Dienstag, 27. Oktober 2026

Bayerischer Bullshit

Ja, toll Atomkraft. Hurra. Mindestens zehnmal so teuer, wie Strom aus erneuerbaren Quellen, kein Energiekonzern will die Dinger wegen der enormen Risiken noch bauen, es findet sich kein Versicherer mehr, so daß wir Steuerzahler für alle Fukuschima/Tschernobylschen Risiken haften müssten. Bei den Brennelementen begeben wir uns wieder in die Abhängigkeit von Wladimir Putin und falls jemals so ein 50 bis 60 Milliarden Euro teures AKW fertiggestellt würde, müsste man es in unserer immer heißeren und trockeneren Witterung ohnehin meist abgeschaltet lassen, weil es nicht genügend Kühlwasser gibt – siehe Frankreich.

Darüber hinaus bilden Atomreaktoren ein immerwährenden Terroristen-Magnet. Als ob Osama bin Laden nicht gezeigt hätte, was ganz wenige Menschen auf Selbstmordmission mit einem entführten Flugzeug ausrichten können. Nur daß wir 25 Jahren nach 9/11 noch viel leichter zu treffen sind, weil die Drohnenentwicklung so weit fortgeschritten ist und staatliche Terrorplayer wie Russland auf beliebig viele „Wegwerf-Terroristen“ zurückgreifen können.

Es ist so eine Totgeburt. Die Inkarnation des Wahnsinns.

Deswegen wollte Umwelt- und Atomstaatsminister Söder im Jahr 2011 auch unbedingt einen schnelleren Atomkraftausstieg. Stolz verkündete er, Bayern schalte das erste Atomkraftwerk ab.

Stattdessen verfügte er, auf erneuerbare Energien zu setzen, die Photovoltaik „massiv auszubauen“ und  Bayern müsse „Sonnenland Nummer Eins“ werden.

[….] Der Auftritt an diesem Tag ist eine einzige Provokation von Markus Söder. Der Umweltminister der CSU hat sich für diese wichtige Sitzung des bayerischen Kabinetts eine grüne Krawatte umgebunden. So gibt sich Söder seit dem Reaktorunfall von Fukushima, grün bis zum Hals. Jeder soll wissen, wo Söder neuerdings steht. [….] Dass dieser Tag aber zur ersten wirklichen Zerreißprobe für Schwarz-Gelb in Bayern werden sollte, ahnt noch niemand, als sich die Politiker gegen 10 Uhr in der Staatskanzlei versammeln. Es ist Söder, der die Auseinandersetzung auf die Spitze treibt und sogar mit Rücktritt droht, wenn es nicht nach dem Willen der CSU gehen sollte.

Die CSU will spätestens 2022 aussteigen, Parteichef Horst Seehofer hat das jedenfalls so auf der Vorstandsklausur der CSU im Kloster Andechs gegen größte Widerstände durchgesetzt. [….] In dieser aufgeheizten Stimmung meldet sich Teilnehmern zufolge Markus Söder zu Wort, und wirft der FDP vor, Politik gegen Mehrheiten zu machen. Und dann wird er an diesem Vormittag noch sehr deutlich. Sollte sich Bayern auf einen späteren Zeitpunkt für den Atomausstieg als 2022 festlegen, habe "dies tiefgreifende Konsequenzen" für das Kabinett und auch für ihn "ganz persönlich". Es ist eine Rücktrittsdrohung, auch wenn das Wort Rücktritt nicht fällt. [….]

(SZ, 26.05.2011)

Es war natürlich wie immer beim Franken-Trump: Er log. Nur wenige Jahre später hetzte der Öko-Schwätzer von einst gegen Grüne und Sozialdemokraten, die es wagten genau das umzusetzen, das Söder selbst so vehement eingefordert hatte.

Nun verlangte der Bayer das diametrale Gegenteil, vergaß alle seine ökologischen und sicherheitspolitischen Bedenken. Insbesondere demonstrierte er aber seine völlige ökonomische Ahnungslosigkeit.

Schwarze, braune und gelbe Politiker verfügen aber argumentativ über einen enormen Vorteil gegenüber Grünen und Roten: Sie agieren völlig fakten- und moralbefreit. Hemmungslos lügen sie das Blaue vom Himmel runter, während sich die Sozis an die lästige Realität ketten. So verweist Söder auf frei erfundene Studien zu Mini-Kraftwerken.

[….] Ähnlich weltfremd ist eine weitere Idee von Union und FDP: Sie trommeln für eine Renaissance der klassischen Atomenergie per Kernspaltung. CSU-Chef Markus Söder hofft vor allem auf „Minireaktoren“, die er natürlich ebenfalls am liebsten in Bayern erforschen würde. Mini­reaktoren: Dieses Konzept klingt futuristisch, ist aber in Wahrheit uralt. Schon in den 1950er Jahren träumte man vom „Kraftwerk in der Kiste“. Die Kleinreaktoren sollten als Flugzeugantrieb dienen oder als „Babyreaktoren“ Räume heizen. Es kam bekanntlich anders. Diese Art von Minireaktoren wurde nie gebaut, und ein Grund war, dass auch sie strahlenden Atommüll hinterlassen, den niemand in seinem Wohnzimmer oder in der Küche haben wollte. Errichtet wurden stattdessen Großkraftwerke, die sich besser beherrschen ließen. Aber auch dort kam es zu den sattsam bekannten Problemen: Für den deutschen Atommüll gibt es bisher kein Endlager, und zudem wird der Bau neuer Reaktoren immer teurer. Was auch gern übersehen wird: Das Uran würde nur 13 Jahre lang reichen, wenn man den ganzen Globus mit Kernenergie versorgen wollte, um die fossilen Brennstoffe zu ersetzen und weltweit Klimaschutz zu betreiben. Momentan ist die Atomenergie ein Nischenphänomen, das weniger als 5 Prozent des globalen Endenergieverbrauchs abdeckt.  [….]

(Ulrike Herrmann, 12.05.2023)

(….) Söder ist jetzt Vollzeitpopulist, der dringend davon ablenken muss, wie er und seine CSU die Energieversorgungssicherheit Bayerns zerstörten.

Bayerns CSU ist gegen Stromtrassen.

Bayerns CSU ist gegen Genehmigungen von Windkrafträdern.

Bayerns CSU ist gegen Fracking in Bayern.

Bayerns CSU ist gegen Atommüllendlagersuche in Bayern.

Bayerns CSU ist gegen Gasspeicher in Bayern.

Bayerns CSU ist dagegen, daran erinnert zu werden, einseitig auf Putins Gas gesetzt zu haben.

Bayerns CSU ist gegen das Zeigen von Bildern ihrer Ministerpräsidenten Stoiber, Seehofer und Söder, die allesamt nach Moskau pilgerten, um Putins Hintern zu küssen.

Bayerns CSU ist gegen die Erinnerung daran, daß Söder im Jahr 2011 massiv für den Atomausstieg kämpfte. (…)

(Söder verabschiedet sich endgültig von der Politik, 18.04.2023)

Aber was schert Söder sein Geschwätz von gestern?  

[….] Markus Söder ist auch für eine längere Laufzeit der drei verbliebenen AKWs. Er sieht die Kernkraft als Alternative zur Gas-Verstromung. Was ist mit Windkraftanlagen? Bayern hat in der ersten Jahreshälfte gerade mal drei Windräder gebaut. Das geht im Arbeitszeugnis nicht mal als "stets bemüht" durch. Höchstens, wenn es darum geht, anderen vorzuschreiben, wie es richtig geht. Söder sagt immer zu allem: "Von mir aus - aber nicht hier!" Windkraft? "Von mir aus - aber nicht hier!" Atomkraft - samt Endlager? "Von mir aus - aber nicht hier!" Fracking? "Von mir aus - aber nicht hier!" Markus Söder ist für Fracking, aber nur in Niedersachsen. Für Atomkraft, will aber kein Endlager in Bayern und auch keine Windkraft und keine Stromtrassen. Alle Vorteile, aber keine Konsequenzen - was Söder will ist im Grunde die Terrawatt-legende Windmühlsau, die Quadratur des Stromkreises. […..]

(Christian Ehring, ExtraDrei, 06.08.2022)

Das schwarzgelbe Ausstiegsgesetz von 2011, nach dem Ende 2022 die letzten drei Meiler vom Netz gingen, haben nicht etwa die Grünen ersonnen, sondern CDU, CSU und FDP. Markus Söder trommelte am lautesten dafür, schnell und konsequent aus der Kernenergiegewinnung auszusteigen. Söder drohte im bayerischen Kabinett mit Rücktritt, sollte, der Atomausstieg erst nach 2022 erfolgen. Zusammen mit seinen konservativen Freunden war er der größte Anti-AKW-Fanboy.

"Der Atomausstieg wird bis 2022 vollzogen und ist unumkehrbar."

(CSU MP Seehofer, 30.5.2011 über den Fahrplan der schwarz-gelben Koalition zur Energiewende)

"Das Ergebnis ist konsistent und konsequent."

(Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), 30.5.2011 zu den Ausstiegsplänen der Koalition)

"Das größte Modernisierungs-, Innovations-, und Investitionsprojekt für Deutschland seit langem".

(Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), 30.6.2011 im Sender hr-Info zum Atomausstieg und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz)

"da gibt es keinerlei sogenannte Hintertüren, sondern das ist ein ganz transparenter klarer Fahrplan. Ich halte den auch für richtig, insbesondere auch, dass die sieben alten Meiler vom Netz gehen. Hier hat es ja auch schon zu einem frühen Zeitpunkt Stimmen aus der FDP gegeben, die das nahegelegt haben."

(Christian Lindner, 30.5.2011 über den von Schwarz-Gelb beschlossenen Atomausstieg)

"Wenn wir den Aufbau der erneuerbaren Energien maximal beschleunigen und Widerstände gegen Pumpspeicherkraftwerke und Ähnliches überwinden können, dann ist ein Umstieg auch in einem Jahrzehnt denkbar." 

(CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, 6.4.2011)

"Vernunft und der Verantwortung".

(CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, 6.6.2011: Er bezeichnet das beschlossene Ausstiegsdatum 2022 als eine Zahl der..)

"Ich freue mich deswegen, weil es gerade auch mein Vorschlag, der Vorschlag von Horst Seehofer und der Vorschlag der CSU war."

(Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU), 30.5.2011 über den von Schwarz-Gelb beschlossenen Atomausstieg)

Markus Söder fuhr die Energiepolitik gründlich gegen die Wand.

Man kann ihn nicht ernst nehmen und sollte jeden CSU-Kommentar zur Atomenergie erst in dem Moment wieder ernst nehmen, wenn Bayern als Good-Will-Geste und zum Beweis der seriösen Endlagerungsmöglichkeit von hochradioaktiven Millionen Jahre strahlenden Nuklearabfällen, dem gesamten Deutschen Atommüll in Bayern eingelagert hat. Aber ungeniert reitet der manische Wurstfresser das tote Nuklearpferd weiter.

[….] Suche nach Endlager: Bayern will Atomkraft, aber keinen Atommüll. Das darf man Söder nicht durchgehen lassen

Diesen Wettbewerb will niemand gewinnen: Seit fast zehn Jahren prüft die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), wo Atommüll dauerhaft gefahrlos bleiben kann, eine Million Jahre lang, 300 bis 1500 Meter unter der Erdoberfläche. [….] Heute hat die BGE ihren letzten Zwischenstand veröffentlicht. Nun sind weniger als fünf Prozent des Bundesgebietes übrig. Hessen, Berlin und Sachsen sind ebenso aus der Auswahl gefallen wie schon zuvor Rheinland-Pfalz und das Saarland, weil es dort keine Region gibt, die geologisch geeignet ist, um hoch radioaktiven Atommüll aus den abgeschalteten deutschen Kernkraftwerken einzulagern. [….] Bayern aber ist auf der Liste geblieben. Dabei geht es nur um kleine Teile des Bundeslandes. Zuletzt waren nur noch wenige Regionen des Freistaats im Rennen.

Aber selbst das dürfte eine zu große Zumutung für die Landesregierung in München sein. Ein Atommüllendlager im eigenen Bundesland, das kann sich Ministerpräsident Markus Söder so gar nicht vorstellen. »Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geologisch geeigneter Standort für ein Atomendlager ist«, heißt es im Koalitionsvertrag mit den Freien Wählern. [….] Dabei ist Söder ein Atomkraftfan. Den Atomausstieg im April 2023 hat er als »schweren Fehler« kritisiert, wollte sogar den Reaktor »Isar 2« in Eigenregie weiterbetreiben. Auch neuere, kleinere Meiler würde Söder gern in Bayern sehen. Nur mit den strahlenden Folgen will er nicht behelligt werden.

Dabei läuft der wissenschaftliche Auswahlprozess noch. Dass Bayern sich selbst aus der bundesweiten Suche herausnimmt, ist dreist. Das kann, das darf so nicht laufen. [….] Der Müll ist da, produziert in Jahrzehnten der Atomkraftnutzung in beiden Teilen Deutschlands. Derzeit wird er in Deutschland in 16 Zwischenlagern im Land verwahrt. Auch aus Gründen der Terrorabwehr kann das keine dauerhafte Lösung sein. Deutschland braucht ein Endlager. Und Bayern darf sich nicht wegducken bei der Frage, wo dies am besten sein wird.

Auch die von Söder gewollten neuen, kleinere Atomreaktoren würden wieder strahlenden Abfall produzieren. Und auch der müsste irgendwohin. [….] 

(Christoph Seidler, 27.10.2026)

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