Sonntag, 26. Mai 2019

War viel Wahl.


Hat jetzt etwa wirklich Rezo der SPD den Rest gegeben?
Die Wahlergebnisse sehen in der Tat so aus. Die Groko-Parteien aus dem Bund drastisch abgestraft, Rekordergebnis für die Grünen, bundesweit über 20% und dazu noch in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen mit Abstand stärkste Kraft.

Die Grünen sind meine zweitliebste Partei, sind klar proeuropäisch ausgerichtet – also Gratulation von meiner Seite.

Wie groß der Rezo-Effekt war, vermag ich nicht zu sagen. Möglicherweise wäre es ohne sein Video ähnlich gekommen.
Die Groko war schon vorher historisch unbeliebt, die Top-Figuren im Willy-Brandt-Haus (WBH) katastrophal unfähig. Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht für das ungeschickte Agieren von Nahles und Klingbeil schäme.

Die Grünen profitieren von vielen Effekten.

1.) Sie sind seit 2005 in der Bundestagsopposition und werden nicht mit dem schlechten Image der Regierung in Verbindung gebracht.
2.) Greta Thunberg und eine europaweite Demonstrationsbewegung haben das Thema „Klima“ ganz weit nach vorn auf die Themenagenda geschoben.
3.) Die Grünen werden von der veröffentlichten Meinung auf Händen getragen und stets gelobt, während man der SPD zwar durchaus zubilligt „das Richtige“ zu sagen, aber sofort dazu schreibt, sie haben ohnehin keine Glaubwürdigkeit mehr.
4.) Die beiden Realos Annalena Baerbock und Robert Habeck sind hervorragende Chefs; in jeder Hinsicht der Nahles-Crew meilenweit überlegen. Er ist der Strahlemann nach Außen, der die Massen beeindruckt und kann fordern was er will. 30 Milliarden für ein Grundeinkommen? Hurra, tolle Idee. Heils Pläne nach einer bloß sechs Milliarden teuren „Respektsrente“ werden sofort als unfinanzierbar kritisiert, jetzt, da „die Konjunktur abschmiert“.
Baerbock zieht hingegen im Hintergrund die Fäden und findet rechtzeitig  strenge Sprachregelungen, die ihr erlauben in der SZ rechtspopulistisch „schnellere Abschiebungen für straffällige Flüchtlinge“ zu fordern oder aus Rücksicht auf MP Kretschmann vor der Autoindustrie zu buckeln und jeden Klimaschutzgedanken zu vergessen. Die SPD würde sofort in einen lautstarken Hühnerhaufenmodus verfallen, weil Nahles nicht kommunizieren kann. Ober-Reala Baerbock hingegen kann alles durchsetzen.

Die SPD ist eine Konzeptpartei, die sich seit Generationen viele Gedanken über Europa macht, genaue Vorstellungen davon hat wie man mehr soziale Gerechtigkeit und Arbeitnehmerrechte gestalten müsste.
Das ist aber derzeit irrelevant, da die Sozis unter der Führung Schulz-Nahles medial unter „Generalverschiss“ geraten sind, wie es FDP-Vize Kubicki 2010 über seine Partei schon mal diagnostizierte.
Katharina Barley hat alles richtig gemacht, war fleißig, sympathisch, engagiert und konzeptionell ausgereift. Die Wähler mögen sie auch, aber sie mögen derzeit nicht ihr Kreuz bei der SPD machen, weil sie so out ist.

Der hoffnungslos überforderte Lars Klingbeil zeigte es heute wieder überdeutlich, als er nach der 18 Uhr-Prognose die seit Jahrzehnten ausgelutschten Phrasen von sich gab. Jetzt müsse sich wirklich was ändern, aber bitte keine Personaldiskussionen, es gehe um Inhalte und erst müsse ja auch das Wahlergebnis analysiert werden.

Sagenhaft. Das hören wir schon seit zehn Jahren aus dem WBH. Insbesondere die Generalsekretärin Nahles redete ab 2009 so. Herausgekommen ist nichts. Es ging immer nur weiter bergab.
Immer noch glauben Menschen in der Parteispitze, die Misere der Partei wäre mit neuen Programmen und Sozialstaatskonzeptionen zu überwinden. Man müsse nur genug Papier produzieren, das dann sorgsam von 80 Millionen Deutschen analysiert werde, einen rationalen Denkprozess in Gang setze und schließlich dazu führe wieder mehr Prozente zu bekommen.
Das ist leider Bullshit. Martin Schulz lang zum Anfang seiner Spitzenkandidatur ganz ohne Konzepte mit 33% vor der CDU/CSU, schmierte genauso konzeptlos auf 20% ab. Die außerparlamentarische Opposition FDP legte ohne irgendein inhaltliches Konzept um über 100% zu.
Die AfD ist ohne Parteiprogramm heute in Brandenburg und Sachsen stärkste Partei geworden.
Eine Partei braucht, um gewählt zu werden entweder

1.)
Grundvertrauen (das aber derzeit keine Partei mehr genießt)
oder

2.)
Eine sie tragende mediale Stimmung (zB „gegen Flüchtlinge“, „Fukushima“ oder „skolstrejk för klimatet“)
Oder

3.)
Richtig gute Leute an der Spitze, wie es 1998 Gerhard Schröder war, wie es der extrem beliebte Kretschmann ist, wie es Habeck ist.
So wie man Olaf Scholz in Hamburg vertraute oder gar Helmut Schmidt verehrte.

Leider hat die SPD nicht solche Leute an der Spitze, sondern nur Andrea Nahles, die immer zu laut, zu proletig, zu albern ist.
Die den Ton nicht trifft, für die man sich immer nur schämt.
Das ist durchaus tragisch, weil sie inhaltlich durchaus auch vieles richtig macht, aber sie ist als Person so abstoßend und gleichzeitig vollkommen beratungsresistent, daß sie die Partei immer mehr in den Abgrund reißen wird.


In der Opposition ist es so viel leichter, da kann man alles fordern, gegen alles sein und muss sich nicht um die lästige Realpolitik der Finanzierungszwänge kümmern.

Groko ist so unbeliebt? Dann geht doch endlich raus da!
Nahles ist eine Versagerin als Parteichefin? Dann soll sie doch abtreten!

So reden Irrealos. In der echten Welt folgt man aber nicht nur seinem ersten Impuls, sondern denkt noch über die Folgen nach.

Was passiert, wenn die SPD die Groko verlässt?
Es gibt drei Möglichkeiten:

1.) Merkel einigt sich auf Jamaika, die sechs SPD-Minister Maas, Scholz, Barley, Giffey, Schulze und Heil werden durch drei FDPler und drei Grüne ersetzt.
Dann wäre Oberlobbyisten und Porschefahrer Lindner Vizekanzler und würde gewaltig die Sozialleistungen zusammenstreichen. Also wäre es eine klare Verschlechterung zum Ist-Zustand. Allerdings ist die Variante unwahrscheinlich, da Jamaika schon einmal scheiterte und die 20%-Grünen von heute sicher keine Lust haben mit weniger Macht als die FDP (BTW 10,7%), nämlich ihren mickrigen 8,9% in die Regierung einzutreten.

2.) Neuwahlen. Dafür gibt es aber hohe Hürden. Sie können nicht einfach so vom Bundestag angesetzt werden, sondern setzt eine gescheiterte Vertrauensabstimmung und entsprechendes Handeln des Bundespräsidenten voraus. Warum sollte Merkel so ein blamables Ende ihrer Kanzlerschaft mutwillig herbeiführen und damit auch auf die glanzvolle EU-Ratspräsidentschaft im Jahre 2020 verzichten? Zumal ein schlechteres CDUCSU-Ergebnis als 2017 zu erwarten ist. Warum sollte die SPD das in sicherer Erwartung dramatischer weiterer Sitzverluste mitmachen? Diese Option ist also auch sehr unwahrscheinlich-

3.) Da man Kanzler nur mit einem konstruktiven Misstrauensvotum abwählen kann, es weit und breit keine Mehrheit für einen anderen Kanzler gibt und sich Frau Merkel zudem in einem persönlichen Umfrage-Hoch befindet – sie ist die beliebteste Politikerin Deutschlands, eine übergroße Mehrheit möchte, daß sie bis 2021 im Amt bleibt – wird sie  mit einer Minderheitsregierung Kanzlerin bleiben und sich hauptsächlich von FDP und AfD aushelfen lassen.
Das ist die mit Abstand wahrscheinlichste Variante.
Die sechs SPD-Minister Maas, Scholz, Barley, Giffey, Schulze und Heil werden arbeitslos, die SPD verliert jeden Regierungseinfluss, stattdessen sucht sich Merkel sechs möglichst weit rechts stehende neue Unionsminister à la Spahn, Klöckner, Seehofer, die mit nationalistischer, xenophober, antieuropäischer, homophober und antiökologischer Politik um die Zustimmung der über 90 AfD-Parlamentarier buhlen. Die Rechtsaußen Merz, Ziemiak, Linnemann scharren schon mit den Hufen.

Alle drei Varianten sind aus linker Sicht eine klare Verschlechterung zur Groko.
Die wahrscheinlichste Variante (3) ist die Allerschlechteste.

SPD-Romantiker wie Kevin Kühnert glauben an die Erneuerung der SPD in der Opposition. Das ist erstens Humbug und hat schon 2009 bis 2013 unter Nahles‘ Führung nicht funktioniert. Außerdem geht das nur um den Preis einer rechten Regierung. Das Klientel der SPD, die ärmsten in der Bevölkerung und das Klima  hätten am meisten zu leiden. Es gäbe drastische Rüstungsexportzunahmen, Umverteilung von unten nach oben, sowieso den totalen Durchmarsch von Pharma- und Versicherungslobbyisten auf Kosten der Patienten.

Der Fortschreitende Niedergang der SPD liegt hauptsächlich an Führungsfiguren.
Nahles und Klingbeil müssen durch dynamische, intelligente und sympathische Figuren, die in der Bevölkerung beliebt sind, ausgetauscht werden.
Wer soll das machen?

1.) Kühnert. Liebling der Linken, aber mit sehr wenig Faktenkenntnis gesegnet. Verursachte mit seinen missglückten Enteignungsphantasien, die von 90% der Bevölkerung kategorisch abgelehnt werden mitten im Europawahlkampf einen schweren Schaden für die SPD, weiß keine Alternative zur Groko und ist garantiert unfähig mit Merkel auf Augenhöhe zu verhandeln.

2.) Scholz. Liebling der Seeheimer und mir. Der Vizekanzler ist intellektuell absolut dazu in der Lage die SPD zu führen, hat schon oft die CDU ausmanövriert. Er ist sicher der klügste Kopf für den Job, aber andererseits bei Basis und Wählern hoffnungslos unbeliebt. Wie schon als SPD-General könnte er die Seele der Partei nicht erwärmen und würde nicht zur Verbesserung der Wahlergebnisse führen.

3.) Maas. Einer der beliebtesten deutschen Politikern, der sich seit Beginn von PEGIDA wie kein anderer Sozi dem Rechtsextremismus entgegen stellt und dementsprechend auch Lieblingsfeind der Identitären und AfD ist. Maas ist zweifellos intelligent und kann immer bella figura machen – schon mal zwei große Vorteile gegenüber Nahles.
Aber er hat kein Alpha-Mann-Gen, bringt aus dem Saarland keine Hausmacht mit und hat im Gegensatz zu zum Beispiel Scholz nie Wahlen gewinnen können. Er „zieht“ nicht, ist eher eine Nummer Zwei.

4.) Manuela Schwesig. Sie würde gern, bringt mit den Attributen „Frau, Jung, Osten“ Modernität mit. Aber ihre Regierung in Schwerin läuft nicht rund. Offenbar ist sie eine unangenehme Chefin, vor der gerade erst Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) weglief, sein Amt hinwarf, weil er mit ihr nicht zusammenarbeiten könne. Zudem fungiert Schwesig als Schirmherrin für einen Homöopathie-Kongress und macht sich damit in den Agen aller rationalen SPD-Mitglieder lächerlich.

Alle anderen Namen, die mir einfallen sind noch unwahrscheinlicher.
Kein Wunder, daß sich sogar Sigmar Gabriel und Martin Schulz wieder Hoffnung auf den SPD-Bundesvorsitz machen. Es gibt leider niemand, der sich anbietet.

Damit genug zu meinen armen Sozen. Morgen geht es um Bremen und Europa.

Samstag, 25. Mai 2019

Ausschlachten


Da sich jetzt alle für Rezo begeistern und ich auch in den „herkömmlichen“ Medien nicht an ihm und den inzwischen von 80 anderen prominenten Youtubern unterzeichneten Anti-CDUCSUSPDAFD-Spot vorbei komme, bin ich jetzt noch deprimierter über die heutige Jugend.

Nicht nur Print und Fernsehen stürzen sich nun auf das Thema „Youtuber und Wahlkampf“; in erster Linie versuchen natürlich andere Youtuber mit weniger Abonnenten und geringeren Werbeeinnahmen auf den politisch-unpolitischen Zug aufzuspringen, um ebenfalls Klicks zu generieren.
(Nein, ich verdiene mit diesem Blog kein Geld.)


Das hilflose Agieren der CDU amüsiert auch mich, aber dazu muss man sich die gleichaltrigen Männer Rezo und Philipp Amthor nur drei Sekunden ansehen, um zu verstehen, daß die beiden nicht auf einer Wellenlinie ticken.


Amthor, „der älteste 26-Jährige der Welt“ und der blauhaarige Veganer-Spaßvogel im Hoodie würden sich in der realen Welt genauso wenig begegnen wie Eisbären und Pinguine.


Die Youtuber wurden das erste mal politisch, als es um ihren Geldbeutel ging und sie begannen sich mit dem Artikel 13 der Urheberrechtsreform zu beschäftigen. So lernten sie den ersten Namen eines CDU-Politikers: Axel Voss, der inzwischen Hassfigur und europaweites Gespött der Jugend wurde.

Die CDU grub sich noch tiefer in ihre Grube, als sie, die Partei der Urheberrechtsreform leider ihre Videos von ihrem Youtube-Wahlkampfkanal nehmen musste – wegen Verletzungen des Urheberrechtes.
Kann man sich nicht ausdenken, aber die CDU ist wirklich so peinlich.

Exklusiv: Kramp-Karrenbauer traf "Oligarchen-Neffen", um Rezo aufzukaufen


Paul Ziemiak, der älteste 33-Jährige der Welt versagt in diesem eigenartigen #Neuland also noch mehr als die anderen Altparteien, steht völlig blamiert da.

So ein (finanzielles) Glück für Rezo, der es inzwischen auf über 9 Millionen Klicks bringt.

(Zum Vergleich: Gerade streiten sich einige amerikanische Beauty-Blogger darüber wer für welche Vitaminkaugummis wirbt. Erst zickte die Schminkfrau Tati mit 45 Mio Klicks gegen den 19-Jährigen Beautyboy James, der mit sich dann zerknittert entschuldigte – 55 Mio Views – aber auch gegen den erst gar nicht beteiligten Jeffree Star pestete – 40 Millionen Views – so, daß dieser sich erklärte, er habe damit gar nichts zu tun und werde sich nicht einmischen – 17 Millionen Views. Es ging um Schminke.)

[…..] Immer wieder kommunizieren die CDU und ihr 33-jähriger Generalsekretär zielsicher an der Gedankenwelt der unter Dreißigjährigen vorbei. Das ist freilich nicht nur die Schuld von Ziemiak, der im CDU-Apparat offenbar wenig Beinfreiheit genießt.
[…..]  Beim Frühstück der Minister und Fraktionschefs der Union im Kanzleramt meldete sich CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Da gebe es ja dieses Video, er habe es sich gestern Nacht angeschaut, berichtete Dobrindt laut Teilnehmern. Millionen Zuschauer hätten diese Attacke angesehen. "Da muss man doch was tun!", rief Dobrindt mit Blick auf Ziemiak. […..]
Er halte nichts von einer "Videoschlacht", erklärte Ziemiak am Straßenrand. Aber er habe Rezo zum Gespräch eingeladen. "Ich freue mich sehr, dass junge Menschen sich jetzt auch durch dieses Video so für Politik interessieren", sagte Ziemiak. Die "neuen Medien, beispielsweise YouTube", böten eine tolle Chance auf Gespräche.
[…..] "Arme Greta", spottete [Ziemiak]  Anfang Februar auf Twitter über die schwedische Klimaaktivistin, weil sie den Kohlekompromiss kritisiert hatte. So gefällt Twitter auch den CDU-Konservativen – nur eben nicht der Generation "Fridays for Future". [….]
(Melanie Amann, Vera Deleja-Hotko, DER SPIEGEL, s.37, 24. Mai 2019)

Die blamable Reaktion der Regierungs- und Kanzlerpartei CDU darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Rezo und seine 90 Groß-YouTuber-Unterstützer allesamt ganz schön auf den Kopf gefallen sind.


Sie raten von der SPD ab, die im EU-Parlament intensive gegen die so von den Youtubern gehasste Urheberrechtsreform kämpfte und stören sich andererseits gar nicht an der kleinen Lobbyhure FDP?

Lächerlich.
Wer einen konservativen Kommissionspräsidenten verhindern will, sollte morgen SPD wählen. So kann man Klimapolitik und Rüstungsexportpolitik im Sinne Rezos verändern.
Auf FDP, Grüne und Linke zu setzen, hilft am Tisch des Rates, der über die wichtigsten Personalien entscheidet gar nichts.

Freitag, 24. Mai 2019

Sorry London


Ach ja, die armen Briten. So eine feine und liebenswerte Insel mit so herrlichen Schrulligkeiten und extravaganten Menschen, aber so ein verdammtes Pech mit den Regierungen.

[….] Obwohl David Cameron, 2010 bis zum 13. Juli 2016 Premierminister des Vereinigten Königreichs und von 2005 bis 2016 Parteivorsitzender der Conservative Party, nur fahrig taktierend zwischen EU-Freunden und EU-Skeptikern mäanderte, gewann er bei der nächsten Wahl eine absolute Mehrheit, da sich Labour selbst zerlegte und Cleggs LibDems untergingen.
Cameron gewann 2015 nur 0,8 Prozentpunkte hinzu, kam damit auf gerade mal gut 36%, aber durch das Erstarken der UKIP reichte es beim britischen Mehrheitswahlrecht für 330 Sitze, also fünf über der absoluten Mehrheit.
Endlich war Cameron die Koalition los und konnte pure konservative Politik machen.
Das tat er auch und setzte ganz neue Maßstäbe in der Disziplin „Regierungsversagen“.

[……]   Macchiavelli, Clausewitz und der große chinesische Stratege Sunzi lehrten Techniken des Siegens. Aber auch verlieren kann gelernt werden. David Camerons Referendumsinitiative ist eine hervorragende Blaupause für politische Niederlagen aller Art. Damit ein Projekt nicht bloß scheitert, sondern zudem seinen Urheber beschämt, müssen einige Voraussetzungen zusammenkommen. Die Beachtung von fünf Regeln garantiert den wohlfeilen Untergang.
Erstens. Hilfreich ist es, wenn man den eigenen Standpunkt nur halbherzig vertritt. David Cameron ist nie ein großer Freund der EU gewesen. 2007 hielt er in Tschechien eine Rede, in der er die EU "als die letzte Manifestation einer überkommenen Ideologie" bezeichnete, "einer Philosophie, für die kein Platz mehr in unserer neuen Welt der Freiheit ist". [……] Zweitens. Die Abwesenheit von festen Überzeugungen ermöglicht effiziente Resultate: Ohne Skrupel kann man sich von der politischen Konkurrenz in die von dieser gewünschte Richtung treiben lassen, was die eigene politische Linie mit aufregenden Hakenschlägen verziert, sodass niemand mehr weiß, wofür genau man steht. [……]
Drittens. Wichtig ist es, das eigene politische Schicksal mit einer Frage zu verbinden, die die Wähler nur peripher interessiert, sodass sie allen Groll, den sie aus anderen Gründen hegen, bei dieser Gelegenheit abreagieren können. [……]
Viertens. Unabdingbar ist es, sich so festzulegen, dass man eine dumme Entscheidung nicht mehr rückgängig machen kann. Aus wahl- und parteitaktischen Gründen hatte Cameron ein Referendum bis Ende 2017 versprochen. Nicht einmal das hat er abgewartet und die Volksabstimmung voreilig für den Juni 2016 anberaumt. Er war voll der eingebildeten Siegesgewissheit, mit der andere auf Pferde setzen. [……]
Fünftens. Um den eigenen Untergang zu besiegeln, sollte man beim Publikum Erwartungen wecken, die nicht erfüllbar sind. Cameron begann den Kampf um Großbritanniens Zugehörigkeit zur EU mit der Ankündigung, er werde das Gebot der Freizügigkeit für das Vereinigte Königreich kippen. Er hätte es besser wissen müssen. Dass Arbeitnehmer von einem EU-Land in ein anderes wechseln können, gehört zum Selbstverständnis der EU. [….]

Cameron mußte natürlich nach dem Brexit-Votum zurücktreten; er hatte schließlich dieses komplette Desaster ganz allein und völlig ohne Not angezettelt. [….]

Nach drei Jahren warf heute, endlich, auch Premierministerin May hin. Weinte gar.
Ich wäre ein schlechter Richter, weil ich viel zu viel Mitleid empfinde.
Mir tat sogar Saddam Hussein leid, als er bärtig und halbverhungert aus seinem Erdloch gezerrt und später zu Tode gefoltert wurde. Oder Gaddafi, der von seinen Häschern gepfählt wurde, bis es ihm den Darm zerriss.
Natürlich will ich nicht sagen, daß einer der beiden Ex-Diktatoren ein netter Mensch war. Beide haben noch Schlimmeres veranlasst, als das was ihnen final widerfuhr.
Ich mag mich dennoch nicht an Leid und Folter alter Leute erfreuen.
Die weinende May, die ihren Lebensinhalt – den Vorsitz der Tories – aufgibt und gerade noch trotzig rausbrachte, sie liebe das Land, erlitt heute auch die maximale Folterstrafe.
Sie wird in die Geschichte eingehen als größte Versagerin aller britischen Regierungschefs, die in drei Jahren nicht einen einzigen politischen Erfolg vorzuweisen hatte, ihre stolze Nation zum internationalen Gespött machte, ihre heißgeliebte Partei, für die sie einst mit absoluter Mehrheit Premierministerin wurde bei den gestrigen Europawahlen in die Einstelligkeit führte und als Krönung auch noch auf der menschlichen Ebene jedes einzelne Stück Porzellan zerschlug.
In ihrer eigenen Partei schlägt ihr blanker Hass entgegen, niemand weint ihr eine Träne nach, jeder ist froh sie loszuwerden und hält diesen Schritt für weit überfällig.
Was für ein bitteres Ende.
Bevor ich gleich anfange mitzuweinen, konzentriere ich meine Gendanken schnell darauf, daß die arme, arme Frau May sich nicht etwa aufrichtig gegen ein von außen kommendes Unheil wehrte, sondern diese totale Misere auf allen Ebenen selbst verursacht hat. Es waren Mays Unfähigkeit, Starrsinnigkeit, Unfreundlichkeit und Borniertheit, die ihr Land/Partei/Karriere in die Jauchegrube setzten.

Mai 2019

Es gibt nur einen Gewinner in dieser Geschichte. Das ist David Cameron, der nun George W. Bush überholte und das Unfassbare schaffte: In sechs Jahren hatte er sein Land, immerhin die fünftgrößte Industrienation der Erde, an den Rande des Abgrund geschoben und ging als schlechtester Regierungschef aller Zeiten in die Geschichte ein. Während GWB nur acht Jahre brauchte bis sich ein noch Schlechterer fand, der in kurzer Zeit #43 in rosigem Licht erscheinen ließ, brauchte Cameron sogar nur drei Jahre, um aus dem Jahrtausendloch heraus zu kommen.
Er war eine absolute Katastrophe, aber verglichen mit May noch Gold.

Immerhin, in dieser Hinsicht gibt es noch Hoffnung für die dead woman walking in der Downing St. 10. In normalen Zeiten müßte sie jetzt mehrere Jahrhunderte im politischen Abklingbecken schwimmen, bis womöglich eine Historikergeneration in ferner Zukunft etwas milder über Frau May schreibt.

Aber alle Tories sind wahnsinnig, die Labourparty vollkommen unfähig und die Hälfte der englischen Bevölkerung ist ohnehin unzurechnungsfähig.
So kommt es, daß der derzeitige Favorit als May-Nachfolger Trumps Klon Boris Johnson ist. Der Mann, der sich als Außenminister weltweit sagenhaft blamierte, log wie gedruckt und nichts als Bosheit in sich trägt.
Er ist der Brexit-Hardliner und somit auf der fertigen Farage-Insel der Fanatiker der kommende Mann.

In der 16.00 Uhr-Tagesschau fragte Moderator Boetzkes die Londoner Korrespondentin Anette Dittert, für welche Politik Boris Johnson stehe.
Antwort: [….] Für gar keine! Bei Boris Johnson geht es eigentlich immer und hauptsächlich und nur um ihn selber [….] muss ich auf britische Trump-Verhältnisse einstellen, auf Ego-Politik eines Narzissten. [….]


Nein, das ist kein Witz. Gut möglich, daß es nun noch viel schlimmer wird.
Gelegentlich glaubt man, es könne gar nicht schlimmer werden, aber dazu muss man nur mal zum Kollegen Trump in Washington gucken, der just die amerikanischen Geheimdienste auf Staatsanwälte hetzte, die es wagen gegen ihn zu ermitteln und wie ein kleines beleidigtes Gör zeternd und pöbelnd jegliche Zusammenarbeit mit der Kongressmehrheit verweigerte.

[…..] Johnson gehört zu jener Gruppe bei den Tories, die selbst große Schuld daran tragen, dass es bis heute keinen Brexit gibt. Es sind Hardliner, teilweise rechte Ultrakonservative, die sich lange auf keinerlei Kompromisse einlassen wollten - und damit jede Einigung im Parlament blockierten.
Das Aberwitzige an der britischen Politik ist, dass ausgerechnet solche Leute nun beste Chancen haben, May im Amt zu beerben. Menschen wie Johnson. Und dass der sich selbst für die beste Besetzung in Downing Street hält, daran hat er nie Zweifel gelassen. Auch nicht an diesem Tag. Johnson verkündet den Plan: Brexit liefern - als ob das so einfach wäre. [….]

Donnerstag, 23. Mai 2019

Unter Christen


Man kann sich vieles vorstellen, ohne es emotional wirklich nachvollziehen zu können.
Mir fehlen die speziellen Spiegelneuronen, um wirklich fühlen zu können wie ergriffen und beseelt Tiefgläubige im katholischen Gottesdienst empfinden.
Wenn man sich bewußt macht wie viele regelmäßige Kirchengänger und Pastoren ebenfalls Atheisten sind, kann ich allerdings mit jeder Faser meines Körpers fühlen, wie es ihnen beim Gottesdienst ergeht. Die unfassbare Langweile, der Druck dieses absurde Schauspiel über sich ergehen zu lassen, mit den Zehen wackeln, das Gewicht auf unterschiedliche Arschbacken zu verlagern, um das Stillsitzen zu ertragen, sich gezielt mit gedanklichen Plänen abzulenken.

Zeit vergeht subjektiv so erstaunlich unterschiedlich.
Das erinnert mich immer an finsterste Kapitel der Uni. Da gab es einerseits Professoren, die regelrechte Entertainer waren, die ihre Stoff so spannend präsentierten, daß man gebannt an ihren Lippen hing und immer völlig überrascht war, wenn 45 Minuten schon um waren.
Aber eben auch diese notorischen Zeit-Dehner, die schon nach fünf Minuten so eine geistige Öde in jeden Winkel des Raumes strahlten, daß man entweder mit bleierner Müdigkeit kämpfte, oder aber seine Phantasie Ereignisse durchspielen ließen, die diese Pein endlich abbrechen würden: Feueralarm, Meteoriteneinschlag, Alienangriff, Ausbruch der Zombiapokalypse, Herzinfarkt, Gebäudeeinsturz, sowjetische Atomraketen, von einem schwarzen Loch verschluckt werden, Biss einer Schwarzen Mamba, Endlich aus diesem Alptraum aufwachen, Zünden einer Neutronenbombe, Gasaustritt aus den OC-Laboren – kurzum, alles, das angenehmer wäre als weiter tumb dazusitzen und sich das Vorgetragene weiter anzuhören.

Bei dieser Art Vorlesungstortur war es zu allem Übel auch nicht möglich einfach wegzulaufen, weil es Anwesenheitspflicht gab und gerade diese extrem öden Professoren ein spezielles Sinnesorgan für abwesende Studenten haben. Man würde das garantiert in der Prüfung hören: „Ich habe sie übrigens vor sieben Wochen, am Dienstag um 16.15 Uhr in meiner Vorlesung rausgehen sehen…“

So muss es auch Ungläubigen im Gottesdienst ergehen, die nicht weglaufen können, weil sie damit sozialer Ächtung ausgesetzt wären oder gar ihren Job verlören. Oder um es weniger brutal auszudrücken, vielleicht will man auch nur die tiefgläubige neben einem sitzende Großmutter nicht enttäuschen.

Gibt es hingegen keinen (moralischen) Zwang, sind katholische Hochämter, päpstliche Zeremonien oder Vorträge von Spinnern aller Art besser zu ertragen, weil dann wenigstens die Flucht in den Zynismus bleibt.

Weihnachten oder Ostern im Fernsehen etwas katholisches Gottesdienstbrimborium zu gucken, kann sogar ganz lustig sein, wenn man all die homophoben aufgebrezelten Transen in ihren bunten Kleidern und brennenden Handtäschchen umherwackeln sieht.
Das ist grundsätzlich viel lustiger als die spartanische evangelische Version, bei der andauernd irgendwelche Laien Gitarre spielen, singen und irgendwelche Kindergedichte vorlesen.
Das ist natürlich immer öde, weil da keine Show für das Auge geboten wird und man kann sich auch nicht gehässig vorstellen, wie all die Pfaffen in ihren CSD-Kostümen den Messdienern hinterherschmachten.
Das darf man nicht vergessen – gläubig oder nicht – diese festen wöchentlichen Rituale im strengen Gemeindeverband sind für Kontrollfreaks, Geschäftemacher und sexuell Perverse auch immer eine großartige Gelegenheit Kontakte zu knüpfen und Druck zu entfalten.
Da nutzen Katholiban, die später vielleicht australischer Kardinal oder Augsburger Bischof werden könnten, gleich mal ihren Penis den Messdienern in die eine oder andere Körperöffnung zu stecken.
Ihre Unschuld haben die Men-only-Pfaffen schon lange verloren. Inzwischen ist es nicht nur keine Überraschung mehr, wenn wieder ein katholischer Pfarrer dabei ertappt wird Messdiener sexuell zu missbrauchen, sondern Gegenstand der allermeisten Klerikerwitze.
Nicht nur, weil die moralische Fallhöhe so groß ist, sondern weil die Pointe so gut funktioniert, wenn jeder im Publikum „Pädophilie“ und „Kinderquälen“ mit katholischen Geistlichen assoziiert.
Und warum auch nicht?
Sobald der Gedanke auftaucht, man wäre vielleicht etwas ungerecht gegenüber rechtschaffenden Pfarrern, stolpert man über eine Meldung, die das Ausmaß des weltweiten katholischen sexuellen Missbrauchs noch weiter vergrößert.

Das betrifft übrigens auch die amerikanischen christlichen Pfadfinder, die tausende ihrer minderjährigen Boyscouts vergewaltigt haben.

[….] Wir lesen täglich die Berichte über die Hunderttausenden Kinder, die in den Strukturen der katholischen Kirche von Geistlichen geprügelt, gefoltert und in jeder Hinsicht missbraucht wurden.

Konservative Geisteshaltung, Ausschluss von Frauen, Ächtung von Homosexualität und Religiosität führen aber auch außerhalb der RKK zu massenhaften Kindesmissbrauch.

Zum Beispiel amerikanische Pfadfinder. Die Boy Scouts, bei denen Millionen Christen im Alter zwischen 7 und 17 von ausschließlich männlichen Betreuern streng hierarchisch bespaßt werden, sind der ideale Nährboden für das Kinderficken.
8.000 Boy-Scout-Betreuer haben mindestens 12.000 kleine Jungs missbraucht.

 
[…..] The Boy Scouts of America believed more than 7,800 of its former leaders were involved in sexually abusing children over the course of 72 years, according to newly exposed court testimony -- about 2,800 more leaders than previously known publicly.
The Boy Scouts identified more than 12,000 alleged victims in that time period, from 1944 through 2016, according to the testimony, which was publicized Tuesday by attorney Jeff Anderson, who specializes in representing sexual abuse victims.
The numbers, Anderson said, come from what the BSA calls its volunteer screening database -- a list of volunteers and others that the Boy Scouts removed and banned from its organization over accusations of policy violations, including allegations of sexual abuse. [….]

Es ist genau wie in der katholischen Kirche.
Die Opfer waren irrelevant, die christliche Organisation funktionierte über viele Jahrzehnte nur als Beschützerin der Pädophilen.

 
In dem Wahn alles zu verbieten, das queer/weiblich/schwul/extravagant ist, schafft man einen Sumpf, zu dem sich Pädosexuelle hingezogen fühlen.
Die Kirche und Boy Scouts schaffen die Strukturen für Kindesmissbrauch und betreiben einen sagenhaften Aufwand, um die Täter zu schützen. […..]

Wie geht man im Jahr 2019 unter Beobachtung der sozialen Medien mit so einem gewaltigen Kindersexskandal um?
Nun, wie immer:
Vertuschen, abstreiten, abblocken, Opfer unter Druck setzen, lügen.
In Wahrheit ist alles viel schlimmer,

 […..]  Die Boy Scouts of America (BSA) gibt es seit 109 Jahren, sie richten sich vor allem an Jungen und junge Männer. Mehr als 110 Millionen Amerikaner hatten in ihrem Leben irgendwann mit dieser Vereinigung zu tun. […..]   Seit Jahren ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche dort sexuell missbraucht worden sind. Nach einer Untersuchung von Listen, die die Boy Scouts intern führten, deutet sich nun an, dass alles noch viel schlimmer sein könnte als bislang befürchtet.
Die Los Angeles Times hatte vor sieben Jahren enthüllt, dass es bei den BSA eine Art schwarze Liste mit den Namen von Erwachsenen gibt, denen während ihrer Zeit als Angestellte, freiwillige Helfer oder auch schon als Bewerber sexuelle Gewalt vorgeworfen wurde und die deshalb keinen Kontakt zu Kindern haben sollten. Von 1900 Fällen war damals die Rede. Nun offenbart eine ausführlichere Untersuchung der sogenannten "Perversion Files" das wahre Ausmaß: Es soll im Zeitraum von 1944 bis 2016 insgesamt 7819 Verdächtige und 12 254 Opfer gegeben haben.
Wohlgemerkt: Das sind nur die Fälle, die in den internen Daten der BSA auftauchen. Der Anwalt Paul Mones, der vor einigen Jahren für seine Mandanten im US-Bundesstaat Oregon ein Schmerzensgeld von 20 Millionen Dollar von BSA erstritten hat, schätzt, dass weniger als ein Viertel der mehr als 400 Klagen seit den Enthüllungen im Jahr 2012 mit Tätern zu tun hatten, die in der Datenbank vermerkt sind - was laut Mones zum einen daran liegt, dass die BSA einige Listen gelöscht hätten, zum anderen daran, dass viele Fälle gar nicht gemeldet worden seien.
[…..]   Die Enthüllungen der Los Angeles Times im Jahr 2012 zeigten jedoch, dass die BSA in Hunderten Fällen versucht hatten, einen größeren Skandal mit nicht gerade integren Mitteln zu vermeiden: Die Organisation hatte Übergriffe nicht der Polizei gemeldet, sie hatte mutmaßliche Täter nicht angezeigt, sondern lediglich zum Rücktritt gedrängt und die Spuren sexuellen Missbrauchs verwischt. […..]