Als meine Mutter im Sterben lag, überlegten wir auf der Intensivstation, eine riskante Operation zu wagen. Die Chirurgen hatten alles ausreichend erklärt und nun besprachen wir uns zu zweit. Sie war zwar an diverse Schläuche angeschlossen, aber mental vollkommen auf der Höhe. Die Dramatik der Situation hatte sie noch rationaler, als ohnehin schon gemacht. Glücklicherweise, aber wenig überraschend, waren wir uns völlig einig: Nein zu weiteren Behandlungen und risikoreichen chirurgischen Aktionen, nur um zu überleben. Der große Eingriff sollte nur gewagt werden, wenn es eine gute Chance auf ein Gelingen gäbe. Dem Ärzteteam brachte sie es später auf eine einfache Formel: Ich erwarte nicht, jemals wieder wie ein junger Mensch rumlaufen zu können, aber ich möchte in meiner Wohnung autark sein; mir allein in der Küche einen Tee machen und selbstständig ins Badezimmer können. Wenn das Szenario nicht wahrscheinlich ist, keine OP.
In jenen Jahren verbrachte ich sehr viel Zeit in der Wartezone vor der Intensivstation, da sich auch mein Vater und meine Tante aus dem Diesseits verabschiedeten. So langsam kannte ich alle Leute und konnte frisch eingetroffenen, psychisch aufgelösten Angehörigen die Abläufe erklären; spielte den Wegweiser. Eine Oberärztin, der ich nachts begegnete, sagte einmal zu mir „so langsam können wir Ihnen hier auch ein Büro einrichten.“ Es ist keine angenehme Situation, aber auf einer Meta-Ebene stellte ich psychosoziale Feldstudien an. Viele Angehörige werden emotional überwältigt, wenn sie vom behandelnden Arzt final schlechte Nachrichten bekommen. Ich habe sie schreien und heulen gesehen. Immer wieder wurde ausgedrückt, wie ungerecht und überraschend das sei. Es erinnerte mich an die dramatischen „WARUM?“-Schilder, die trauernde Bürger an Tatorten oder Unfallszenerien aufstellen.
Im Moment der tiefsten Trauer möchte man Menschen trösten und unterstützen, aber die richtige Frage wäre natürlich „Warum nicht?“. Es ist das eiserne und nie gebrochene Gesetz des Lebens, das mit dem Moment unserer Geburt feststeht: Wir werden sterben. Jeder. Ganz sicher. Trump, Merz, dein Nachbar, dein Sohn, deine Eltern, die Person, die gerade zufällig neben dir steht, jeder, den du liebst und selbstverständlich auch du und ich. Gerade weil unsere Lebensspanne nicht nur endlich, sondern im historischen, oder gar kosmischen Kontext, mikroskopisch kurz ist, gilt es, sich des Todes und des Lebens bewußt zu sein.
Mit Hysterie und Metaphysik lässt sich der Tod nicht beeinflussen, sondern nur kostbare Lebenszeit vergeuden.
Ich würde mich selbst niemals als besonders mutig bezeichnen, wäre sicher als Soldat genauso unnütz, wie als Beschützer gegenüber wilden Tieren. Ich bin nicht Konfrontations-affin, vermeide gern Konflikte. Man darf mich feige nennen. Ich mache auch keine Bungee-Sprünge. Aber wenn es richtig ernst wird, werde ich auch ernst, kann meine Emotionen vollkommen ausblenden.
Ich glaube, ich bin der Ideal-Angehörige für Intensivmediziner, weil ich ruhig, rational bleibe und aufmerksam alle Informationen registriere. Von mir geht nicht die Gefahr aus, heulend den Ärzten um den Hals zu fallen, zu schimpfen oder zu zetern.
Ich bin noch unsicher, ob das genetisch oder umweltbedingt so ist. Diese Eigenschaft teilte ich mit vielen Familienmitgliedern, aber keineswegs mit allen. Zum Glück war meine Mutter auch so und daher führten wir ein ruhiges Gespräch auf der Intensivstation, als plötzlich eine aufdringliche Mitt-60erin mit Kurzhaarfrisur hereinplatzte. Ich war von dem einzigen Stuhl aufgesprungen, auf den sie sich sofort setzte: „Ich bin die Krankenhausseelsorgerin und möchte mit ihnen darüber sprechen, was sie erwartet!“ Ohne Punkt und Komma, begann sie, ihre „Angebote“ durch zu deklinieren: Gemeinsames Gebet, ich sei willkommen im überkonfessionellen „stillen Raum“, es wäre auch möglich, andere Geistliche zu holen. Ich war so perplex, daß mir tatsächlich die Worte fehlten. Meiner Mutter gelang es als erste, gegen den Wortschwall anzukommen und sie stellte sehr höflich klar: „Danke, aber nein danke, wir sind wirklich nicht religiös!“
Das war der Zeugen-Jehovas-Moment der Religioten-Fachkraft. Da grätschte sie sofort mit leicht triumphierenden Ton hinein, „jaaaa, sie mögen im Leben Atheistin gewesen sein, aber in dieser Situation überdenken sie ihre Haltung…“ Nun wurde es meiner Mutter doch zu bunt, sie nahm ihre Kraft zusammen und stellte klar: „Würden sie bitte jetzt das Zimmer verlassen, ich möchte meine vielleicht letzte Zeit mit meinem Sohn verbringen!“
Endlich zog sie ab. Ich machte große Augen und scherzte „Du bist wirst also nicht auf den letzten Metern plötzlich gläubig? Da bin ich ja erleichtert!“ Und meine Mutter konnte noch einmal richtig lachen.
Die Krankenhausseelsorgerin befindet sich in Hamburg, einer Stadt, in der 99% der Bewohner nicht regelmäßig in Gottesdienste gehen, in der Christen eine deutliche Minderheit sind und kaum noch Beerdigungen mit kirchlichem Brimborium stattfinden. Wenn man als Religiot seinen Laden am Laufen halten möchte, kann man sich vermutlich keine Pietät leisten und stürzt sich aufdringlich auf Sterbende. Die Kirche attackiert, wenn man verwundbar ist. Kleine Kinder oder Todkranke.
Ich hatte Glück, inzwischen sind alle meine engen Angehörigen abgereist und verbaten sich allesamt religiöse Bekundungen auf der Beerdigung.
Atheisten sind reflektierter, gebildeter und intelligenter als Religiöse. Deswegen überrascht sie die eigene Endlichkeit weniger und sie geraten nicht so leicht in existentielle Verzweiflung.
Im Gegenteil, totale existentielle Not kann Gläubige zu Atheisten machen, wenn sie allzu deutlich sehen, daß da eben kein Gott ist, der ihnen hilft. „Gut“ UND „allmächtig“ schließen sich gegenseitig aus. Gott kann nicht existieren.
(….) Fall A) Ein allmächtiger Gott existiert nicht.
Fall B) Ein allmächtiger Gott existiert. Dann zeigen aber Auschwitz und die weiteren bekannten Genozide, daß er ein Arschloch sein muß und das ist per Definition eben nicht göttlich. Also existiert eben doch kein (lieber) Gott.
Was ich hier wieder einmal skizziere, ist das alte Theodizee-Problem.
Der Begriff wurde durch Gottfried Wilhelm Leibniz, dem letzten Universalgelehrten der Geschichte in seiner Abhandlung „Essai de Théodicée“ (1710) geprägt.
Damit griff er aber einen Jahrtausende alten Gedankengang auf.
Die große Theodizee-Frage („Rechtfertigung
Gottes“) wird immer wieder gestellt - seit Jahrtausenden, seit Epicur.
Sextus Empiricus, der Arzt und Philosoph des 2. Jahrhunderts, formulierte das
Dilemma folgendermaßen:
Entweder will Gott die Übel
beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?
„In letzter Zeit war die Leistungsbilanz Gottes, was die Juden anbelangt nicht
gerade überwältigend." Er könne nicht zugleich allmächtig und gerecht sein
- denn wäre er es, hätte er Ausschwitz nicht zugelassen. Doch offensichtlich
konnte er es nicht verhindern.
Und was ist wenn es einen Gott gibt, der Ausschwitz verhindern wollte, aber
nicht konnte?
Auch dazu hat Bauer eine einfache Antwort: „Ein armer Kerl, der
Unterstützung braucht, der sich seine Stärke von uns holen muß - einen solchen
Gott brauche ich nicht!“
Interessanter als die große Theodizee-Frage an sich finde ich die Tatsache, daß
professionelle Priester, Ordensleute und klerikaler Hochadel nach 2000 Jahren
Kopfzerbrechen immer noch keine Alibi-Antwort gefunden haben. (….)
(Die Christen des Tages – Teil XIII und Teil XIV – 07.01.2010)
Die schlichteren Geister gehen allerdings ohne
grundlegende Erkenntnis über ihre Existenz durchs Leben, sind dann völlig
überrascht, wenn es zu Ende geht und brauchen ein Ventil, um ihre
Begriffsstutzigkeit zu kanalisieren. Hier greift die Kirche ab und saugt ihren
Nektar aus dem Leid der Menschen. Vor wenigen Tagen starb James van der Beek mit 48 Jahren
an Darmkrebs. An ihm hätte die erwähnte Krankenhausseelsorgerin
ihre wahre Freude gehabt. Christliche Medien schlachten den Fall entzückt aus:
[…] Schauspieler James van der Beek gestorben: „Der Liebe Gottes würdig“
Der amerikanische Schauspieler James van der Beek ist am Mittwoch im Alter von 48 Jahren an Darmkrebs gestorben. Und das offenbar im Frieden mit Gott. So heißt es auf seinem Instagram-Profil und dem seiner Frau, er sei friedlich verstorben. Seinen letzten Tagen sei er mit „Mut, Glaube und Würde“ begegnet. […] Durch die Krebsdiagnose veränderte sich Van der Beeks Beziehung zu Gott, sagte er in einem Interview. „Vor dem Krebs war Gott etwas, was ich versuchte, so gut wie möglich in mein Leben einzupassen“, zitiert die Website Premier Christian News den Schauspieler. Nach der Diagnose habe er anders auf die Liebe Gottes geschaut und eine stärkere Verbindung zu ihm gehabt. […] mit der Krebsdiagnose habe er seiner eigenen Sterblichkeit und dem Tod ins Auge gesehen. „All diese Definitionen, die so wesentlich für mich waren, hatten keinen Bestand mehr“, sagt Van der Beek. Durch seine Krankheit sei er nicht mehr in der Lage gewesen sei, sie auszufüllen. Das habe ihn zu der Frage gebracht: Was macht mich aus, wenn ich all das nicht mehr bin? Und er kommt zu dem Schluss: „Ich bin der Liebe Gottes würdig, einfach weil ich existiere.“ Das gelte für jeden Menschen. […]
(christliche Medieninitiative PRO, 12.02.2026)
Die Tragik des Falls van der Beek erklärt Matt Bernstein; obwohl es der Familie finanziell recht gut ging, wurde sie durch das US-Krankheitssystem in den Bankrott getrieben. Van der Beek musste alles verkaufen was er hatte. Der Familie droht das Haus zu verlieren. Nur durch seine Prominenz kam nach seinem Tod eine Gofundme-Kampagne zustanden, die eine Million Dollar generierte, um der hinterbliebenen Ehefrau und den sechs Kindern ihr Obdach zu bewahren.
Die US-Kirchen hingegen sind steinreich und von der Steuer befreit. Die Christen unterstützen mit überwältigender Mehrheit Trump, den Mann, der US-Amerikaner mit Krebs in den finanziellen Ruin treibt.