Die
Griechen sparen bekanntlich dermaßen, daß es quietscht.
Große Teile Athens mutieren
zu Slums, Nierenpatienten können sich ihre Dialyse nicht mehr leisten und
Hunger wird wieder alltäglich.
Es
trifft, wie immer im Kapitalismus, diejenigen, die nichts dafür können.
Deutschland
ist der große Profiteur der Schande von Griechenland.
Dort wird das einfache Volk
ausgepresst nachdem die griechische Regierung Deutschen Rüstungsfirmen
Milliarden-Aufträge erteilt hatte, hunderte Panzer kaufte, U-Boote bestellte.
Deutsche Anleger freuen sich über die Dividenden, die ihnen griechische
Staatsanleihen bringen. Deutsche Banken, als die griechischen Kreditgeber
verdienen üppig am Hellas-Desaster.
Ganz Griechenland fungierte als Absatzmarkt
für deutsche Waren, die mit hartem Euro bezahlt wurden.
Aber der Krug ist
inzwischen doch gebrochen.
Nun breitet sich Elend aus, während es Deutschland
gut geht.
Nachdem
immer mehr Berichte aus griechischen Schulen auftauchten, in denen Kinder vor
Hunger in Ohnmacht fielen, war die Athener Regierung gezwungen Essensmarken
auszugeben.
Das
griechische Bildungsministerium will arme Schüler und Familien mit
Lebensmittelmarken unterstützen. Von kommender Woche an sollen an 18 Schulen in
neun Arbeitervierteln kostenlos Coupons für Milch, Früchte und Kekse verteilt
werden, sagte die Staatssekretärin im Bildungsministerium, Evi
Christofilopoulou, dem Parlament nach Angaben der halbamtlichen
Nachrichtenagentur ANA. Die Marken bekommen dabei nur jene, die von den
staatlichen Sparmaßnahmen am härtesten betroffen sind.
Seit
Monaten steht die Regierung unter Druck diesbezüglich zu handeln. Denn Medien
hatten über unterernährte Schüler berichtet, die im Unterricht vor Entkräftung
in Ohnmacht fielen.
Die
Lehrer können ihren Schülern kaum behilflich sein. Der Durchschnitts-Jahreslohn
eines griechischen Lehrers sank aufgrund der Sparanstrengungen von rund €
20.000 auf € 12.000.
Die
zynische Reaktion der christlichen Bundeskanzlerin:
Es werde eben noch nicht genug gespart; Athen solle ein EU-Sparkommissar zur
Seite gestellt werden.
An
dieser Stelle betone ich immer wieder, daß die Merkel/Steinmeier-Regierung für
das eigene Volk genau die gegenteilige Kur durchführte.
Am
05. November 2008 legten Steinbrück und Co das Konjunkturpaket I (Maßnahmenpaket
„Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung“) auf, welches Dutzende
Maßnahmen umfasste - darunter die wichtige Verlängerung des staatlichen
Kurzarbeitergeldes.
Finanz- und Wirtschaftsministerium betonten stolz:
„Die Maßnahmen der Bundesregierung fördern in den Jahren 2009 und 2010
Investitionen und Aufträge von Unternehmen, privaten Haushalten und Kommunen in
einer Größenordnung von rd. 50 Mrd. €. Darüber hinaus gewährleisten Maßnahmen
zur Sicherung der Finanzierung und Liquidität bei Unternehmen die Finanzierung
von Investitionen im Umfang von gut 20 Mrd. €. Zusammen mit den vom Kabinett am
7. Oktober 2008 beschlossenen Maßnahmen werden allein in den Jahren 2009 und
2010 insgesamt rd. 32 Mrd. € aus den öffentlichen Gesamthaushalten zur
Verfügung gestellt.“
(BMWi und BMF Nov 2008)
Der hyperaktive Bundesfinanzminister Steinbrück ruhte aber auch anschließend
nicht und schob sofort ein weiteres staatliches Ausgabenprogramm an.
Das Konjunkturpaket II („Pakt für Beschäftigung und Stabilität in
Deutschland zur Sicherung der Arbeitsplätze, Stärkung der Wachstumskräfte und
Modernisierung des Landes“) wurde im Januar 2009 beschlossen und hatte
sogar einen noch größeren Umfang.
Es umfasste 13 Beschlüsse - darunter die
berühmt-berüchtigte „Abwrackprämie“, den „einmaligen Kinderbonus“ von 100 Euro,
massive Investitionen in den Breitbandnetzausbau und einen zehn
Milliarden-Euro-Zuschuss für kommunale Investitionen.
Fast alle Parteien und Wirtschaftswissenschaftler sahen die Maßnahmen als
notwendig an - außer der FDP, die heftig gegen die Maßnahmen wetterte.
Schließlich führten die staatlichen Ausgaben dazu, daß kein anderes EU-Land
(außer Polen) so gut wie Deutschland durch die Krise kam.
Die
damaligen Wohltaten gönnte Merkel aber nur den Deutschen. Von den anderen
EU-Problemstaaten verlangt sie das diametrale Gegenteil.
Sie meint, daß man die Verhungernden am besten
durch Essensentzug heile.
Dieser
konservative Wahnsinn hat inzwischen dazu geführt, daß ein kürzlich noch gut
dastehendes Land wie Spanien durch die sogenannten „Eurorettungspolitik“ zum
zweiten Griechenland zu werden droht.
Die
Deutsche Kanzlerin (Schuldenquote Deutschland = 82%) verlangt von der
spanischen Regierung (Spanische Schuldenquote = 69%) dringend Schulden abzubauen, während ihre Chaos-Koalition zu Hause sinnlos geliehene Milliarden aus
dem Fenster wirft - siehe Pendlerpauschale, siehe Herdprämie, …
Die
spanische Regierung hat vergangene Woche einen Haushalt vorgeschlagen, der in
diesem Jahr 27 Milliarden Euro einsparen soll. Das Problem ist, dass Spanien
schon jetzt in einer Rezession steckt. Die Arbeitslosenquote beträgt 23
Prozent, die der Jugendlichen liegt bei mehr als 50 Prozent.
Spanien
ist jetzt da, wo Griechenland vor zwei Jahren war.
Wer
in Zeiten fallender Wirtschaftsleistung spart, verhält sich prozyklisch. Das
heißt, die Haushaltspolitik verstärkt die Rezession. Der Mechanismus besteht
aus einer Interaktion zwischen staatlichem Sparen, privatem Sparen, einem
weiteren Verfall der Häuserpreise, dadurch ausgelösten weiteren Verlusten der
Banken, einer weiter andauernden Kreditklemme, einer schärferen Rezession,
geringen Steuereinnahmen, höheren Defiziten und erneuten Sparprogrammen. Es
kann viele Jahre dauern, bis man aus einem derartigen Teufelskreis ausbricht.
Für Spanien erwarte ich eine Depression, die ein ganzes Jahrzehnt dauern wird.
Die
Ironie ist, dass Spaniens Schuldenquote steigt, obwohl das Land seine Schulden
zurückzahlt. Der Grund ist, dass die Quote ein Quotient ist: Wenn der Nenner -
die Wirtschaftsleistung - stärker fällt als der Zähler - die Schulden -, dann
geht die Quote hoch.
Wen
wundert es?
Merkel verlangt von Rajoy 'radikale Reformen'.
Das alles müsse "unverzüglich" geschehen, schrieb die Bundeskanzlerin
in einem Telegramm.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den konservativen Sieger der Spanien-Wahl,
Mariano Rajoy, eindringlich gebeten, "radikale Reformen" einzuleiten.
In einem am Mittwoch bei der Volkspartei-Führung eingegangenen Telegramm hieß
es, dass dies möglichst "unverzüglich" geschehen solle. Merkel
verwies darauf, dass Rajoy einen "klaren Wahlauftrag" vom spanischen
Volk bekommen habe.
(Mallorcazeitung 23.11.11)
Das Märchen vom deutschen Sparweltmeister.
Die Bundesregierung verkauft Deutschland in der Krise als Hort der
Stabilität - und die Finanzmärkte glauben ihr das sogar. Doch in Wahrheit
stehen wir kaum besser da als die meisten anderen Länder. Die öffentliche
Zuchtmeisterrolle ist arrogant und gefährlich. Wer auch nur ein bisschen
genauer hinschaut, merkt natürlich, dass es um Länder wie Spanien oder Italien
keineswegs so schlecht steht, wie es die hohen Zinsaufschläge signalisieren.
Erst recht wird er aber feststellen, dass Deutschland nicht der Sparmusterknabe
ist, der es vorgibt zu sein.
Spanien hat weniger Schulden als Deutschland.
Die EU-Kommission rechnet in ihrer jüngsten Prognose für Deutschland 2011 mit
einer Schuldenquote von 81,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist
deutlich mehr als die 60 Prozent, die der europäische Stabilitätspakt als
Schuldenobergrenze vorgibt - jener Pakt also, den die Bundesregierung den
südeuropäischen Staaten regelmäßig um die Ohren haut - und den sie am liebsten
noch verschärfen will. Wer anderen harte Regeln vorgeben will, täte gut daran,
sich erst mal selbst daran zu halten. Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude
Juncker hat deshalb Recht, wenn er sich über die deutsche Bevormundung aufregt.
Das Krisenland Spanien zum Beispiel ist mit einer Schuldenquote von 69,6
Prozent deutlich näher dran, den Stabilitätspakt einzuhalten als Deutschland.
Auch die Niederländer (64,2 Prozent) oder die Finnen (49,1 Prozent) haben wohl
größeres Recht als europäische Zuchtmeister aufzutreten als die Deutschen.
[…] Deutschland spart nicht. Die Ausgaben im Bundeshaushalt sind zuletzt
sogar gestiegen und werden laut Finanzplanung in den kommenden Jahren relativ
konstant bei etwa gut 300 Milliarden Euro liegen.
[…] Wenn die Politik überhaupt einen Anteil daran hat, dass die hiesige
Wirtschaft so glänzend dasteht, dann nicht wegen der Sparkultur, sondern wegen
deren Gegenteil: Deutschland hat die Rezession 2009 auch deshalb so schnell
überstanden, weil die damalige Große Koalition Geld in die Hand nahm, um mit
Kurzarbeit und Konjunkturprogramm den Nachfrageschock abzufedern. Die aktuelle
Regierung dagegen macht mit ihren überheblichen Lobgesängen auf die deutsche
Staatsdisziplin vieles kaputt in Europa.
(Stefan Kaiser 17.11.11)
Merkel macht eine reine St. Florians-Politik. Sparen sollen bitte immer die
anderen.
Was
sich eigentlich jeder Hauptschüler an fünf Fingern ausrechnen kann, ist in den
Hirnen der schwarzgelben Destruktionsarbeitern noch nicht angekommen. Fachleute
dringen nicht durch zur Kanzlerin.
Der
US-Ökonom Joseph Stiglitz hat Europas Regierungschefs davor gewarnt, die
Krisenstaaten zu noch größeren Sparbemühungen zu drängen. "Demokratien
können nur ein begrenztes Maß an Einschnitten vertragen, ohne dafür Erfolge zu
sehen", sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001 im Interview mit
der Süddeutschen Zeitung.
Der harte Sparkurs in vielen Ländern verstärke
den Abschwung, Europa drohe deshalb die zweite Rezession in kurzer Zeit.
"Eine Überdosis Sparen macht alles nur schlimmer", sagte der frühere
Chefökonom der Weltbank. Weltweit gebe es kein Beispiel dafür, dass Kürzungen
von Löhnen, Renten und Sozialleistungen ein krankes Land genesen ließen.
Muß man erst einen Nobelpreis bekommen, um solche Binsenwahrheiten laut auszusprechen?
SZ:
Ihre Prognosen klingen skeptisch. Das einzig Gute an 2011, sagten Sie, sei,
dass es besser war, als 2012 sein wird. Kommt das dicke Ende der globalen Krise
noch?
Stiglitz:
Es gibt jedenfalls eine ganze Reihe von Gefahren für die Weltwirtschaft. Die größten
Sorgen macht mir Europa. Die meisten Regierungen sparen. Das verstärkt den
Abschwung. Europa droht die zweite Rezession in kurzer Zeit. In den nächsten
Jahren wird es wirklich hart. Aber langfristig hat der Kontinent eine große
Zukunft.
SZ:
Sie sind ein scharfer Kritiker des europäischen Krisenmanagements. Haben sich
die Staats- und Regierungschefs wirklich so dumm angestellt?
Stiglitz:
Die Politiker haben sich darauf konzentriert, Südeuropa zum Sparen und
Reformieren zu drängen. Demokratien können aber nur ein begrenztes Maß an
Einschnitten vertragen, ohne dafür Erfolge zu sehen. Doch das versprochene
Licht am Ende des Tunnels ist noch immer nicht zu sehen. Wut und
Unzufriedenheit werden in den Krisenländern also weiter zunehmen. Erst recht
wegen der Rezession. Denn durch den Abschwung sind die Steuereinnahmen geringer
als erwartet und die Sozialausgaben höher. Immer wieder werden die Sparziele
verfehlt.
SZ:
Brüssel fordert deshalb noch härtere Einschnitte. Ein Fehler?
Stiglitz:
Dieser Kurs muss scheitern. Es gibt weltweit nicht ein einziges Beispiel dafür,
dass Kürzungen von Löhnen, Renten und Sozialleistungen ein krankes Land genesen
lassen. Die Chancen, dass weitere Einsparungen die Probleme lösen, liegen nahe
null. Länder wie Griechenland und Portugal brauchen eine glaubwürdige
Perspektive für neues Wachstum. Die Politiker wissen das, doch sie haben
bislang nichts dafür getan, dass die Lage besser wird.
SZ:
Was muss geschehen?
Stiglitz:
Die Regierungen sollten in schlechten Zeiten die Staatsausgaben nicht senken,
sondern erhöhen. Das Haushaltsdefizit muss nicht einmal größer werden, wenn
gleichzeitig die Steuern steigen. Dann kann die Wirtschaft um ein Vielfaches
des eingesetzten Geldes wachsen. Ich denke etwa an die Einführung einer
Finanztransaktionsteuer, wie sie in Deutschland und anderen Ländern diskutiert
wird. Zudem könnte die Europäische Investitionsbank kleinen und
mittelständischen Unternehmen verstärkt Kredite geben. Viele Banken geizen
damit, obwohl sie von der Europäischen Zentralbank mit reichlich Liquidität
versorgt werden.
SZ:
Glauben Sie ernsthaft, dass Europas Politiker zu einem solchen Kurs bereit sind
- Bundeskanzlerin Angela Merkel pocht auf einen strikten Sparkurs.
Stiglitz:
Die Politiker müssen erkennen, dass dies der falsche Weg ist. Eine Überdosis
Sparen macht alles nur schlimmer. Das ist fast wie im Mittelalter. Wenn der
Patient starb, hieß es: Der Arzt hat den Aderlass zu früh beendet, es war noch
etwas Blut in ihm. Mit dieser Kur wurden jahrzehntelang viele überschuldete
Schwellenländer behandelt. Oft endete das tödlich. Nun besteht die Gefahr, dass
sich Ähnliches in Europa wiederholt.
…….
(Markus Balser und Catherine Hoffmann Süddeutsche Zeitung 11.04.12)