Donnerstag, 2. April 2026

Westen kaputt

Aus, Schluss, vorbei. Es hat einfach keinen Sinn mehr, sich verzweifelt an die schönen Zeiten der transatlantischen Partnerschaft zu klammern. Als Westeuropa und Nordamerika zusammen eine politische und militärische Einheit bildeten, als sie die Sehnsuchtsorte des globalen Südens waren. Als Washington der verlässliche Freund war, auf den man sich verlassen konnte, als man sich staunend an der kulturellen und ökonomischen kraft orientierte. Als die USA der Sehnsuchtsort der jungen Europäer waren. Als „der Westen“ die ERSTE Welt war, die nach Belieben die Zweite und Dritte dominierte.

Voll von Freunden war mir die Welt,   Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,  Ist keiner mehr sichtbar.

So kam ich zu meinem US-Pass, weil meine Mutter als junge Frau die Nase voll hatte von der engstirnigen Adenauer-Erhard-Zeit, nach New York auswanderte und einen Amerikaner heiratete.

Es holperte natürlich immer mal. Kein Wunder. Denn die USA und Europa sind trotz der gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich. Das sollte man allerspätestens im November 2000 begriffen haben, als der intellektuelle Blindgänger George W. Bush, dem zweifellos hochqualifizierten und erfahrenen Al Gore vorgezogen wurde. Für die meisten Europäer war das nicht nachvollziehbar.

Aber wer die USA gut kannte, wunderte sich schon vor einem Vierteljahrhundert wenig, über den anti-intellektuellen Impetus des rural America. Die wollten keinen Typen, der Bücher liest, sich um globale Probleme kümmert und sich mit Details der politischen Probleme ferner Länder auskennt, von denen die meisten Amerikaner kaum jemals gehört hatten. Lieber einen Typen, der wie sie ist.

Welche Folgen es hat, einen Idioten ins Weiße Haus zu schicken, erlebte man bei den illegalen GWB-Kriegen, die 2003 zum Bruch mit der halben EU führten.

Michael Moore erklärte mir 2002 bei einer Lesung im Hamburger CCH, die US-Amerikaner sollten keine Kriege gegen Länder führen dürfen, die sich nicht auf einer Weltkarte finden können. Es war bitter unironisch, denn das legendär schlechte US-Schulsystem führt genau dazu: Geographie ist der Erzgegner der Masse der Amerikaner. Kaum einer kennt den Unterschied zwischen Ländern und Kontinenten, fast niemand kann auf einer Blindkarte erkennen, wo der Irak oder gar Afghanistan liegt. US-Highschool-Abgänger sind erheblich unterbelichteter als deutsche Abiturienten. Nach dem College destilliert sich allerdings eine Schicht aus Studenten der US-Elite-Unis hinaus, deren Niveau klar höher als das deutscher Universitäten ist. Daraus rekrutieren sich die vielen US-Nobelpreisträger und Top-Intellektuellen, die allerdings genau über den Hindukusch und Golf Bescheid wissen. Hochgebildete US-Amerikaner, die so weit weg vom gewöhnlichen Dorfbewohner in Texas oder Kansas oder South Carolina sind, daß sie von der breiten Masse misstrauisch betrachtet werden. Lesen ist verdächtig. Reisen ist verdächtig. Fremdsprachenkenntnis ist verdächtig.

Mit Trump II ist die Lage vollends eskaliert. Das größte Problem dabei ist nicht, daß Trump noch wesentlich dümmer und ungebildeter als GWB ist.

Das größte Problem ist auch nicht, daß Trump schwere mentale Probleme hat und dementsprechend idiotisch-impulsiv regiert. Das größte Problem ist, daß er es vermochte, seine Partei und alle Mitarbeiter intellektuell und moralisch zu kastrieren.

Niemand widerspricht ihm, niemand hält ihn auf, niemand stellt sich in den Weg. Es meldet noch nicht einmal jemand Bedenken an. Es gibt absolut nichts, das zu irrsinnig wäre. Die erbärmlichen Kabinettskriecher in den grotesk-großen Trumpschuhen lobpreisen und feiern ihn immer.

Auch und gerade, wenn er die USA, die Weltwirtschaft und den Frieden in die Tonne tritt.

[….] "Liberation Day"-Bilanz Trumps Zollkrieg entlarvt sich als Eigentor

Ein Jahr nach seinem "Liberation Day" sieht die Bilanz für US-Präsident Trump ernüchternd aus. In der Industrie sind Jobs weggebrochen und Trump muss amerikanischen Familien erklären, warum alles teurer wird. […]

(Constantin Röse, ARD-Finanzredaktion, 02.04.2026)

Aber der bisher größte Anschlag auf den Weltfrieden und die Weltwirtschaftsordnung erfolgte durch Trumps, weder durchdachten, geschweige denn durchgeplanten, Iran-Krieg, der sich nach fünf Wochen bereits als derartiges Desaster entpuppt, daß Trump hysterisch mäandernd versucht, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Dummerle Merz ging zunächst mit und stellte sich artig Arsch-küssend an die Seite des orangen Wüterichs.

Aber der Rest Europas scheint sich nun endgültig gegen Washington zu stellen.
Spanien, Italien und Österreich verweigern bereits Überflugrechte oder die Verwendung der US-Basen auf ihrem Staatsgebiet. Andere machen klare Ansagen.

[….] Dem US-Präsidenten warf Macron zugleich ein "Aushöhlen" der NATO vor. Der Wert der Allianz basiere auf dem Vertrauen der Mitgliedstaaten. "Wenn man jeden Tag Zweifel an seinem Engagement nährt, dann höhlt man die Substanz aus", so der französische Präsident.

Macron reagierte damit auf Trumps jüngste Aussagen in der britischen Zeitung The Telegraph. Darin hatte er die NATO erneut als "Papiertiger" bezeichnet und angedeutet, dass er einen Austritt der USA aus dem Militärbündnis ernsthaft prüfe.

Wer ein Bündnis eingehe, müsse seinen Verpflichtungen gerecht werden, kritisierte Macron. Man könne nicht jeden Tag das Gegenteil dessen sagen, was man am Vortag gesagt habe. Es wäre sinnvoller, weniger zu reden und sich stattdessen für einen gerechten Frieden einzusetzen. [….]

(Tagesschau, 02.04.2026)

Der lächerliche Prolet im Oval Office reagierte auf seinem gewohnt unterirdischen Niveau, indem er sich öffentlich über Macrons Ehe lustig machte.

[…] Donald Trump kommt bei Emmanuel Macron mit Bitten um Militärhilfe im Irankrieg nicht weiter. Nun versucht es der US-Präsident mit Spott – und provoziert eine Antwort des französischen Staatschefs. […] Die Spannungen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem französischen Staatschef Emmanuel Macron nehmen weiter zu. Nachdem Trump über Macrons Ehe gespottet hatte, reagiert dieser nun spürbar genervt: »Die Bemerkungen sind weder elegant noch niveauvoll«, sagte Macron bei einem Besuch in Seoul. »Das verdient nicht mal eine Antwort«, fügte er hinzu.

Hintergrund: Trump hatte sich von europäischen Staaten wie Frankreich um Unterstützung im Krieg gegen Iran erhofft – war dabei jedoch auf Ablehnung gestoßen. In der Folge versuchte es der US-Präsident einmal mehr mit abwertenden Witzen. In einem Video von einem privaten Mittagessen am Mittwoch, das laut der Nachrichtenagentur AFP kurzzeitig auf dem YouTube-Kanal des Weißen Hauses zu sehen war, berichtete Trump in süffisantem Tonfall, wie er Macron vergeblich um Militärschiffe zur Sicherung der Meerenge von Hormus im Irankrieg gebeten habe.

»Ich rufe also Frankreich an, Macron, dessen Frau ihn extrem schlecht behandelt. Er erholt sich noch immer von ihrem rechten Schwinger an den Kiefer«, sagte Trump. Dann wartete er grinsend das Gelächter im Saal ab. […]

(SPON, 02.04.2026)

Es hilft alles nichts. Trumpmerica ist kein NATO-Partner mehr. Es ist bedauerlich, aber nicht mehr zu reparieren. Europa muss die Scheidung einreichen. Auch Merz muss das begreifen.

 […] Pedro Sánchez wollte noch etwas loswerden. Fast 20 Minuten lang hatte der spanische Ministerpräsident im Parlament schon gesprochen, unermüdlich an die schrecklichen Folgen des Irakkrieges erinnert: die 300.000 Todesopfer, die fünf Millionen Flüchtlinge, die wirtschaftlichen Konsequenzen für Europa.

Sánchez erzählte an diesem vergangenen Mittwoch, dass er im Februar 2003 als junger Mann selbst gegen den Krieg demonstrierte, gemeinsam mit Millionen anderen Spaniern. Und er warnte, dass sich der Albtraum von damals nun wiederholen werde. Der Irankrieg, das war an diesem Tag seine Botschaft, sei kein regionales Problem. Er könne verheerende Folgen für die gesamte Welt haben.

Doch zwischen all den großen Fragen brachte Sánchez eine erstaunlich konkrete Information unter. Seine Regierung habe dem amerikanischen Militär nicht nur verboten, die Militärbasen im Land für den Krieg zu nutzen. Man genehmige auch keine Überflüge amerikanischer Bomber und Jets. Jedenfalls nicht, wenn die Flüge dem Irankrieg dienten.

In Spanien fanden die Sätze zunächst kaum Beachtung. Erst Tage später, als die offenbar eigens unterrichtete Tageszeitung »El País« sie aufgriff, gingen sie um die Welt. Spanien sperrt Luftraum für die USA, meldeten die Agenturen. Und in Washington meldete sich Marco Rubio zu Wort.

Die USA hätten sich dazu verpflichtet, Spanien zu verteidigen, sagte der US-Außenminister. Und nun prahlten die Verbündeten sogar damit, seinem Land die Unterstützung zu verweigern. Nach dem Irankrieg müsse man die Nato »neu bewerten«.[…] Das westliche Verteidigungsbündnis durchläuft in diesen Tagen die schwerste Krise seit seinem Bestehen. […] Mittlerweile aber geht es um mehr. Der Krieg gegen Teheran ist für Trump ein strategisches Desaster. Seine Wut darüber lässt er an den Europäern aus – an jenen Partnern, die er vor Kriegsbeginn nicht einmal informierte.

Der Einsatz im Nahen Osten, sagte Trump jüngst im Oval Office, sei »ein Test für die Nato«. Die Europäer müssten nicht helfen, die Straße von Hormus zu öffnen. »Aber wenn ihr es nicht tut, werden wir uns daran erinnern.« Am Mittwoch legte der Präsident in einem Interview nach. Die Nato sei ein Papiertiger. Das wisse auch Putin. Er erwäge ernsthaft, dem Bündnis den Rücken zu kehren.

[…] Bei Trump kommt man mit Argumenten nicht weiter. Im schlimmsten Fall könnte er nun jenen Impulsen nachgeben, die er schon immer in sich trug. […] Die Europäer haben sich viel Mühe gegeben, um das zu verhindern. Beim letzten Nato-Gipfel sagten alle Mitglieder bis auf Spanien zu, ihre Verteidigungsbudgets deutlich anzuheben. Das niederländische Königspaar bespaßte Trump im königlichen Schloss. Nato-Chef Mark Rutte nannte ihn »Daddy«.[…]  

(SPON, 02.04.2026)

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