Dienstag, 17. Dezember 2019

Tammox-Bulletin

Das ist unüblich, aber da doch so viele Menschen mit Genesungswünschen  - für die ich mich sehr herzlich bedanke – an mich schrieben, hier eine kleine halbprivate Aufklärung.

Als mein Bein im Februar 2018 mein rechtes Bein kaputt ging, lag ich mit Schmerzen, die ich außer Donald Trump niemand wünsche am Boden und hatte meine liebe Mühe überhaupt ans Telefon zu kommen.
Dabei hatte ich eigenartigerweise patriotische Hollywoodfilme im Kopf, in denen sich der schwer verletzte Held mit purer Willenskraft zusammenreißt und dennoch weiterkämpft.
In „Black Hawk Down“ gibt es zum Beispiel eine Szene, in der so ein Heldensoldat im Bestreben seine gefangenen Kameraden zu befreien kurzerhand den Gips seines gebrochenen Armes abmeißelt, zum Maschinengewehr greift und losstürmt.
Ich konnte feststellen: Das ist offenbar nur im Kino möglich. In Wahrheit kann man mit gebrochenen Flunken eben gar nichts machen – und wenn man sich noch so sehr anstrengt. Man ist hilflos.
Als endlich der Krankenwagen da war, bog der Sanitäter meinen Fuß um, sagte, das ließe sich einwandfrei bewegen. Dann wäre es am besten jetzt nichts zu machen. „Gehen Sie lieber morgen zu Ihrem Hausarzt!“
Ja, der Fuß ließ sich bewegen, weil nun ausgerechnet das Sprunggelenk nicht gebrochen war.
Wie er sich das wohl vorstellte morgen zum Hausarzt zu fahren, während ich jämmerlich auf dem Boden kauerte und mich keine zehn Zentimeter bewegen konnte?
Schließlich konnte ich die Jungs überzeugen mich widerstrebend in die nächste Notaufnahme mit Orthopädie zu fahren. „Aber glauben Sie ja nicht, daß die Ihnen einfach so Schmerzmittel geben!“
Ich landete in einem fromm-katholischen Krankenhaus, das dem Erzbistum Hamburg gehört. Quasi Erzbischof Heßes persönliche Heilanstalt.
Mit anderen Worten: Das letzte Krankenhaus, in dem ich sein wollte, aber so ist es mit der eigenen Konsequenz: Wenn man in echter Not ist, wirft man alle Vorsätze über den Haufen.
Die Notaufnahme war nicht mal besonders gefüllt, aber offenbar hatte der bizarre Sanitäter seinen Verdacht weitergegeben, daß es sich bei mir um einen Simulanten handele.
Volle sechseinhalb Stunden ließ man mich unmittelbar vorm Schwesternzimmern auf einer Bahre liegen. Im Abstand von einer Stunde wurde ich von einer wahren Furie von Krankenschwester angeherrscht „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, Sie sind doch ein Mann!“
 Nach drei Stunden bekam ich einen kleinen Schluck Ibuprofen-Saft. Selbstverständlich ohne irgendeinen Effekt auszulösen.
Ich pflege in solchen Situationen extrem ruhig und konzentriert zu sein. Das war womöglich ein Fehler. Etwa mehr Hysterie hätte vielleicht eine frühere Behandlung bedeutet. Ich hingegen hatte nur sehr sachlich darauf hingewiesen wirklich extreme Schmerzen zu haben und mich gar nicht bewegen zu können.
Nach sechseinhalb Stunden das Unfassbare – der völlig gelangweilte Stationsarzt, der sicher einhundert mal mit Tunnelblick genau an meiner Liege vorbei geschlendert war, hielt plötzlich an und bot an mich zu untersuchen.
EKG, Blutabnahme, Ultraschall. Meine Laienmeinung, daß doch offenbar Knochen kaputt gegangen sind, das hätte ich schließlich deutlich hören können, als es passierte, wurde konsequent ignoriert.
Erst am Ende vieler Vorwürfe und Ermahnungen an meine Männlichkeit und Körpergröße schob er mich schließlich doch in die Röntgenabteilung.
Ich konnte es nicht fassen – auf einmal kam doch Leben in die Bude. Na das wären ja mal interessante lange Brüche. Wie ich das denn hinbekommen hätte.
Sogar Krankenschwester Furie kam vorbei, rang sich eine kleine Entschuldigung ab und meinte, „zur Versöhnung gebe ich eine Runde Dipi aus!“
Piritramid, ein Opioid, Handelsname Dipidolor also.
Minuten später lag ich auf einem anderen Tisch und wurden von der Fußspitze bis Hüfte eingegipst – damit Sie sich bloß nicht bewegen, bis morgen nach einem CT operiert werden kann.
Ich dachte an Mutter Teresa, die in ihrem sadistischen Wahn, das Leiden bringe ihre todkranken Patienten Jesus nahe, kategorisch alle Schmerzmittel bunkerte, um sie bloß niemand zu geben. Darin war sie sich bekanntlich mit ihrem schmerzgeilen größten Fan Karol Woytila einig, der sogar extra ein „Evangelium des Leidens“ - Salvifici Doloris - verfasst hatte.
Nichts für mich; die sieben, acht Stunden extreme Schmerzen haben mir wirklich gereicht.
Die Operation am nächsten Tag war kompliziert, aber erfolgreich. Die folgenden zehn Tage im Katholenhaus aber extrem unerfreulich.
Durch die Bank weg motzende, eiskalte, humorlose, überarbeitete Pfelger/innen, die mir eigentlich immer nur die Auskunft gaben, daß etwas nicht ginge. „Sowas machen wir nicht, dafür haben wir nicht das Personal, das gibt es hier nicht, das weiß ich nicht!“
Angefangen von den obligatorischen Lästigkeiten, daß ich weder Telefon, noch Internetzugang bekommen konnte, ohne zuvor selbst in der Lobby des Nachbargebäudes dafür eine entsprechende Karte gekauft zu haben.
Sehr witzig, wenn man ans Bett gefesselt ist.
Als mir nach vier, fünf Tagen bewußt wurde, daß ich kaum etwas gegessen hatte und das auch kaum möglich war, weil der Fraß absolut ungenießbar war, nahm ich es als gutes Zeichen: Wenn man sich schon wieder für diese Nebensächlichkeiten interessiert, geht es einem offenbar schon besser.
Und ja, natürlich wurde ich an einem Freitag entlassen ohne irgendein Rezept oder gar Medikamente wie die dringend notwendigen Clexane-Spritzen zur Thrombose-Prophylaxe mitzubekommen. „Dafür ist doch Ihr Hausarzt zuständig.“
Sehr witzig. Wie soll man das erreichen am Freitag, wenn man komplett bettlägerig ist?

Das war der erste Teil der Geschichte.
Mit der einen Zwischenepisode, sechs Wochen später zur Kontrolle in der ambulanten Sprechstunde. Termin 09.00 Uhr. Warten bis 13.00 Uhr. Dann zur Röntgenabteilung humpeln, wieder ewig warten und als schließlich endlich die Bilder da waren, hieß es, mein Arzt sei inzwischen nach Hause gegangen; ich müsste einen neuen Termin machen, um die Bilder ansehen zu lassen.
Das war das letzte Mal, daß ich in dem Krankenhaus war.

Die Materialentfernung – haufenweise Schrauben, Nägel und wer weiß noch was alles in Tibia, Knie und Sprunggelenk sollten nach 18 Monaten wieder entfernt werden.
Ich drückte mich und fahndete nach einer anderen Klinik. Das war erstaunlich schwer. Aber diesmal hatte ich Zeit, konnte mir das Krankenhaus aussuchen und würde sicher nicht wieder bei den Katholiken landen.
Die Erinnerungen an das Frühjahr 2018 stimmten mich nicht gerade froh, aber schließlich landete ich in der Schön-Klinik Hamburg-Eilbek.
Das war ein echter Kulturschock. Natürlich war ich gut vorbereitet, mit genügend Lesestoff und Sudokus versorgt, aber ich hatte keine Chance, weil es nie Wartezeiten gab. Ob bei den Voruntersuchungen, der Röntgenabteilung oder dem Anästhesiegespräch – stets winkte man mich sofort hinein und war ausnehmend freundlich.
Mein Zimmer hatte Fernsehen, einen Tresor, ein eigenes Bad, einen Schreibtisch, einen Sessel und sogar einen kleinen Kühlschrank.
Telefon und Internet waren frei zugänglich.
Dennoch ist so eine OP natürlich nicht gerade das was man gern tut, aber das Personal in der Schön-Klinik war SENSATIONELL: Ein Unterschied wie Tag und Nacht zum erzbischöflichen Kerker.
Herzlich, aufmerksame und zugewandte Pfleger. Jeden Morgen kam ein Pflege-Azubi zu mir und stellte sich als mein persönlicher Ansprechpartner vor „Mein Name ist Karim Ihlhammed und ich bin heute für Sie da!“
Am nächsten Tag war es die Wiedergeburt Nofretetes, ein sagenhaft schöne Frau aus Somalia.
Am letzten Tag brauchte ich gar keinen von denen, lag da nur doof mit Aua im Bett rum. Dann kam Pfleger Ismael ganz zerknirscht und entschuldigte sich wortreich; er habe längst nach mir sehen wollen, aber da war ein anderer Patient, der sehr viel Hilfe brauchte. Das entschuldige aber nicht, daß er nicht öfter zu mir gekommen wäre.. „das entspricht nicht meinem Anspruch!“.
Dabei hatte ich gar nichts. Ich hätte ja klingeln können bei einem Problem.
Zum Abschied bekam ich ein riesiges Goodiebag – mit Medikamenten, Verbandmaterialien und Clexanespritzen für mehrere Tage. „Weil doch das Wochenende vor der Tür steht!

Wie kommen in einer Stadt bei einer so ähnlichen Operation so gewaltige Unterschiede in der Behandlung zustande?
Nun, aus zwei Erlebnissen lässt sich kein empirischer Befund ableiten, aber das kirchliche Arbeitsrecht ist da doch sehr offensichtlich im Spiel.

Krankenhäuser unter kirchlicher Trägerschaft operieren außerhalb des Tarifrechtes.
Die normalen Arbeitnehmerrechte gelten nicht. Der Arbeitgeber darf nach Herzenslust diskriminieren und tut das auch, indem er nur Christen und Heterosexuelle einstellt. Nicht mal geschiedene Angestellte werden unter katholischer Trägerschaft geduldet.
Die Belegschaft wird schlechter bezahlt, darf nicht streiken und sich auch nicht gewerkschaftlich organisieren.
Das Kirchenarbeitsrecht erlaubt es.
Bei der Einstellungspolitik des Erzbischofs gilt „Juden unerwünscht!“
Natürlich auch „Atheisten unerwünscht“, „Muslime unerwünscht“ und „Hindus unerwünscht!“

Ob es bei der allgemeinen Personalnot an diesen kirchlichen Borniertheiten liegt, daß Heßes Kliniken kein zusätzliches Personal finden, oder ob sie aus Geiz gar nicht mehr Personal einstellen wollen, kann ich nicht sagen.
Jedenfalls häufen sich gerade in der Klinik massive Beschwerden. Es kam schon zu Todesfällen, weil Patienten ignoriert und vergessen wurden.

[…] Drama im Hamburger *******krankenhaus: Am Sonnabend ist dort ein Baby im Bauch seiner Mutter gestorben. Die junge Frau lag schon im Kreißsaal, musste ihn aber für eine andere Geburt wieder verlassen. Kurz darauf war der kleine Junge tot. Die Eltern erheben schwere Vorwürfe gegen die Klinik in Hamburg. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen und die Obduktion des Babys beantragt. [….]

[…] Entsetzen, Schock, Mitgefühl: Nach der Totgeburt im ******krankenhaus vor vier Wochen haben sich zahlreiche Eltern bei der MOPO gemeldet, die die Zustände in der Klinik an der Alfredstraße kritisieren und ihre Erfahrungen dort schildern. Darunter auch das Ehepaar Franzen (Name geändert), dessen Kind bei der Geburt im *******krankenhaus ebenfalls starb. […..]

Die privat geführte SCHÖN-Klink hingegen unterläuft nicht das Arbeitsrecht und sie diskriminiert ihre Mitarbeiter nicht.
Dort arbeiten auch Schwule, Lesben, Ungläubige, Andersgläubige, Schwarze, Braune, Blonde.

Ich bin fest davon überzeugt, es lag am Multikulti-Personal, daß ich mich dort so wohlfühlte. So herrscht gleich eine tolerante, aufmerksame und aufgeschlossene Atmosphäre.
Es war offensichtlich wie bemüht gerade die Azubis mit Flüchtlingshintergrund waren. Eine echte Freude für die Patienten so eine Aufmerksamkeit und Herzlichkeit zu erleben.

Der ein oder andere AfD-Wähler mag sich ja in der erzbischöflichen Klink mit lauter weißen Christen, Kommandoton und latentem Sadismus wohler fühlen.
Ich nicht.

Fast war ich ein bißchen traurig, als mich eine freundliche junge Hamburger Deern zum Fahrstuhl brachte, daß ich all die netten jungen Leute nicht mehr wiedersehen würde.
Aber dann doch nur fast. Auch wenn das Krankenhaus noch so nett geführt wird: Dis beste Krankheit taugt nichts.
Lieber gesund und zu Hause!

Aber Augen auf bei der Krankenhauswahl! Wer es sich aussuchen kann, sollte einige Klinken meiden!

Über die Schwelle eines besonders großen Hamburger Klinikbetreibers würde ich nie meine Füße setzen – besser ich erwähne den Namen nicht, um nicht verklagt zu werden.
Aber ich mag das UKE sehr und die beiden privaten Spitäler „Israelitisches Krankenhaus“ und „Schön Klinik Eilbek“ empfehle ich gern.
Aber man meide die Häuser in christlicher Trägerschaft. Dort habe ich nur schlechte Erfahrungen gemacht.
Und wer will schon die ewigen Lattenhansel, Kreuze, Bibelkalender täglichen frommen Losungen über das Klinikradio und die pastorale Ansprache durch den Stationspfaffen ertragen, wie es sie im christlichen Albertinen-Krankenhaus oder der Evangelischen Klinik Alsterdorf gibt?

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