Sonntag, 29. Mai 2016

Empörungsmaschinerie



Heribert Prantl besuchte für zwei Tage Sebastian Edathy im Exil und schilderte eindrücklich wie vollständig dessen Leben in finanzieller, politischer, beruflicher und psychologischer Hinsicht zerstört ist.
Daß der Mann nicht vorbestraft ist, eben gerade kein strafrechtlich relevantes Material ansah, spielt keine Rolle.
Bilder nackter Jungs anzusehen führt zu gesellschaftlich maximaler Ächtung.
„Der Pädophile“ wird ewig an Edathy kleben, obwohl der Begriff in seinem Fall ganz falsch ist.

Pädophilie ist aber das sexuelle Interesse an vorpubertären Kindern - unabhängig vom Geschlecht. Es gibt homo-, hetero- und bisexuelle Pädophile; letztere sind aber deutlich seltener als die ersten beiden.
Bezieht sich der Sexualtrieb auf vorpubertäre Jungs spricht man von Androphilie; sind Mädchen vor der Geschlechtsreife Objekt der Begierde, handelt es sich um Gynäkophilie.

Tatsächlich sind übergriffige Sexpastoren aber meistens ephebophil - also sexuell an männlichen Pubertierenden und Heranwachsenden interessiert.
Seltener kommt bei Priestern Parthenophilie vor, also sexuelles Interesse an weiblichen Jugendlichen.

Der Begriff pädophil wird sehr häufig falsch verwendet und ist zudem den Opfern gegenüber beleidigend, da das Wort „Philos“, also Liebe, den falschen Eindruck einer positiven, gegenseitigen Angelegenheit erweckt.
Der angebrachtere Oberbegriff lautet also „Pädosexualität“.

Pädosexualität ist in der Regel nicht der ausschließliche Aspekt der Sexualität eines Mannes. In mehreren phallometrischen Studien konnte nachgewiesen werden, dass ein hoher Prozentsatz erwachsener Männer durch präpubertäre Stimuli sexuell erregt wurde. So kam Wolfgang Berner in entsprechenden Studien auf einen Anteil von 25 %.
Im Unterschied zu Pädophilen jedoch interessieren sie sich sexuell in erster Linie für Erwachsene. Ebenso sind Pädophile teils auch durch Erwachsene stimulierbar, interessieren sich aber in erster Linie für Kinder.
(Wolfgang Berner: Pedophilic Sexual Orientation: A Fuzzy Expression. Archivies of Sexual Behavior, 31)

Männliche Homosexualität ist also etwas ganz anderes als Androphilie (vulgo: Pädophilie) und auch etwas anderes als Ephebophilie - allerdings schließen sich diese Veranlagungen nicht gegenseitig aus.

Das gilt genau entsprechend bei Heterosexualität, die etwas anderes als Gynäkophilie und etwas anderes als Parthenophilie ist. Einige Heterosexuelle haben aber zusätzlich auch gynäkophile und/oder parenthophile Neigungen.  (……………………….)

Ein bißchen wundere ich mich schon, wie extrem im Fall Edathy der Hass auch noch über zwei Jahre später ausgekübelt wird.
Klar wird er Gegenstand von Witzen bei Jan Böhmermann; das ist für einen bekannten Politiker das klassische Berufsrisiko, aber das Ausmaß des Nachtretens verwundert.

Solange er aber zu einer ehrlichen Aufarbeitung der Affäre nicht bereit ist, fällt es schwer, Mitleid zu haben.

Das ist eine sehr persönliche, gefühlige Sichtweise des Spiegel-Autors, die aber mit Fakten nichts zu tun hat.
Mitleid ist auch ein „Gefühl“, das also von einem anderen gewährt wird und nicht an Bedingungen geknüpft ist. Mitleid „verdient“ man sich nicht, es ist eine unabhängig von dem zu Bemitleideten empfundene Regung.

Mitleid oder Mitleidlosigkeit ist eine Angelegenheit des Betrachters. Als vor 100 Jahren die Hamburger zur „Völkerschau“ in den Hamburger Tierpark gingen, um sich eingepferchte Menschen aus Afrika anzusehen empfanden sie kein Mitleid für aus heutiger Sicht bemitleidenswerte Menschen.
Noch heute empfindet die große Mehrheit der Deutschen offensichtlich kein Mitleid mit den 20.000 jeden Tag verhungernden Kindern auf der Welt, oder den 60 Millionen geschredderten Küken, oder den Obdachlosen auf der Straße.
Einige wenige empfinden hingegen so starkes Mitleid, daß sie ihr Verhalten radikal ändern.

Um es klar zu sagen: Mir tut Edathy leid, so wie mir auch Saddam im Erdloch leid tat, als er dann bei der Hinrichtung gefoltert wurde, obwohl er es „nicht verdient“ hatte.
 Ich kann aber an meinen Empfindungen nichts ändern. Menschen/Tiere in schlimmen Situationen tun mir Leid.
Andere empfinden für anderes Mitleid. Völlig OK.

Auch wenn man mich dafür hassen und der gefährlichen Relativierung schelten wird, so kann ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, daß andere bekannte Menschen sehr viel Schlimmeres als Edathy taten.
Die Causa Ratzinger halte ich für erheblich dramatischer.
Hier ging es nicht um das Betrachten von Bildern, die mutmaßlich „nur“ Nacktheit und keine sexuellen Handlungen zeigten, sondern es ging um hundertfachen oder tausendfachen sexuellen Missbrauch seiner Priester.
Ratzinger sorgte als Glaubenspräfekt aktiv dafür, daß Menschen, die Jungs gequält, geprügelt, vergewaltigt, penetriert hatten, nicht polizeilich verfolgt wurden, sondern weiter machen konnten, daß ihnen sogar von der Kirchenleitung aktiv neue Opfer zugeführt wurden.
Warum sitzen Ratzinger und sein cholerisch prügelnder Bruder nicht verarmt und anonym in einer schäbigen arabischen Exilwohnung und bedauern ihr Schicksal?

Ratzinger machte einen gewissen Bischof Müller, der selbst dafür sorgte, daß ein Sexualstraftäter erneut Jungs vergewaltigen konnte und darüber hinaus auch noch die Opferfamilie bedrohte, demonstrativ zum neuen Präfekten der Glaubenskongregation.
Müller, inzwischen von Franzl zum Kardinal erhoben, ist nun derjenige, der dafür sorgt, daß Ratzis Bruder für seine Jahrzehnte andauernden gewalttätigen Übergriffe und seine mutmaßliche Mitwisserschaft an sexuellen Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen, straflos bleibt.

Nein, natürlich macht das Edathy nicht sympathischer, aber wieso konzentriert sich das journalistische Hassfeuer nach wie vor so auf ihn, während allgemein wohlwollend über den Katholikentag in Leipzig geschrieben wird?
Bundespräsidenten geben sich dort die Klinke in die Hand und niemand fühlt sich bemüßigt die Verbrechen der RKK-Führung überhaupt zu erwähnen.

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