Mittwoch, 29. Juli 2026

Gegenwart und Zukunft gleichzeitig

In diesem Jahrtausend war ich noch nie im Kino und Streamingdienste nutze ich auch nicht. Da kommen einige Gründe zusammen. Ich bin Sozialphobiker, sitze nicht gern eng an eng mit fremden Menschen, wenn ich meine Freizeit gestalte.

Kinos sind mir außerdem viel zu laut, weil ich als Single in einer extrem hellhörigen Stadtwohnung seit Jahrzehnten gewöhnt bin, mich sehr leise zu verhalten. Ich hadere mit der Filmmusik, die mich fast immer stört und natürlich bin ich als alter weißer Cis-Mann, vielen aktuell sehr beliebten Filmgenres entwachsen.

Ich kann und will alles aus dem Marvell-Universum nicht ertragen; ich verweigere die Beschäftigung mit kleinen Strumpfhosen-Männchen aus US-amerikanischen Teenie-Comics. Noch schlimmer sind für mich jede Art von Animationsfilmchen. Es mag intolerant sein, aber für mich ist das Kleinkinderprogramm; ich will erwachsene reale Menschen sehen, wenn ich mich schon auf Fiktion einlasse.

Bezüglich der Streamer bestreite ich selbstverständlich nicht, dort Serien von hoher Qualität vorzufinden, dich auch angucken würde.

Aber da gibt es den aberwitzigen ökologischen Fußabdruck. Streaming verursacht mittlerweile um die 10% der globalen Triebhausgase. Eine Stunde Netflixen verursacht ungefähr so viel CO2, wie ein Kilometer mit dem Auto zu fahren. Ich will nicht durch mein Verhalten den Energieverbrauch der riesigen Serverfarmen der Plattform-Infrastruktur erhöhen. Außerdem möchte ich Dienste wie Apple oder Amazon schon deswegen nicht nutzen, weil das die an Trumps Hintern klebenden antidemokratischen rechten Tech-Multimilliardäre noch reicher und mächtiger macht.

Schließlich ist da noch mein miserables Zeit-Management. Die herkömmlichen Medien; Zeitungen, Bücher, stationäres Fernsehen; liefern schon weit mehr Unterhaltung, als ich in 24 Stunden pro Tag unterbringen kann. Als Beleg mögen meine Stapel von immer noch originalverschweißten DVDs und VHS-Videocassetten (sic!) dienen. So viel Stoff, der mich genügend interessierte, um das alles zu kaufen und dennoch hatte ich bisher nicht die Zeit/Muße, das alles anzugucken.

Den Rest gab mir mein Klugtelefon, welches ich im zarten Alter von 50 anschaffte und das trotz gegenteiliger Bemühungen, jeden Tag einen relevanten Teil meiner Zeit klaut.

Vor ein paar Tagen, gab es einen der eher seltenen Momente, in denen ich mich gezielt vom Politfrust/Weltschmerz ablenken wollte. Mit einem Action-Reißer, der auf VOX lief: „Furiosa, A Mad Max Saga“ (2024) von George Miller. Das Prequel zu „Mad Max: Fury Road“ (2015). 

Ich stehe ein bißchen auf Endzeit-Stories, weil darin die Ordnung der Zivilisation entfallen ist und sich die pure menschliche Leben zeigt. Das CliFi-Genre wird in unserer multi-prä-apokalyptischen Gegenwart immer mehr zur Dokumentation.

Die Handlung, laut Wikipedia:

[….]  Nachdem Kriege und Katastrophen große Teile der Welt unbewohnbar gemacht haben, kämpfen die verbliebenen Menschen um die wenigen Ressourcen. Einer der wenigen fruchtbaren Orte ist eine Oase inmitten des Outbacks, das Grüne Land. Von dort wird das Mädchen Furiosa von Eindringlingen entführt. Furiosas Mutter nimmt die Verfolgung auf und kann einige Entführer töten, jedoch nicht verhindern, dass ihre Tochter zu Dementus gebracht wird, dem Anführer einer nomadischen Bikergang. Seine Versuche, dem Mädchen den Standort des grünen Landes zu entlocken, schlagen fehl. Schließlich lässt Dementus Furiosas Mutter, die bei dem Versuch, ihr Kind zu befreien, gefangen genommen wurde, vor ihren Augen foltern und töten. Anschließend adoptiert Dementus das Kind, das er fortan „Little D“ nennt. [….]

Eigentlich wußte ich schon, „das wird nichts“, als Chris Hemsworth mit albern aufgeklebter Hexennase auftauchte und als so einer Art schwuler Sadisten-Villain seine wallende Haarpracht in den Wüstenwind hing. Nur noch übertroffen von der hoffnungslos dilettierenden Titeldarstellerin Anya Taylor-Joy, die als kampferprobte Heldin in etwa so glaubwürdig ist, wie ich als CDU-Abgeordneter wäre.

War das schlecht! Und dazu immer wieder Splatter-Elemente detailreich ausgeleuchtet. Ich empfinde aber keinen Spaß daran, mir anzusehen, wie geknechtete leidenden, hungernde Menschen auf alle erdenklichen Arten gemartert und getötet werden. Man nenne mich einen cineastischen Banausen, aber das ist nun einmal nichts für mich.  Muss ja auch nicht sein.

Dann wechsele ich eben wieder in die reale Welt der Nachrichtensendungen, der Zeitungen und harten Fakten. 

Die ikonographischen Bilder der Brände in Spanien, Italien und Frankreichsehen schon farblich genauso apokalyptisch aus, wie die australischen Furiosa-Werbeplakate.


[….] Waldbrände in Frankreich und Spanien: Es fühlt sich an wie Science-Fiction, aber Europa ist in der neuen Klimarealität angekommen

Die Menschen im französischen Département Gironde müssen sich fühlen, als wären sie in einem Science-Fiction-Roman gelandet. Cli-Fi nennt sich dieses literarische Genre, das die Klimakrise ins Zentrum seiner Geschichten rückt. Die Bücher spielen in einer Zukunft, in der Waldbrände zur Regel geworden sind und sich die Menschen nach Abkühlung und sauberer Luft sehnen, wie nach einem fernen Märchenland.

Frankreich hat in der Realität nun bereits drei Hitzewellen hinter sich, die laut Übersterblichkeits-Statistik 5800 Menschen das Leben kosteten. Nun wütet ein Waldbrandinferno im Südwesten des Landes, am Sonntag rückten die Feuer bis auf 15 Kilometer an die Metropole Bordeaux heran. Nur, weil die Winde drehten, musste die Stadt nicht evakuiert werden. Noch ist die Gefahr nicht gebannt.

Wer nie vor einem Waldbrand fliehen musste, kann sich die nackte Angst der Betroffenen kaum vorstellen. Aus der Gironde häufen sich die Augenzeugenberichte von Menschen auf der Flucht. Sie erzählen von der Angst, zu ersticken, es mit dem Auto nicht mehr rechtzeitig durch das Flammenmeer zu schaffen. »Der Geruch des Feuers wurde immer stärker, es war, als sei die Flamme schon direkt neben mir, der Hals fing an zu kratzen, und als die Asche vom Himmel fiel, wussten wir: Wir müssen weg«, erzählt ein Anwohner dem TV-Sender BFM. Viele griffen im letzten Moment nur noch nach ihren Papieren, alles andere blieb zurück. Rund um Bordeaux campieren seit Tagen Tausende in Notunterkünften. Die meisten wissen nicht, ob es ihr Zuhause noch gibt.

Die Feuer könnten noch Wochen weiterbrennen: Schon für Mittwoch sind in der Region wieder 35 Grad vorhergesagt, kein Wölkchen am Himmel – von den Rußwolken abgesehen. Erschreckend gut ins Bild der Cli-Fi-Romane passt auch die aktuelle Analyse von Klimaforschenden: Die Dürre in vielen europäischen Regionen sei weniger durch fehlenden Regen entstanden als durch extreme Temperaturen, heißt es beim Netzwerk World Weather Attribution . Diese seien durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher und intensiver geworden – der Zusammenhang ist eindeutig.   [….]

(Susanne Götze, 28.07.2026)

So wie Trump längst „House of Cards“ überholt hat, überholt die Realität auch Mad Max.