Gleichgesinnter sein.

Der ADAC, der Münchner Club der Autofreunde, zählt 18 Millionen Mitglieder und ist damit der zweitgrößte Auto-Verein der Erde.
Dem DFB, dem deutschen Fußball Bund gehören 6,8 Millionen Menschen an. Davon gehören allein 170.000 Mitglieder dem FC Bayern an.
Auch das DRK, deutsches Rotes Kreuz, ist ein Verein mit 4,7 Mio Mitgliedern.
Der größte deutsche Verein ist der DSB, der deutsche Sport Bund mit 27 Millionen Mitgliedern.
 Das übertrumpft sogar die religiösen Vereine RKK-Deutschland und EKD, denen jeweils ca 24 Millionen zahlende Mitglieder angehören.
Und auch der DGB, der Deutsche Gewerkschaftsbund bringt es noch auf 6,2 Millionen Mitglieder. Darunter sind die IG Metall mit 2,2 Millionen und ver.di mit 2,1 Millionen Mitgliedern die Größten.

Auch die Altparteien verfügen noch über Massen von Mitgliedern. 

495.000 Menschen besitzen so wie ich ein SPD-Parteibuch und ganz knapp dahinter liegt die CDU mit 489.000 Mitgliedern.
Man sollte also meinen, es sei nichts einfacher als Deutsche zum Masseneintritt in eine offiziell gemeinnützige Organisation mit einem leicht zu merkenden Buchstabenkürzel zu bewegen.

Da kostet es schon viel Mühe und destruktive Energie die teutonischen Schwarmfische dazu zu bringen die wohlige Wärme des Massenvorkommens zu verlassen.
Gewerkschaften, Kirchen und Parteien haben allerdings beträchtliche Fähigkeiten entwickelt ihre Mitglieder so nachhaltig zu vergraulen, daß ihre zahlenden Fans austreten.

Die Kirchen in Deutschland hatten noch in den 60er Jahren rund 95% der Deutschen als Mitglieder und sind inzwischen auf relativ erbärmliche gute 60% abgeschmolzen.

Die Sozis knackten in den 1970er Jahren sogar die Millionen-Grenze und haben seitdem trotz 18 Millionen potentieller neuer Interessenten (1990) ihre Parteigänger halbiert.

Nachdem sie CDU 1990 zwei ehemals kommunistische SED-folgende Blockparteien wegfusioniert hatte, stieg ihre Mitgliederschaft immerhin auf über 800.000, von denen in Rekordzeit über 300.000 vergrault wurden.

Der DGB hatte sich in den 1980ern an die 8 Mio-Mitglieder-Grenze gearbeitet, übernahm dann den alten DDR-Gewerkschaftsbund und verfügte 1990 sogar über stolze 12 Millionen Anhänger. 
 Eine Anzahl, die inzwischen halbiert wurde.

Eigentlich ist es erstaunlich mit welcher Indolenz die Chefs dieser Massenvereine, seien es Bischöfe, Parteivorstände oder Gewerkschaftschefs auf diesen dramatischen Kräfteverfall reagieren. 

Dabei sind die Gründe für die Massenflucht der Mitglieder oft ganz offensichtlich:

Ewig gestrige Ansichten, bürokratische und vollkommen Charisma-befreite Führungscrew, unfähige PR, behäbige Struktur, größtmögliche Intransparenz, Ignorieren der Interessen der Vereinsmitglieder, etc.

Dennoch wird kein einziges Manko korrigiert.
 Man schmilzt einfach wie der Seehofer’sche Eisbecher in der Sonne dahin und sieht tatenlos dem eigenen Tod auf Raten zu.

Also ich denke, wenn man die Situation der Kirchen in den 90er-Jahren und auch jetzt nach 2000 mit der Situation in den 50er- oder 60er-Jahren vergleicht, dann ist das überhaupt keine Frage. Die Kirche hat enorm an Einfluss verloren, an Prägekraft verloren. Also bei den evangelischen Kirchentagen in den 50er-Jahren - 1954, 55, 56 -, da saßen Hunderte, Tausende von jungen Menschen zu Füßen der Bischöfe und haben gelauscht, wenn die eine Bibelauslegung gemacht haben, haben mitgeschrieben. Das ist heutzutage geradezu unvorstellbar, dass man also das Wort der Kirche so ernst nimmt, dass man meint, davon Wegweisung zu bekommen.

Das Kirchenschrumpfen begrüße ich natürlich, aber statt ver.di und SPD sähe ich lieber DFB und ADAC konsequent absterben.

But you can’t have them all.

Donnerstag, 17. Mai 2012

Die alte Leier....




Das ist ja nicht so neu, was uns der vom Steuerzahler bezahlte deutsche Katholische Militärbischof da verkündet hat.

Das ist einfach nur einer Variante des Edikts, das Bischof Wolfgang Huber einst im TV erklärte: Nicht religiöse Menschen hätten keine moralischen Maßstäbe.
Das sagt der Mann, der als oberster Evangele Deutschlands selbst jeglicher Moral entrückt war.
Dass Huber, der es immerhin fertigbrachte, als EKD-Ratsvorsitzender in einem Schreiben für „Pro Reli“ in 11 Sätzen 6 mal die Unwahrheit zu sagen, heute als Redner und Berater (Hubers Homepage: „Vordenker“) zum Thema „Ethik“ unterwegs ist und sich „vor allem der Wertevermittlung in Wirtschaft und Gesellschaft“ widmet, erinnert in seiner Dreistigkeit ebenfalls an den Verteidigungsminister.)
(Skydaddy 25.02.2011)

Berauscht von seiner eigenen Wichtigkeit stellte er sich ganz selbstverständlich außerhalb der normalen Koordinaten von Anstand und Wahrhaftigkeit.
Er behauptete einfach Dinge, wie es ihm gefiel und ließ sich nicht mehr von Fakten und der Realität verwirren.

Im Fernsehen, in einer Quasselrunde bei Kerner ging er gemeinsam mit seinem katholischen Bischofskollegen Jaschke soweit zu behaupten, daß eine Gesellschaft aus Atheisten eine Horrorvorstellung für ihn wäre, da man ohne Gott nicht über Moral verfüge, also nicht wisse was richtig und was falsch wäre.

 Der Primas der englischen und walisischen Katholiken, Kardinal Cormac Murphy-O’Connor (*1932) hatte 2009 erklärt Atheisten wären gar keine echten Menschen, sondern SUBHUMANS.
Im BBC-Interview mit Roger Bolten stellte der Mann im roten Kleid klar, daß säkulare Menschen nur ein ärmliches Verständnis davon hätten, was es bedeutet menschlich zu sein.
Da sei etwas nicht total menschliches, wenn man das Transzendentale beiseite lasse.
Lasse man diesen Aspekt, die Suche nach Gott, für den absolut jeder kreiert sei, außer Acht, wäre man „not fully human“.

Roger Bolton – a lot of church leaders speaking on national matters sound rather defensive but you’ve gone on the attack because you’ve talked about secularists having an “impoverished understanding of what it is to be human” they might find that quite offensive mightn’t they?

Cardinal Cormac Murphy O'Connor - I think what I said was true, of course whether a person is atheist or any other...there is in fact, in my view, something not totally human, if they leave out the transcendent. If they leave out an aspect of what I believe everyone was made for, which is, uh, a search for transcendent meaning, we call it God. Now if you say that has no place, then I feel that it is a diminishment of what it is to be a human, because to be human in the sense I believe humanity is directed because made by God, I think if you leave that out then you are not fully human.

Kardinal Cormac Murphy-O’Connor, der seinen Posten 2009 aus Altersgründen an Erzbischof Vincent Nichols abgeben mußte, erkannte ob der Millionen und Abermillionen durch die katholische Kirche umgekommenen und/oder seelisch zerstörten Menschen, was die eigentliche Ursache aller Übel wäre - der Atheismus!

At the installation of the Most Rev Vincent Nichols at Westminster Cathedral, his predecessor, Cardinal Cormac Murphy-O’Connor, described a lack of faith as “the greatest of evils” and blamed atheism for war and destruction, implying that it was a greater evil even than sin itself.

Der myriadenfache Kindesmissbrauch durch die katholisch gläubigen Hirten war keinem Bischof eine Erwähnung wert. Auch der Irische Katholenchef stimmte zu, daß der Verlust des Glaubens am schwersten wiege.

Da sollen sich die paar Zehntausend durchgefickten Kinder mal nicht so anstellen - immerhin waren es doch gläubige Katholiken, die sich an ihnen vergingen.

Besser also von Gläubigen anal vergewaltigt, als nicht mißbraucht zu werden und dafür von Atheisten aufgezogen!!

Cardinal Murphy-O’Connor went farther. Referring to the battles that will be won and lost in the effort to sustain the Christian presence in secular society, he said: “What is most crucial is the prayer that we express every day in the Our Father, when we say ‘deliver us from evil’. The evil we ask to be delivered from is not essentially the evil of sin, though that is clear, but in the mind of Jesus it is more importantly a loss of faith. For Jesus, the inability to believe in God and to live by faith is the greatest of evils.

Und nun ist die Aufregung über Overbeck, den homophoben Ruhrbischof, der einst David Berger zum Outing getrieben hatte mal wieder groß.

Ich kann dazu immer nur sagen:

Die Hubers, die Overbecks, die Murphy-O’Connors sollen bitte so weiter machen und sich selbst entlarven.

Als Atheist könnte mir das egal sein, weil mich auch ein Overbeck nicht atheistischer machen kann, als ich es schon bin.
 Statements wie die von Murphy-O’Connor bringen mich höchstens dazu Stolz für meine Überzeugung zu empfinden.

Viel interessanter ist es doch, wie diese ultra-reaktionäre Weltsicht der modernen Ratzinger-Epigonen auf das katholische Fußvolk wirkt.

Nämlich extrem abstoßend.
 Sein Priesterseminar in Bochum macht der Ruhrbischof zu. 
 Mangels Interesse.

Im Ruhrgebiet will so gut wie niemand mehr katholischer Pfarrer werden: 52 der 57 Zimmer im Bochumer Priesterseminar stehen leer. Eine ganze Ausbildungsstätte für gerade einmal fünf Priesterkandidaten – diesen Luxus will sich Bischof Franz-Josef Overbeck nicht länger leisten. Daher schafft er die eigenständige Priesterausbildung zum kommenden Wintersemester ab.
Wie bereits die Bistümer Aachen und Osnabrück schickt auch das Bistum Essen zukünftig die wenigen Unerschütterlichen, die trotz der tiefen Krise der katholischen Kirche noch Priester werden wollen, an das Seminar in Münster. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die bereits in den vergangenen Jahren deutliche Spuren im Revier hinterlassen hat: Wegen des massiven Mitgliederschwunds und damit verbundenen Einnahmeausfällen musste das Bistum Essen seine 259 Pfarreien zu 43 Gemeinden zusammenlegen. 96 katholische Kirchen wurden seit dem Jahr 2006 im Bistum sogar endgültig geschlossen.
Insgesamt hat sich die Zahl der Katholik*innen im Revier seit der Gründung des Ruhrbistums im Jahr 1958 um 40 Prozent reduziert.

Also immer weiter so, Herr Overbeck!